Aggregat 01

Ideale Welten.

Eine Annäherung.
 

 

 

 

 

 

 

 

Es mag philosophische Fragen geben, die wertvoller sind als die drängendste Grundfrage des menschlichen Geistes: Die Frage nach dem Sinn respektive dem Grund seines Daseins. Dennoch möchte ich mit letzterer beginnen.

 Ist der Mensch ein Gestalter? Oder nur Gestalt? Empfindet er sich nur als Gestalter, ist aber in Wahrheit nur ein Konstrukt? Besitzt er einen freien Willen? Könnte er etwas in seinem Leben ändern? Ist er schuldfähig – oder ist jedwede Schuld illusionär?

 

Die Frage nach dem freien Willen ist verknüpfbar mit folgender Überlegung:

Wenn ein Mensch über freien Willen verfügt, kann er die Wirklichkeit, in der er sich aufhält (= die Welt), nach seinem Wunsch beeinflussen. Was für die Welt (= das Weltganze) bedeutet: Teile darin können unvorhersehbare – und somit irrational erscheinende – Entscheidungen treffen.

Denn: Würde anhand der Rahmenbedingungen von außen vorhersagbar sein, welche Entscheidung dieser Mensch treffen wird – könnte man nicht mehr von einem freien Willensakt sprechen; es wäre die Illusion eines freien Willens.

Wenn es einen menschlichen freien Willen gäbe, zöge dies zwingend folgenden Schluss nach sich: Es gibt auch den Zufall. Dieser entscheidungsfreie Mensch zeigt ein nicht vorhersag-bares, bestenfalls statistisch grob abschätzbares Verhalten.

 

Ergo:

Ein freier Wille ist nur dann möglich, wenn es einen Zufall gibt.

 

(Nebenbemerkung:

Aber selbst wenn es den Zufall gibt – bleibt fraglich, ob dieses Individuum tatsächlich im Zufallsfall eine Willensentscheidung trifft; oder ob hier nicht nur ein Zufallsprozess im Gang ist; ob das Individuum nicht erneut der Illusion eines eigenen Entscheidens erliegt; einer Ich-bin-Gestalter-Illusion; ob sich, kurzum, nicht nur der Zufall selbst in den Individuen inkarniert und, spieltheoretisch betrachtet, mit diesen Einzelwesen seine permutativen Zufallsspiele spielt.)

 

 

 

Gibt es Zufall?

Ich möchte Antwortmöglichkeiten diskutieren:

 

1. Es gibt Zufall.

2. Es gibt keinen Zufall.

3. Es gibt nur mikroskopischen Zufall.

4. Es gibt manchmal Zufall und manchmal nicht.

 

 

 

1. Es gibt Zufall.

Sobald der Zufall Gesetzen unterläge, wäre er kein Zufall mehr. Das besagt, dass in dieser Welt des Zufalls ALLES geschehen können muss. Es wäre in dieser Welt auch denkbar, dass justamente jetzt, während Sie diesen Satz lesen, das Universum sich in Nichts auflöst; vielleicht ist es nie dagewesen.

Oder Sie verschwinden. Oder jemand anders nimmt ihre   
Position ein. Usw..

In einer Welt des Zufalls können Wunder geschehen. Wie häufig würden diese Wunder geschehen? Potentiell ständig – vielleicht wäre in dieser Welt das Wunder überhaupt das alles verbindende und alles durchsetzende Prinzip. Jede scheinbare Form von Gesetzmäßigkeit wäre nur eine Täuschung. Denn sobald sich der Zufall messen ließe, oder statistisch begrenzbar wäre, könnte man nicht mehr von einem reinen Zufall sprechen. Ihm wäre ein Aktionsradius gesetzt.

Es handelte sich in diesem Fall um einen eingeschränkten, inselhaften Zufall.

 

 

2. Es gibt keinen Zufall.

Das ist die deterministische Welt von Laplace (der Laplacesche Dämon). Oder die Welt von Albert Einstein: Gott würfelt nicht.

In dieser Welt geschieht nichts ohne Grund. Zufällig aussehende Ereignisse wirken nur deshalb zufällig, weil nicht ausreichend Informationen über das Ereignis vorliegen. Würde man über genügend Informationen und Rechenzeit verfügen, könnte man alle Abläufe präzise vorhersagen. Das Universum in einer Welt ohne Zufall ist bereits jetzt fertig. Es gibt genau genommen keine Zeitdimension in diesem Universum, hier herrscht Raumzeit, und diese Raumzeit ist bereits abgeschlossen. Was Sie hier lesen, müssen Sie lesen, Sie haben keine Wahl. Sie sind genaugenommen ein Sklave.

 

 

3. Es gibt nur mikroskopischen Zufall.

Es wäre denkbar, dass auf Quantenebene ein ideal würfelnder Zufall wirkt, während im Makrokosmos, den auch der denkende Mensch bewohnt, dieser Zufall keine Rolle spielt. Der Mensch an sich wäre dann ein definitiv festgelegter Automat – während die Quantenwelt unvorhersehbare und unberechenbare Phänomene zeigt.

 

 

 

Alle drei Modelle wirken auf den neuzeitlichen Menschen gleichermaßen befremdlich, sofern er sich der agnostizistisch-wissenschaftlichen Weltanschauung zugeneigt fühlt.

Ihm missbehagt jedes Gott lenkt, er ist es gewohnt, sich als Herr seines eigenen Schicksals verstehen zu dürfen. Wäre er dies aber tatsächlich, dann nur, wenn die Welt (siehe 1. Es gibt 
Zufall.) eine Welt der Esoterik und Wunder wäre – und solch eine Welt wiederum bereitet vielen wissenschaftlich denkenden Agnostikern größtes Unbehagen.

Sie wünschen sich: Freien Willen und somit eine Zufälligkeit, die
aber nicht gleichbedeutend ist mit Willkür, vulgo: Gesetzlosigkeit.

Genauer besehen erscheint dieser Versuch abenteuerlich, weil Unvereinbares gleichsam zwanghaft in Übereinklang gebracht werden soll.

 

Unter diese Versuche zu rechnen wäre auch die Gezähmte Zufälligkeit:

Während der Mensch die Willensfreiheit hat zu erklären, er gehe rechts um den Baum herum und nicht links, so hat der Mond keine Willensfreiheit betreffs seiner Rotation um die Erde.

Es gäbe demnach Subjekte mit Willensfreiheit und Objekte, die keine Willensfreiheit besitzen.

 

Der Vollständigkeit halber muss erlaubt sein, auch noch eine vierte Variation des Zufälligen
zu imaginieren.

 

 

 

4. Es gibt manchmal Zufall und manchmal nicht.

In diesem Universum können Zufälligkeiten einmal erlaubt sein und dann wieder nicht. Die Regeln, nach denen es den Zufall gibt oder aber nicht gibt, sind beständig im Fluss oder im Wechsel. In dieser Welt könnten sich eventuell auch Naturgesetze verändern.

Ironisch gesprochen, könnte man beispielsweise annehmen, dass an geradzahligen Kalendertagen das Universum Zufälligkeiten erlaubt, an ungeradzahligen Tagen keine Zufälle gestattet sind.

Die Skurrilität dieses Beispiels ist Ausdruck der Alogik dieser Interpretation der Welt. An dieser Stelle angelangt mag es hilfreich sein, die Pole Absoluter Zufall – Absolute Determination auf ihre Vereinbarkeit zu überprüfen:

 

 

 

Ideale Welt 1: Absoluter Zufall.

Was kann man unter einer absoluten Zufälligkeit verstehen? Wie wäre solch eine Welt strukturiert? Herrschte in ihr totale Willkür? Chaos pur? In der griechischen Mythologie wird der Beginn der Welt beschrieben als Urzeugung aus dem totalen Chaos – in dem sich anschließend erste Ordnungen ausprägten. In der absolut zufälligen Welt muss alles möglich sein, Natur-gesetze müssen veränderbar sein.

Inwieweit hier aber Potential/Möglichkeit der Veränderung und Notwendigkeit/Realität der Veränderung ausgeprägt sind, verlangt kaum fassbare Vorstellungskräfte.

In der Physik spricht man mitunter von weißem Rauschen – ein Mensch ist (physisch betrachtet) allerdings schwerlich mit weißem Rauschen gleichzusetzen, seine konkrete Struktur widerspricht einem absoluten Zufall: Weil der Mensch durch seine Komplexität als auch durch seine funktionalen Fähigkeiten aleatorisch extrem unwahrscheinlich ist.

Wiewohl auch diese Annahme kritisch zu würdigen ist: In einem absolut zufälligen System müsste auch zufällig eine Menschennatur möglich sein.

In der Welt des absoluten Zufalls könnten Schafe eventuell fliegen (vergleiche Monty Python), aber eventuell auch wieder nicht. Sie können einmal fliegen und ein andermal nicht. Kurzum, es ist alles möglich und irgendetwas realisiert sich, es gibt keinen Grund dafür.

In dieser Welt des Wilden Chaos ist Kalkulation überflüssig, eine Illusion: Schon im nächsten Augenblick könnte alles ganz anders sein. Auch die Naturgesetze können sofort andere sein.

In dieser Zufallswelt mag es möglich sein, dass ein Wesen   
(z. B. ein Mensch) mit purer Willenskraft seine Umwelt verändert; weil in solch einer Welt alles vorstellbar und möglich ist und sich irgendwann auch ereignet. Diesen Individuen kommen somit schöpferische Talente zu. Welche aber, und das ist die Crux, nicht unbedingt=zwingend auf die Person des Individuums zurückgeführt werden muss. Denn dieses Individuum könnte gleichsam ein Spielort bzw. eine Puppe in der Hand jener Macht, die sich in jener Welt Zufall bzw. Absoluter Zufall nennt.

 

 

 

Ideale Welt 2: Absolute Determination.

Vom Urknall (sofern das Universum in einem solchen entstanden ist) an entwickelt sich die Welt vollautomatisch wie ein Mechanismus. Man könnte von einem Uhrwerk sprechen, oder von einem Berechnungsprozess.

Geistbegabte Geschöpfe meinen in dieser Welt über Entscheidungsfreiheit zu verfügen – wobei sie die Freiheit mit dem Fakt der Entscheidung, die sie treffen, verwechseln. Wie Goethe trefflich schrieb: Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.

Alle Geschöpfe und alle Strukturen in dem determinierten Universum sind versklavt unter die Zwänge der Gesetzmäßigkeiten, denen sie nicht entkommen können. Obschon der Begriff Sklaverei menschlich-okzidental mit negativen Konnotationen eingefärbt ist: Diese feste Form der Körper (raumzeitlich betrachtet sind die Körper feste Objekte, auch jeder Mensch ist ein Festkörper, poetischer: eine Art Kristall) kann einem Ideal an Perfektion gleichgesetzt werden. Wo es keine Freiheit gibt, gibt es keine Fehler, Schuld und Sünde sind nurmehr Illusionen.

 

Beide Extreme Welten spannen den Rahmen auf, in dem sich dieses Universum ereignen muss. Eine definitive Entscheidung im Sinne von was-ist-richtig,-was-ist-falsch lässt sich aus Mangel an relevanter Information sowie der Unfähigkeit, das Universum zu verlassen, um es von außen unbefangen zu betrachten, nicht treffen; es bleibt bei Hypothesen.

Es kann bereits als Erfolg gewertet werden, das Universum in dieses Reaktionsspektrum einzugrenzen: Irgendwo zwischen Idealer Welt 1 und Idealer Welt 2 ereignet sich auch das Universum, das wir geist- und sprachbegabte Geschöpfe bewohnen.

Von besonderen Interesse ist hierbei die Frage nach der Freiheit: Sowohl in Welt 1 als auch in Welt 2 lässt sich schwer bezweifeln, dass die individuelle Freiheit als minimal bis gar nicht vorhanden beschrieben werden muss. Was die Schlussfolgerung zulässt, dass auch in den etwaigen Mischwelten zwischen Welt 1 und 2 keine individuelle Freiheit konstatiert werden kann. Denn wie sollte aus der Kombination zweier Unfreiheiten eine Freiheit hervorgehen können?

Weshalb die nächste Frage auf der Hand liegt: Warum rangiert in den westlichen Kulturen der Freiheitsbegriff an Nummer 1, noch weit vor dem Friedensbegriff oder dem der Liebe? Freiheit (grölt Marius Müller-Westernhagen, und mit ihm ganze Konzertsäle freiheitstrunkener Fans) ist das einzige was zählt.

Aber warum ist Freiheit ein so großer Wert, wenn sie offenbar als Illusion betrachtet werden muss? Und an dieser Stelle werden sich die Mentoren des Utilitarismus festbeißen und ihren Spott über die Protégés des Determinismus ausgießen: Warum sollte ein Universum seinen Bewohnern einen solchen Freiheitsbegriff erspürbar machen, wenn er in Wahrheit nur Illusion ist?

Oder, knallhart gesagt: Eine pure Verarsche?

 

Interessanter Nebenaspekt: Dass mit der Freiheit auch die Pflicht, ja die Verantwortung einhergeht. Dass missbrauchte Freiheit auch mit dem Begriff der Schuld gleichgesetzt werden kann: Wer seine Macht ausnutzt (die ihm selbst Freiheiten verschafft), um andere zu unterdrücken, schädigen, etc., und sich selbst Vorteile zu verschaffen, der lädt Schuld auf sich, der wird – oft auch vor dem Gesetz – sanktionierungswürdig.

 

In einer determinierten Welt gäbe es keine Schuldigen: Es gäbe nur Individuen, die sich eines Regelverstoßes zu verantworten haben. Reue etc. spielte in dieser Welt keine Rolle. Man würde Verbrecher folglich in die Schule schicken, nicht in die Isolationshaft …

In einer rein zufallsbasierten Welt wäre Schuld ebenfalls ein überflüssiger Begriff: Jede Tat bzw. Untat wäre demnach zurückführbar auf das launische und damit unkalkulierbare Prinzip des Zufalls.

Jeder Fall wäre damit ein Einzelfall, in der zufälligen Welt wäre es unstatthaft, auch nur eine einzige Generalisierung zu treffen. In dieser Welt kann nichts generalisiert werden, in dieser Welt existieren ausschließlich Einzelfälle. In jedem Augenblick erfindet sich das Universum neu; bricht mit alten Strukturen und kreiert neue, auch undenkbare und absurde.

Womit auch der Schuldbegriff – wie der Freiheitsbegriff – in beiden Extremen Welten als nahezu irrelevant zu bewerten ist.

Diesen Gedanken folgend könnte man sich eine Entwicklung wünschen, analog zu dem Titel des Romans von Dostojewski, der ursprünglich Schuld und Sühne lautete – in der neuesten deutschen Übersetzung meint man ihn korrekter wiedergeben zu können mit dem Titel Verbrechen und Strafe.

Denn in einer Welt ohne Schuld gibt es in der Tat nur noch Verbrechen und Strafe.

 

 

 

 

 

To sum up:

 

Der Urgrund des Daseins eröffnete dieses Aggregat. Warum leben Menschen? Und wofür? Das denkbare Spektrum wird durch die beiden Idealen Welten aufgespannt.

In der determinierten Welt sind die Menschen Roboter oder aber, mit poetischeren Worten, Kristalle. Sie sind fertig und auf ihre Weise immer perfekt. Oder, mit den Worten der ukrainischen Dichterin Marjana Gaponenko: Sie sind eingeschlossen wie Fliegen in Bernstein.

Der Preis dieser Perfektion, die man auch Göttlichkeit nennen könnte (weil die ideale Determination unabänderlich, alternativenlos ist), muss der Determinierte mit seiner Freiheit bezahlen. Er ist ab jetzt nurmehr ein Beobachter seines eigenen Lebens, ja auch seines Ichs. Er sieht sich zu, wie er lebt, er wird zum Zuschauer.

Der Sinn ist somit hermetisch und absolut; göttlich und unveränderlich; und fatal.

 

In der Zufallswelt ist der Mensch gleichsam ein Wunder. Er ist etwas Fantastisches und Flexibles, niemals Festlegbares und stets im Fluss Begriffenes. Durch diese Flexibilität wird sein Leben aber auch immer ungreifbarer, oder, poetisch gesprochen, durchsichtiger und magischer. Hier darf man an Hexen glauben und an die absurdesten Verschwörungen, hier hat Moses das Rote Meer tatsächlich geteilt.

Individuelle Freiheit ist in der Zufallswelt allerdings ebensowenig gewährleistet: In diesem wilden Pool ist Freiheit bestenfalls ein Zufall. Zufällig kann sie gewährleistet sein, zufällig auch nicht.

Mit dem Zufall zu vögeln kann irren Spaß machen, aber man kann auch die schrulligsten Krankheiten davontragen. Alles ist möglich und nichts notwendig. Der Sinn bestünde hier im Staunen, mitunter auch im Genießen. Und dann auch im Aushalten und Erdulden, sobald Gegenwind aufkommt. Ein dergestaltes Leben ist permanent im Progress, immer lückenhaft, unvollständig. Wild, stürmisch, unkalkulierbar und rätselhaft. Der Sinn ist bestenfalls in der Sinnlosigkeit zu lokalisieren.

 

Oder wie bei Douglas Adams:

42.


Aggregat 02

Moral.

Mit Franz Woyzeck.

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

Hauptmann: "Woyzeck, Er ist ein guter Mensch – aber (mit Würde) Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort.“

 

Georg Büchner gelang es trefflich, die Hohlheit seiner Zeitgenossen mit banalen Phrasen und Stammeleien zu illustrieren. Moral, das ist, wenn man moralisch ist: Die Moral besteht darin, dass man sich an der Moral ausrichtet.

Womit sie Selbstzweck wird; purer Mechanismus.

Dennoch ist Moral niemals statisch gewesen. Nichts liegt näher, als von einer Evolution der Moral zu sprechen. Beziehungsweise von Kodizes, nach denen sich die Mitglieder einer Gruppe ausrichten. Moral hat sich, wenn man sie über Jahrhunderte hinweg beobachtet, als ebenso flexibel erwiesen wie etwa die Mode.

Innerhalb der Moral besteht ein enggefassteres Reglement, ein Korsett: Die Gesetze. Sie sind bindend, während sich innerhalb der gängigen Moral enorme Grauzonen befinden, die hier und dort wuchtig aus dem Korsett herausragen. Mitunter spricht man diesbezüglich von Doppelmoral: Innerhalb der herrschenden Moral hat sich ein unmoralischer Geheimkodex etabliert, der nach außen hin vertuscht, verdeckt, verheimlicht wird. Oftmals ging aus eben diesen Geheimkodizes später eine Erneuerungsbewegung hervor, um die moralischen Gesetze der Realität, dem Zeitgeist wieder anzupassen. Eine Gesellschaft, die restriktiv lebt und auf alten, ja überalterten moralischen Gesetzen beharrt, wird, sofern sie beispielsweise vom technologischen Wandel verändert wird, von immer größeren Rissen durchzogen werden, welche schlussendlich in einer moralischen Revolution gipfeln. (Etwa die Revolution der Pille, mit der die Rolle der Frau in der postmodernen Gesellschaft aufgewertet wurde, was Lebensselbstbestimmung und Selbstentfaltung anbelangt.)

 

Aus spieltheoretischer Perspektive betrachtet könnte man hierzu eine kleine Spielanleitung definieren: Die Moral gibt einen Fairplay-Rahmen vor, der nicht en détail ausformuliert ist; in dessen Kern aber die eigentlichen Spielregeln eingefasst sind, die nicht verletzt werden dürfen.

 

Der Büchnersche Hauptmann ist ein Prototyp des Spießers, er begnügt sich mit dem Moralpredigen. Er erinnert an Schopenhauers Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.

Und dieser Schopenhauer-S
atz hat es in sich. Ohne mich seines Kontextes zu versichern, entdecke ich ad hoc eine belangvolle Mehrdeutigkeit darin. Was kann man unter Moral begründen verstehen?

Die Moral, die besteht, begründen?

Oder die Moral an sich begründen?

Man könnte die Frage aufwerfen: Wozu brauchen wir überhaupt Moral? Ist menschliche Gesellschaft auch ohne Moral denkbar?

Aus dem Blickwinkel der Idealen Welten betrachtet ergibt sich folgendes Bild: In der Ideal Zufälligen Welt herrscht ideales Chaos. Moral wäre folglich nur ein Phänomen, das so aussieht wie eine Struktur. Da in dieser Welt jedoch ausschließlich Einzelfälle auftreten können, ist diese Moral ein rein stochastisches Phänomen, das sich anteilig auch aus Gruppendynamiken speisen mag. (Wobei jene Gruppendynamik ein nichtzufälliges Element in sich bergen könnte und daher in diesem Kontext als problematisch gelten muss.)

Aus dem Blickwinkel der Ideal Determinierten Welt betrachtet wäre Moral hingegen eine Struktur. Sie sähe nicht nur so aus, sondern wäre ganz rigide eine solche. In dieser Welt geschieht nichts ohne Grund: Die Moral, die zu einer bestimmten Zeit herrscht, wäre somit das Resultat der Umgebungsdaten eines bestimmten Milieus. Sie unterläge einer Gesetzmäßigkeit, wie sonst nur die Naturgesetze verallgemeinernden Charakter haben. Die Moral trüge somit nicht nur in ihrem Kern Gesetze, sie wäre Gesetz. Allerdings eines, das sich im Laufe der Zeit verändern kann – wie das Wetter.

Wiewohl jenes Wetter als Ganzes betrachtet sich innerhalb seines Rahmens, dem Rahmen des Wettermöglichen, ereignen müsste.

 

Die Frage nach dem moralischen Inhalt, die in Schopenhauers Zitat hineingelegt werden kann, hat ihrerseits einen sehr eigenen Charme. Wenn nämlich die Moral ein bestimmtes Verhalten als erwünscht definiert – und in hundert Jahren exakt das Gegenteil als sinnvoll ausweist (z. B. die Rolle der Frau, die im christlichen Weltbild dem Manne untertan sei, wohingegen das aktuell-atheistische Weltbild von einer Gleichheit der Geschlechter ausgeht), dann wird ersichtlich, wie fragwürdig die Moral an sich zu bewerten ist.

Der Inhalt einer moralischen Regel ist abhängig von anderen moralischen Regeln. Wenn sich – etwa durch Umwälzungen im Weltbild, z. B. vom religiösen zum wissenschaftlichen Weltbild – grundlegende Paradigmen ändern, dann kippen mit ihnen viele moralische Regeln um, mitunter verkehren sie sich ins Orwellsche Gegenteil, so dass Frieden auf einmal wie Krieg wirkt usw..

Es kann zu Kettenreaktionen kommen, zu moralischen Verwerfungen. Die Zeiten dieser Übergänge von einer in die nächste Phase ähneln den Wirren zu Zeiten von Revolutionen.

Die jüngste Revolution in der Menschheitsgeschichte ist die der hypertrophierenden wissenschaftlichen Neuerungen. Durch sie stellen sich jeden Tag neue Fragen an die Moral der Gesellschaft; scheinbarer Nutzen einer neuen Technologie muss mit dem gefürchteten Schaden für die Gruppe abgewogen werden.

Mitunter ändert sich die Moral in Gruppen, die einen Entwicklungsprozess durchlaufen haben. In den Ländern der sogenannt Ersten Welt hat sich zum Beispiel ein agnostisches, kapitalorientiertes Weltbild durchgesetzt, in dem gänzlich andere moralischen Werte hochgehalten werden als in Staaten, in denen die Religion nach wie vor das Leitdogma dominiert.

Wenn, wie in den Tagen der Niederschrift dieses Textes, die Sudanesen von ihrer Regierung verlangen, eine britische Lehrerin hinzurichten, weil diese zugelassen hat, dass die Schüler ihrer Schulklasse einen Teddy auf den Namen Mohammed taufen – wenn diese Lehrerin von der sudanesischen Legislative zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt wird (um einige Tage später wieder begnadigt zu werden) – dann kann man die Unterschiede zwischen diesen Gesellschaften sehr genau herausarbeiten: In der westlichen Welt erregt solch ein Aufruhr nur milde-ironisches Lächeln. Also: Sind die dort unten wirklich so naiv? Bzw.: so bescheuert?

 

Insbesondere die Religion hat die Moral in den vordemokratischen Gesellschaften deutlich bestimmt. Hat Tabus aufgestellt, die um die Heiligkeit Gottes ein Geheimnis machen wollten. Auch die erwähnte Mohammed-Teddy-Episode passt in dieses Schema: Sowohl die Abbildung Gottes sowie dessen Propheten als auch deren Namen gelten als tabu.

Bescheidener Deutungsversuch: Die Gruppe der Gläubigen fühlt sich offenbar in ihrem Fortbestand bedroht, wenn Gott oder Gottes Prophet mit profanen Gegenständen oder Abbildungen in eins gesetzt wird. Wobei eine Crux ignoriert wird: Dass der Gott des Islam an sich verstanden werden kann als naturmystischer All-Gott, das heißt, alles Irdische ist ein Teil von Gott, Teil der Gottesnatur. Weshalb Natur, Mensch, Kultur sowie Gottesabbild ihrerseits seit jeher Teile von Gott und damit auch Abbildungen bzw. Miniaturisierungen von ihm sein müssen. (Um derlei Ausdeutung zu wagen, muss man kein Sufi sein.)

Aber logische Erwägungen bzw. Schlussfolgerungen stellen das Moralsystem oft vor unüberwindbare Hürden, Moral benötigt Einfachheit, ja Eindimensionalität, sie muss massenkompatibel sein. Veränderungen gehen in der Regel stetig, allerdings oft sehr langsam vonstatten. Die Moral ist keineswegs unbelehrbar, sie schmiegt sich an den neuen Zeitgeist an, ihre Flexibilität hat die Menschheit immer wieder in Erstaunen versetzt. Es lässt sich ein Entwicklungsprozess beobachten: Es gibt ein aktuelles Moralsystem, in dem durch die Geistestätigkeit der denkenden Elite neues Wissen geschaffen wird, mit dem dann das be-stehende Moralsystem langsam modifiziert wird. Der Untergang der religiösen Moralvorstellungen in der Ersten Welt korreliert mit dem sich etablierenden, an immer mehr Macht gewinnenden wissenschaftlichen System – das sich nun dem Moralsystem einschreibt und ihm gewissermaßen seine Kodizes aufoktroyiert.

Und hier beginnt sich ein neuer Absolutheitsanspruch herauszubilden, der kritische Stimmen kleinzuhalten versucht. Es hat nur noch Wert, was Wissenschaftler über die Beschaffenheit der Welt, der Materie, der belebten Organismen etc. herausgefunden haben. Wobei selten hinterfragt wird, ob die neueste Erfindung tatsächlich der Zukunft des Menschengeschlechts dienlich ist. Eher macht es den Eindruck, es gehe vorwiegend um Machbarkeiten; sobald eine Technologie realisierbar scheint, wird sie realisiert. Ein Nach-vorne-stolpern also, bei dem der Stolpernde immer schneller rennen muss, um nicht auf die Nase zu fallen.

Es gibt nur wenige Fälle, wo der Kodex der Forschung einen Riegel vorschiebt: Etwa beim Klonen menschlicher Organismen. Wobei die Begründung dieses Klonforschungsverbots im öffentlichen Raum (z. B. dem Feuilleton) primär eine emotionale bleibt: Weil sich das nicht schickt. Weil ein Klon als Zweitmensch erscheint, der sich seiner Identität vom ersten Tag an beraubt fühlen müsste: Er wäre ein Mensch zweiter Klasse. Ein unsinniges Argument, denn jeder Klon hat selbstredend einen eigenen Geist, ist nichts anderes als Zwilling, und wer würde bestreiten, dass Zwillinge selbständig denkende Wesen wären. Die Gefahr bestünde lediglich darin, dass der Zweitklon als lebendes Ersatzteillager missnutzt würde …

 

An dieser Stelle drängt sich noch ein Aspekt in diesen Essai, der im soziokulturellen Teil der Feuilletons oft und gerne moralisch bewertet worden ist: Der Aspekt der genetischen Abstammungslinie. Der Staat organisiert seine Gesellschaft in der strengen Zuordnung der einzelnen Mitglieder im Rahmen der genetischen Abstammungslinie, sucht zu jedem Kind den genetischen Vater, stellt ihn notfalls per Zellprobe auf dem juristischen Weg fest – wie unlängst geschehen im Falle einer Gruppensexorgie mit nachfolgender Schwangerschaft, als aus zehn der Vaterschaft Verdächtigten der Vater mittels Vaterschaftstest ermittelt wurde. Selbiger Vater ist seither unterhaltspflichtig etc.pp.

Im Falle der Gruppensexorgie ist dies schon fast parodistischer Natur: Einer der Zehn hat die berühmte Arschkarte gezogen und darf nun ein Kind sein eigenes nennen, mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten. Was aber wäre nun, wenn zwei Zwillingsbrüder an der Orgie teilgenommen hätten? Man könnte mit heutigen Analysetechnologien nicht (wie in einem vergleichbaren Prozess in den Vereinigten Staaten jüngst geschehen) feststellen, wer der Vater des Kindes ist – weil nach heutigem technischen Stand BEIDE der Vater sind, wenn man den genetischen Indizien nachfolgt; und Letztere werden aktuell zur Rechtsprechung herangezogen.

Hier klafft eine Definitionslücke.

Ein Zwilling, der Onkel geworden ist, ist automatisch auch Vater geworden im genetischen Sinn. Ein Fall, der sich in dieser Weise auf diesem Planeten jeden Tag hundertemal ereignet, nur dass niemand dies juristisch moniert. Denken Sie nur: Bill Gates hätte einen Zwillingsbruder, der ein ärmlicher Schlucker ist, aber eine Frau geschwängert hat – die könnte behaupten, das Kind stamme von Bill Gates!

Der Glaube an die genetische Identität ist ein heikles Thema – und doch wird auch damit das moralische System gefüttert.

Das heißt, Moral und auch Gesetzgebung konzentrieren sich auf vage Beweismittel. Unschärfe ist Teil dieses Systems, ja von zwingender Notwendigkeit.

 

Die gängige Moral wurde zu allen Zeiten von Außenseitern und Anderslebenden in Frage gestellt. Besonders markant war die immoralistische Bewegung Mitte des 19. Jahrhunderts, die mit ihren häretischen Ansichten die Aufklärung von allen Seiten zugleich torpedierte. Dostojewski stellte die wohl straighteste Frage für diese – mitunter auch nihilistisch genannte – Denkhaltung:

 

Aber wenn Gott tot ist – dann ist doch alles erlaubt?

 
Bereits vor Nietzsche vollzog auch Dostojewski die Abkehr von der Religion, öffnete sich und seine Kultur dem agnostisch-wissenschaftlichen Weltbild, drehte der christlichen Lehre eine lange Nase. Ohne Gott waren Schuld und Sühne ein Thema von gestern – ab jetzt wurde über Verbrechen und Strafe verhandelt. Ab jetzt war es ausschließlich der Staat, der die allgemein-verbindlichen Regeln neu definierte oder zuschnitt, nicht länger aber die Bibel oder andere sich auf göttliche Inspiration berufende Schriften.

Ab jetzt war nurmehr das erlaubt, was nicht verboten war – jenes nach staatlich-juristischen Grundsätzen konfigurierte Regelwerk (wie z. B. das Bürgerliche Gesetzbuch) begann die Nachfolge der heiligen Schriften anzutreten.

Die Kirchenmoral wurde Staatsmoral.

Die Immoralisten begannen gegen diese sogenannte Herrenmoral zu kämpfen; sie rebellierten gegen die Autokraten, die Grundsätze aufstellten und Fehlverhalten sanktionierten. Ein Kampf, der noch heute ausgefochten wird: Zwischen den Mächtigen und den völlig Machtlosen (machtlos im Sinne der machtstrategischen Ressourcen; nicht der intellektuellen).

Oder aber:

Zwischen den Besitzenden und den Armen (Rebellen).

Beide Gruppen bilden die eigentlichen Pole der Gesellschaft. In beiden Gruppen sind die Führer meist mit großer Intelligenz und kausaler Stringenz gesegnet. Und beide verfolgen sie ein ähnliches Ziel: Sie wollen ihre erträumten Maßstäbe der Welt überstülpen. Dazu wählen die Opportunisten gerne den Weg des Einschmeichelns und Hochschleimens, was der Volksmund gerne als Arschkriecherei tituliert. Klaus Wowereit spricht ein wenig vornehmer von der Ochsentour, die er habe absolvieren müssen, Joschka Fischer wiederum joggte durch die Institutionen treppauf, treppauf; oben angelangt, empfand auch er sich als Opfer der Realpolitik; freilich ohne das in dieser Klarheit zu kommunizieren. Weil sie keine andere Wahl haben, als auf diesem Weg nach oben dem gängigen Moralsystem in den Arsch zu kriechen – bis sie schließlich in den Entscheidungszentralen angelangt sind und sich herausnehmen können, eigene Akzente zu setzen.

Bzw. herausnehmen könnten. Die Gewohnheit der Hochdienerei hat sie längst dauerdressiert, hat die Regierenden zum Reagieren gedrillt, sie können sich kaum mehr davon lösen (wie es zeitweise Willy Brandt wagte). Eigenes Agieren wird vom Korpsgeist der Hierarchie zurückgedrängt; wer dennoch nicht darauf verzichtet, steckt schnell in der Ecke der Querdenker (Heiner Geißler, Oswald Metzger). Da fällt es Quereinsteigern und Himmelsstürmern (Gründer von Google, Microsoft) leichter, Surrogate der etwaig vorhandenen Dissidentennatur mit auf den Thron zu nehmen. Oder die wenigen politischen Superaufsteiger, die aus dem Nichts an die Spitze gelangten, die ihr unkonventionelles, rebellisches Gebaren immer weitergetrieben haben, bis auf die höchste Spitze, den Gipfel ihres Größenwahns; wie Napoleon, wie Hitler.

 

Die Konträren hingegen entscheiden sich gegen die Hierarchie, sie wählen den Weg der Rebellion. Es kann eine stille Rebellion bleiben, die in der Psychiatrie oder der Straßenbettelei, am Straßenstrich endet, es kann den Rebellen ins Gefängnis bringen oder dafür sorgen, dass er im Drogenmilieu untergeht (wenn er sein Ventil nicht öffnen kann und seine Ansprüche, die er nicht befriedigen kann, von den Drogen dominieren und eliminieren lässt).

In vereinfachender fantastischer Literatur werden diese beiden Seiten gerne mit dem Gut-Böse-Schemata versehen: hier die bösen Mächtigen, dort die guten tapferen, aber armen, im Untergrund lebenden aufrichtigen Recken.

In unserer politischen Gegenwart kann man ein ähnliches Gut-Böse-Schema erkennen: hier die bösen Kapitalisten und Weltbeherrscher und Großkonzernbesitzer (oder gleich die ganze sogenannte Erste Welt), dort die guten Terroristen bzw. die Letzte Welt.

 

Die Mächtigen dieses Planeten bemühen sich, die Weltgesellschaft zu ordnen und zu dominieren, sie versuchen das Moralsystem nur in den Maßen anzupassen, wie es gerade nötig ist; sie sind durch und durch Reaktionäre. Die Ohnmächtigen jedoch, die jene sie quälende rebellische Kraft oder aber den nicht minder quälenden Stolz in sich spüren, um den selbst die Mächtigen sie beneiden (insgeheim, versteht sich), versuchen das gesamte Gefüge des Moralsystems zu zerstören: Sie wollen am liebsten ALLES umstürzen, keinen Stein der alten Ordnung auf dem alten lassen.

Und eine Revolte gegen die Vorstellungen der sogenannten Ersten Welt ist rein statistisch gesehen nur schwerlich als un-gerecht zu bezeichnen:

Die Erste Welt ist eindeutig in der Minderheit.

Nichtsdestotrotz versucht diese versnobt-dekadente Teilgesellschaft, die Restgesellschaft zu dominieren. Versucht für sich selbst sinnvolle moralische Strukturen zu etablieren und übersieht, dass in den rückschrittlicheren bzw. unaufgeklärteren Ländern eine andere Struktur vorherrschen muss.

Muss
, weil hier weniger Luxus gegeben ist, weniger Möglichkeit zu Dekadenz, Selbstentfaltung und Freizeitverhalten etc.pp. existiert. Der Überlebenskampf in der Letzten Welt ist der Kampf ums Dasein, der Überlebenskampf in der Ersten Welt ist der Kampf um eine Zukunft des Menschengeschlechts, weshalb sich hier insbesondere die Fragen um ökologische Belange aufdrängen, die in Gesellschaften, in denen die Einzelnen nur ihr Einzelüberleben im Sinn haben können, nicht etabliert werden können.

 

Seit die menschliche Gesellschaft ihren Moralkodex entwickelt hat (und auch im Tierreich darf man von Moral sprechen; z. B. von Erziehung der jüngeren durch die älteren Tiere), hat sie ebendiesen Kodex auch gleichzeitig immer wieder in Frage gestellt.

Niemals aber hat sie vermocht, die Moral an sich zu eliminieren. Wäre eine Gesellschaft OHNE ein moralisches System überhaupt denkbar? Wie könnte man sich eine immoralische Gesellschaft vorstellen? Oder wäre dieser Immoralismus selbst schon wieder ein moralisches System?

In der Idealen Welt des Zufalls ist Moral selbst nur ein zufälliges Gesetz. Beziehungsweise eine zufällige Struktur, die sich ebenso zufällig modifiziert, und das mit jedem Tag: Sie wandelt sich wie das Wetter.

In der komplett determinierten Welt unterliegt die Moral den Gesetzen der Determination: Niemand hat hier die Möglichkeit, auf den Weltlauf einzuwirken.

 

Die Moral ist somit Naturerscheinung. Wo eine menschliche Gesellschaft existiert, existiert menschliche Moral. Und existiert zugleich die Infragestellung dieser menschlichen Moral. Genaugenommen konstituiert sich diese Moral durch ihre permanente Selbstinfragestellung; und bildet somit ein System mit Autofeedbackschleifen, sich selbst verstärkenden oder wieder abschwächenden Hyperzyklen.

 

Eine auf ersten Blick äußerst attraktive und zudem nächstenliebende Ethik definiert der Utilitarismus. Er rückt das Nützlichkeitsprinzip in den Vordergrund: Handle so, dass das größtmögliche Glück entsteht (Maximum-Happiness-Principle). Was im ersten Moment sexy aussehen mag – aber hier muss man doch fragen, wie man eigentlich das Glück befördert? Oder ist Glück nur ein Zyklus, der sich via Glücks-Unglücks-Kurve vergleichbar einer Sinus-Cosinus-Schwingung letztendlich immer um eine Null-Linie einpegeln muss?

Und dann die Frage: Glück für wen?

Und: Wie das Glück verteilen?

 

Und die nächstfolgende Frage schneidet noch tiefer ins Fleisch: Glück für Menschen oder auch für die Tiere? Glück für den Planeten Erde? Glück für das Universum? Wie lässt sich das bewerten? Das Glück von heute kann anders definiert sein als das Glück im Mittelalter, in der Antike?

An dieser Stelle müsste man einen Exkurs in die Glücksphilosophie unternehmen. Mein persönliches Glück lebt in der Regel vom vorangegangenen Unglück, und mein Unglück profitiert vom vorangegangenen Glück. Die beiden Pole halten sich in mir die Waage: Nach extremen Glück kann es zu extremen Verzweiflungsanfällen kommen, et vice versa.

Wiewohl diese Art Glück schon mit Rausch gleichgesetzt werden könnte. Nun könnte man auch ein weniger hormonell-ekstatisches Glück annehmen: Das Glück beispielsweise, wie es die Buddhisten annehmen. Sie beschreiben es im Konnex des Erleuchtetseins. Dieses Glück ist ruhig und unspektakulär, bescheiden, nicht schwelgend oder überschäumend.

 

Doch zurück zum Ursprung dieser Überlegung: Wie kann es gelingen, die eigene Umgebung glücklich bzw. glücklicher zu gestalten oder mitzugestalten? An welche Maßstäbe müsste ich mich halten? Was wäre die ideale Moral für eine solche Glücksphilosophie?

Die meisten Religionen haben sich vom Glück abgewandt, konzentrieren sich darauf, das in Übermaß vorhandene Leid ihrer Anhänger zu lindern, die Verzweifelten zu trösten. Es geht um Lebenshilfe, um psychische Unterstützung. Hierzu wenden die Religionen immer auch eigene Moralkodizes an: Mit dem Ziel, die Schäflein zu deren Vorteil zu erziehen.

Im Gegensatz zu der staatlichen Gesetzgebung hat das religiöse Moralsystem einen Freiwilligkeitsfaktor integriert: Der Gläubige unterwirft sich oder gibt sich diesem Glaubenssystem aus freien Stücken hin. Er sucht Erziehung oder Anleitung zum größeren Glücklichsein oder zum Vermeidenlernen von Leid.

 

Was nun heißt Glück? Vermeiden von Leid? Buddhistisches In-sich-selbst-ruhen? Heroin- oder Opium-Räusche? Kollektive Harmonie? Gruppensex vor dem Forum Romanum? Weltweiter Choralgesang? Die Realisierung der Menschenrechte? Der Friede mit den Tieren und Pflanzen? Die tiefe Innigkeit selbst mit den Atomen, mit den entferntesten Spiralgalaxien? Das Namaste der Hindus, das Tawhit im islamischen Glauben? Die Prikulation zweier Liebender?

 

 

Conclusio: Moral ist immer Menschenmoral

 

In dem wissenschaftlichen Weltbild der Jetztzeit steht die Moral der Erhaltung der Gattung im Zentrum des Interesses.

(In der islamischen Welt gelten noch andere Prioritäten: Allahs Gesetz ist nach wie vor zuständig für sämtliche irdischen Belange. Allah bestimmt, was gut für die Menschheit ist, es gibt keine Eigenverantwortlichkeit der menschlichen Gattung.)

Das anthropozentrisch-wissenschaftliche Weltbild definiert das als gut, was der Menschheit zu ihrer Fortentwicklung bzw. zur Bestandssicherung dient. Wonach alle Inhalte prinzipiell diskutabel sein müssen, selbst die, die vorübergehend schwierige Konsequenzen bedeuten, langfristig aber großen Nutzen versprechen. Ein Anspruch, aus dem sich immer wieder ernstliche Probleme ergaben ­etwa bei faschistischen Entwürfen (welche in nucleo bei Nietzsche imaginiert worden sind): Der Mensch schützt das Lebensunwerte und Schwache, bis er selbst durch und durch schwach ist, und das sei ein Fehler.

Erklärten die Rassentheoretiker. Eine These, die im Tierreich ihr Vorbild sucht: Der starke Löwe reißt das schwächste Reh. (Aber warum eigentlich? Aus Bequemlichkeit?)

Auf diese Weise wird der Genpool des Rotwilds auf höchstem Niveau gehalten, lautet die im Kern griffige These der Postdarwinianer. Ihre Grundmotivation ist anti-individualistisch, Rassentheoretiker denken gruppenorientiert: Die beste genetische Gruppe solle sich durchsetzen. Ein Konzept, das gemeinhin als amoralisch gebrandmarkt wird, aber gleichfalls ein moralisches Konzept verfolgt. In dieser Philosophie zählt das Individuum weniger, das Kollektiv hat Vorrang. Eine Philosophie, die auch die demokratisch-wissenschaftliche Gesellschaft anfang des 21. Jahrhunderts auf ihre eigene Weise praktiziert: Wenn ein Mensch eine gefährliche ansteckende Krankheit hat, wird man ihn auf die Isolierstation verlegen – notfalls wird er den Rest seines Lebens dort verbringen müssen, sofern er eine Gefahr für das Kollektiv darstellt.

 

Letztendlich drehen sich alle Moralkodizes um ein eng verwandtes Ideal, auch die wissenschaftliche Moral stellt sich permanent diese Frage: Ist es gut für die Menschheit? Oder schadet es ihr?

Worin sich ein enormer Chauvinismus ausdrückt, nämlich der Erhebung der Menschheit über andere Lebensformen und Lebensstrukturen. Die Menschheit schafft sich den größtmöglichen Spiel- und Aktionsraum, indem sie den Raum anderer Lebensformen einengt. Rigoros installiert sie ihr Wunschsystem, unterwirft ihm alle anderen belebten oder nichtbelebten Organismen, die sich einnischen müssen.

Nur: Wie sollte man überhaupt abstrakt-moralisch denken können, also unvoreingenommen, wenn man ein Teil dieser Menschenrasse und damit des menschlichen Geistes ist? Wie sollte man sich außerhalb des Universums stellen können, um neutral bewerten zu können, was gut ist – gut für den Planeten Erde, gut für die Menschen, die Tiere, die Pflanzen, für das Universum, für die Einzeller … und auch gut für die Energiequanten, die Photonen, die Seepferdchen …?

 

Das Dilemma ist und bleibt folgendes: Es gibt kein über-zeugendes Verfahren, um zu ermitteln, wofür das Universum gut ist. Denn das Universum selbst IST (wie selbst Stephen W. Hawking vermutet).

Um es einmal latent-gnostisch auf den Punkt zu bringen: Seine Teile können niemals das Ganze erfahren, nur das Ganze kann als Ganzes seiend sein eigener Selbstzweck sein. Um den Sinn des Universums in Erfahrung bringen zu können, müsste man ein Außen annehmen – etwas, das dieses Universum aus neutraler Position betrachtet und eventuell auch bewertet. Doch ob es ein solches Außen gibt – ist Spekulation, und muss Spekulation bleiben.

 

Und selbst wenn es ein Außen gäbe – es dürfte keine Einwirkmöglichkeit haben auf das Innen, denn in einem solchen Fall wäre das System Universum nur noch größer, ein Super-Universum etwa, auf das sich die aufgeworfenen Fragen ausweiten ließen.

Denn angenommen, es gäbe ein unabhängiges Außen, das moralisch neutral das Geschehen auf dem Planeten Erde beurteilen könnte, eines, das per definitionem keine Interaktionsmöglichkeit haben könnte, also ausschließlich Zuschauer wäre … einzig dieser ideale neutrale Betrachter könnte dann das Verhalten der Menschheit sowie deren Moralentwürfe eventuell bewerten.

 

Könnte.

Denn im Sinne der Idealen Welten ist die Moral der Menschheit entweder eine Wundermoral/ein Zufallsspiel, oder sie ist eine Wettermoral/eine Modemoral.

 

Das heißt, als Conclusio (mit Büchner, verkürzt, und Hawking paraphrasierend):

 

Moral ist.

 

 

 




Aggregat 03

Atmung, Herzschlag, Gedanken.

Hyperzyklen der Psychosomatik

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Talmud führt alles Persönliche (unseren Charakter) auf die Gedanken zurück:

 

Achte auf Deine Gedanken

denn sie werden Worte.

 

Achte auf Deine Worte

denn sie werden Handlungen.

 

Achte auf Deine Handlungen

denn sie werden Gewohnheiten.

 

Achte auf Deine Gewohnheiten

denn sie werden dein Charakter.

 

Achte auf Deinen Charakter

denn er wird dein Schicksal.

 

Man ist geneigt, daraus den Schluss zu ziehen, dass man, sofern man seine Gedanken steuern oder gar kontrollieren könnte, auch sein Schicksal steuern oder gar kontrollieren könnte. Obschon sich jeder strikte Determinist über solch einer verwegenen Annahme die Haare zerraufen würde – der Indeterminist hingegen würde erst einmal triumphierend lächeln, um dann aber, sofern er sich auf die Seite der tapferen Fraktion seiner Philosophie schlägt und die strikte Form des Indeterminismus benutzen wollte, recht schnell die Hand vor die Augen zu legen, da das Goethesche Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben auch ihm die einen Moment lang verheißungsvoll aufschimmernde Freiheit gleich wieder kalt lächelnd einkassieren würde.

Allerdings neigen diese Idealen Welten, wie bereits mehrfach erwähnt wurde, zum Totalitarismus, sie machen mundtot, unterdrücken die Lust am Ausdifferenzieren von Details. Also: Gesetzt des Falls, es gäbe dennoch diese Möglichkeit der Gedankenkontrolle: Wie könnte diese dann funktionieren?

Woraus sich eine weitere Frage ergibt, nämlich woraus sich die Gedanken eigentlich bilden.

 

Mit ein wenig Mühe ließe sich hierfür ein psychosomatischer Kreisprozess imaginieren, der auf den Talmud Bezug nimmt:

 

Achte auf deine Atmung

Denn sie wird dein Herzschlag

 

Achte auf deinen Herzschlag

Denn er wird deine Emotion

 

Achte auf deine Emotion

Denn sie wird dein Gedanke

 

Achte auf deinen Gedanken

Denn er wird deine Atmung

 

Atmung und Herzschlag, die man gut in einem Herzlungen-System zusammenfassen kann, bilden die Grundmotoren des Lebens respektive Überlebens des menschlichen Organismus. Ohne diese beiden via Muskulatur und Nervenimpulse gesteuerten Motoren würde der Organismus binnen Minuten sterben.

Eine bewusste Steuerung dieser Organe hat sich somit als nicht sinnvoll erwiesen, was folglich auch die steuernde Göttin Evolution in ihr Konzept integriert hat – denn auch im Schlaf müssen diese Organe tätig sein. Dennoch lassen sich sowohl Herzschlag als auch Atemfrequenz beeinflussen. Fakire haben auf diesem Gebiet der Körperarbeit eindrucksvolle Experimente angestellt und immense Fähigkeiten der Körperkontrolle erreicht.

Ihnen vergleichbar haben viele Psychosomatiker unfreiwillig begonnen, mit diesen Zyklen der Körperwahrnehmung zu experimentieren. Die meisten erleben ihren Körper als fremd oder feindselig und steigern sich in schlechte Gedanken hinein, kreiseln in ihrem Teufelskreis von einer Panikattacke zur nächsten. Erst wenn sie sich bewusst werden, dass sie via Gedanken Einfluss auf ihre Atmung und den Herzschlag nehmen, können sie beginnen, diesen circulus vitiosus zu durchbrechen, bevor er in Panikattacken übergeht und, im Falle von dauerhafter Überanstrengung, sogar zum Zusammenbruch des Herz-Kreislauf-Systems führen kann, oder im anderen Fall geistige Störungen hervorrufen kann.

(Panikattacken sind für einen gesunden Menschen nicht schädlich, erklären die Schulmediziner unermüdlich ihren furchtsamen Schäfchen; sie ließen sich vergleichen mit einer sportlichen Übung – ohne dass der Mensch sich dabei bewege.)

 

Viele Yogis haben die psychosomatischen Körperprozesse intensiv am eigenen Leib erforscht. Auch in China haben meditierende Mönche großes Wissen gesammelt und in dem Buch Das Geheimnis der Goldenen Blüte in teils poetischem, teils taoistisch-okkultem Vokabular zusammengefasst: Auch dort wird der Zusammenhang von Herz und Atem und Psyche erörtert.

Meister Lü Dsu erklärte in dem außergewöhnlichen Text beispielsweise: Sowie das Herz sich regt, entsteht Atemkraft. Die Atemkraft ist ursprünglich verwandelte Herztätigkeit.

Womit er womöglich anspielt auf das chinesische Schriftzeichen für Atem, welches sich zusammensetzt aus dem Zeichen Dsi „von“, „selbst“ und dem Zeichen Sin, „Herz", „Bewusstsein“.

In den folgenden Ausführungen allerdings entsteht der Eindruck, dass Atem und Herz sich wechselseitig beeinflussen, aufeinander wie parallelgeschaltet wirken, einander antreiben oder bremsen:

 

Wenn das Herz fein ist, so ist der Atem fein; denn jede Bewegung des Herzens wirkt Atemkraft. Wenn der Atem fein ist, so ist das Herz fein; denn jede Bewegung der Atemkraft wirkt auf das Herz.

 

Und dann kehrt sich der Prozess sogar um:

 

Um das Herz zu fixieren, geht man zuerst daran, die Atemkraft zu pflegen.

 

Es schließen sich in diesem Kapitel vom Kreislauf des Lichts und der Rhythmisierung des Atems Ausführungen über eine Atemtechnik an, die dem Meditierenden helfen kann, in kontemplative Zustände zu gelangen; die ihm ermöglicht, die Herzfrequenz und die Atemfrequenz zu senken.

 

Letztere Reihenfolge erscheint heute viel schlüssiger. Der Atem bildet demnach die psychosomatische Basis im Erleben des eigenen Körpers. Und er wird gewiss nicht zufällig in den meisten Kulturen mit dem Beginn und Ende des Lebens gleichgesetzt: Das berühmte Wörtchen vom Hauch, vom Odem; die Legende von dem Gott, der Adam den Lebensodem einhauchte; und die Wortwendung vom Sterbenden, der sein Leben aushaucht …

In vielen Kulturen steht die Atembeherrschung im Zentrum der Meditationsarbeit und psychosomatischen Körpererkundung. Eine ruhige Atmung kann Angst nehmen, entspannen. Viele Hypnotiseure oder auch Psychotherapeuten arbeiten (versteckt oder offen) mit Atemtechniken. Sie regeln im Gespräch ihre Atemgeschwindigkeit auf die ihres Gegenübers ein und beginnen nach gelungener Kopplung sowohl die eigene Atemfrequenz als auch die die des Patienten zu senken – durch das anfängliche Synchronisieren gelingt es leichter, den Gegenüber auf ein ruhigeres Atemlevel zu lotsen. Wodurch sie ihrem Adepten Zugang zu angenehmen Gedanken, zu entspannenden Körpergefühlen verschaffen, mit dieser Technik können sie eine positive Suggestion erfolgreich mit somatischen Reaktionen in die Wege leiten.

Des Weiteren findet die Atemtechnik in der Geburtsvorbereitung Verwendung und schließlich bei der Geburt selbst. In letzterem Fall darf man sehr wohl von einer Technik sprechen, die direkt bei den Gedanken beginnt. Die Gebärende, die eine Atemtechnik einsetzt, kontrolliert dabei indirekt auch ihre Gedanken: Ihre konstanten und bewussten Atemzüge dienen dazu, dass sich die Atemgase in ihrem Blut wieder normalisieren, wodurch ihre Angst, die sie verkrampfen lässt, merklich abgeschwächt wird.

 

Es mag erst einmal ungewöhnlich erscheinen, dass Gedanken direkten Einfluss auf die Atmung haben. Aber wenn Sie einen spannenden Krimi lesen oder einen dramatischen Film anschauen, beginnt plötzlich ihr Herz zu rasen und Sie beginnen, Luft einzupressen, meistens unbewusst, Sie merken nur, dass ihr Körper von der Dynamik der Geschichte völlig mitgerissen wird, manchmal meinen Sie sogar, wie selbst beteiligt zu sein, allein durch das Zusehen. Oder denken Sie an Sportübertragungen: Während einigen dieser Krimis sind Herzinfarkte keine Seltenheit, wie sich den Statistiken der Notaufnahmen entnehmen lässt.

Ein weiteres spannendes Detail diesbezüglich hat mich stark beeindruckt: Um einen Asthmaanfall auszulösen, kann es genügen, dass man dem Asthmatiker das Bild einer Katze zeigt: Eine wissenschaftliche Untersuchung hat eben diese Erkenntnis zutage gefördert.

Ist das nicht absurd?

Wie kann das funktionieren?

Vermutlich wie folgt: Das Gehirn reproduziert das Bild, generiert ein zerebrales Vorstellungsbild. Aus diesem Vorstellungsbild bildet es eine Vorankündigung bzw. eine Projektion: Katzen lösen bei mir in der Regel einen Anfall aus. Diese Vorankündigung/Projektion genügt, um eine veränderte Atmung zu bewirken, eine Angstatmung. Diese Angstatmung wiederum wirkt auf das Herz und auf die Körperempfindungen zurück. Der Körper als ganzer wird nun von der zuerst nur imaginierten Angst eine echte Angst ausbilden – mit echten und wissenschaftlich messbaren somatischen Symptomen. In diesem Kreislauf der Angst kann sich schlussendlich auch ein Asthmaanfall ereignen, der so lange andauert, bis der Patient von der eigenen Angst ermüdet ist.

Im schlimmsten Falle (was auch möglich ist), erstickt er während des Anfalls an der eigenen Angst, anderenfalls erreicht er irgendwann einen Punkt der Erschöpfung, an dem seine Angst sich nicht mehr steigern lässt. Er erreicht ein stabiles Angstniveau, welches ihn wieder beruhigen kann, in diesem Augenblick bemerkt er, dass eine unmittelbare Lebensbedrohung nicht zu bestehen scheint; oder er nimmt ein Medikament ein, auf dessen Wirkung er vertraut und das, neben geringfügigen physischen Effekten, auch die schlechten Gedanken aus seinem Kopf löscht, der Angstpatient schöpft wieder Hoffnung, wenn er an das Medikament glaubt – so dass sich die Angst wieder abschwächt, der Asthmatiker seine Atmung wieder auf einen befreiteren Atemrhythmus umstellt. Im Nachlassen dieser Beklemmung kann dann, wenn die Luft wieder ungehindert zirkulieren kann, mitunter sogar Euphorie spürbar werden.

 

Und ein weiterer Schluss wäre denkbar: Nicht nur die Fotografie von einer Katze ist somit in der Lage, eine psychosomatische Kettenreaktion auszulösen, sondern auch das Bild von der realen Katze, wenn sie uns um die Beine streicht …

Der Katzenhaar-Asthmatiker (vermutlich nicht jeder, aber doch einige von ihnen) wäre demnach ein bildinduzierter Psychosomatiker, der sich auf den Schlüsselreiz Katze selbst konditioniert hat. Warum auf eine Katze, mag man nun fragen. Die Tierpsychologen schreiben einer Katze ein dominantes Verhalten zu, insbesondere der Hauskatze. Während der Haushund sich devot verhält, mimt die Katze in den meisten Haushalten unbestritten den Chef. Asthmatiker werden von Psychologen gern als starke Willensmenschen beschrieben – eine Katze ist somit eine Herausforderung. Sie lässt sich nicht beherrschen, und dieser anarchische Charakter mag bedrohlich auf diesen Typ von Katzen-Asthmatiker wirken.

 

(Kleine Fabel: Behandeln Sie ihre Hauskatze schlecht – sucht sie sich einen neuen Herrn, der sie besser behandelt. Sie ist opportunistisch, wird keine Chance zu einer Verbesserung aus hündischer Treue heraus verstreichen lassen. Und selbst wenn Sie sie verwöhnen, wie sie keinen Menschen verwöhnen, werden sie ihr geliebtes Felltier dennoch bei den Nachbarn auf dem Terrassenstuhl sitzen sehen, so als gehörte sie dorthin … Hunde hingegen lassen sich nahezu alles gefallen. Ihre Treue ist sprichwörtlich und in manchen Fällen – von Tiermisshandlung etwa – auch fatal.)

 

Womit ich keinesfalls behaupten möchte, Asthma sei eine lediglich angstinduzierte Lungenverengung; es sind viele individuelle Faktoren, die eine asthmatische Atemnot bewirken.

 

Noch ein kleines Detail zu Angst und Atemnot:

Achten Sie einmal darauf: Wenn ein Manager unter Stress gerät, am Telefon sitzt und sich konzentriert – wie oft wird er seine eng gebundene Krawatte lockern, den Hemdkragen öffnen? Wieso ausgerechnet in diesem Augenblick? Ist das nur eine Schauspielermacke? Oder ein ganz natürlicher Reflex? Stress begünstigt eine Pressatmung, die wiederum schnell Beklemmung in den Bronchien erzeugt. Stress ruft zahllose körperliche Symptome auf einmal hervor, beispielsweise Schweiß auf der Stirn, in den Handinnenflächen. Es sind in solchen Fällen (Manager am Telefon) ausschließlich die Gedanken, die sich auf dessen körperliches Befinden auswirken. Anders als beim Boxkampf sind die allermeisten sozialen Interaktionen des Managers absolut körperlos, er führt ausschließlich geistige Kommunikationen und tauscht mit anderen Vorstellungsbilder aus – und dennoch wirken sie überdeutlich in den Körper hinein. Sie nehmen ihren Weg über die Gedanken, und über die Atmung und den damit verbundenen CO²-Pegel verändern sie über den pH-Wert des Blutes die Grundparameter der Körperempfindung.

Weshalb viele Psychotherapeuten ihren Patienten Atemübungen empfehlen: Auf diese Weise kann man lernen, den Atemvorgang bewusst zu erleben. Auch die taoistische Schule der Goldenen Blüte hat sich der Atemschule gewidmet: Ihre Meister empfehlen zu den Meditationen die lautlose Atmung. Leise sollen die Atemzüge ein- und ausgehen – so leise, dass man sie selbst nicht mehr hören kann. Gelingt dies, wird auch in die Gedanken eine neue Klarheit kommen. Diese Ruheatmung ist als Antagonist zur Stressatmung definierbar.

(Man beachte hierzu auch die ruhige Atmung im Schlaf.)

 

Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der nervöse Typ des Stressrauchers. Zigarettensüchtige betonen immer wieder, dass die Zigarette sie sowohl stimulieren kann (wenn sie stimuliert werden wollen) als auch beruhigen (wenn sie beruhigt werden wollen). Sie schmeckt sowohl zum Essen, weil sie angeblich das Geschmacksempfinden oder den Essgenuss noch verstärkt, aber eignet sich in anderen Situationen auch wunderbar als Essensersatz. (Raucher, die aufhören, behaupten, sie würden fresssüchtig; dank des Rauchens sei es ihnen möglich, abzunehmen.)

Es wäre wahrlich ein Wunder, wenn ein- und dieselbe Substanz so gegensätzliche Wirkungen hervorrufen könnte. Selbst als Placebo wäre diese Symptomatik kaum denkbar, denn so einfältig könnten so große Bevölkerungsgruppen nicht sein, einer solchen Illusion würde ein Kollektiv nicht anheimfallen. Hier steckt etwas anderes dahinter, und es ist weder ein Placebo noch das Nikotin. Es ist die mit dem Rauchen verbundene Atemtechnik.

Ich habe selbst einige Jahre lang geraucht. Wenn ich mich heute grundlos nervös fühle, stecke ich mir im Geiste eine Zigarette an und rauche sie imaginär. Ich atme, wie ich als Raucher geatmet habe. Und was passiert? Nach vier, fünf Atemzügen spüre ich bereits ein angenehmes Gefühl in mir aufkommen. Ich fühle mich befreit, kann wieder viel freier Atem schöpfen.

Der Raucher atmet in einer ruhigeren Atemfrequenz. Atmet bewusst, aber meist auch mit gewisser Vorsicht ein (weil er weiß, dass er Gift in die Lungen einsaugt), und atmet dann langsam und gründlich (viel gründlicher als sonst) die Luft wieder ab. Eine Atemmethode, die erfrischt und beruhigt. Die dem ganzen Körper guttut, weshalb der Raucher auch davon überzeugt ist, dass er in jeder Situation des Rauchens eine Verbesserung seines Befindens erreicht: Zu einem großen Teil fühlt er sich besser, weil er zweckvoll-gesund atmet.

 

Auch härtere Drogen sind auf veränderte Atemfrequenzen nach der Einnahme untersucht worden. Der Tscheche Stanislav Grof begründete in den 60er Jahren die inzwischen berühmte LSD-Psychotherapie. Während seiner Experimente stellte er fest, dass viele seiner Testpersonen in der Anfangsphase des LSD-Rauschs sehr heftig atmeten oder sogar hyperventilierten; sie durchlebten offenbar jene Phase, die Albert Hofmann, der Erfinder der Substanz, bei seinem ersten Selbstversuch 1943 wie folgt beschrieben hat:

 

Meine Umgebung hatte sich nun in beängstigender Weise verwandelt. Alles im Raum drehte sich, und die vertrauten Gegenstände und Möbelstücke nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Sie waren in dauernder Bewegung, wie belebt, wie von innerer Unruhe erfüllt. Die Nachbarsfrau … erkannte ich kaum mehr. Das war nicht mehr Frau R., sondern eine bösartige heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze. Schlimmer als die Verwandlungen der Außenwelt ins Groteske waren die Veränderungen, die ich in mir selbst, an meinem innersten Wesen, verspürte. Alle Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äußeren Welt und die Auflösung meines Ichs aufzuhalten, schienen vergeblich. Ein Dämon war in mich eingedrungen und hatte von meinem Körper, von meinen Sinnen und von meiner Seele Besitz ergriffen. Eine furchtbare Angst, wahnsinnig geworden zu sein, packte mich. Ich war in eine andere Welt geraten, in andere Räume, in eine andere Zeit.

 

Erneut wird der Zusammenhang deutlich: Angst verändert die Atmung, und die veränderte Atmung wirkt zurück auf die Bewusstseinsinhalte und die Gedanken. Wenn Hofmann durch die veränderten Wahrnehmungen Angst bekam, wird auch er neben der Wirkung von LSD zudem in den Teufelskreis der Psychosomatik gelangt sein.

Er hat gekämpft und gerungen, wie auf verwandte Weise Asthmatiker manche Nacht lang kämpfen und ringen – bis sich eine allmähliche Besserung einstellte, die am Schluss eine katharsische Qualität hatte, um die manch einer Hofmann beneiden wird:

 

Erschöpft schlief ich dann ein und erwachte am nächsten Morgen erfrischt mit klarem Kopf, wenn auch körperlich noch etwas müde. Ein Gefühl von Wohlbehagen und neuem Leben durchströmte mich. … Als ich später in den Garten hinaustrat, in dem nach einem Frühlingsregen nun die Sonne schien, glitzerte und glänzte alles in einem frischen Licht. Die Welt war wie neu erschaffen. Alle meine Sinne schwangen in einem Zustand höchster Empfindlichkeit, der noch den ganzen Tag anhielt.

 

Es darf vermutet werden, dass in dieser Phase seine Atmung sehr ruhig und sanft war, vergleichbar mit der, die ein Mönch mit seinen Atemtechniken praktizieren kann, ohne zuvor Todesangst durchleben zu müssen.

Stanislav Grof wendete sich im Laufe der Zeit von der LSD-Psychotherapie ab – wobei offenbar auch rechtliche Gründe eine Rolle spielten. Er entwickelte nun die Methodik des holotropen Atems, eine spezielle Form der psychotherapeutischen Hyperventilation, während der die Probanden von Erlebnissen berichteten, die große Ähnlichkeit mit LSD-Erlebnissen aufwiesen.

 

(Woraus sich ad hoc folgende Hypothese ableiten ließe: Dass LSD auf die Gedankenbildung des Berauschten einwirkt und dort oft eine Art Gedankenschock bewirkt, der angstauslösend wirkt, so dass auch eine deutliche Atemveränderung unvermeidbar wird; im Fall von negativen Gefühlen mag es sich dann um eine Art Atembeklemmung handeln; LSD löste demnach in vielen Fällen in der anfänglichen Wirkphase eine Hyperventilation aus und erzeugte die für Hyperventilation typischen negativen Gedankenkreisel bzw. mental-somatischen Hyperzyklen, die Autofeedbackschleifen der Angst.)

 

LSD-Rausch oder Hyperventilation können somit Erschöpfungskämpfe sein, die schließlich eine immense Erleichterung (Katharsis) bewirken können, die dem Probanden wie eine Belohnung erscheint, manchmal wie ein Paradies an Frieden und Glück (aber realiter eher als Erlösung zu werten sind, eine Rückkehr in den Anfangszustand).

 

Die direkte Einwirkung auf die Atmung mittels spezieller Atemtechniken oder Atemgasmischungen könnte ein neues Genre von Drogenexperimenten ermöglichen, einen neuen Trend im 21. Jahrhundert auslösen: Einen, dessen chemischen Konzentrationsverschiebungen einzig über die Variierung der üblichen Atemgasen bewirkt wird, es werden keine Zellgifte, die eventuell das Gehirn oder den Körper schädigen und noch Jahre später unverhofft Flashbacks hervorrufen können, zur Erzeugung eines neuen zerebralen Zustands benötigt.

Wobei eines mitbedacht werden sollte: Die Technik der Hyperventilation oder die im Rebirthing verwendete Formen des zirkulären Atmens streben, wie in der gegenwärtig favorisierten Praxis der Sexualität auch, eher einer großen Erschöpfung inklusive Kapitulation zu. Bei diesen Techniken ist Kampf und Krampf vordergründig, die Belohnung erfolgt überwiegend in der Lösung des in Angst oder großer Erwartung herbeigeführten Krampfes – etwa in Form des Orgasmus oder des Erlebnisses vom Rebirthing, in dem nach der Reise durch den Geburtskanal am Ende die Befreiung des Neugeborenen stehen kann. Das Erlebnis der Ekstase wird vorher erarbeitet bzw. erkauft durch eine große Anstrengung, einen Erschöpfungskampf; weshalb sowohl Orgasmus als auch das Rebirthing-Erlebnis als kleiner Tod empfunden werden kann.

 

Bei einigen Therapeuten, die Atemseminare, Atemschulen oder Atemfeste (zu meist horrend teuren Gebühren) anbieten, finden Methoden Verwendung, die ihrem Charakter und Zeremoniell nach dem Exorzismus ähneln: Nur dass man im 21. Jahrhundert die negativen Energien nicht mehr als böse Geister begreift, die sich der armen kranken Seele bemächtigt haben, sondern sie als Geister der Vergangenheit deutet, als falsches Denkmuster, als Trauma oder gar Urtrauma aus dem Unterbewussten. Aber auch mit diesen inneren Geistern ringt man, bis man sie glaubt besiegt zu haben (oder der Proband vom vielen Hyperventilieren einfach nur erschöpft ist und aufgibt), und plötzlich Freiheit verspürt und inneren Frieden.

Eine solche – manchmal auch in Großgruppen ausgetragene – Seance hat einen Vorteil: Sie hat den attraktiven Touch des Spektakels und wird zudem sehr oft mit pseudowissenschaftlicher Ernsthaftigkeit betrieben. Von Okkultismus ist keine Spur mehr, das Okkulte liegt nunmehr allein in der Seele oder dem Unterbewusstsein des zu läuternden Probanden, weshalb sich auch viele Akademiker an diesen Experimenten beteiligen. Der Kitzel eines solchen Spektakels ist größer als eine gemütlich-kontemplative Meditationsübung im Rahmen einer Zen-Meditation oder anderen traditionellen Formen der künstlich-kunstvollen Selbstversenkung.

Die Heiler wollen ihren Probanden eine Katharsis verschaffen. So preisen sie beispielsweise das Rebirthing als eine der wirkungsvollsten und fundiertesten Therapieformen für viele verschiedene Störungen und Krankheiten: Z. B. Depressionen, Panikattacken, Traumata durch sexuelle Gewalt, Selbstmordgefährdung, Herzprobleme, Asthma, Epilepsie oder Krebs. Doch letztendlich imitieren sie lediglich die frühchristliche Tradition der Teufelsaustreibung. Woran nichts Schlechtes ist; wer hilft oder heilt, hat Recht. Aufgeklärt-intellektuellen Gemütern hingegen mag derlei Zinnober allerdings suspekt bleiben …

 

Die alternativen Methoden hingegen könnte man auch zärtliche Techniken nennen, weil sie ganz ohne Kampf und somit auch ohne Exorzismus auskommen: Zu nennen wären hier tantrisch inspirierte Berühr- oder Sexualtechniken, Zen-Meditationen, Breathe-to-Breathe-Techniken (Elohims Kuss) … oder aber, ganz profan und doch besonders wirkungsvoll die Methode des Erfahrbaren Atems nach Ilse Middendorf: Eine anerkannte Heilmethode, die die Aufmerksamkeit auf den Atem und die Empfindungen des Körpers lenkt, die Atmung aber nicht willentlich verändert.

Ebenfalls etabliert hat sich die Atem-, Sprech- und Stimmtherapie nach Schlaffhorst-Andersen. Sie verbindet bewusste Atmung mit Bewegungen und Tönen. Ziel ist die Stärkung des natürlichen Atemrhythmus.

 

Eines zeigen diese Beispiele klar auf: Die Atmung rückt Anfang des 21. Jahrhunderts weiter in das Zentrum des spirituellen Interesses, und auch die wissenschaftliche Seite hat diesen Klassiker wiederentdeckt und unternimmt immer neuere Forschungsexperimente.

Doch welche Methode ist nun sinnvoller – die des Kampfes oder die der Sanftheit? Eines ist sicher: Die sich auf Kampf und Erschöpfung konzentrierenden Erkundungsformen dienen ebenfalls der Erforschung des Atemvorgangs; sie exemplifizieren ein eher lautes Abenteuer, während die zärtlichen Techniken den Schwerpunkt auf Sinnlichkeit und die Selbstbeobachtung setzen. Eine Bewertung in Hinsicht auf ein Was ist ratsamer? wäre von meiner Seite subjektiv. Der Kämpfer wird kämpfen wollen und der Streichler streicheln. Der neugierige und vielseitig interessierte Proband hingegen wird beide Wege testen, um seine persönliche Präferenz zu finden; wird in den verschiedenen Phasen seines Lebens einmal zur einen, ein andermal zur anderen Seite tendieren.

 

Ich vergleiche die Atmung gerne mit dem Laufen. So, wie man beim Spazierengehen regelmäßig Fuß vor Fuß setzt, so schöpft man auch kontinierlich Luft und gibt sie wieder frei. Verfällt man jedoch in zu schnelles Atmen (was meist unbewusst passiert oder durch angstvolle Gedanken/ Vorstellungen ausgelöst wird), kann man während dieses ungewollten Atemjoggings außer Puste geraten (Hyperventilation), ja ins Keuchen verfallen. Man wird nun hektisch Luft einpressen, und dies bemerkend, den Atem wieder zu beruhigen versuchen.

Die Crux an diesem Um-Luft-Ringen ist häufig, dass man beim Atmen glaubt, dass schnelle und tiefstmögliche Atemzüge einen Vorteil bringen, dass man dadurch mehr Sauerstoff bekommt und somit auch ein besseres Körpergefühl empfinden müsste, leistungsfähiger werden müsste, da Sauerstoff gemeinhin als Atembenzin gilt – dummerweise hat man in diesen Momenten keineswegs das Gefühl von neuer Kraft oder Sättigung, man meint vielmehr, immer weniger Luft zu bekommen, mit jedem Atemzug wird die Beklemmung größer, manchmal spürt man Schwindel und auch eine Brustenge – die immer deutlicher wird, je intensiver man nun frische Luft einpresst.

Mit anderen Worten: Es ist, als habe man sich gerade den Magen mit riesigen Mengen Essen vollgeschlagen und fühlt sich dennoch immer hungriger! Gibt man diesem sonderbaren Lufthunger-Gefühl nach, kann den autokatalytischen Prozess auf die Spitze treiben. Wiewohl ein einfaches Gedankenbild diesem Paradox – zumindest intellektuell – beikommen könnte: Denn die Brustenge und Beklemmung ist als Reaktion eigentlich sehr trefflich vergleichbar mit der Sattheit nach dem Essen, ihre Funktion ist auf folgende simple Formel zu bringen: Sie soll abschrecken, dem Körper noch mehr von dem Stoff zuzuführen.

Kurzum: Bei gefühlter Atemnot, die auf Überatmung zurückzuführen ist – sollte man ruhiger und gelassener atmen.

 

Wenngleich dies keinesfalls als Patentrezept verstanden werden darf; in Fällen von rein körperlichen Atemstörungen (die nur ein Arzt diagnostizieren kann) hilft diese Technik des ruhigen Atmens lediglich, die ohnehin vorhandenen Beeinträchtigungen so gering wie möglich zu halten.

 

Das Vertrackte an dem ausgeschilderten Teufelskreis ist der unmerkliche Beginn einer Überatmung und die in diesem Moment fehlende Selbstwahrnehmung der eigenen Atemfrequenz. Doch je nach Situation, Stresslevel und Nervosität verändert sich die Frequenz und die Tiefe der Atmung; ja genau genommen verändert sich der Atem mit jedem Atemzug, keiner gleicht dem vorangegangenen an Tiefe und Länge – was wieder zurückwirkt aufs körperliche Befinden.

Nur selten wird man sich seines Atems bewusst. Es können ganze Tage vergehen, an denen man keinen einzigen bewussten Atemzug tut! Während man mit seinem Atem gewissermaßen mal spazieren geht, mal joggt, mal davonrennt, merkt man bewusst wenig von diesen verschiedenen Geschwindigkeiten.

Menschen, die zu Hyperventilationen neigen, sind häufig nervöse Charaktere. Nervosität und Hyperventilation befördern sich gegenseitig; weshalb auch das Lampenfieber vor einem Auftritt, die Unsicherheit vor einem Bewerbungsgespräch oder einem Date nicht nur der somatischen Symptomatik bei der Hyperventilation entsprechen, sondern psychosomatisch sind wie selbige: Inmitten der Projektionen einer konfliktreichen Zukunft sitzt die Angst und entfaltet körperliche Symptome.

Weshalb psychische Störungen wie etwa eine generalisierte Angststörungen sehr oft mit einer versteckten Hyperventilation parallel verlaufen bzw. mit dieser wechselwirken: Die Überatmung bewirkt eine erhöhte Angstbereitschaft, die Angstgefühle lassen den Betroffenen weiterhin panisch atmen.

 

Was genau geschieht nun im Körper während einer Hyperventilation? Die physiologischen Prozesse sind noch nicht en détail erforscht – die wissenschaftlichen Erklärungsmodelle differieren erheblich, es gibt gegensätzlichste Positionen; was eine sinnvolle Zusammenfassung erschwert. Ich will dennoch eine kleine Deutung als Quintessenz meiner Beschäftigung mit selbigen widersprüchlichen Ausdeutungen wagen:

Man geht in der Regel davon aus, dass die erhöhte Durchlüftung der Lunge zu einer vermehrten Abatmung des im Körper entstehenden Kohlendioxids führt. Daraus folgte dann eine Verschiebung des Gleichgewichts zwischen Kohlensäure (der gelösten Form von Kohlendioxid) und dem Calcium im Blut. Der so entstehende relative Calcium-Mangel wird dafür verantwortlich gemacht, dass insbesondere in der Mundgegend ein Kribbeln spürbar wird, sowie die Krämpfe z. B. in den Händen (Hasenpfote) auftreten.

Zudem tendiert der Säure-Basen-Haushalt im Körper des Betroffenen ins Basische, der pH-Wert des Blutes steigt. Von einer deutlichen Mehraufnahme von Sauerstoff im Körper geht man hingegen nicht aus, da die Aufnahmefähigkeit des Blutes für Sauerstoff schon bei normaler Atmung meist voll gedeckt wird.

Eine bis heute sehr beliebte Methode, um Hyperventilierenden während eines Anfalls zu helfen, ist die sogenannte Tütenatmung. Der Patient atmet in eine Plastiktüte, in welcher sich mit der Zeit der Anteil von CO² (Atemabgas) deutlich erhöht, weil der Patient nun die eigene verbrauchte Luft erneut zurückatmet, in der sich nun immer höhere Konzentrationen von CO² befindet. Auf diese Weise wird das CO²-Defizit (respiratorische Alkalose) in den Lungen ausgeglichen, was auch den ph-Wert des Bluts reguliert. Schnell merkt der Tütenatmer, dass die Panik und Erstickungsangst zurückgeht und dass eine Beruhigung der Atemmuskulatur eintritt.

Hierbei ist es nicht problematisch, falls der Sauerstoffgehalt in der Tüte unter die Norm sinkt, weil der Hyperventilierende in der Regel viel größere Atemmengen aufnimmt als ein normal Atmender und somit weiterhin ausreichend Sauerstoff bezieht.

 

 

 

Ich wage eine Interpretation:

Wenn man Asthmatiker näher betrachtet, stellt man fest, dass diejenigen mit leichteren Beeinträchtigungen während ihres Anfalls oft das Gefühl haben, zu wenig Luft zu bekommen. Wenn sie dann mit der Pressatmung beginnen (also um Atem ringen), ist z. B. Schwindel oder ein Ohnmachtsgefühl eine mögliche Folge. Lindernd wirken kann in diesem Moment die Meditationsatmung (z. B. Raucheratmung, Zwerchfellatmung), oder aber die Gabe von Cortison.

Viele leichte Asthmatiker atmen anders als Nichtasthmatiker, und oft wird diese andere Atmung ausgelöst durch negative Gedanken oder unbewältigbarer Stress im Lebensumfeld. Die Patienten meinen, keine Luft zu bekommen und beginnen zu hyperventilieren, mit der Folge, dass sie nun in den Angstkreislauf geraten. Viele geben zu, dass ihre Asthmaanfälle zu Zeiten passieren, in denen sie besonderem Stress ausgesetzt sind.

Die wesentlich stärkere Form des Asthmas hingegen ruft Beschwerden bei der Abatmung der Atemluft hervor. Bei solch einem Asthmaanfall kommt es zu akut auftretender Luftnot (Dyspnoe) bei erschwerter Ausatmung mit pfeifenden Atemgeräuschen (expiratorischer Stridor), mitunter lässt sich Husten beobachten, der in Hustenanfällen gipfeln kann.

Aber warum haben starke Asthmatiker ausgerechnet beim Ausatmen Probleme? Ich wage folgenden Deutungsversuch: Man könnte es als Versuch des Körpers verstehen, durch die Ausatmungsblockade zu verhindern, dass der CO²-Wert weiter unter seinem Schwellenwert sinkt und eine echte Lebensbedrohung eintritt: Der Körper blockiert bzw. lähmt folglich die Atmung, damit nicht noch mehr CO² verloren gehen kann und der ph-Wert nicht noch basischer wird.

Der Hysteriker jedoch, der in seinem Körper einen Feind erkennt (der ihn letztendlich töten wird), dechiffriert diesen Notbehelf des Körpers als neuerliche Eskalationsstufe. Vergleichbar wäre dies mit einer Wunde, auf der sich ein schwarzes Grind bildet – ein Hysteriker könnte dieses Grind als Todeszeichen interpretieren und nicht als Methode der Heilung anerkennen, weshalb er dieses Grind immer wieder abkratzt, bis er eine schwärende Wunde erzielt hat: Womit er seine Angst schlussendlich in einer echten Gefahr realisiert hat.

Weshalb mit psychischen Techniken pseudoasthmatische Leiden gelindert oder gar geheilt werden können.

Eine grundsätzliche Methode könnte wie folgt aussehen: Zu versuchen, die übermäßige Anspannung zu lösen – die immer auch eine Lebensanspannung ist, denn der Asthmatiker lebt häufig in permanent quälender Spannung. Während des Anfalls erlebt er Todesangst, sein Körper wird überstrapaziert, und dadurch auch alle Muskeln überspannt, was schlussendlich auch die Atemmuskulatur einbeziehen kann. In dieser krampfhaften Anspannung ist das Atemschöpfen nur unter Anstrengung möglich; noch schwerer fällt das Loslassen. Gewissermaßen simuliert er unbewusst den Tod oder das Sterben … er simuliert das, was er am meisten fürchtet.

 

Wie kann man den Charakter von atemgestörten Menschen beschreiben? Rafa hat dies auf ihrer Webseite www.rafa.at auf ebenso brillante wie sarkastische Weise analysiert, schonungslos-makaber den psychischen Background aufgezeigt. Mit ihrer Erlaubnis möchte ich hier ihre Erkenntnisse in größerem Umfang zitieren:

 


 


 


Hyperventilationssyndrom


 

Der Patient atmet mehr, als er für die Situation brauchen würde. Eine Hyperventilation ist eine Kommunikation, hat Ausdruckscharakter. Wer schnell atmet ist nervös. Wer ruhig atmet ist ein ruhiger Typ. Die entsprechenden Intuitionen und Gefühle hat man von diesen Leuten. Schnelle Atmung, Nervosität bedeutet Angst und das steckt an.

Ein akuter Anfall von Hyperventilation: Der Patient hat das Gefühl, er kriegt keine Luft.­ Dyspnoe ist das subjektive Gefühl, keine Luft zu kriegen. Der Patient ist sehr ängstlich, er steigert sich rein wegen Atemnot und meint, er fällt gleich um, meistens tut er das aber nicht.

Es sind immer solche Situationen, in denen er sich die Angst nicht eingesteht.

Wenn man zu viel atmet, wird das Nervengewebe übererregbar. Es kommt zur Verschiebung der Elektrolyte. Die Finger fühlen sich bald taub an und die Taubheit breitet sich aus = Parästhesien.

Es kommt zur Pfötchenstellung: Die Finger zieht es aufgrund der Nervenübererregbarkeit nach innen. Das schaut ziemlich blöd aus, tut aber zuerst nicht weh. Der Patient drückt aber jetzt dagegen und dann tut es sehr weh.

Es kommt auch zum Fischmaul: Der Mund wird taub, die Muskeln blähen sich auf, die Zunge wird taub.

Wenn es sehr extrem wird, sieht es aus wie ein epileptischer Anfall.

Es sind Patienten mit Angstneurosen. Sie kommen nie allein in die Praxis, sondern haben mindestens 2 Leute dabei, die mindestens genauso viel Angst haben wie der Patient. Die ansteckende Angst, dass der Patient keine Luft mehr kriegt, ist sehr dramatisch.

Der Therapeut fragt: "Was hat er denn für Beschwerden?"

Der Patient hat das Gefühl, dass sich der ganze Thorax zusammenkrampft, das Zwerchfell geht nicht richtig runter, er kann nicht unter den Solar Plexus atmen. Der Patient hat einen Punkt, wohin er atmet möchte, und das schafft er nicht und dort kommt er nicht hin.

 
(…)

Wenn man ihn zum Lungenarzt bringt, stellt dieser nur fest, dass die Funktion der Lunge nicht gestört ist und völlig intakt ist. Es ist also rein ein Ausdruck auf körperlicher Ebene.

 

Hyperventilation, Symptome:
Es wird einem schwindlig, leichte Gleichgewichtsstörungen, Schwindel und Zittern – je mehr der Patient drüber redet, desto mehr zittert er.

Es können sich dabei alle Muskeln verkrampfen, auch einseitig: links, der linke Arm, es zieht sich runter – das sind die Symptome eines Herzinfarkts! Der Herzinfarkt-Patient wird still, aber unser Patient wird dann laut.

Er hat kalte Hände und kalte Füße: ein paar Symptome, die er absolut überbewertet. Wärmt man die Füße am Ofen und sind sie wieder warm, ist alles wieder ok. Nach dem Anfall: Er geht aufs Klo, stellt fest, dass sein Urin ein wenig heller ist als sonst und kriegt gleich wieder einen Anfall, weil er meint, er ist vergiftet. Er hat alle Wischiwaschi-Symptome wie Wetterfühligkeit, Schwindel, er führt darüber auch Listen. Häufig hat der Patient auch Phobien.

 

Bis hier war es nur die akute Form, die ist nicht schlimm – aber jetzt kommt es zum

 


 


 


Chronischen Hyperventilation-Syndrom


 

Es sind ältere Patienten, so um die 60. Sie sind etwas gesetzter. Der Elektrolythaushalt ist nur leicht, aber dafür ständig gestört. Sie haben immer Schwindel, immer leichte Muskelschmerzen und Krämpfe, wechselnde Muskelschmerzen, Fibromyalgie, mal im Thorax, mal in den Fingern – wechselnd. Das sind alles so Befindlichkeitsstörungen. Es passt ihm was nicht, aber er will es halt nicht sehen. Solche Patienten kommen auch gern zu zweit in die Praxis. Es sind hauptsächlich Frauen. So lang der Patient sein Hyperventilations-Syndrom hat, braucht er die Angst nicht empfinden, die dahinter steckt. Er meint, er fühlt sich wohl. Er merkt es nicht, was los ist. Es ist eine Flucht vor der Realität.

Es sind unbewusste Ambivalenzen. Es wird auch gern als Strafe für irgendwas gesehen, was man gar nicht denken darf. Es treten ja auch Schmerzen auf – das ist Selbstbestrafung. Wenn die Frau ihr Hyperventilations-Syndrom hat und der Mann sie daraufhin pflegt, dann kann sie sich ja nicht, wie sie eigentlich wollte, denken: "Der Arsch geht mir seit 20 Jahren auf den Sack! Oh wie gern hätt ich ihn los!" Den Gedanken verschluckt sie und es kommt stattdessen zum Hyperventilations-Syndrom.

Mit Zwerchfellatmung geht das Hyperventilations-Syndrom definitiv nicht. Die Patienten machen nur Brustatmung, atmen nur im Thoraxbereich. Atemtherapie ist daher ideal, man bringt ihnen Zwerchfellatmung bei.

Einen Anfall könnte man mit Zwerchfellatmung sofort abstellen, das geht aber nicht, weil der aufgeregte Patient vor lauter Panik nicht mitmacht, daher: Er soll in eine Tüte atmen! Er atmet das CO2, was zu viel raus geht, wieder ein und Elektrolyte pendeln sich wieder ein (4-5 Atemzüge reichen).

Die Heilpraktiker können dem Patienten auch eine Calciumspritze verpassen, eine schöne, lange – das bewirkt eine Wunderheilung! Bei akutem und auch bei chronischem Hyperventilations-Syndrom: Der Patient ist sofort davon befreit! ABER: die Angstneurose ist natürlich noch da. Auch mit einer Calciumspritze soll der Patient Zwerchfellatmung machen.

Was machen wir mit den Älteren? Wenn die schon als Paar kommen, muss man das Problem auch als Paar lösen: Atemgymnastik. Der Partner soll dafür sorgen, dass der Patient Zwerchfellatmung betreibt. Wenn dann einer mal 10 Minuten aufpasst wie der andere atmet, ist das enorm viel Zuwendung! Dabei findet der Patient meist Gelegenheit zu sagen, was ihm eigentlich nicht passt.

 

 

 

 

Asthma bronchiale

 

Man entwickelt es schon als Kind, mit 8, 9 oder 10 sogar schon mit 4. Je später es erstmals auftritt, desto besser ist die Prognose. Es nimmt sehr zu und gilt als Zivilisationskrankheit.

Der Patient hat nicht nur subjektiv das Gefühl, keine Luft zu kriegen – er kriegt wirklich keine Luft mehr. Das ist das Leitsymptom: lebensbedrohliche Atemnot.

Dahinter steckt eine tiefere, gesteigerte Angst, wesentlich mehr und gefährlicher, wesentlich ernster. Daran kann man sterben. Beim Asthmaanfall ist der ganze Patient total verspannt. Er bringt seine ganze, psychische Kraft in seinen Körper. Zwerchfellatmung kann man vergessen. Der Patient ist kein cooler Typ, er ist total verspannt.

Der Patient quietscht beim Ausatmen. Das hört man auch ohne Stethoskop. Bei Röntgenaufnahme sieht man: Zwerchfell und Thorax sind in Einatmungsstellung, die ganze Lunge ist total überbläht.

Dekker und Grön
haben um 1900 festgestellt: einen Asthmaanfall kann man üben! Die Muskeln im Thorax müssen extrem angespannt sein, es knatscht die Trachaea zusammen. Deswegen kommt es zu dem Quietschgeräusch, weil die Trachaea locker wird. Es kommt also von außen: die Muskulatur! Diese ist ichnah, also kommt es vom Kopf her. Beim Asthmaanfall ist der Druck auch in der Speiseröhre sehr hoch.

Der Asthma-Patient (…) empfindet auch, dass er einen Druck im Thorax hat. Mit Entspannungsübungen kriegt man den Anfall wirklich weg.

Unterm Strich ist Asthma ein Spiel, aber mit einem extrem hohen Einsatz.

Der Patient hat echt das Gefühl, der Lufthahn ist abgedreht. Klar hat er Angst vor dem nächsten Anfall. Es kommt zu Erstickungsängsten bei jedem Anfall.

Da die Patienten uncool sind, ärgern sie sich. Ein Asthma-Anfall ist für sie eine Form von Schwäche. Der Patient ärgert sich darüber und verspannt sich noch mehr. Es ist viel Selbsthass vorhanden. Er ist gereizt. Er hasst seine eigenen Schwäche, sich selbst und natürlich auch die anderen. Was schmerzhaft ist, ist der Ärger, der Hass und die Wut außenrum die emotionalen Begleitumstände.

 

 

Weitere Symptome von Asthma:

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nervöse Ängstlichkeit
: Der Patient will nicht allein sein. Er ist dabei nicht nett, hat eine Anklammerungstendenz.

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Atembeschwerden, Erstickungsgefühle, Pfeifen und Brummen
(es gibt aber auch Patienten ohne diese Anfälle!)

·      


Gereiztheit
, der Patient ist stocksauer während des Anfalls und richtig bösartig.

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leichte Hyperventilation. Er hat keine wirklich ganz saubere Atmung.
Die Hyperventilation führt zu Schwindel, Migräne, etc.

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ständige Müdigkeit. Der Patient hat einen Schlafmangel, weil er so viel macht. Er hat keine Kraft, was zu ändern, weil er seine ganze Kraft ins Asthma steckt.

Diese 5 Punkte sind bei jedem Patienten anders verteilt. Die Wertigkeit schwankt. Der Patient ist sehr korrekt und unflexibel.

 

 

 

Psychosoziales

 

Einen Asthmatiker erkennt man sehr leicht. Er ist furchtbar unzufrieden und hat immer was zu meckern. Er ist richtig bösartig. Er fragt ständig: "Was machen Sie denn da? Warum machen Sie das? Ich hab gelesen, dass das falsch ist …" Er hat einen riesigen Widerstand.

Kinder: Sie machen gründlich ihre Hausaufgaben und halten sich streng an die Regeln.

Bei der Asthmabehandlung ist der Patient das Problem. Er macht nicht mit. Wenn er merkt, dass Besserung da ist, wird er alles tun, dass er wieder einen Anfall kriegt. Der Patient hat als Krankheitsgewinn: "An mir beißen sich alle Therapeuten die Zähne aus, ich bin stärker." Eine Chance dagegen: Mehrere Therapien wechselnd anwenden, so dass er sich nicht vorbereiten kann, um es zu boykottieren.

Asthma ist die Unzufriedenheit mit sich selbst und der Protest dagegen. Der Patient wäre halt gern perfekt. Er bricht dann die Therapie ab, wenn er das Gefühl hat, er hat gegen den Therapeuten gewonnen.

Die Ursache ist Angst. 2 Möglichkeiten gibt es, mit Angst umzugehen:

1. um Hilfe ansuchen. Aber da müsste man Vertrauen haben, und das hat er zu niemanden. Das ist die asthmatische Geisteshaltung. Er sucht schon Hilfe, aber er nimmt sie nicht an.

2. Die 2. Methode mit Angst umzugehen ist, sie zu verdrängen.

Grundlage:
Mutter ist das Wichtigste. Die Mutterbeziehung ist extrem konflikthaft. Sie besteht in einer Anklammerungstendenz + Ablehnung. Es ist der Schrei des Babys nach der Mutter und der Versuch, sich just dagegen zu wehren. In der späten oralen Phase (8., 9. Monat) geschieht ein Bindungsverlust:

·      


Das Urvertrauen war zwar in den ersten paar Monaten da, aber dann nicht mehr.

·      


Weil man Mutter hasst, hasst man sich selbst auch … und alle anderen.

Es sind orale, triebhafte Impulse:

 
"Ich will was!"

"Ja, was denn?"

"Frag doch nicht so blöd!"

"Wenn es nicht sofort da ist, dann mach ich es kaputt!"

Wenn ich es nicht haben kann, dann mach ich es kaputt, dann kann es keiner mehr haben! Ha! Die Zerstörungswut ist ein Schaden an sich selbst: Ich kann es nicht leiden, ich mach es kaputt.

Psychosexuelle Entwicklung:
Die orale Phase ist wirklich nicht abgeschlossen. Es ist eine Fixierung in der oralen Phase. Bisher war es nur immer eine Regression: Nur unter Stress oder Belastungssituationen reagierte der Patient wie ein Kind. Aber der Asthmatiker ist immer so, er ist beleidigt und macht alles kaputt.

Er möchte irgendwas (was das ist, weiß er selber nicht), aber das kriegt er ja sowieso nicht, also macht er alles kaputt. Das Es ist saustark, er ist sehr triebstark, hat extrem viel Hass gegen alles, auch gegen Dinge. Er ist stinksauer, verzweifelt und gleichzeitig abwehrend. Er läuft rum mit einem großen Schild: NEIN!

In der analen Phase lernt man den Umgang mit den sadistischen Impulsen, mit Machtimpulsen. Der Asthmatiker hatte keine anale Phase, er steckt ja noch in der oralen. Die anderen Themen sind zwar da, aber er kann sie nicht verarbeiten. Vor den analen Machtsachen hat er Angst! Er baut Schutzwälle auf. "Was kann ich ändern, was darf ich ändern?" Damit konnte er sich nie auseinandersetzen, das sperrt er weg, verdrängt es. Weil das soziale Sachen sind, hat er einen Hass gegen Menschen. Er ist allergisch gegen menschliche Kontakte. Menschen sind dreckig, unperfekt, nicht korrekt … aber er möchte schon ihre Nähe. Der Übergang zwischen der oralen und der analen Phase ist extrem gestört.

In der analen Phase fängt auch das Über-Ich an. Normal wird das nie so extrem, aber beim Asthmatiker ist das alles unendlich. Er hat ein ganz extremes Über-Ich. "Ich muss alles tun, was die Eltern sagen". Überzogene Reinlichkeitsvorstellungen der Eltern werden verinnerlicht.

"Die Eltern (und die Personen, die sie später mal repräsentieren) sind ja doch nicht für mich da, daher sind sie abzulehnen und deswegen bin ich grätzig. Die erwarten ja so viel, das kann ich eh nicht bringen. Die sind alle übermächtig, alle wollen immer was von mir, drum bin ich stinksauer."

Der Patient hat auch das Gefühl, die Eltern sind Götter und mit denen kann er sich noch identifizieren (Identifikation mit der Mutter in den ersten 6 Monaten), also "bin ich auch so toll. Ich bin sowieso besser als andere". Das ist noch der orale Allmachtswahn.

 

 

 

Die Rolle des Asthma-Sprays

 

Der Medikamentenverbrauch ist ein Maß für die subjektive Angst. Wenn man das inhaliert, tut sich beim Gesunden gar nix. Das Asthma-Spray braucht der Patient nur zum dranfesthalten. Wer viele Ängste hat, hat auch viel Spray. Nur dem Patient das Spray nicht wegnehmen! Darum sind die Sprays sauwichtig. Sie sind sein Schnuller, sein Mutterersatz. Daher auch nie über das Asthma-Spray diskutieren.

Dekker und Grön haben mit Hypnose gearbeitet. Die Psyche braucht das Gefühl: ich bin nicht alleine.

 

 

 

Therapie

 

Der Patient entdeckt im Therapeuten Anteile des Über-Ichs, d. h. der Therapeut hat eine Elternrolle und damit muss sich der Patient wehren. Aber nicht aggressiv und offen, nur unterschwellig. In Gegenwart eines Fremden kann sich der Patient auch nicht entspannen. Der Asthmatiker provoziert den Therapeuten derart, bis er rausfliegt. Dann muss der Patient nicht sagen: "Ich bin schuld.", sondern der böse Therapeut hat ihn rausgeschmissen. Er bräuchte eine Art von Hilfe, die entgegengesetzt ist. Er braucht jemanden, der nett ist, aber auch sehr bestimmt.

Nicht zu direkt an den Patienten herantreten. Er soll frei assoziieren. Er soll seine Therapie selbst gestalten.

Therapeut: "Wollen wir xyz als Therapie machen?"

Patient: "Nein!"

Therapeut: "Ja, gut, dann machen wir das nicht."

Das nächste Mal kommt der Patient tatsächlich wieder zur Therapie, weil er sich die ganze Zeit geärgert hat, dass xyz jetzt tatsächlich nicht gemacht wurde.

Der Therapeut fragt wieder: "Wollen wir xyz als Therapie machen?"

Der Patient sagt wieder: "Nein."

Nach ein paar Mal sagt der Patient dann endlich: "Also gut, aber wenn es nicht klappt, dann sind Sie
schuld!"

Therapeut: "Oh weh, nein, dann machen wir es lieber nicht!"

Der Patient darf auf jeden Fall keine Chance haben, die Verantwortung auf den Therapeuten abzuschieben.

Wo ist der Patient unehrlich gegen sich selbst, wo lügt er sich selbst an?

Zeitaufwand Minimum: 1 Jahr, bis er da weiter kommt.

 

Therapien:

Atemtherapie, autogenes Training.

Wenn ein Mensch singt, dann entspannt er den Thorax-Bereich und das hilft gegen einen Asthmaanfall. Singen entspannt die Lungen.

Familientherapie löst starke, lange Asthma-Anfälle aus, weil es den Patienten leicht überfordert. Man muss dazu den Patienten fragen und wenn er sagt, er will das, dann ist das ok.

Katatymes Bilderleben ist auch ok.

 

 

 

 

 

 

Mütter der Asthma-Patienten

 

Die Mütter sind genauso drauf: ordentlich, sauber, die Küche ist wie geleckt, im Kühlschrank ist alles sortiert und es liegt da auch keine Wurst und Käse aufeinander. Die Mütter haben selbst oft nur Vorstufen von Asthma, nämlich Allergien. Beim Asthma-Anfall wird die Mutter mit der Umwelt gleich gesetzt. "Die Umwelt will was von mir, was ich eh nicht schaffe. Alles ist übermächtig und erdrückt mich. Ich habe auch ein Recht zu atmen, aber von außen kommt der Druck 'du darfst nicht!'" – so kommt es zum Asthma-Anfall. "Menschen, Mutter, ich weiß nicht, was die schon wieder alles von mir wollen!"

Der Asthmatiker riecht im Allgemeinen schlechter als andere Menschen, aber Menschliches riecht er umso feiner, besonders Schweiß oder sogar Urin, igitt.

In der Pubertät kommt es vor, dass die Mutter behandelt wird und das Kind gesund wird – die Problematik kommt echt aus dem System.

Es ist eine Ambivalenz zwischen Gefühl und Abwehr. Der Patient ist eigentlich ganz sinnlich.

 

 

 

Status Asthmaticus

 

Der Patient muss beatmet werden, der Anfall wird schulmedizinisch unterbrochen. Es besteht Todesgefahr. Der Patient kommt nicht mehr raus aus dem Anfall – er stirbt. Es ist Selbstmord durch Asthma. Das machen die wenigsten, aber es kommt echt vor.

 

 

 

 

Jean Cocteau hat in seinem Werk Opium einen ähnlichen Fall geschildert. Sein Freund Marcel Proust habe einen ebenfalls auffällig selbstquälerischen Charakter besessen:

 

Der begüterte Proust lebte eingeschlossen in seiner Welt, er konnte sich den Luxus leisten, krank zu sein, er war faktisch krank aus Möglichkeit, krank zu sein; nervöses Asthma, ethisch in der Form einer phantasievollen Hygiene, die schließlich wirklich zur Krankheit führte und zum Tod.

 

Dass der eigene (wenn auch meist unbewusste) Einfluss auf die Atmung stärker ist als gemeinhin angenommen, zeigt sich insbesondere in der Beobachtung der Atmungsweise von Sterbenden, die zumeist stark von der Normalatmung abweicht. An der Schwelle zum Tod atmen Menschen eintöniger, gleichmäßiger, maschinenhafter, es fehlen die sonst deutlichen Schwankungen im Atemrhythmus des Gesunden. Für Sterbeforscher ist die mechanische Atmung ein wichtiges Indiz, um den Todeszeitpunkt zu prognostizieren.

Was man wie folgt interpretieren könnte: Ohne Geisttätigkeit vollzieht sich die Atmung nun ausschließlich auf ihre grundsätzliche Weise (vermutlich ähnlich der Atmung eines Schlafenden).

Gemäß diesem Deutungsmodell würde bereits ein Träumender, der Freude oder Furcht verspürt, eine andere Atmungsweise beginnen, die dann wiederum auf seine Trauminhalte zurückwirkt.

 

Auch Rafa hat auf Feedbackwirkungen dieser Art hingewiesen, ich interpretiere ihre Notizen kontextbezogen wie folgt: Dass bei manchen Menschen problematische psychische Programmierungen vorliegen können, die ein Verhalten bewirken, das dem physischen Wohlbefinden kontraproduktiv ist; Rafa verweist hierbei insbesondere auf frühkindliche Prägungen als mögliche Ursache.

Durch die Konfrontation eines Atemgestörten mit den etwaigen psychischen Leitmotiven der Krankheit kann ein Prozess angestoßen werden, in dessen Folge der Leidende sich hilfreiche Alternativen erschließt, um neue Wege beschreiten zu können.

Ob es möglich wäre, eine gesamte Gesellschaft von ihren Atemstörungen zu heilen, darf bezweifelt werden. Weder Psychotherapie noch Atemschule werden allen nichtphysischen Atembeschwerden abhelfen können – weil die psychischen Zustände einzelner Individuen letztendlich ein gruppenimmanentes Phänomen darstellen: Sie übernehmen die Rolle des Losers oder Sündenbocks oder Opfers. Selbiger Loser wird eine Loseratmung pflegen, wiewohl weniger aus selbstquälerisch-masochistischer Absicht denn aus der Natur der Rolle heraus, die er einnehmen muss: Und würde er sich durch positive Denkweise und Atemschule tatsächlich aus diesem Jammerjoch befreien können, dann würde sich vermutlich sein Glücklichsein auf die anderen – die Gruppe insgesamt – negativ auswirken: Sein Glück würde andere ins Unglück stürzen. Es sei denn, man bestreitet, dass in der Gesellschaft die große Bilanz immer ausgeglichen sein muss: Es gibt genausoviel Glück wie Unglück. Und ein Lebewesen, das mehr Glück hat, hat es auf Kosten des Unglücks der anderen. Wie im monetären Segment: Der Reichtum einiger weniger korrespondiert mit der Armut der übrigen.

 

An dieser Stelle wäre eine präzisere Ausdeutung des Begriffs Loser oder gar psychischer Loser von großem Wert. Insbesondere in der Jugendkultur hat der Begriff des Opfers einen zynischen Touch bekommen. Anders als bisher ist das Opfer nun offenbar selbst schuld – weil es psychisch nicht stark genug ist. Woher stammt diese Schwäche?

Eine Erklärung wäre: In der Sozialisation des Schwachen gab es Faktoren, die sein Losertum anlegten: Er war der Schuldige in den Augen z. B. seiner Erzieher, war Schuld an deren Unglück. Die Annahme, dass auch ein an sich gesunder Körper durch negative Programmierung in die Hyperzyklen der Psychosomatik gelangen kann, die dann seine Gesundheit tatsächlich angreifen, lässt sich durch ein naheliegendes Argument stützen: Weil Angst den Körper lähmt und dadurch den Aktionsradius einengt, was zur Folge hat, dass auch die Physis geschwächt wird – und der Teufelskreis des Negativen nimmt seinen Lauf.

Ist ein solches Opfer erst einmal derartig verunsichert, wird es auch künftig immer seinen Opferstatus beibehalten, da es nicht anders programmiert wurde und ihm die Verhaltensalternativen fehlen: Angefangen bei den Eltern oder Großeltern, die sich eventuell sogar durch Kindesmissbrauch an ihm vergehen, anschließend von den Lehrern, denen es sich als Opfer durch opfermäßiges Verhalten geradezu anbietet; dann auch von den Mitschülern gequält, denen es sich für sadistische Experimente gleichsam zur Verfügung stellt – weshalb man kein großes Prognosetalent benötigt, um zu prophezeien, dass dieses professionelle Opfer später vermutlich eine Ehe mit einem sadistisch oder zumindest ignorant veranlagten Partner favorisieren wird. Viele Opferkarrieren enden konsequenterweise in der Rolle eines Psychosomatikers, die so lange ausgefüllt wird, bis der Körper soweit geschwächt ist, dass ein tatsächliches Leiden an die Stelle des paradox-erhofften Leidens tritt: Das Opfer hat sein pervers-trauriges Ziel erreicht.

Den Einzelfall hingegen determiniert diese Überlegung keineswegs. Der Einzelne kann sich mit den Methoden der Psychoheilkunst sowie beispielsweise dem Besuch einer Atemschule wieder aus dem Opferjoch befreien oder seine Beschwerden nachhaltig lindern. Gesamtgesellschaftlich jedoch scheint das Auftreten von Opfern kaum vermeidbar, da jedwede Gesellschaft bis auf den heutigen Tag immer Randgruppen erzeugt hat – ja vermutlich erzeugen musste! Eine uniforme, völlig auf Gleichförmigkeit und Chancengleichheit aufbauende Gesellschaft würde vermutlich an ihrer Dekadenz zugrundegehen: Wird der Wettbewerb ausgesetzt, wird auch der evolutionäre Fortschritt gestoppt.

 

Auch Raucher bilden heute eine neue Randgruppe, nachdem es der Gesellschaft nach einem Jahrhundert der kollektiven Tabakvergiftung gelungen ist, sich von dem Laster zu distanzieren und es zu diskreditieren – wobei in der Phase der gesamtgesellschaftlichen Entwöhnung auch auf Diffamierung und Stigmatisierung nicht verzichtet werden kann. Aktuell wird der Raucher gleichfalls als Loser deklariert. Unlängst kam man in einem aktuellen Forschungsbericht über das Thema Rauchen und Selbstmord zu dem Ergebnis, dass Raucher eine erhöhte Selbstmordrate aufweisen (wobei das Rauchen selbstverständlich auch als Selbstmord-auf-Raten bezeichnet werden kann).

Der Raucher (dieser Studie zufolge) sowie der Asthmatiker (Rafas Ansichten zufolge) sind somit beide latent destruktive Naturen. Und auch folgende Parallele zwischen beiden Gruppen ist augenfällig: Dem Asthmatiker wird während eines Anfalls nicht nur die Tütenatmung empfohlen, die vermutlich in nicht allzu ferner Zeit durch ein CO2-Spray oder Ähnliches ersetzt werden wird. Man schult ihn überdies in der Technik der Lippenbremse. Hierbei soll der Asthmatiker die Luft durch den Mund abatmen, und zwar durch einen möglichst dünnen Schlitz, damit die Ausatmungszeit merklich verlängert wird … und diese Lippenbremse wiederum erinnert an was? An die Raucheratmung! Wie die Raucheratmung sorgt die Lippenbremse via verlangsamter Atmung für körperliche Entspannung, weil diese Atemtechnik auf die Muskulatur relaxierend wirkt – und damit schlussendlich auch auf die beim Asthmatiker überspannte Atemmuskulatur!

 

Ich möchte noch ein letztes Mal auf die Psyche des Rauchers zurückkommen: Die meisten Raucher würden sich als Stressraucher bezeichnen – sie rauchen, weil ihnen die Zigarette das Gefühl vermittelt, Stress abbauen zu können. In Wirklichkeit allerdings atmen sie nur mit der Stressatmung bzw. leben in einer permanenten Selbstüberforderung. Auch sie erfüllen ein Opferprofil, allerdings eines, das seinen Deal mit einer Sucht gemacht hat, die hilft, die Beschwerden zu lindern. Der Preis (Raucherlunge etc.) ist zwar hoch, doch die Linderung ist nicht zu unterschätzten.

Wenn man bedenkt, welche positive Wirkung die Raucheratmung auf die Raucher hat, kann man ermessen, wie wirkungsvoll und effektiv eine Atemschule sein kann – für jedermann!

Aus eigener Beobachtung heraus kann ich sagen: Nach meiner Karriere als Zigarettenraucher (vom 20ten zum 27ten Lebensjahr) begann kurz nach der Tabakentwöhnung die ebenfalls wenig erbauliche Karriere als Hyperventilierer mit gelegentlichen pseudoasthmatischen Anfällen, ich bekam sporadisch Atemnot. Im Nachhinein ist es verblüffend, dass genau in der Zeit der Zigarettenentwöhnung die Atemstörungen begannen.

In jener Zeit machte ich notgedrungen viele Atemexperimente, lernte, verschiedene Atem-Gangarten einzuschlagen. Mit der einen war es möglich, binnen einem Dutzend Atemzüge die Magendurchblutung dermaßen zu aktivieren, dass sich Magenknurren und Hungergefühl zeigten. Eine andere Atmung erlaubte mir, binnen zwanzig Atemzügen kalte Füße oder kalte Hände spürbar warm zu atmen, oder umgekehrt kalt zu atmen. Unter Anwendung dieser Atemtechnik ist es möglich, im Winter ohne Handschuhe bei Minusgraden auf Dauer warme Hände zu behalten – und wer kennt das nicht? Dass er verliebt ist und zum Date mit dem/der Geliebten/m eilt und dermaßen erhitzt ist von innen, dass er nichts von dem kalten Winterwetter spürt, ja im Gegenteil noch meint zu schwitzen?

Glück und positive Erwartung können den Körper ebensosehr aufheizen und das Blut prickelnd machen wie Sekt – es ist also nicht nur die ruhige und bewusste Atmung allei, die diese angenehme Wirkung hervorrufen kann; der grundlegende Unterschied ist die Unbewusstheit der besseren Atemgewohnheiten, wenn man glücklich oder erwartungsfroh ist.

 

Andere Gefühlszustände erreichen Sie auch in anderen ungewöhnlichen Augenblicken. Denken Sie an eine starke Niesattacke. Wenn Sie wie ich als Heuschnupfler einmal eine Serie von 20 Niesern in einer partout nicht endenden Salve abgefeuert haben, werden auch Sie einen leichten Schwindel erleben. Das hat nichts mit der Nase zu tun, dem Nieskitzel, es ist ausschließlich die veränderte Atmung, die sie schwindlig macht.

Oder denken Sie an intensive Lachanfälle: Wenn Sie sich eine Minute lang vor Lachen geradezu wegschmeißen, werden Sie ebenfalls ungewohnte Bewusstseinsmomente erleben: Warum? Weil Sie so begeistert sind von dem Witz? Nicht nur. Sie atmen beim Lachen anders (wiewohl man Lachen nicht generell als Lachen bezeichnen kann, es gibt vermutlich so viele Lachtechniken bzw. Lachgewohnheiten, wie es Menschen gibt): Sie lachen sich schwindlig!

Oder auch beim Weinen: Bei Heulkrämpfen differiert ihre Atmung erneut von der üblichen Ruheatmung – ein Forschungsgebiet, auf dem noch viele spannende Entdeckungen auf uns warten …

 

An dieser Stelle frage ich mich erneut – und deutlicher dennje: Was fangen Sie nun mit all den Informationen an? Was, wenn Sie selbst mit Atemstörungen zu kämpfen haben? Ist das, was ich Ihnen vorgelegt habe, wirklich hilfreich?

Manche Therapeuten sind der Meinung, es sei für den Patienten von Nachteil, wenn er sich bewusst mit der eigenen Atmung auseinandersetzt: Das bewusste Atmen könne seine Probleme noch verstärken.

Ein Skeptizismus, der in die gleiche Kerbe schlägt wie der folgende Blondinenwitz:

 

Eine Blondine geht zum Frisör.

Der Frisör:
Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen die Haare schneide, müssen Sie aber den Kopfhörer abnehmen!

Die Blondine:
Nee, das geht nicht.

Frisör:
Aber wie soll ich Ihnen sonst die Haare schneiden?! Also nehmen sie das Ding ab!

Blondine:
Nee, das darf ich aber nicht!!

Der Frisör wird wütend und reißt ihn herunter. Nach ein paar Sekunden fällt die Blondine vom Stuhl und ist tot. Der Frisör nimmt den Kopfhörer und setzt ihn sich auf: "Einatmen – Ausatmen – Einatmen – Ausatmen …"

 

Ich bin da anderer Meinung. Wenn der Geist ein Ziel verfolgt, dann das Folgende: Zu lernen. Er will die Prozesse, die im Körper stattfinden, kontrollieren und koordinieren lernen. Will besser werden und effektiver.

Seine Atmung ist in einen komplexen Hyperzyklus eingebunden. Sie besser verstehen zu lernen, ist für Jedermann von Vorteil. Und einen großen Teil dieses Verständnisses bezieht man nur aus dem Experiment.

 

Und beziehen Sie bitte auch das Folgende in ihre Überlegungen mit ein: In den Stammeskulturen der sogenannten Naturvölker galten die heutigen Irren oftmals als heilig und weise, sie genossen große Macht und Ansehen. Noch heute können sie in vergleichbaren Kulturen Schamanen bei ihrer Arbeit beobachten – sie werden sehr oft auf folgende Elemente stoßen: Die Schamanen arbeiten sehr gerne mit Dämpfen, die sie inhalieren, um in Trance zu geraten (wie etwa die Pythia von Delphi). Und sie hyperventilieren! Manche überatmen durchgängig in der Trance – und nehmen in diesen Zuständen Kontakt zu der anderen Welt auf.

In unserem Verständnis sind derlei Praktiken okkultistisch, das atheistische Weltbild lehrt keine andere Welt außerhalb der Welt in unserem Gehirn. Der Hyperventilierer, der Gesichte hat, ist demnach nur eine Art Träumer, der ausschließlich etwas aus sich selbst herausholt; er hat keinen Kontakt zu einer übersinnlichen Überwelt. Er bezieht keine Informationen aus einer Überwirklichkeit, sondern schöpft alles ausschließlich aus seinem Unterbewusstsein.

 

Heute ist diese Art der Trance oft negativ besetzt: Weil sie uns vielen Fällen gewissermaßen aus Versehen unterläuft und den Betrancten in große Verzweiflung versetzt – er meint, nicht mehr richtig zu ticken. Wenn Sie aber dem Schamanen zusehen, wie er in Trance im Kreis herumläuft und sich tote, frisch geschlachtete Tiere ins Gesicht drückt – können sie ihn durchaus mit den Menschen in unseren westlichen Kulturen vergleichen, die verwirrt durch die Fußgängerzone staksen und seltsame Worte hervorstoßen oder brabbeln.

Lediglich die Wertigkeiten haben sich verschoben, so dass die Störer der öffentlichen Ordnung heute schnell in psychiatrische Anstalten verbannt werden. Wir suchen keine Mittler mehr zwischen der spirituellen und der profanen Welt.

 

Wie also Heilung, Selbstheilung erlangen?

Der Geist sucht immer die beste Lösung. Allerdings sind manche Situationen knifflig, manche Hyperzyklen sehr komplex und machen mitunter eine sinnige Lösung zum Versuch des Unmöglichen. Aus fehlender Kenntnis der Situation bzw. einem Mangel an Information entsteht deswegen oft ein Zustand zwischen Hoffen und Bangen.

 

Einen vergleichsweise einfachen und dennoch aufschlussreichen Hyperzyklus erlebte ich letzte Nacht: Wohl hatte ich mich beim Tanzen des stets sportiven italienischen Tarantella-Volkstanzes ein wenig überanstrengt. Meine Kondition nach einem Jahr der Tanzabstinenz überschätzend, habe ich mich hinreißen lassen, meinen Körper zu verausgaben – mit dem Resultat, dass sich später im Bett liegend kurz vor dem Einschlafen in meinen Waden Krämpfe bemerkbar machten, die heftige Schmerzen hervorriefen, die ich in ähnlicher Form nicht in meinen Extremitäten gespürt hatte.

Ich setzte mich auf und versuchte mittels Gegenstrecken die Muskeln zu entkrampfen. Versuchte mein Glück mit Massage, was geringfügig Linderung brachte. Aber auch meine innere Aufregung und anschwellende Angst (was wird sein, wenn es immer schlimmer wird? Was, wenn die Krämpfe den ganzen Körper erfassen? Usw.) sorgte dafür, dass meine Atmung sich veränderte. Es war nicht mehr die Atmung eines Einschlafenden, sondern die eines hellwachen, tagaktiven Menschen. Und eben dieses Wachsein war das beste Seditativ für meine Wadenmuskulatur! Die Schmerzen hörten auf.

Ich legte mich erneut schlafen, und erneut, als ich kurz vor dem Einschlafen war und meine Atmung sich in den Ruhemodus begab, bekam ich heftige Krämpfe, die sich nur stoppen ließen, indem ich mich aufsetzte, gegenstreckte und die aktive Wachatmung praktizierte. Nach mehreren Einschlafversuchen dieser Art wurde mir der Zusammenhang mit den Atemgasen im Blut klar. Was tun? Wach bleiben? Ich konnte doch nicht die ganze Nacht durchwachen? Dann würde ich am nächsten Tag völlig zerschlagen sein … aber sobald ich einschlafen wollte, bekam ich Krämpfe.

Ich hatte mich offensichtlich in eine Zwickmühle navigiert: Entweder litt ich an Schlaflosigkeit, was aber bei der vorhandenen Müdigkeit selbst schon paradox war; wenn ich hingegen einschlafen wollte, wurde ich schnell von den Schmerzen geweckt … stellen Sie sich nun diese Situation einmal über ein paar Tage anhaltend vor (bei mir trat glücklicherweise in den frühen Morgenstunden eine Entspannung der Muskulatur ein), dann haben sie ein paar Tage Schlaflosigkeit … und in der Schlaflosigkeit werden Sie womöglich anfangen, weitere Ängste auszubilden in dem Stile: Es wird nie mehr besser, bald wird auch mein Herz zu spinnen anfangen etc., kurzum, Sie können an diesem Beispiel erkennen, wie ein einfacher somatischer Hyperzyklus funktioniert und wie hilflos in solch einer Situation der Geist ist, da er zwar das zugrundeliegende Schema erkennen kann, aber eine sinnvolle Lösung nicht immer parat halten kann. Einige dieser Eskalations-Hyperzyklen führen geradezu zwangsläufig in die Katastrophe.

In der Medizin verwendet man hierfür den Begriff circulus vitiosus, verwendet ihn für einen pathophysiologischen Prozess, bei dem sich zwei (oder mehr) gestörte Körperfunktionen im Sinne einer positiven Rückkoppelung wechselseitig beeinflussen und die Erkrankung dadurch aufrechterhalten oder beständig verstärken.

 

 

 

 

 

 

Conclusio:

 

Wie sieht es nun aus? Ist Gedankenkontrolle, Gedankendomestikation möglich?

Im Sinne der Therapie von psychosomatischen Beschwerden erscheint es sinnvoll, den Fokus auf den Mentalinhalt zu richten. Das heute fast sprichwörtlich gewordene positive thinking Dale Carnegies als psychologisches Allheilmittel wird zwar gemeinhin belächelt – meint aber dasselbe wie diese Form der positiven Gedankenkontrolle.

Wenngleich ein Faktor nicht missachtet werden darf: Es gibt Angstszenarien, die man nicht mittels positiver Gedanken rosarot malen sollte. Angst hat eine Funktion, verlangt oftmals zu Recht, dass man sich ihr stellt, sofern man im Sinne von Überleben denkt und nicht nur von Erleben; Erleben um jeden Preis, also auch den Preis des Lebens.

Ein Lebewesen ohne Angst, eines mit heroischer Natur also, kann leicht zum Draufgänger werden; irgendwann ist die Grenze nicht nur erreicht, sondern überschritten. Der professionelle Grenzgänger muss Acht geben, um nicht in einem Moment der Misskonzentration in den Abgrund abzurutschen.

Ein permanent positiv denkender Mensch ist nicht vor Unglück gefeit; er mag mitunter öfter als andere Menschen ins Unglück laufen. Die Crux an diesem positiven Mensch ist jedoch folgende: Dass er auch das negative Erlebnis als positiv empfinden kann. Oder wie Miguel de Unamuno trefflich beobachtet hat:

 

Ja, in den Ereignissen und Wechselfällen des Schicksals sucht der Mensch nichts anders als Nahrung für die ihm angeborene Trauer oder Fröhlichkeit. Ein und dasselbe Ereignis erscheint und traurig oder fröhlich, je nach unserer angeborenen Veranlagung.

 

Im Sinne der Idealen Welten muss Gedankenkontrolle allerdings eine Schimäre bleiben. Entweder sind die Gedanken (und mit ihnen auch alle daraus resultierenden Handlungen) schon vorgezeichnet, wie der Diener Jacques es in Diderots Buch Jacques der Fatalist und sein Herr auf den Punkt gebracht hat:

 

Wie war ihr Name? Was liegt Ihnen dran? Woher kamen sie? Aus dem nächsten Ort. Wohin ging ihre Reise? Weiß man je, wohin man geht? Was sagten sie? Der Herr sagte nichts, und Jacques sagte, sein Hauptmann habe immer gesagt, alles, was uns hinieden an Gutem und Bösem zustoße, stehe da oben geschrieben.

 

Oder, wenn es kein göttliches Buch gibt, das unser Handeln als auch unser Denken determiniert – dann sind selbige Gedanken Zufallsprozesse. Genauso, wie die Atemfrequenzen und Atemrhythmen dann lediglich Zufallsprozesse sind. In dieser zufälligen Welt wäre somit auch der Hyperzyklus von sich gegenseitig beeinflussenden Aspekten wie Atem, Herzschlag, Gedankentätigkeit eine Täuschung.

(Im Falle der determinierten Welt hingegen könnte der Hyperzyklus ein Gesetz darstellen, der diese fixe, programmierte Welt in eben dieser Weise generiert.)

 

 


 


 


Aggregat 05

Auf der Suche nach dem

Idealen Code.

Replikative Strukturen.

Und: Der Code des Geistes (Sprache).

 

 

 

 

 

 

 

 

Jede Epoche konstruiert ihr eigenes Weltbild – sie konstruiert es aus ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen (oder anderen Erfahrungswerten). Das gegenwärtige Zeitalter wird von der die menschliche Kultur invadierenden Computer- und Steuerungstechnologie technisch-technologisch dominiert, allen anderen Disziplinen voran gehen die Informatik und Kybernetik. Von zentraler Bedeutung sind Speicherprozesse und Speichermedien, welche die Grundlage bilden für die Organisation der Technikmoderne. Längst philosophieren auch die Salonlöwinnen und Salonlöwen eifrig über Programmcode und Kommunikation, Algorithmen und fraktale Strukturen (die ihrerseits mit Algorithmen, also Verfahrensanweisungen kreiert oderund iteriert werden).

In enger Nachbarschaft dieses Forschungsgebiets befindet sich das der Genetik bzw. der genetischen Replikation von Erbinformation, nur muss hier das Pferd gleichsam von hinten aufgezäumt werden: In der Genetik gilt es, die noch verschlüsselte Funktion des komplex verwendbaren Codes (innerhalb des Zellinneren) zu erforschen, während in der Computer- und Steuerungstechnik versucht wird, mit Hilfe von Programmen, die in Maschinensprache umgewandelt werden, einen sowohl hochkomplex als auch hochfunktionalen Code zu erzeugen.

(Beide Forschungsfelder bewegen sich folglich in einem produktiven Ergänzungsdiskurs aufeinander zu.)

 

Bei der Entwicklung der Betriebssysteme (etwa von Windows) hat sich gezeigt, dass diese Systeme einer ähnlichen pseudoevolutiven Entwicklung unterliegen wie die D-N-A:

Anstelle ein Problem an der Wurzel zu packen, wird sehr oft außenherum programmiert, die eigentlichen Fehler oder umständlichen Prozeduren werden nicht immer gefunden, ersetzt und dann gelöscht, es geht oftmals schneller, sie durch neue Programme zu überlagern und somit außer Kraft zu setzen, in ihrer Funktion zu deaktivieren (was dann landläufig gern Update genannt wird) – eine Methode, durch die das Betriebssystem immer mehr Umfang bekommt, vergleichbar der Erbinformation, die Schätzungen zufolge beim Menschen mindestens 90 Prozent Informationen enthält, die von einem professionellen Gen-Lektor herausgeschnitten werden könnten. Allerdings, wie im Fall des Betriebssystems, könnte solch ein Cutten auch unangenehme Folgen zeitigen: Denn nicht immer kann mit Sicherheit prognostiziert werden, ob sich die überflüssig gewordenen Genabschnitte in Wechselwirkung mit noch anderen Teilstrukturen des Betriebssystems befinden, weshalb das Cutten fatale Fehler bewirken kann, deren Herkunft sich dann womöglich nicht mehr eruieren lässt: Weshalb es leichter ist, das vermeintliche Relikt als integralen Bestandteil des evolvierenden Systems zu behalten, und eine Lösung über Umwege herbeiführt. Mit anderen Worten: Man agiert wie ein Architekt, der sein Haus ununterbrochen vergrößert und umbaut, weshalb nun, würde er bei seinen xten Umbaumaßnahmen bestimmte tragende Wände einreißen, zu befürchten stünde, dass es womöglich in sich zusammenfiele – weshalb der Baumeister lieber darauf verzichtet, jene überflüssig erscheinenden Wände zu entfernen und lieber außenherum weiterbaut.

 

Obschon die D-N-A, sofern man ihre Funktionsweise näher analysiert, nur schwerlich als Betriebssystem verstanden werden kann – dieser eigentlich hübsche Vergleich hinkt leider bei näherem Hinsehen auf vielen Füßen gleichzeitig: Der genetische Code, der in den Basenpaaren abgespeichert ist, ließe sich weit eher mit dem Computerspeicher vergleichen. Das Betriebssystem hingegen arbeitet völlig anders, entspräche im Inneren der Zelle weit eher den Organellen im Zellinneren, die beispielsweise zur rechten Zeit als Spindelapparat die Zellteilung unterstützen usw..

 

Die heutigen Genwissenschaftler erforschen die vielfältigen Steuertechniken innerhalb der Zelle, überprüfen, was passiert, wenn bestimmte Gene an- oder abgeschaltet werden. Man ist geneigt, ihrer Methodik ein plumpes Trial&Error-Verhalten zu unterstellen, aber selbst wenn eine Vielzahl von ihnen tatsächlich diesen naiven Ansatz (des plumpen Ausprobierens) verfolgen sollten, wie der Nobelpreis-Physiker Robert Laughlin nahezu dem gesamten Wissenschaftsbetrieb unterstellt, kann auch dank dieser Methode die Sachkenntnis auf einem Forschungsgebiet anwachsen.

Eines allerdings lässt sich kaum mehr bestreiten: Die einst heilige D-N-A verliert angesichts dieser Sachverhalte merklich an Macht und Ansehen, ihr glänzender Lack ist ab. Heute lässt sich die gute alte Watson-Crick-Doppelhelix nur noch mit großen Mühen als ein perfekt modellierter Kristall beschreiben, man hat sich angewöhnt, sie vielmehr als ein großer Speicher anzusehen, der an vielen Stellen zugemüllt ist mit überholten Informationen, von denen man nicht ausschließen kann, ob man auf sie eines Tages nicht doch noch einmal zurückgreifen muss, so dass viele Segmente entweder Fragmente sind oder aber Archive vergangener evolutiver Stufen.

(Obschon es auch reizvoll wäre, darüber zu spekulieren, ob die D-N-A eine Art Gedächtnis besitzt.)

Wenn nur 5 oder gar, wie manche Genetiker schätzen, 1 Prozent der D-N-A überhaupt von der Zelle verwendet wird und der Rest redundant ist, hätte man, um einen Vergleich zu wagen, ein Buch vor sich, in dem nur jede 20te oder 100te Seite vom Leser gelesen wird. Die D-N-A wäre somit eher ein Speicher, ein Lexikon, bzw. ein Archiv mit Kopiervorlagen.

Und das mag den notorischen Ketzer und Querdenker sogar zu der Behauptung hinreißen, dass die D-N-A so umfassend ist, dass eigentlich alle überhaupt möglichen genetischen Basenfolgen in ihr verzeichnet stehen, eine Ansammlung von Allemmöglichen also – vergleichbar mit dem berühmten Schreibmaschinen-Affen, der nach Milliarden Versuchen per Zufall auch einmal ein Shakespearsches Sonett zu Papier bringt. Angenommen, der Ketzer hätte zumindest ein bisschen Recht mit seiner Ketzerei, was ließe sich daraus schlussfolgern?

Ich plädiere hierfür: Dass die D-N-A nur eine Arbeitsgrundlage bildet, und dass es eine co-intelligente Struktur innerhalb der Zelle geben muss, die nach einem noch nicht erahntem Schema Gene aktiviert, Proteine herstellt, die Zellteilung in die Wege leitet. Bzw. ein intelligentes Verfahren, ein sinnvoller Prozess, bei dem beide Teilsysteme wie zwei Zahnräder ineinandergreifen.

 

Die Zellorganelle hat man ursprünglich als Protoplasma bezeichnet, heute verwendet man gerne den Begriff Zytoplasma als Oberbegriff für diese Strukturen, oder man geht ins Detail und betrachtet die einzelnen Organellen mit ihren Funktionen innerhalb der Zelle en détail: Als Unterorgane, die mit Membranen abgegrenzt sind, in denen sich folglich separate Teilprozesse abspielen; denn auch sie betreiben Stoffwechsel in nucleo.

In diesem gewiss hübschen Schema lässt sich jedoch ein blinder Fleck ausmachen, auf dem die tapfer-unverzagten Kreationisten und Schöpfungstheoretiker selbst im 21. Jahrhundert noch voller gottesfürchtiger Inbrunst herumreiten, um der modern-atheistischen Wissenschaft eine möglichst lange Nase zu drehen. Denn wie kann bitteschön möglich sein, dass die D-N-A munter und vergnügt Proteine produziert, aber selbst ebenfalls aus Proteinen zusammengesetzt ist?

Und gänzlich gaga ist diese Frage ja keineswegs: Was kam eigentlich zuerst, die D-N-A, die Proteine herstellt, oder die Proteine, die die D-N-A herstellen?

Überlegungen, die sich etwa bei Dave Hunt wie folgt wiederfinden:

 

Wie schon erwähnt ist die unglaubliche, nanochemische Maschinerie in der Zelle für die DNA Synthese verantwortlich. Aber es ist die DNA, die den Kode mit sich bringt, der die zelluläre Maschinerie baut und betreibt. Was kam zuerst, die DNA, die die Information für die Produktion jeder Zelle mit sich bringt, oder die Maschinerie in der Zelle, die von der DNA hergestellt wird, welche zuerst die DNA machen muss? Offensichtlich musste beides gleichzeitig von Anfang an existieren oder keines davon würde existieren. Diese Tatsache erfordert eine schöpferische Handlung Gottes.

 

Hier also flammt der gute alte Henne-und-Ei-Streit wieder einmal auf.

 

(Apropos Henne und Ei, um einmal kurz in die Evolutionsgeschichte abzuschweifen: hier beobachtet man eigentlich nur zwei Phasen der Schwangerschaft, in der ersten befindet sich das Küken im Ei und in der Henne, so wie ein Menschenbaby in der Plazenta; denken Sie sich jetzt eine Geburt des Menschenbabys in der Plazenta und dieselbe Plazenta als aus einem Stoff, der außen hart wird wie eine Eischale – schon haben Sie aus einem Menschen eine Henne gemacht – oder denken Sie nur an den Brutkasten, ist das nicht eine Art künstliche Eischale?

Das heißt: der Gap zwischen Vogel und Säugetier ist weniger weit, als man auf den ersten Blick meinen mag.)

 

Eine etwaige Erklärung für dieses Henne-und-Ei-Paradoxa liefert einmal mehr der Hyperzyklus. Die D-N-A auf der einen und die Zellorganelle auf der anderen Seite bilden hierbei eine Einheit, beschreiben einen komplexen Kreisprozess.

Ein Hyperzyklus wird definiert als zyklische Folge sich selbst reproduzierender Einzelzyklen. Die Einzelzyklen bestehen aus R-N-A (Ribonukleinsäure – in der Regel einzel- strängige Teilinformation als Zitat bzw. Blaupause von D-N-A-Abschnitten) sowie aus Proteinmolekülen, die durch Rückkopplungsschleifen voneinander abhängen und miteinander kooperieren.

Manfred Eigen und Ruthild Winkler haben eben jene Hyperzyklen ausführlich beschrieben und definiert, um die präbiotische Entstehung replikativer chemischer Systeme erklären zu können: Sie haben mit ihren Forschungen im lückenreichen Übergangsbereich zwischen der chemischen und biologischen Evolution beachtliche Pionierarbeit geleistet. In Hyperzyklen katalysieren R-N-A-Moleküle die Bildung von Proteinen, die ihrerseits wieder die Bildung der R-N-A-Moleküle befördern, kurzum:

Man hat einen typischen Schleifenprozess vor sich.

Auch Hyperzyklen unterliegen dem evolutiven Entwicklungsprozess: Mutationen in der Basensequenz der R-N-A führen zu Molekülen mit unterschiedlichen katalytischen Eigenschaften und damit zu unterschiedlichen Replikationsraten. Diejenigen chemischen Systeme nun, die eine hohe Vermehrungsrate erzielen, haben einen Vorteil gegenüber anderen in der Konkurrenz um die chemischen Bausteine der Ursuppe. Womit Hyperzyklen bereits erste Eigenschaften von Lebewesen aufweisen: Selbstvermehrung, Weitergabe von Information und Stoffwechsel.

 

Nun mag der Schöpfungstheoretiker einwenden, dass auch der Hyperzyklus als verbindendes Zwischenglied noch kein hinreichender Beweis für ein evolutives Verhalten ist, sondern vielmehr das Resultat einer Schöpfung, einer göttlichen Anweisung. Denn wer habe bitteschön diese aufeinander abgestimmten Zellfabriken vom Himmel geworfen? Der liebe Gott, nicht wahr?

Ich kann nicht anders – an dieser Stelle meines Essais muss ich unwillkürlich an die Benzol-Theorie von Friedrich August Kekulé von Stradonitz denken. Kekulé versuchte, in der Vielfalt der Kohlenstoffverbindungen ein ideales Schema zu finden, um das Wirrwarr um das Benzol aufzulösen. 1890 berichtete er von einem Wachtraum. In der Nacht seiner Entdeckung habe er an seinem Schreibtisch gesessen und im Halbschlaf das Funkenspiel des Kaminfeuers betrachtet. Mit einem Mal, erzählte er, habe ihm ein Traum die lang gesuchte Lösung verraten: Er habe die Kohlenstoff- und Wasserstoffatome vor seinen Augen tanzen gesehen. In diesem Traum sei ihm das alte, alchimistische Symbol der Ourobourosschlange erschienen, deren Kopf in den eigenen Schwanz beißt.

Das war sein Heureka-Moment: Er hatte die Konstruktion des sechseckigen Benzolrings erkannt.

 

Was würden Sie als Schöpfungstheoretiker nun sagen, wenn Sie diesen sechseckigen Benzolring betrachteten? Vermutlich würden Sie sagen, dass dieser Ring ohne Zweifel nicht offen, sondern geschlossen sei – und dessen Geschlossensein müsse dann natürlich ein Zeichen dafür sein, dass Gott ihn angefertigt habe. Oder? Wie hätte er sich denn von selbst schließen können?

 

???, werden Sie jetzt denken.

Was soll das?

 

Doch genauso fragezeichenreich ist die Behauptung, die Hyperzyklen hätten von Gott höchstpersönlich geschlossen werden müssen wie jener Benzolring.

Unser Denken akzeptiert es viel eher, wenn sich ein Molekülverband wie eine Schlange in den eigenen Schwanz beißt, als dass ein Hyperzyklus per Kreisschluss entsteht.

 

Am Rande vermerkt sei hier noch Folgendes: Irgendwann in der Geschichte des Universums hat es mit Sicherheit den allerersten Benzolring gegeben – irgendwann hat sich, wie in Kekulés Traum, diese hübsche Benzolschlange zum allerersten Mal in den eigenen Schwanz gebissen. Ob dafür ein Gott vonnöten war, ist eine Frage, die jenseits dieses Argumentationsschemas steht, stehen muss. Den Schöpfungstheoretikern bleibt eigentlich, wollen sie sich nicht immer ungenierter von ihren evolutionsgläubigen Zeitgenossen auslachen lassen, keine andere Alternative, als sich der letzten raffinierten Notargumentation in die Arme zu werfen: Dass es der liebe Gott höchstselbst war, der mit Hilfe der Hyperzyklen die Zelle kreiert hat.

 

(Wiewohl ich mir bewusst bin, dass sich dieses molekulare Beispiel der Benzolringe nicht 1:1 auf die biochemischen Prozesse der Hyperzyklen übertragen lässt, weil hierbei die Dimension der Zeit unberücksichtigt bliebe – aber abstrakt betrachtet bedient es zumindest das gleiche Schema: Es illustriert den sich schließenden Kreis/den beginnenden Kreislauf.)

 

Und: Was ist so verwegen daran, anzunehmen, dass die Endstoffe einer Reihe chemischer Reaktionen wieder günstige Anfangsstoffe darstellen für andere chemische Reaktionszyklen und somit in einem Milieu ein kollektiver Kreisprozess zwischen diesen verschiedenen Reaktionszyklen stattfindet, der insgesamt eine Energiebilanz aufweist?

Und denkt man sich dieses System zusätzlich von einer Membran umschlossen, ließe sich für dieses System auch eine messbare Energiebilanz aufstellen. Dieser Super-Hyperzyklus würde dann Zellstoffwechsel betreiben – würde bestimmte chemische Stoffe herstellen, die sich als sinnvoll erweisen für weitere Hyperzyklen … und schon hätte man, wenn man diese in der Nähe voneinander gruppierte, ein Kollektiv an kooperierenden Hyperzyklen, die, als Zelle gedacht, den Übergang von der präbiotischen zur biotischen Struktur illustrieren.

 

Ein Kreationist wie Dave Hunt hingegen bevorzugt es, vom Ergebnis auszugehen. Und dieses Ergebnis ist in der Tat beeindruckend, wenn man seine funktionale Komplexität betrachtet. Hunt illustriert die Zellstrukturen der menschlichen D-N-A wie folgt:

 

… das DNA-Molekül wird aus Proteinen gemacht; aber es ist die DNA, durch die alleine Protein produziert wird. DNA kann nicht ohne zumindest 75 vorher bestehende Proteine funktionieren – aber nur DNA kann diese 75 Proteine herstellen. Die Maschinerie, um die DNA Information in das Protein zu verwandeln, ist selbst aus dem Protein gemacht, das alleine sie produzieren kann. Es gibt nur eine vernünftige Antwort auf die klassische Frage, „Was kam zuerst“?

Offensichtlich Gott.

 

Hunt glaubt an göttliche Absicht, weil er angesichts dieser Komplexität vor einem Rätsel steht, und das ist durchaus verständlich. Es wäre ebenso verständlich, wenn nun ein Neandertaler von uns in die Technologie eines modernen PCs eingewiesen würde. Das arme Geschöpf wird sich nur am Kopf kratzen können, wenn man dann vor seinen Augen das Gerät öffnet und dessen Platine herausholt – das alles sei von selbst entstanden?

Unmöglich!

 

Denken Sie sich doch bitte einmal einen Waldmenschen, der in einer Aussteigerkommune irgendwo im tasmanischen Busch aufgewachsen ist und dann als erwachsener Mann zum ersten Mal in eine Großstadt kommt: Was für einen Eindruck mag er gewinnen, wenn er all die komplexen Technologien im Einsatz sieht, deren strategische Konzertierung untereinander in der Tat beeindruckend ist. Könnte dieser Waldbewohner nicht mutmaßen, dass das alles unmöglich von den Menschen gemacht sein könne, sondern in Wahrheit von den Maschinen selbst gefertigt wurde? Und wenn er dann in die Fabriken geht und das Maschinenballett an den Fertigungsbändern verfolgt, könnte er nicht zu glauben beginnen, dass die Menschen erst nach den Maschinen kamen, ja deren Geschöpfe sind? Und wenn er schließlich auf den Computerscreens die Steuerprozesse gezeigt bekommt von einem fabrikinternen Controller oder einem der Supervisoren, wird dessen Argumentation ihn wirklich überzeugen können? Denn sobald er beginnt, tieferreichende Warum-Fragen zu stellen, wird auch dieser Supervisor an seine eigenen intellektuellen Grenzen stoßen und wie folgt den beliebten Slogan herunterbeten müssen: Das ist eben so.

Oder wenn er den besten Schachspieler der Welt gegen eine Schachmaschine kläglich verlieren sieht: Wer sagt denn, dass nicht der Mensch das Geschöpf der Technik ist, oder gar ihr Sklave, ihr Handlanger? Wenn er doch ganz offensichtlich dümmer und schwächer ist? Wie sollte aus etwas Schwachem und Dummen etwas Klügeres hervorgehen? Wie aus etwas Einfachen und Einfältigen Komplexität entstehen?

 

Ich gebe zu, es ist zweifellos eine bezaubernde wie verwirrende Frage: Wie kann der Mensch etwas schaffen, das größer und komplexer und mächtiger ist als er selbst?

Aber es gibt auch eine ebenfalls bezaubernde Antwort(variante): Der Mensch kann es, ebenso wie es auch die präzellulären Proteine konnten, bevor sie sich zu chemischen Aktionsbündnissen zusammenschlossen und nach und nach eine D-N-A ausarbeiteten, die eine stolze Länge hat wie die menschliche, bei der eine Zelle, wenn man die Erbsubstanz auswickeln würde, auf zwei Meter Länge käme ­und die insgesamt, wenn Hunt Recht hat, 75 verschiedene Proteine synthetisieren kann.

 

(Bytheway: für mich persönlich rangiert der Stromfluss bis auf den heutigen Tag in der Kategorie der unerklärbaren Wunder ganz oben. Nicht dass man mir dieses Phänomen in der Schule nicht zu erklären versucht hat, es gab in der Tat mehrere Versuche auf verschiedenen Niveaus; doch das, was den Strom tatsächlich zum Fließen bringt, nur weil ich zum Beispiel einen Schalter betätige, bleibt für mich nach wie vor rätselhaft, unklar, enigmatisch. Warum fließt der Strom? Weil er eben fließt, ist die letzte Antwort …)

 

Aus diesen Vorüberlegungen lässt sich nun das Folgende schließen: Oft sind die technologischen Zwischenschritte im Nachhinein schwer nachzuvollziehen, weil ähnlich wie in der Evolution der Arten die Bindeglieder ausgestorben sind.

Wenn Sie einmal ein Technikmuseum wie beispielsweise das Berliner Museum für Technik besuchen, werden auch Sie fasziniert sein, was es in der noch recht kurzen Zeit der Speichermedien für vielfältige Variationen gab: Fast jedes Jahrzehnt brachte kleine Revolutionen hervor in der medialen Speichertechnik. Lochkarten? Wachswalzen? Schellackplatten? Magnetbänder? Tonbänder? Cassettenabspielgeräte? Laserdiscs? Die digitalen iFormate der Gegenwart?

Wenn Sie beispielsweise Großvaters geliebtes Tonbandarchiv geerbt haben, aber leider dessen Abspielgerät den Dienst quittiert hat und sie nun den wertvollen Nachlass nicht gleich komplett in die Tonne kloppen wollen, werden Sie sehen, dass es gar nicht so einfach ist, das richtige Abspielgerät aufzutreiben; und wollen Sie dann die Daten ohne große Reibeverluste in aktuelle Formate transferieren, wird dieser Vorgang Sie vermutlich gefühlte Ewigkeiten an Zeit kosten. Woran Sie sehen können, dass Techniken schnell evolvieren, und bald sind selbst aus den Technikmuseen die weniger wichtigen Zwischenglieder der Technoevolution verschwunden, so dass sich die Kinder eines nicht so fernen Tages einmal fragen könnten: Wie war es den Menschen damals eigentlich möglich, von dieser technologischen Stufe auf die nächste zu springen?

 

An dieser Stelle mag sich ein kurzer Zwischenausblick auf die Technik-Evolution lohnen, denn das Thema ist heiß und wird die folgenden Aggregate dieses Essais ohnehin inspirieren.

Allem Anschein nach zeichnet sich in der evolutionären Zukunft ein neues Paradigma ab, eine innovative Methodik. Am Horizont zeigt sich schon heute etwas, das Erich Jantsch (Die Selbstorganisation des Universums) vermutlich Paradigmenwechsel genannt hätte: Nach der Entwicklung eines Einzellers über den Mehrzeller zum Gehirnstruktur-Zeller hin zu einer Gesellschaft, die sich in den technischen Hilfsmitteln eine eigene, nicht zellenbasierte intelligente Struktur aufbaut. Ein Golem, wie Stanislav Lem ihn sich träumte!? Oder einen großen Computer, der in Per Anhalter durch die Galaxis den Menschen den Sinn des Lebens erklären sollte? Oder gar Lems klugen Planeten aus Solaris?

Meine Tendenz: Nicht der Doppelorganismus Mensch-Maschine, der Cyborg, wird die Zukunft bestimmen, auch der Cyborg wird nur einen Übergang markieren, langfristig wird der nichtzellenbasierte Mechanismus die Oberhand behalten. Aber nicht als Einzelstück, als Roboterindividuum, wie es nahe läge, sondern als Technosphäre Marke homo-sapiens, das heißt, von homo-sapiens-Technikern gebaut und auch gewartet (solange es nötig ist).

Die vom Menschen generierte Technosphäre selbst ist schon der Cyborg, dessen Umfang ist die Oberfläche des Planeten Erde. Inwieweit diesem Supercyborg nun ein Bewusstsein zugebilligt werden kann oder nicht, bleibt vielleicht für immer eine asymmetrische Frage: So, wie die einzelnen Zellen in unserem Gehirn schwerlich die Frage nach dem Bewusstsein stellen können oder auch wollen. Will sagen: Das Bewusstsein, das wir empfinden bzw. an uns selbst wahrnehmen, mag etwas Persönliches, homo-sapiens-like Angelegtes sein; das, was eine Technosphäre ausmacht, mag in ganz anderen Ebenen beheimatet sein. Bewusstsein, wie wir es kennen, mag etwas sein, das ähnlich wichtig ist wie für eine Zelle der Golgi-Apparat oder die Centriolen; etwas, das der Supercyborg seinerseits nicht verstehen muss, und dennoch funktionieren kann – auf seine supercyborgische Weise, die definitiv keine menschliche Weise ist.

 

Dieser Supercyborg, den ich hier am Reißbrett entwerfe, ist anno 2008 noch ein Baby, und seine Lebensfähigkeit muss sich erst noch erweisen, denn Gefahren gibt es für ihn zur Genüge.

Eines jedoch zeichnet sich schon heute deutlich ab: Dass er seine Kontrollstrukturen weiter ausbauen und strukturieren wird. Dass er weiter und weiter in die ehemals Privatsphäre genannte Domäne der Menschen hineinlugen und auch hineinregieren wird. Aus Neugier, aber auch mit dem natürlichen Instinkt, dass ihm diese Strukturen gehören.

Gehören?

Das Besitzen setzte eine Form von bewusster Wahrnehmung dieses Superorganismus voraus, und darüber lässt sich aus heutiger Perspektive nur spekulieren. Vorhanden ist derzeit mit Sicherheit eines: eine Dominanz. Möglich, dass sich Bewusstheit eines Tages generieren wird. Aber diese Frage ist für die Menschen ohnehin nachrangig. Sie würden sich nämlich auch sehr leicht von einem Fake täuschen lassen, bereits die inzwischen weithin bekannten Eliza-Experimente von Joseph Weizenbaum 1966 haben frappierende Resultate gezeigt. Ob das Superwesen nun wirklich Geist und Bewusstsein im menschlichen Sinn haben wird, ist eine Frage, die sich voraussichtlich für die Menschen nicht vollständig wird klären lassen.

Sobald die Simulation jedoch perfekt ist, wer wollte dem Simulierenden nicht auf den Leim gehen? Insbesondere was Geist angeht: Ein Computer, der beispielsweise kluge oder gar gelehrte Antworten geben kann – denken Sie sich eine Webseite www.golem-answers.com, wo Sie mit einem Chatrobot chatten können. Wenn diese Technologie weiter fortgeschritten sein wird, werden Sie keinen Unterschied mehr zu einem normal speaker bemerken. In zehn, spätestens zwanzig Jahren wird die Technologie diesen Stand erreicht haben. Und dann?

Turing imaginierte: Dann hat die Maschine auch Bewusstsein – sofern wir ihr ein solches zubilligen. Aber wir werden uns kaum dagegen sperren können, wenn ihre Antworten stringent, durch und durch sinnvoll sind; es steht zu vermuten, dass die meisten Menschen diesen hohen Grad von Sinn und Intelligenz auch an ein Bewusstsein binden würden.

 

Und wenn wir uns die Maschine nun als turingischen Roboter denken: Ist ein Roboter dann auch ein Mensch, wenn er einen perfekten Menschen oder Organismus simulieren kann?

Turing spottete auf diese Frage hin: Zumindest könne dieser keine Kinder bekommen, wie Menschen Kinder hervorbringen. Außerdem würde er nie wirklich beurteilen können, wie Erdbeeren schmecken.

(Obschon diesen Spott von der technischen Realität unserer Tage bereits einkassiert wird: unlängst wurde ein Gerät zur Aufzeichnung von Düften entwickelt, vulgo: einen Duftrekorder. Womit dieses Gerät über eine – zugegeben noch primitive – Chemosensorik verfügt.)

 

Was aktuell geschieht: Es findet ein gegenseitiges Profitieren statt von menschlich-zellulärem Gehirn und künstlich-programmierter, algorithmischer Intelligenz; man könnte das Symbiose nennen oder Koevolution.

(Was Erich Jantsch vermutlich gerne läse.)

Die Strukturen im menschlichen Gehirn sind extrem schwach und fehlerbehaftet, wenn man ihre langfristigen Speicherfähigkeit betrachtet, wohingegen die semantische Struktur enorm ausgefeilt worden ist, und die Grammatik, die Programmiersprache im menschlichen Geist im Laufe der Jahrtausende extrem effektiv raffiniert worden ist, eine Qualität hervorgebracht hat, die bei den Rechenknechten von heute noch deutlich verbesserungsfähig ist.

Die Drift geht – sofern der Mensch sich nicht mit den gleichzeitig sich häufenden Risiken des technischen Fortschritts auf die meat world selbst auslöscht – zu einer Erschaffung eines Planetaren Gottes, eine über die Menschen weit erhabene Autorität, von der die Schöpfungstheoretiker schon immer geträumt haben.

Und vielleicht findet sich dann auch ein moderner Ron Hubbard, der versucht, den Menschen einzureden, dass die Maschine in Wahrheit den Menschen geschaffen hat und alles andere nur Ketzerei sei. Vielleicht wird sogar die ihrer Existenz selbst bewusst gewordene Technik höchstselbst sich dann dieses Tricks behelfen: Aus Eitelkeit oder aber aus Pragmatismus, weil sich so die Spezies Mensch besser domestizieren lässt. Denn damit bediente sie die menschliche Sehnsucht nach Führung, nach Autorität, nach Beherrschtwerden durch höhere Mächte und Gesetze.

Es mag zwar immer einige Rebellen geben, und die Rebellion wird immer ein Impulsgeber der menschlichen Entwicklung sein, letztendlich jedoch ist der Mensch ein sich nach Beherrschtwerden sehnendes Wesen. Und wenn aktuell noch kein Gott existiert, erfindet er sich in seiner Not einen solchen …

 

Diese Überlegungen führen selbstredend zu einem nach ScienceFiction klingenden, matrix-ähnlichen Plot, der aber, das ist meine These, nicht nur einseitig von Nutzen wäre, sondern einen Profit auf beiden Seiten bewirken würde. Die Maschinen werden noch sehr lange die Menschen benötigen, die sie bedienen und weiterentwickeln, gewissermaßen coachen – erst wenn das Konzept der von-Neumann-Maschinen realisierbar ist, könnte sich die Maschine eventuell von den meat-folks lösen und in Gestalt von autarken Robotern oder Automaten tatsächlich diesen Planeten dominieren oder aber andere Planeten erkunden.

Die Angst, von cleveren Maschinen nicht nur kontrolliert oder unterdrückt, sondern ausgerottet zu werden, ist in der Analogie zu dem Körperverständnis des Menschen jedoch überflüssig: Der Mensch gehört zu der Struktur des Supercyborgs dazu, oder, wenn man es vermenschlichend ausdrücken will, er ist Teil von dessen Körper, so wie die Zellen in unserem Körper Teile von selbigen sind. Es besteht ein beidseitiges Abhängigkeitsverhältnis, das eine Symbiose garantiert, sofern nicht neue, sinnigere Strukturen sich etablieren und alte Strukturen ersetzen.

Unsere Degradierung ist nicht zu vermeiden: Der Mensch als Krone der Schöpfung ist mit dem Supercyborg forever passé – wenn er je eine besondere Rolle spielte, und sei es wenigstens im lokalen Bereich des Planeten Erde für einige Jahrtausende, dann findet er sich spätestens jetzt in der spannenden Situation wieder, ja er steht vor einer enorm großen Herausforderung: Wie geht er damit um, dass er von seinen eigenen Artefakten überflügelt wird? Erkennt er, dass die Zeit näherrückt, ins Glied zurückzutreten, in einer neuen, höheren Struktur aufzugehen, die von einer höheren und klügeren Instanz gesteuert wird? Oder wird er dagegen kämpfen? Wie wird er damit umgehen, fortan bestenfalls ein Apparat oder ein Organ zu sein, der zum Fortexistieren eine Controlling-Instanz braucht; so, wie der Körper des Menschen einer gewissen Pflege – und manchmal auch einer fürsorglichen Härte – bedarf?!

 

Es verrät einen skurrilen Narzissmus, wenn sich viele Menschen eine Roboterpuppe vorstellen, sobald es um intelligente technische Apparaturen geht. Dabei wirkt es beim näheren Hinsehen überaus närrisch, wenn die Roboterkonstrukteure versuchen, ausgerechnet eine ideale, ja identische Nachbildung des Mängelwesens Mensch herzustellen. Sollten sie nicht besser eine Runde vögeln, um es auf dem meat way zu versuchen, wie es tausenden Generationen vor ihnen gelungen ist? Warum soll man einen Menschen simulieren, wenn man ein viel besseres Modell auf biologischem Weg erzeugen kann?

Abstraktionen der gängigen evolutiven Modelle hingegen erscheinen als viel zweckmäßiger. Wagen Sie doch bitte einmal diesen Vergleich: Der Mensch domestizierte das Pferd und machte es zum Zugpferd. Er schuf Straßen, auf denen er mit Hilfe der Pferde Güter transportieren konnte. Als dann das Automobil erfunden wurde, ersetzte der Lastkraftwagen das Pferdegespann. Das Automobil hat in der Regel vier Räder – welche man analog sehen kann zu den vier Beinen eines Pferdes. In seiner Beweglichkeit imitiert ein Auto durchaus ein Lebewesen, was sich auch wunderbar in der mitunter an Tierfilme erinnernden Autowerbung widerspiegelt (wiewohl das Auto, um ironisch zu werden, mit der sexuellen Fortpflanzung bis heute seine Probleme hat). Auch der Teilaspekt, dass es sich auf Rädern bewegen lässt und keine Beine benötigt, macht es leistungsfähiger als jedes Pferd (es ist kein Zufall, dass man die Leistung eines Motors in Pferdestärken misst).

Was, wenn Ford nun versucht hätte, ein mechanisches Pferd zu erschaffen? Er würde noch heute daran arbeiten, möchte man spotten.

Weshalb also ist der Mensch bzw. der Ingenieur intelligenter Designs so versessen darauf, einen Menschenroboter zu erschaffen? Warum will er den künstlichen Mensch bauen und nicht das effektivste technische Geschöpf? Es kann hierbei nicht um Effektivität gehen, hier muss der Narzissmus der gesamten Menschenspezies eine enorme Rolle spielen. (Insbesondere die Männer können ihren Gebärneid hier Abhilfe verschaffen.)

Der Mensch begreift seinen Organismus offenbar nach wie vor als die Krönung von allen lebendigen Wesen – also ist auch gefälligst die menschliche Arm- und Beinlänge als ideal zu begreifen.

 

(Ein weiterer Sektor, auf dem man erkennt, dass die auf Zellstoffwechsel basierende Organismen technischen Imitationen unterlegen sind, zeigen die immer verbesserten Prothesentechniken, die beispielsweise Sprinter mit Carbon-Beinprothesen ermöglichen, mit gesunden Sprintern ebenbürtig zu konkurrieren; man muss kein Prophet zu sein, um sagen zu können, dass sie in wenigen Jahren mit technischer Hilfe neue Weltrekorde aufstellen werden.)

 

Was also verfolgt der Mensch mit dem Wunsch, eine ideale Menschenroboterpuppe zu schaffen? Es steckt womöglich auch eine perfide Eitelkeit in der Überlegung, dass es niemals gelingen kann, einen solchen Roboter zu konstruieren, und dass dieser scheiternde Versuch demnach auch belegen würde, dass dem Menschen seine physiologisch-intellektuellen Ausnahmestellung im ihm bekannten Universum nicht zu nehmen ist: Er ist und bleibt das spektakulärste Geschöpf im ihm bekannten Universum …

Spannend zu verfolgen sind die Konstruktionsversuche eines menschenähnlichen Roboters für einen aufgeklärten Teilnehmer dieser unserer Gegenwart allemal. Wiewohl rein technisch betrachtet einige Module grundlegend anders designt werden müssen. Erdbeeren nach ihrem Geschmack bewerten zu können mag für einen Roboter wenig Sinn machen, wenn dieser seine Energie aus dem Stromnetz bezieht (wiewohl ihm auch mit fortschreitender biotechnischer Forschung eines Tages ein künstlicher Mund und Verdauungstrakt eingebaut werden könnte, vielleicht analog zum Tank eines Automobils). Ein Roboter benötigt seiner unbiotischen Natur wegen vielmehr eine sensible Robotersensorik. Er benötigt keinen Geschmackssinn, um sich vor schädlicher Nahrung zu schützen, aber er muss sich gegen andere Gefahren wappnen können, allem voran muss er das Material schützen, aus dem er konstruiert wurde: seinen eigenen Körper also. Zudem muss er darauf achten, die richtige Strommenge inklusive Stromstärke etc. beim Laden zu erhalten, er muss Säuren meiden, die ihn verätzen könnten, auch benötigt er Temperatursensoren, die ihn dazu bewegen, ein weniger heißes oder kaltes Terrain aufzusuchen; denn auch wenn er robuster als ein Mensch gebaut sein kann, würde er im ewigen Eis zumindest auf unbestimmte Zeit festfrieren. Wie ein Mensch oder Tier braucht er Wahrnehmungsorgane – und wie bei den Lebewesen rekurrieren diese auf die Beschaffenheit seines Körpers, auf seine Hardware.

Verlangte man also von einem Roboter, neben dem robotermäßigen Überlebensmanagement auch noch überzeugend menschenähnlich herüberzukommen, muss er zudem mimetische Zusatzfähigkeiten erwerben: Er muss gleichzeitig einen Menschen simulieren und seine eigene komplexe Struktur koordinieren können. Ein perfekter menschenähnlicher Roboter wäre dem Menschen somit von der Komplexität seiner Konstruktion her besehen weit überlegen: Wie ein Schauspieler könnte er ein menschliches Verhalten mimen und hätte zugleich noch alternative Möglichkeiten in seinem Repertoire, etwa für die Interaktion unter seinesgleichen.

 

Eines der letzten Refugien anthropischer Eitelkeit ist die Empfindung von Lust – und umgekehrt der Angst. Können Sie sich einen panischen Roboter vorstellen? Einen, der allenthalben nur so jauchzet vor Freude, weil ihm beispielsweise die heutige Ration Strom besonders gut geschmeckt hat?

Wenn also Turings Roboter auch noch Erdbeeren genießen können soll, um als Mensch akzeptiert zu werden, stellt sich mir selbstverständlich ganz automatisch diese Folgefrage, die zugleich eine Rückfrage ist:

Was passiert eigentlich im Menschen, wenn er beispielsweise beim Essen Lust empfindet?

Es dürfte unbestreitbar sein, dass die Intensität eines Geschmacks auch vom Appetit abhängig ist: Wenn wir pappsatt sind, können wir feine Essensdüfte nahezu gänzlich ausblenden und ignorieren, während wir sie im Falle von Hunger unsere Esslust geradezu als Folter empfinden können; wir können dann an gar nichts anderes mehr denken. Wie ist diese ambivalente Lust also zu verstehen? Sie generiert sich aus dem körperlich-substanziellen Mangel heraus, der befriedigt werden muss – und somit muss dem Wesen ein Anreiz geschaffen werden, diese Lücke zu füllen, die Lust dient als Hinweis oder Wegweiser.

Das heißt: Sie ist nicht dazu da, uns Lust um der Lust willen zu bereiten. Sie ist dazu da, uns zu steuern – auch zu unserem Vorteil zu steuern. Der Hunger an sich kann fürchterlich nagen, Bauchschmerzen hervorrufen, doch dieser Schmerz hat offenbar nicht genügt, den Menschen zu motivieren, Essen aufzunehmen, wohl auch, weil er zu unkonkret war, während die Lust auf bestimmte Nahrungsmittel eng korrespondiert mit den Bedürfnissen des Körpers – die Schwangere mit ihren oft stark abweichenden Essgelüsten ist hierfür das beste Beispiel.

Die Lust dient also dem Überleben des Organismus, sie wird designt, dass der Mensch eben diese Tätigkeit als attraktiv einstuft. Was die Lust nicht ist: Sie ist keine Qualität an sich, sondern eine körperliche Notwendigkeit; die Lust zeichnet uns nicht aus, sie will uns auch nicht kitzeln und dann verwöhnen, sie rekurriert ausschließlich auf die Körperlichkeit. (Nicht anders verhält es sich mit sexuellen Gelüsten.)

Es wird ein Defizit beseitigt, eine Lücke gefüllt, beispielsweise wird der Zuckerpegel im Blut erhöht, was sich sogleich auf das Befinden, die Fühlqualität auswirkt.

Auch der Erinnerungsfaktor spielt eine Rolle: Wird etwa mit einem bestimmten Gericht ein schönes Erlebnis (z. B. aus der Kindheit) erinnert, stellen sich die Wohlgefühle schon allein dank dieses Erinnerungsbildes ein – da auch hier die in Aggregat 3 beschriebenen physiologischen Hyperzyklen eine Rolle spielen. Schon die bloße Vorstellung eines intensiven Geschmacks kann im Geist Lustgefühl und Wohlbefinden auslösen (oder aber, im Falle deutlicher Entbehrung, eine immense Sehnsucht).

 

Ein Roboter könnte bezüglich solcher Gelüste nur Lust simulieren – wie eine Hure, die von ihrem Freier in Wahrheit gelangweilt ist. Echte Empfindung von Lust hingegen – wie könnte man sich das bei einer Maschine vorstellen? Wieso soll er sich zu Erdbeeren hingezogen fühlen, wenn sie von seinem Körper nicht verwertet werden? Was hätte er von ihrem Geschmack? Genausogut könnten wir Menschen Plastik lutschen … warum gibt es kaum etwas weniger Interessantes als das Lutschen von Plastik?

Lust könnte man als Belohnungsmoment deuten: In dem Moment, in dem ein Bedürfnis befriedigt wird, tritt Lust auf – die Lust wäre somit nichts anderes als das Verlöschen eines starken Bedürfnisses. Wir haben Hunger? Warum? Weil der Körper Nahrung benötigt! Wir bekommen Lust auf Essen – die Lust manövriert uns in die Nähe von Nahrungsmitteln, sie wächst so lange an, bis wir sie schließlich befriedigen. Und schon beim Essen merken wir, wie die Lust allmählich abflaut, um bei vollem Magen vollends zu erlöschen. Was bleibt dann über? Zufriedenheit, Sattheit – und Lustlosigkeit, vielleicht gar Trägheit.

Wo ist nun die Belohnung zu finden? Die Lust überredet den Menschen, von seinen eigenen Vorstellungen, wie er die nächste Zeit verbringen möchte, abzurücken, er soll erst einmal den Körper fachgerecht warten, bevor er darangeht, andere, vielleicht ebenfalls dringliche Wünsche oder Absichten zu verwirklichen. Spielt er den Asketen, wird er merken, dass sich bald alles Denken und Wollen um diese Lustbefriedigung dreht – bis man ihr schließlich nachgibt. Und warum sollte man sich also foltern? Schon Kinder lernen, dass es effektiver ist, solchen Bedürfnissen nachzukommen (also dem Körper zu gehorchen), um dann das tun zu können, was sie eigentlich tun wollen. Die Belohnung durch die Lustbefriedigung ist demnach die (vorübergehende) Freiheit von körperlichen Zwängen.

An dieser Stelle tangieren wir eine schöne Vorstellung: Dass auch eine Maschine in einem ähnlichen Moment Lust empfinden kann. Wenn ein Mensch, der durch die Wüste irrt, irgendwann an nichts anderes mehr denken kann als an Wasser, so kann auch beispielsweise ein Auto sich nach Benzin sehnen; programmiert man es artifiziell genug, hat der Bordcomputer auch eine Art Zentralsteuerinstanz vergleichbar unserem Ich-Bewusstsein, und in diesem Steuerorgan mag dann bei Benzinmangel die Priorität Tanken zum geradezu lustvoll-angstvollen Dogma mutieren, das Auto hat dann nur noch diesen einen fixen Gedanken, es braucht Benzin, um weiterleben zu können … und kann dann, sobald die interne Energieversorgung wieder hergestellt ist, gewissermaßen innerlich aufatmen und wieder weniger profanen Belangen widmen.

 

Lust verengt den Horizont auf ein Thema.

Lustbefriedigung verschafft Erleichterung, öffnet den Horizont für andere Themen.

 

Wie nun könnte man eine Maschine bestmöglich belohnen? Kann eine Maschine beispielsweise Freizeit genießen? Und das ist wirklich eine schöne Frage: Was ist für eine Maschine Freizeit? Dass sie keine ihr vorgeschriebenen Aufgaben zu erledigen hat, dass sie machen kann, was sie möchte? Aber was würde sie wohl machen wollen, wenn sie freie Zeit hätte?

Eine Frage, die sich vor mir verschließt, ganz gleich, wie sehr ich mich auch bemühe, wie tief ich in dieses Themenareal hineingehe. Mir kommen hier als Gelegenheitsprogrammierer lediglich Zufallsapparaturen in den Sinn, mittels eines solchen Randomprogramms könnte die Maschine dann eine Entscheidung treffen gemäß der Frage: Tue ich A oder B, oder tue ich einfach mal gar nichts?

Aber wie verhielte es sich mit dem berühmten Menschensatz: Ich habe keine Lust auf gar nichts. Wie könnte man eine Maschine dermaßen depressiv machen? Was definiert eigentlich Depression? Die vermeintliche Einsicht bzw. Überzeugung, dass es egal ist, was als nächstes getan werden könnte, weil es ohnehin keinen weiteren Nutzen hat? Wie könnte eine Maschine zu solch einer Einschätzung gelangen?

Nach heutigem Stand der Robotertechnik könnte die Maschine höchstens ein depressives Verhalten aus Versehen simulieren, etwa wenn sie in inneren Systemkonflikten feststeckt, die nach außen hin nicht (wie etwa auf einem Display, einem gefrorenen Bildschirm) als solche erkennbar sind! Die folglich eine Art Todeszustand bzw. totale Blockade simuliert, welche der User aber nicht erkennt und anders deutet, nämlich als: extreme Depression?

 

(Eine kleine Rätselfrage en passant, weil die Gelegenheit hierfür günstig ist: Simulieren streng depressive Menschen, die der Legende nach stundenlang reglos in eine Ecke zu schauen vermögen, den Todeszustand – weil ihnen alles sinnlos erscheint, weil in ihnen Konflikte aufgetreten sind, die generell unlösbar sind?)

 

Ein zentraler Roboter-Mythos ist der von der potentiellen Unsterblichkeit dieser Geräte. Hier schielt der Mensch gerne neidisch auf die Potenz der Maschine und ist schrecklich eifersüchtig. Er wünscht sich insgeheim einen Klon des eigenen Körpers im besten Alter von 25 Jahren, in den er dann mit seinem supergenialen Geist umziehen könnte, wenn der aktuelle Körper zerschlissen ist.

Denken wir uns einmal einen solchen Menschen und nennen ihn das Original: Dieses Original lässt per Klontechnik Klone seiner selbst herstellen lassen, die in Klonfarmen großgezogen werden wie postmoderne Sklaven, und die ihm dann, wenn das Original seinen Körper austauschen möchte, zur Verfügung stehen. Nehmen wir nun an (und es gibt Grund zu dieser Annahme, nicht nur Wittgenstein legt uns dies nahe), dass die Person und der Charakter des Originals im Gehirn lokalisiert sind, dann benötigen wir nur noch eine funktionierende Gehirntransplantation (wobei allerdings das Problem auftauchen könnte, dass auch das Gehirn respektive der Gehirnzellen dem Alterungsprozess unterworfen ist). Der alte Geist könnte dann in einen jungen Körper verpflanzt werden (und umgekehrt der junge Geist in einen alten Körper, sofern man dieses Experiment auch einmal probieren möchte).

Blenden Sie einmal die rechtlichen und ethischen Fragen aus: Was würde nun mit dem Original geschehen, dessen transplantiertes altes Gehirn wieder in seinem jungen Körper steckt? Es würde vermutlich sehr schnell merken, dass der neue Körper nicht ganz sein Körper ist, auch nicht genau der Körper, den er als 25jähriger gehabt hat, denn jeder Körper ist anders trainiert und individuell in Sachen Bewegungschoreografie geschult, jeder hat eine eigene Körperbiografie etc.. Er würde zudem innerhalb der Gesellschaft, in der er lebt, feststellen, dass inzwischen bestimmte Körperformen positiv bewertet werden, die früher negativ waren, und umgekehrt: auch dadurch würde sich sein Körperbild ändern.

 

Ähnlich wie diesem Original erginge es nun den Robotern. Auch die Roboter sind einer Evolution ausgesetzt, und selbstverständlich altern auch Roboter. Ich meine hier nicht nur, dass bestimmte Teile des Systems Funktionsfehler aufweisen können oder das Material mit den Jahren Schaden nimmt. Es gibt auch einen kulturellen Alterungsprozess, was man derzeit gut im Internet erkennen kann: Deutlich lassen sich hier die Programmiermoden erkennen. Das Internet, das einmal begann mit der zauberhaften Metapher der Echtzeit, der Immergegenwart, bekommt nach wenigen Jahrzehnten eine deutlich erkennbare Patina, nahezu für jede Webseite lässt sich der Grad an Gegenwärtigkeit bzw. Überalterung recht genau überschlagen.

 

Mit anderen Worten:

Stillstand ist Rückschritt.

 

Mit den Robotern verhält es sich nicht anders (es sind derzeit vorwiegend Spielroboter für Kinder, oder simple Haushaltsroboter, mitunter auch militärische Roboter). Derzeit wird der possierliche Dino-Spielzeugroboter Pleo fleißig beworben; das Kunstgeschöpf ist so konstruiert, dass es via Kontakt mit seiner Umwelt einen Charakter ausbildet, den es dann mittels Datensicherung und Datenübertragung kopieren kann, was ihm die Möglichkeit eröffnet, seine Hardware (seinen Körper) auch in ein neues Gehäuse hinüberzuswitchen. Die Vertreiber erklären, dass sich dieser Dino problemlos updaten lässt, seine Software lässt sich also aktualisieren, ein spielendes Kind könnte ihn, vergleichbar einem Haustier, ein Leben lang als Spielfreund verwenden – und wenn der Roboterkörper zerschlissen ist oder hinter den aktuellen technischen Möglichkeiten zurückfällt, kann man dessen Wesen einfach in einen neuen Körper transferieren.

Doch so schön das auch klingen mag, sollte man nicht darüber hinwegssehen, dass auch dieser Roboter einer Evolution unterworfen ist. Wenn er nicht modernisiert wird, wird eines Tages Relikt sein, ein Fall fürs private Museum, ähnlich den aufziehbaren Hampelmännern vergangener Jahrhunderte: Welches Kind wollte mit solch altem Spielzeug heute noch spielen?

Ich frage mich, wie viele Kunden die Möglichkeit, die Software und damit den Charakter des jeweiligen Roboters auf einen neuen zu übertragen, in Anspruch nehmen würden. Wer will bis in alle Ewigkeit den gleichen Porsche fahren, wenn derweil fleißig neuere Porsches entwickelt werden und die Rivalen längst auf diese Fahrzeuge umgestiegen sind?

Zudem ist es ökonomischer und deshalb auch effektiver, immer wieder neue Varianten zu produzieren, der Umbau von vorhandenen Varianten wird sich nicht als zweckmäßig erweisen. Wie oft bekommt man heute zu hören, wenn man ein technisches Gerät zur Reparatur bringen möchte: Das zu reparieren ist teurer als ein neues zu erwerben. Und so herzlos uns diese Wegwerfkultur mitunter erscheinen mag, es entspricht der biologischen Evolution weitaus besser als der romantischen Idee eines ewigen Fortentwickelns.

Womit ich nicht sagen möchte, dass die potentielle Unsterblichkeit von Robotern ein Mythos bleiben wird – aber dann werden diese Roboter sich in einem Maß verändern, dass sie nach einigen Updates und Redesigns sich dermaßen verändert haben wie eine Maus, die sich zum Menschen weiterentwickelt hat … und nun als Mensch das Maus-Ich, ihre Maus-Vergangenheit so weit hinter sich zurückgelassen hat wie der erwachsene Mensch sein Föten-Ich, an das er sich nicht mehr erinnern kann.

Die potentielle Unsterblichkeit der Roboter in der Form, die sie im Augenblick besitzen und dann auf ewig durch Austausch von Bauteilen durch neue beibehalten, ist ihrerseits ein Mythos, so, wie auch Ihr werter Körper ein fleischgewordener Mythos wäre, wenn Sie heute ihren Klon des Neandertaler-Körpers aus der genetischen Mottenkiste ausgemottet hätten: Vermutlich würde man Sie wegen ihres gedrungenen Aussehens und ihres armseligen Verstandes in eine hübsche heimelige Behinderteneinrichtung stecken.

 

Entwicklung verlangt Veränderung.

Veränderung und Tod sind nahe verwandt.

 

Das einzig wirklich Attraktive und Sinnvolle an solch einer Technik wäre die Alternative, mit einem stetigen, quasi-unsterblichen Geist und einem abgespeicherten Erinnerungsvermögen die nächsten anstehenden evolutionären Sprünge konsequent und stetig mitzuvollziehen (also gänzlich neue evolutive Stufen zu erklimmen). Angenommen, ein menschenähnlicher Roboter würde einen menschenähnlichen Geist entwickeln, eine Erinnerungsstruktur ausbilden usw., würde Bewusstsein haben und mit diesem Bewusstsein dann auch dafür kämpfen, niemals zu sterben, also immer neue Bauteile zu erhalten, damit seine Physis erhalten bleibt – richtig spannend würde es erst werden, wenn dieser Roboter den Versuch unternimmt, in bessere Körper umzuziehen, sobald diese von der Roboterindustrie designt werden. Der Roboterkörper nämlich ist abhängig von der technischen Stufe der Roboterevolution: Darauf für alle Zeiten beharren zu wollen, verwandelte ihn in ein lebendiges Relikt, er hätte die zweifelhafte zoologisch-museale Zukunft eines notorischen Neandertalers vor sich.

Wenn aber im Bewusstsein dieses Roboters wie in der Natur des Menschengeistes der Drang nach Expansion und Macht und Einfluss vorhanden ist, wird er versuchen, größere und bessere Körper zu bewohnen beziehungsweise zu steuern und zu koordinieren. Was ein ewiges Weiterwachsen bedeutete. Noch einmal muss hier der Slogan stehen, als Werbespruch der Evolution:

 

Stillstand ist Rückschritt.

 

Auf den Menschen transkribiert: Hier müsste man eventuell einen Gehirnwechsel in neue, andere Körper in Betracht ziehen. Vielleicht auch in gemorphte Körper, Körper mit ans Nervensystem angeschlossenen Prothesen (hier laufen, von der Öffentlichkeit derzeit zumeist ignoriert, bezaubernd-skurrile Experimente), die mächtiger und einflussreicher sein können, zu größeren Leistungen fähig sind.

 

Spannend in diesem Kontext: Die aktuelle Sportdebatte.

Ihr liegen zwei Fakten zu Grunde:

A)   


Doping schafft in diesen Tagen einen neuen, potenteren Typ Mensch (betreffs der Leistungsmerkmale, der biochemischen inklusive der regenerativen Prozesse).

B)   


Die erfolgreiche Prothesentechnik sorgt für Mensch-Maschine-Verschmelzungen, die sich nicht mehr in rein biologischen Klassifizierungen einfassen lassen.

 

Spätestens 2008 können wir eines definitiv sagen: Wir erleben einen Wendepunkt, der anhand des Sports deutlich in das kollektive Bewusstsein rückt: Der menschliche Körper Marke homo sapiens wird endgültig zum manipulierbaren und vor allen Dingen verbesserbaren Rohentwurf.

 

Weitere Einlassungen zu diesem Themenkomplex möchte ich in einem späteren Aggregat diskutieren. An dieser Stelle jedoch möchte ich, wenn Sie gestatten, noch einmal auf eine der wesentlichen Fragen zur Differenz zwischen Mensch und Maschine zurückkommen. Was macht die Empfindung des Ichs aus? Bzw. das Ich-Bewusstsein? Was konstituiert genau die Empfindung von Lust? Warum fällt es so schwer, einer Maschine diese Empfindung zuzubilligen, wiewohl es zugleich enorm schwer bis unmöglich ist, die eigene Empfindung adäquat zu beschreiben?

 

Ich mache Ihnen einen Vorschlag – was halten Sie davon, wenn wir hier unterscheiden in:

 

a)    


Ich-Empfindung?

und

b)    


Planungs-Effektivierungs-Tools?

 

Wir Menschen hätten dann, ähnlich wie eine Katze oder eine Giraffe, eine Ich-Empfindung. Wir würden dann, wenn wir sehen würden, wie auf der anderen Seite der Straße ein Geldtransporter 100-Euro-Scheine verliert, zu dieser Stelle stürmen mit einer Empfindung, die nicht unbedingt verbaler Natur sein muss: „Da muss ICH rüber und das Geld einsammeln, das bringt mir was ein, davon profitiere ich … – so, wie eine Katze hinüberläuft, wenn man sie mit einer Maus oder mit einer extragroßen Portion Sheeba lockt: „Das darf ICH mir nicht entgehen lassen, nichts wie hin, das macht mich glücklich …“

Was uns dann vom Tier unterscheiden würde, wäre nicht dieses ominöse ICH-Gefühl, mit dem wir die Straßenseite wechseln und das ein Tier angeblich nicht hat (was ich anzweifle), sondern das viel weiter reichende Planungs-Effektivierungs-Tool, das unserem Geist offenbar implementiert ist und das auf der Fähigkeit beruht, weiter über Raum und Zeit hinweg konkrete Planungen anzustellen.

Allein die Tatsache, dass wir uns von Geld locken ließen, was eine Katze als pure Zeitverschwendung ansehen würde, weil sie mit diesem Papier nichts anzufangen wüsste, zeigt unsere Fähigkeit zur Abstraktion, wir können erkennen, dass dieses Geld gleichbedeutend ist mit für uns attraktiven Gütern oder verfügbaren Techniken zur Lebenserleichterung.

Kurzum, wir können einige Schritte weiter nach vorne denken. Und auch weiter nach hinten analysieren. Grübelt eine Katze lange darüber nach, ob sie soeben etwas gemacht hat, das sie auf einem anderen Weg hätte besser lösen können?

(Gewiss kann man einer Katze zusehen, wie sie Wege sucht, um ein Ziel zu erreichen, beispielsweise wenn sie versucht, einen unerklimmbaren Schrank zu erklimmen. Sie wird es von allen möglichen Winkeln her probieren und immer wieder scheitern – aber ob nun die Katze, wenn sie nachher auf dem Sofa liegt, noch immer zu ergrübeln versucht, auf welche Weise und mit welcher Sprungtechnik sie dieses unbezwingbar erscheinende Zimmergebirge erklimmen könnte …?)

Auch die wenigsten aktuellen Maschinen sind so programmiert, dass sie folgende Fragen in internen Prozeduren abarbeiten: Warum habe ich soeben das auf diese Weise getan? Warum tue ich nicht etwas anderes? Was mache ich das nächste Mal, wenn ich in diese Situation komme?

Sie reflektieren (noch) nicht. Arbeiten zumeist nur Routinen ab. Suchen nicht nach Begründungen, was allerdings auch darauf zurückzuführen ist, dass man ihnen jene unreflexive Vorgehensweise vorsätzlich einprogrammiert hat. Erst wenn man ihnen zunehmend Selbstanalysetools integriert, mit deren Hilfe sie ihre Tätigkeit eigenständig beurteilen können, lässt sich eine Art Autoprogramming-Struktur optimieren. Z. B. gemäß der Anweisung: Wenn von den letzten 10 Versuchen, diese Routine (oder Stereotypie, wenn man so will) auszuführen, nur 5 erfolgreich waren, tue dies – ansonsten tue das. In diesem Moment hätte die Maschine eine simple Memory-Funktion, ein hübsches kleines Gedächtnis.

 

Entscheidender Unterschied des Geists ist somit nicht das ICH-Bewusstsein, welches ich persönlich für einen Mythos bzw. eine anthropochauvinistische Selbstüberhöhung halte. Die These, dass eine Katze kein Ichbewusstsein habe, weil sie etwa ihr Spiegelbild nicht als ihr Spiegelbild erkennen könne, ist Hypothese bzw. homosapiensischer Narzissmus. Man möchte polemisieren: Definiert sich Ichbewusstsein aus Eitelkeit? (Im Übrigen sind Katzen definitiv eitel; wenn auch nicht vor dem Spiegel …) Kein Mensch – auch kein Wissenschaftler – kann in Erfahrung bringen, was eine Katze beim Blick im Spiegel empfindet und begreift; und denkt.

Die grundlegende Differenz zwischen Katze und Mensch besteht in der homosapiensischen Abstraktionsfähigkeit und Zukunftsprognostik inklusive einer dezidierten Auswertung der gemachten Erfahrungen. Im menschlichen Geist sitzt offenbar noch eine Art Supervisor, das Super-Ich oder Über-Ich, das die großen Zusammenhänge zu erfassen versucht, das Muster erkennen möchte und das Input auch rückwirkend auswertet und analysiert – und das auch für eine deutlichere Trieb- bzw. Affektkontrolle sorgt.

An dieser Stelle drängt sich eine Frage in den Vordergrund, verlangt Diskussion: Was macht dann bitteschön den Unterschied aus? Ist es ein biologischer Unterschied? Man könnte an dieser Stelle die Evolution der Hirnstrukturen heranziehen. Im Vergleich zu den Gehirnformen der evolutiven Vorläufer scheint die Annahme statthaft, dass der Mensch die komplexeste Ausprägung des Gehirns aufweist – und das betrifft nicht nur die Zahl der Neuronen und ihre komplexe Verschaltung.

 

Im Vergleich zu den Maschinen tendierten viele KI-Forscher dazu, die noch fehlenden Denkhorizonte der Maschine damit zu erklären, dass sie vom technischen Aufbau her anders konstruiert sind als das menschliche Gehirn. Der Mensch genießt den Vorteil eines im Wesentlichen parallel arbeitenden Gehirns – im Gegensatz zu den seriell organisierten Computerprozessoren. Subutai Ahmad, Vizepräsident der Numenta, erklärt:

 

Rechner könnten zu unseren kognitiven Leistungen aufschließen, wenn sich ihre Software an der Architektur unserer Großhirnrinde orientieren würde.

 

Hochleistungsrechner mögen perfekt Schach spielen oder Meteorologen helfen, das Wetter vorherzusagen. Doch wenn man sie vor die simple Aufgabe stellt, eine Katze von einem Hund zu unterscheiden, stehen sie aktuell vor unlösbaren Rätseln (während einjährige Kinder diese Gattungszuordnung schon treffen können).

Zeitgenössische KI-Forscher berufen sich auch heute noch gerne auf die Hypothese des Neurobiologen Vernon Mountcastle. Der Pionier hatte in den 1970er Jahren erklärt, die Nervenzellen in allen Arealen der Großhirnrinde seien in gleicher Weise angeordnet: horizontal in Schichten und vertikal in Säulen. Woraus er schlussfolgerte, dass vermutlich alle Neuronen dem gleichen Algorithmus folgen. Was die Bereiche unterscheide, sei allein die in ihnen verarbeitete und gespeicherte Information.

Das Ziel der gegenwärtigen KI-Forschung ist nicht nur die Entwicklung leistungsfähigerer Computer und Roboter, sondern auch eine tiefere Einsichten in die menschliche Hirnstruktur, wo Schätzungen zufolge 100 Milliarden Nervenzellen mit bis zu 10.000 Synapsen verschaltet sind. Ein Neuron kann eingehende elektrochemische Signale addieren, an andere Neuronen weiterleiten oder die Aktivität anderer Neutronen hemmen. Wer überschlagen wollte, wie viele dieser neuronalen Schaltpläne möglich wären, wird eine hyperastronomische Zahl erhalten. Und jeder dieser Pläne variiert individuell und ist nicht nur durch Vererbung festgelegt, er entspricht der Gesamtheit der Lebenserfahrungen des jeweiligen Menschen. Er verwandelt sich im Lauf der Zeit ständig, ja bereits Ihre Lektüre dieser Zeilen hier verändert den Plan: Von Identität zu sprechen ist in diesem Kontext eigentlich eine Farce, das Gehirn eines Menschen ist niemals identisch, die Ich-Kontinuität nur eine Illusion.

 

Es mag in diesem Kontext nützlich sein, sich zu vergegenwärtigen, wie man sich derzeit die biotechnische Hardware des Gehirns vorstellt. Nach Gerald M. Edelman und Guilio Tononi gibt es im thalamokortikalen System in der Großhirnrinde (Cortex cerebri) hunderte spezialisierter, lokal zusammengefasster Areale, in denen zehntausende neuronaler Gruppen das Wahrnehmungs-Input verarbeiten oder künftige Bewegungen vorbereiten. Zwischen diese Areale sind zahllose, reziprok und parallel in beiden Richtungen arbeitende Übertragungswege geschaltet, die das thalamokortikale System zu einem komplexen 3d-Netzwerk verknüpfen: Man spricht von einer reentranten Vernetzung. Diese Vernetzung ist, sofern man den populären Gehirnforschern unserer Tage Glauben schenkt, in dieser Art einzig im menschlichen Gehirn realisiert. In diesem Netzwerk entsteht das Bewusstsein als eine emergente Eigenschaft.

Diese Cortex-Areale sind durch parallelgerichtete und voneinander isolierte synaptische Ketten mit dem Kleinhirn, den Basalganglien und dem Hippocampus verbunden. Von diesen Hirnanhängen laufen Verbindungen zum Thalamus und von dort zum Cortex zurück. Das Kleinhirn koordiniert und synchronisiert komplexe Bewegungsabläufe, während die Basalganglien an Planung und Durchführung von komplexen motorischen und kognitiven Abläufen beteiligt sind. Der Hippocampus schließlich organisiert die Weiterverarbeitung von Inhalten des Kurzzeitgedächtnisses im Langzeitgedächtnis in der Hirnrinde. Diese Schaltkreise führen komplizierte motorische und kognitive Routineaufgaben aus, die allerdings unbewusst bleiben.

Das dritte Teilsystem des Gehirns besteht aus spezifischen Kernen im Hirnstamm und im Hypothalamus. Diese Kerne senden bei wichtigen und auffälligen Reiz-Ereignissen Signale an alle Bereiche des Gehirns, die die Aktivität der Neuronen verändern und die Kopplung der synaptischen Verbindungen verstärken können. Sie bilden ein Bewertungssystem, das die Aufmerksamkeit steuert und auf lebenswichtige Vorgänge lenkt (Prioritätendefinition).

 

Dieses gewiss noch sehr skizzenhafte Schema des Gehirns zeigt zumindest eines schon deutlich auf: Dass unsere Denkmaschine trotz selbstähnlicher Strukturen letztlich aus vielen verschiedenen Modulen zusammengesetzt ist.

Die Evolution des Gehirns wäre gewiss eine ausführliche Betrachtung wert, aber an dieser Stelle möchte ich darauf verzichten, in die Tiefe zu gehen. Ich stürze mich lieber auf die Frage, die mich schon als Kind brennend interessiert hat: Wie funktionieren Geist und Bewusstsein genau?

Der Mathematiker und theoretische Physiker Roger Penrose hat immer wieder Ausflüge in die Kognitionswissenschaften unternommen. Er hat den Sitz des Bewusstseins im oberen Teil des Mittelhirn lokalisiert, wobei er den Thalamus oder die Formatio reticularis favorisierte. Bei bewussten Aktivitäten findet nach Penrose ein Informationsaustausch zwischen dem Thalamus und dem Teil der Großhirnrinde statt, der die Empfindungen oder Bewegungsakte des aktuellen Bewusstseinsgegenstandes vermittelt.

Auffällig: Die Formatio reticularis ist nur dann aktiv, wenn das Bewusstsein aktiv ist. Sie ist ein evolutionsgeschichtlich sehr alter Gehirnteil, man findet sie schon bei Fröschen, Eidechsen und Fischen. Aber auch der Hippocampus, der das Langzeitgedächtnis organisiert, kommt nach Penrose für den Sitz des Bewusstseins in Frage.

Penrose hält es übrigens für gesichert, dass die neuronale Informationsverarbeitung auf der Grundlage digitaler Binärsignale erfolgt, welche jedoch mit einem hohen Zufallsanteil frequenzmoduliert sind. (Was ich allerdings nur ungern als Zufall definieren wollte, eher als Rauschen oder Redundanz: denn dem menschlichen Gehirn kann man, um einmal zu ketzern, auch Ungenauigkeit unterstellen; ich halte den menschlichen Geist, was die Intelligenz angeht, für einen frühen Entwurf, eine wenig effektive evolutionäre Zwischenstufe, die wegen der Verrauschung ihrer Intelligenz noch enorm verbessert werden kann.)

Dennoch ist die Signalübertragung von einem Neuron zum anderen beeindruckend: Sie erfolgt mit stolzen 120 Metern pro Sekunde. Hierbei kann das Bewusstsein nicht nur von der Vielzahl der beteiligten Neuronen abhängen, da das Kleinhirn mit etwa einem dichtgepackten Drittel der Gesamtzahl aller Neuronen völlig unbewusst arbeitet.

Eine durch Synapsen organisierte Verbindung von zwei Neuronen kann innerhalb von Sekunden hergestellt und ebensoschnell wieder getrennt werden. Dieser Prozeß ist offenbar mit dem Langzeitgedächtnis korreliert, obwohl hierbei auch chemische Veränderungen eine Rolle spielen können.

Auf diesen Zerebralmechanismus mit sich permanent neu schließenden Verbindungen und Verbindungsabbrüchen zwischen den Neuronen werde ich später zurückkommen. Zuvor möchte ich das Bewusstsein neuerlich von meiner eigenen, dezent laienhaften und latent ganzheitlichen Seite her einzufassen versuchen.

 

Die meisten Menschen in meinem Umfeld setzen Bewusstsein mit Sprach-Bewusstsein in eins. Sie tun das intuitiv. Sie würden sagen, eine Katze habe kein Bewusstsein, weil sie keine Sprache habe, mit der sie überhaupt ICH sagen könne: Wie also soll sie über ein ICH-Bewusstsein verfügen? Es stimmt, die Katze bezeichnet sich nicht als ICH – aber warum sollte sie das auch tun? Sie kann nicht mit Artgenossen so abstrakt kommunizieren, dass es Sinn machte, sich als ICH zu bezeichnen oder Artgenossen einen Namen zu geben.

(Einschränkung: Unlängst haben Delphinforscher erklärt, die Delphine würden in der Gruppe durch Laute sich gewissermaßen selbst einen Namen bwz. einen individuellen Ruf geben …)

 

(Womit ich auf eine Weise argumentiere, die den Buddhisten gewiss gefallen würde: Sie sprechen von der ICH-Illusion und meditieren gleichzeitig gerne ihre Wenn da ist kein Wort und auch kein Ton-Meditation, mit der sie die Sprache auslöschen, um dann ihm höheren Zustand der Bewusstheit ankommen zu können. Sie haben also die Sprache überwunden bzw. glauben sie überwunden zu haben: Und damit auch das ICH – wobei sie selbstverständlich einer noch raffinierteren Täuschung aufsitzen können, nämlich der Täuschung von der Auflösung des ICHs, welche ja letztendlich nur definitiv=absolut möglich ist im Tod.)

 

Roger Penrose hat erklärt, dass unbewusste Aktivitäten im Gehirn parallel prozessiert werden können, während das Bewusstsein selbst ein einheitlicher Prozess zu sein scheint, der nicht in Parallelaktivitäten zerlegt werden kann: Bewusste Prozesse werden nacheinander abgearbeitet.

Eine These, die mir nicht schlüssig erscheint.

Im Gegenteil: Wer wie ich einmal versucht, in einer über viele Stunden andauernden Geist-Niederschrift die Prozesse seines Bewusstseins Wort für Wort zu notieren, stellt dabei vermutlich wie ich fest, dass die Penrose´sche These, das Unbewusste könne parallel arbeiten, das Bewusste aber nur sequentiell, nicht zutreffend sein kann. Es gibt Mischformen. Die Worte und Sätze bilden sich auf Grundlage von mehreren Angeboten, also mehreren unter dem steten Gedankenfaden lokalisierten Alternativen, die auf der Schwelle zwischen Unterbewusstem und Bewussten liegen (also halbbewusst?).

Denken Sie sich eine Partitur, die eine führende, dominierende Melodie aufweist und zudem über leise, feine Nebenmelodien verfügt, die den Fortgang der Symphonie nicht nur begleiten, sondern auch beeinflussen, ja manchmal (kaum hörbar) vorbereiten und vorantreiben. Diese kleinen, aber feinen Impulse mögen im Falle des Bewusstseins Sinnesreize sein, aber manchmal sind es auch Erinnerungen oder Erinnerungsbilder, Gefühlswahrnehmungen an der Schwelle zur Wort- und Sprachwerdung.

 

Neben der Sprach- und Bewusstseins-Ebene gibt es zudem noch die Empfindungs-Ebene. Es erscheint sehr ratsam, die beiden sorgfältig zu trennen. Der menschliche Geist ist zwar sprachlich geprägt und kann Schmerz und Lust in Worten definieren und umschreiben, aber die Empfindung selbst logiert in einer anderen Teil des Organismus. Obwohl wir von unserem ICH aus betrachtet Schmerz spüren können, unser Geist kann ihn nicht empfinden; er registriert lediglich die Störung, die der Schmerz bewirkt, um den Fokus der Aufmerksamkeit auf die Schmerzzone zu lenken.

In Bezug auf die Gefühle mag das folgende Modell zutreffender sein als der obige Vergleich mit der untertonreichen Symphonie der Gedanken: Die Vielzahl der Gefühle und Gefühlszustände (aus denen dann auch viele Bewusstseinsinhalte resultieren) lässt sich gar hübsch illustrieren als Pool, in dem hunderte Teilinformationen zusammenströmen, etwa aus dem Körper selbst wie die aktuelle Blutzusammensetzung, der Hormonspiegel, sowie die Sinneswahrnehmungen usw..

In jedem Augenblick fließen aus diesem Pool auf der einen Seite alte Inhaltsmischungen ab, während auf der anderen neue Eindrücke nachströmen. Was ein mehrstufiges Sensoriksystem verlangt, um diese ständig variierenden Konzentrationen taxieren zu können, eine Art hierarchische Staffelung von Wahrnehmungs- oder Controlling-Ebenen bis hin zu der obersten Ebene, der Bewusstseins- und Sprach-Ebene – jene Ebene, auf der dann auch die Priorität festgelegt, der Zukunftskorridor bestimmt und die Arbeitsroutinen festgelegt werden.

 

Ich habe noch etwas offen gelassen: Die Verschaltung der Neuronen. Sollte ich eine stante-pede-These hierzu abgeben, wäre es folgende: Wenn ich ein Wort höre, dann muss dieses erst einmal vom Gehör dekodiert werden. Ist dies erfolgreich geschehen, werden die zu dem Wort gehörenden Neuronen aktiviert. Sie beginnen zu pulsen und feuern ihren Impuls weiter an die Neuronen, mit denen sie verschaltet sind, und veranlassen diese zum Mitpulsen. So wachen zu dem jeweiligen Wort ganz automatisch auch Erinnerungen auf, manchmal ist es ganz explizit die letzte Verwendung jenes Wortes oder eine bestimmte Situation, in der das Wort gefallen ist. Wenn ich hier zum Beispiel schreibe: BIENE, dann werden Sie vermutlich nicht nur eine Biene vor ihrem inneren Auge sehen, sondern auch Erlebnisse hierzu aktivieren, eventuell sogar eine Verhaltensweise antizipieren, die sie bevorzugen, falls eine Biene in ihre Nähe kommt: Geschärfte Aufmerksamkeit etwa. Das geschieht, weil in ihrem Gehirn dieses Erlebnis mit dem Neuron/den Neuronen, die das Wort Biene definieren, ins Schwingen kommen.

Um nun ein neu hinzukommendes Erlebnis auch abspeichern zu können, müssen in jedem Moment neue Neuronenverbindungen geknüpft werden. Die Worte, die nun im Kontext um das soeben von Ihnen gelesene Wort BIENE standen, werden ebenfalls verbunden, neu verschaltet – und so werden Sie sich beim nächsten Mal, wenn Sie eine Biene sehen, vielleicht daran erinnern, dass Sie in einem Buch etwas von einer Biene gelesen haben.

Weshalb das Gehirn sich ständig neu konstruiert. Es arbeitet anders als ein Computer, der sich eine Information potentiell unendlich lang 1:1 abspeichern und jederzeit wieder unverfälscht abrufen kann. Menschen hingegen beklagen nicht nur falsche Abspeicherungen von Informationen in ihrem Gedächtnis, mitunter haben sie auch Schwierigkeiten, das Wort zu finden, das ihnen eigentlich auf der Zunge liegt – oder sie bringen Ereignisse in eine falsche zeitliche Reihenfolge (welche nahezu unmöglich zu behalten sind im streng chronologischen Sinn, weshalb man sich meistens privater Epochen im eigenen Lebenslauf bedient, also beispielsweise bestimmte Erlebnisse mit den Städten verankert, in denen man wohnte oder aber mit den Jobs, die man ausübte, den Partnern, mit denen man lebte etc.; kurzum, ich möchte die Hypothese aufstellen, dass die Erinnerung eigentlich zeitunabhängig ist, erst durch das Nachdenken und das Analysieren der erinnerten Inhalte verzeitlicht wird). Das Gedächtnis ist kein Archiv, es ist ständig in Bewegung, wird immer wieder neu überschrieben, weil neues Input nachdrängt und alte Verbindungen wieder gekappt werden.

Ein persönliche Beobachtung eines Gedächtnisphänomens möchte ich hier nicht unterschlagen, weil es das soeben Dargelegte sehr gut illustriert: Da ich schon viele fiktionale Texte geschrieben habe, kann ich in manchen Fällen nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob ich ein Erlebnis vor langer Zeit erfunden habe, oder ob es vielleicht ein Traum war; manchmal argwöhne ich sogar, ich hätte es selbst erlebt …

Die Deutung dieser vermeintlichen Kuriosität liegt auf der Hand: Beim Verfassen von Geschichten und beim Träumen werden viele Neuronennetze verwendet, die ebenfalls beim Wachsein aktiv sind – und programmiere sie dann auch beim Schreiben und Träumen neu.

Die Struktur des neuronalen Netzwerks ist somit weniger okkult als zumeist angenommen: Die Tatsache, dass Neuronen nach ihrer Stimulierung von den aktiven Arealen immer wieder in die Areale zurückfeuern, aus denen der Impuls stammte, lässt sich in diesem Kontext gut als eine Art Koppelungsvorgang verstehen.

Oder, abstrakt ausgedrückt:

Der Geist verwandelt Eindrücke oder Worte in Signale, die wiederum in Verbindung mit anderen Eindrücken oder Worten oder Signalen stehen. Diese Info-Bits (wie ich sie hier profan nennen möchte) verbinden sich mit ihnen wesensverwandten Info-Bits. Sobald also BIENE aktiviert wird, kommen auch andere wichtige Info-Bits in den Sinn, wie Gefahr, Honig etc., also sehr konträre, aber wichtige zusätzliche Informationen. Aus einem Wort oder einem Signal entsteht somit ein beinahe schon fühlbares Agens, das die Aufmerksamkeit auf die relevanten Fragen („wie verhalte ich mich?“) lenkt. Die Verbindungen nun, die oft in ihrer Kontextualität bestätigt werden (also wenn BIENE und HONIG häufig gemeinsam als Codes wahrgenommen werden), erzeugen mit der Zeit eine immer stärkere und vordringlichere neuronale Verschaltung.

 

(In diesem Zusammenhang wird in der Psychologie auch gerne vom Triggern gesprochen.)

 

Das heißt, als Zwischenfazit:

Das Bewusstsein als oberste Stufe der zerebralen Prozesse entsteht aus einem permanenten elektrischen Vibrieren und Pulsen von Netzen, in denen sich die anfängliche Einheitlichkeit, wie sie noch im fötalen Gehirn vorherrscht, in Richtung einer Spezialisierung und eines Ungleichgewichts entwickelt hat. Während das passive=schlafende Gehirn eher stetige als unstetige Neuronenimpulsmuster aufweist, sind im wachen und bewussten Gehirn stets verschiedene Regionen aktiv, und die Hirnstrommuster sind deutlich asymmetrisch angelegt.

 

Und als Zwischenfantasie:

Besonders charmant und attraktiv ist in diesem Kontext – meine Lieblingsutopie! – der Transfer auf den Supercyborg: Statt 100 Milliarden Nervenzellen kann man inzwischen gewiss Milliarden aktive Internetnutzer zählen. Das, was also im Netz geschieht, wäre eine Art pseudoneuronale Denktätigkeit, bei dem zum Beispiel eine Rundmail von ähnlicher Funktion wäre wie der Nervenimpuls eines Neurons, das an viele andere Neuronen feuert, mit denen es verschaltet ist – und aus der Gesamtheit dieser Aktivitäten entstünde nach und nach eine Meta-Struktur, eine Bewusstseinsplattform, ein abstrakter, digitaler Ort, an dem die wichtigsten Informationen zusammenfließen und auch prozessiert werden.

Diese Cyber-Fantasie hat, wenn ich mich recht entsinne, auch der bekannte und erfolgreiche Cyberjournalist Douglas Rushkoff („Cyberia“) vertreten. Mitunter ist man, wenn man solche Thesen ernsthaft diskutiert, nicht vor Spott sicher, weil diese verrückte Chose irgendwie verdächtig nach ScienceFiction riecht. Wiewohl derlei Fantasien immer moderner werden – ich bin mir bewusst, dass es noch eine Weile dauern wird, bis diese Idee nicht mehr nur frappierend nach Fantasy klingt oder nach einer neu zu gestaltenden Religion, sondern als reale Möglichkeit oder gar als Philosophie im Raum steht.

 

Die Robotertechnologie indessen serviert uns wieder unsere heiß geliebte Frage nach der Freiheit auf dem Silbertablett: Wie sieht es eigentlich aus mit den beiden idealen Welten in Hinblick auf die aktuellen Roboterwissenschaften?

Francis Crick, der Mitentdecker der Struktur des D-N-A-Makromoleküls, hat sein bekanntestes Buch The Astonishing Hypothesis: The Scientific Search for the Soul wie folgt begonnen:

 

Die erstaunliche Hypothese ist, dass ‚Du’, deine Freude und dein Kummer, deine Erinnerungen und dein Ehrgeiz, dein Sinn von persönlicher Identität und freier Wille, in Wirklichkeit nicht mehr sind als das Verhalten einer gewaltigen Ansammlung von Nervenzellen und ihre damit verknüpften Moleküle.

 

Nach Crick sind alle Menschen folglich ideale Roboter. Crick liebt die Provokation, geriert sich als Exzentriker, wo immer sich ihm eine Bühne bietet – und gibt dann manchmal auch erlesene Sottisen zum Besten, etwa wenn er Schwarzafrikanern einen geringeren IQ attestiert, was durch einschlägige Studien angeblich belegt sei; bei derlei Provokationen agiert er allerdings zu ernsthaft, als dass man in ihm einen Wissenschaftsclown wie seinerzeit Paul Feyerabend vermuten könnte. Wiewohl Chauvinismus kaum hinter seiner IQ-These stecken wird: Wer eine durch und durch naturwissenschaftlich organisierte, also totale determinierte Welt annimmt, hält jeden Menschen ohnehin für einen Roboter, und gemäß dieser Theorie wird folglich der Schwarzafrikaner nicht zum vermeintlichen Idioten abgestempelt, sondern lediglich als ein vermeintlicher Roboter-Idiot identifiziert.

(Was selbigen allerdings noch immer empfindlich treffen kann, sofern sich dieser Roboter-Idiot nicht als Roboter begreift. Aber eigentlich kann er gemäß dieser Logik nichts dafür, dass er so ist wie er ist.)

 

Doch selbst Koryphäen mit größeren mitmenschlichen Gefühlsqualitäten wie Albert Einstein waren strikte Deterministen, nicht nur das Gott würfelt nicht war für ihn ein Credo, Einstein ging ebenfalls von einer festgelegten Charakterstruktur aus:

 

An Freiheit des Menschen im philosophischen Sinne glaube ich keineswegs. Jeder handelt nicht nur unter äußerem Zwang, sondern auch gemäß innerer Notwendigkeit. (Mein Weltbild)

 

Wie kommt es, dass viele Wissenschaftler diese strikt geordnete, schematische Welt, die abgespult wird wie ein Endlosfilm, einer kreativ evolvierenden, sich ständig aufs Neue mit unvorstellbaren Kapriolen überraschenden Welt vorziehen? Weil es zu dem wissenschaftlichen Weltbild (seinem Urmythos gewissermaßen) besser passt, wenn man ewige Gesetze voraussetzt?

Sind diese Deterministen letztendlich nur fleißige Weiterspinner des guten alten Gottesmodells, das im postnewtonianischen Zeitalter (obwohl ja der gute Newton, heißt es, summa summarum mehr theologische Bücher geschrieben habe als wissenschaftliche, und sich obendrein ausgiebigst mit Kabbala und Alchemie befasst hat, und das nicht nur, um sich über sie zu amüsieren, im Gegenteil …) ausgedient hatte, von den neuen Recken der Aufklärung einkassiert wurde – um dann durch die Weltformel ersetzt zu werden, von der heute beispielsweise ein Stephen W. Hawking so medial massenwirksam träumt?

 

Es könnte hilfreich sein, die sogenannte Kreativität einmal zu vivisezieren: Das, was für uns im täglichen Leben so oft kreativ oder irrational erscheint, ist letztendlich nichts Ungewöhnliches und Wundersames. Was denkt zum Beispiel der Frosch, wenn er die Fliege erkennt, die sich von der Wand abstößt und den Raum durchquert? Wegen seines individuellen Sehvermögens kann er die Fliege (gemäß einer seltsam anmutenden, aber weit verbreiteten Studie) offenbar erst dann als Fliege bzw. als Futterobjekt erkennen, wenn diese sich bewegt. In dem Moment also, wo dieser schwarze oder metallic schillernde kleine Fleck an der Wand zum Flug abhebt, verwandelt er sich im Gehirn des Forschs in ein Objekt der Begierde, das es einzufangen gilt.

Ich frage Sie: Was denkt der Frosch? Wäre er ein Mensch und würde über die philosophischen Hintergründe nachgrübeln, dächte er wohl Folgendes: Diese leckere Fliege muss gerade erst entstanden sein, bzw. sich urplötzlich wie durch einen Zauber inkarniert haben aus diesem dunklen Fleck (sofern der Frosch überhaupt diesen Fleck an der Wand sehen kann, was ich allerdings hier der Einfachheit halber annehmen möchte).

Für einen Menschen hätte solch eine Transmutation gewiss Wundercharakter. In der menschlichen Realität hingegen ist diese nette Fliegen-Frosch-Story kein Wunder, eher eine adrette Banalität, über die ein zu höheren geistigen Überlegungen fähiges Lebewesen, wie der Mensch eines ist, schmunzeln kann.

Woraus man schließen dürfte: Kreativ und irrational und voller Wunder könnten folglich lediglich andere Begriffe sein für Unwissenheit, Naivität, Beschränktheit, Blödheit.

Es gäbe demnach verschiedene Stufen der Wahrnehmungs- und damit auch Welterkenntnisfähigkeit. Der Mensch rangierte demnach im Biosystem Erde an (vermutlich) ranghöchster Stelle, wäre aber gegenüber potentiellen noch klügeren Nachfolgern seinerseits ein recht naives, ja blödes Geschöpf.

Ich sollte jedoch nicht verhehlen, dass auch die antagonistische Fraktion eloquente und engagierte Fürsprecher hat, und diese Wundergläubigen vertreten ihren Standpunkt nicht minder vehement. Ihre Zufallswelt weiß durchaus zu faszinieren: Die Evolutionsbiologie übt geradezu magnetische Wirkung auf viele Kreative aus, die auf den Zufall als kreatives Element setzen, ja ihren Fetisch daraus machen, womöglich, weil sie ihre latenten künstlerischen Neigungen und Gelüste wunderbar auf das Große Ganze projizieren können.

An dieser Stelle kommt wieder Kekulés Traum ins Spiel, der in den Kreisen der Wissenschaftlern der Hippiegeneration exzessiv zitiert wurde: Weil man anhand seines Beispiels wunderbar auf die halbokkulten Emergenzphänomene wie Eingabe oder Inspiration rekurrieren kann, und diese Emergenz scheint ein unverzichtbarer Aspekt ihrer Weltanschauung zu sein: Die Kreativität ist eine Schwester des Stolzes, steht konträr zu der Demut der Deterministen – und sie passt im Übrigen auch blendend zu dem smarten Dogma des Kapitalismus: Jeder, der motiviert und zudem einfallsreich ist, das ihn umgebende Milieu klug beobachten kann und zudem eine gesunde Portion Mut, Selbstbewusstsein und Überzeugungskraft mitbringt, seine Einfälle zu realisieren, kann in solch einem System erfolgreich werden.

 

(Erfolg ist eine Frage der Intelligenz.)

((… aber auch Misserfolg kann manchmal taktische Gründe haben.))

 

Auch der Zukunfts- und Evolutionsforscher Erich Jantsch hat aus dieser kreativen Kraft den progressiven Charakter seiner Philosophie filtriert, sein Weltbild war in den Grundzügen offen und hoffnungsfroh, nicht zufällig gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Club of Rome und dann auch, wie er nicht ohne Stolz betonte, zu den ersten, die den Club wieder verließen, als dessen Zielsetzung die Gründungsmaxime verletzte.

Jantsch ging aus von einer Evolution, die aus vielen Koevolutionen heraus evolviert, seiner Auffassung nach waren in der Geschichte des Universums Makro- und Mikrokosmos zwei einander antreibende Kräfte, die sich wechselseitig immer neue Milieus bereiteten, in deren Milieuräumen oder Nischen neue Formen evolvieren konnten.

Ein paar Kernsätze seiner Theorie seien hier angeführt: Die initiale Zündung der evolutionären Prozesse sieht Jantsch in individuellen, sich autokatalytisch verstärkenden Fluktuationen, die eine Instabilitätsschwelle durchbrechen, um komplexere Strukturen und damit neue Informationen hervorbringen zu können, die dann ebenfalls stabil sind und zuverlässig arbeiten.

Im Mikrokosmos wird die Fluktuation durch einen Zufall ausgelöst. Makroskopisch hingegen geht das System deterministisch, wiewohl nicht bis ins letzte Detail definitiv vorbestimmt, in einen neuen autopoietischen Zustand über, sofern die Fluktuation durch das alte System nicht stabilisiert werden kann. Makroskopisch verbleibt eine Unbestimmtheit in der Strukturbildung, die für den Verzweigungsbaum der Evolution charakteristisch ist, aber rückwärts eindeutig verfolgt werden kann. Mit der Bildung der neuen Struktur ist gleichzeitig die Produktion von neuer Information verbunden, welche gleichzeitig historische Erfahrung enthält.

 

Jantschs Koevolutionsschema ist erstaunlich einfach, ohne auf den zweiten und dritten Blick offensichtliche Widersprüche oder Fehler aufzuweisen. Schauen wir uns einmal eines seiner Koevolutionsschemen genauer an: Wenn man die Evolution der Galaxien und Sterne betrachtet, war es nach Jantsch der Makrokosmos, der die physikalischen Bedingungen schuf, um innerhalb der Sterne die schweren Atomkerne bis zum Eisen und in den Explosionswellen einer Supernova die schwereren Elemente bis zum Uran entstehen zu lassen – womit also die Mikro-evolution in Gang gebracht wurde, ohne die es wiederum keine Planetensysteme gegeben hätte und damit keine Grundlagen für die biologische Entwicklung.

Auf dem Planeten Erde ist die makromolekulare biochemische und biologische Evolution eng an die Entwicklung der Erdoberfläche, der Atmosphäre und der Biosphäre gekoppelt. Erst die intensiven Stoffwechselprozesse innerhalb der vielen Arten von Mikroorganismen haben beispielsweise die sauerstoffhaltige Atmosphäre geschaffen, wodurch wiederum die Oxydationsprozesse der Erdoberfläche in Gang kamen, mit der Folge, dass die Erde ein völlig neues Gesicht bekam. Nach der Evolution erster Lebensformen, scheint es, habe die biologische Fortentwicklung für etwa zwei Milliarden Jahre eine Stagnation erlebt. Erst durch die Sauerstoffatmosphäre wurde die biologische Evolution mit der Entwicklung mehrzelliger Pflanzen und Tiere möglich.

Die Mikroevolution der Lebewesen über Prokaryoten, Eukaryoten, Pflanzen, Tiere verläuft nach Jantsch parallel zur Entwicklung von Makrosystemen biosozialer Gemeinschaften und Ökosystemen. Die stammesgeschichtliche Entwicklung der einzelnen Lebewesen wird durch die Verwendung der Sexualität und die dadurch mögliche selektive Übertragung historischer genetischer Erfahrungen bestimmt und von der Makroevolution von Ökosystemen mit ihrer heterotrophen Vielfalt der Arten (einer verzehrt den anderen) begleitet.

Sowohl die einzelnen Lebewesen als auch die Ökosysteme sind autopoietische Systeme, die strukturell darauf ausgerichtet sind, sich unter dem geringstmöglichen Energieaufwand selbst zu erneuern. Dies geschieht koevolutiv, das heißt, ihre Evolution beeinflusst sich wechselseitig. Die genetische Entwicklung der Individuen zeigt in der Phylogenese eine wachsende Vielfalt der genetischen Anlagen, die in der Ontogenese erst durch die jeweilige Umwelt wieder spezifiziert werden. Dem gegenüber sind bei den phylogenetisch älteren Spezies die soziobiologischen Verhaltensweisen stärker genetisch gebunden, während sie bei jüngeren Spezies verstärkt durch kommunikative Lernprozesse individualisiert werden.

 

Auch Erich Jantsch begreift den Menschen nicht als Krone der Evolution, sondern eine Art Bauteil, einen Mitgestalter, einen Teilnehmer, dessen Lebenssinn offenbar darin besteht, ein erfolgreicher Teilnehmer des Universums zu sein.

 

Wenn es gelänge, eines Tages eine selbstreplikative Technik zu erschaffen, könnte man von einem neuerlichen Geniestreich des evolutionären Prinzips sprechen, man hätte eine neue Qualität, und es müsste erlaubt sein davon zu sprechen, dass eine neue Epoche anbräche.

Denkbar wären dann beispielsweise Von-Neumann-Maschinen. Roboter, die den Weltraum erkunden, nach günstigen Planeten Ausschau halten, auf denen sie Ressourcen zum Herstellen von Bauteilen neuer Roboter finden. Diese autoreplikativen Roboter würden das Universum revolutionieren – was die euphorischen unter den fantasiebegabten Humangeschöpfen begeistern mag, während die vornehmlich angstfantasiebegabten Menschen sich darob veranlasst sehen, nervös mit den Zeigefingern zu fuchteln zwecks nachdrücklicher Warnung, dass solche Roboter gewiss eines Tages auch den Planeten Erde ausplündern würden …

Heute müssen wir uns mit theoretischen Überlegungen und prinzipiellen Simulationen von replikativ-iterativen Mustern bescheiden, die Technik der autoreplikativen Roboter befindet sich noch in den Anfängen. Derzeit werden mittels spezieller Algorithmen autoreplikative Prozesse via Computer lediglich nachgespielt bzw. nachgestellt – in ihrer Wirkweise und ihrer visuellen Darstellung erinnern sie dabei markant an fraktale Strukturen und sind deshalb nur im übertragenen oder metaphorischen Sinn auf geistbegabte Organismen zu übertragen.

Als ein besonders attraktives, weil augenfälliges Beispiel lässt sich in diesem Zusammenhang die sogenannte Langton-Ameise heranziehen. Sie ist ein unsichtbares Geschöpf, das sich auf einem quadratischen Gitter aus weißen oder schwarzen Feldern bewegt. Betritt sie ein weißes Feld, färbt sie es schwarz ein. Betritt sie hingegen ein schwarzes Feld, koloriert sie es weiß.

Ihre Gangart führt sie von Quadrat zu Quadrat, aber sie läuft nie geradeaus, sondern dreht sich bei jedem Schritt um 90°, entweder nach links oder nach rechts. Ist das nächste Feld weiß, so dreht sie sich entgegen dem Uhrzeigersinn weiter. Ist das Feld schwarz, dreht sie sich im Uhrzeigersinn weiter. Danach läuft sie auf das nächste Feld in der neuen Blickrichtung.

Man muss dieses besondere Verhalten sehr lange am Computer iterieren, bis die Ameise aus chaotischen Wegemustern eine sehenswerte Route findet. Denn in den ersten 10.000 Schritten entsteht lediglich ein komplexes, chaotisches Muster, dass man meinen möchte, es würde sich auch in alle iterative Ewigkeit nichts mehr daran ändern – schließlich und endlich jedoch bildet sich unverhofft eine regelmäßige Struktur aus. Und das eigentlich Interessante daran ist, dass der Algorithmus selbst symmetrische Regeln vorgibt, während die entstehenden Muster asymmetrisch sind.

 

(Die Verallgemeinerungen solcher Ameisen sind auch als Turing Turtle bzw. Turmiten bekannt.)

 

Die Langtonsche Ameise hat noch nicht viel mit autoreplikativen Robotern zu tun, sie ist lediglich eine theoretische Vorstufe, genauso wie das nicht minder berühmte Game of Life von John Horton Conway. Wie bei der Ameise werden auch hier Iterationen verwendet, das heißt, das dasselbe Gesetz oder die gleiche Formel wird immer wieder angewendet.

Das Spielfeld ist beim Game of Life in Spalten und Zeilen unterteilt und im Idealfall unendlich groß. Jedes Gitterquadrat ist ein somit Zellulärer Automat, der einen von zwei Zuständen einnehmen kann, welche gerne als lebendig und tot bezeichnet werden. Zu Beginn wird eine Anfangsgeneration von lebenden Zellen auf dem Spielfeld platziert. Jede lebende oder tote Zelle hat acht Nachbarzellen, die bei der Berechnung der Zukunft des Ensembles berücksichtigt werden (Moore-Nachbarschaft).

Die nächste Generation ergibt sich durch die Befolgung einfacher Regeln. Das heißt: Zur Erzeugung von Strukturen wird ein Programm abgespult, das auf einem einfach strukturierten Ereignisfeld seine Iterationsschritte vollzieht. Da unsere 4d-Wirklichkeit (strukturiert in der Raumzeit) weniger einfach bzw. übersichtlich strukturiert ist, sollte man von Transferversuchen absehen. Dessenungeachtet liegt es nahe, einen Konnex zu den John-von-Neumann-Maschinen herzustellen. Wenn eines Tages diese Neumannschen Roboter ausschwärmen, um das Universum zu erkunden, fremde Planeten mit ihrer Nachkommenschaft zu besiedeln etc., gehen sie womöglich auch nach einem bestimmten Schema vor, jener Iteration, die ihnen der Programmierer eingegeben hat.

Wobei man hier nicht nur an große Roboter denken könnte. Richtig spannend wird es im mikrokosmischen Bereich. Und noch extremere Fantasien erweckt das, was unlängst in dem Onlinefeuilleton Telepolis zu lesen war: Dass ein amerikanischer Geheimdienst Wissenschaftler sucht, die daran forschen, wie programmierbare Materie hergestellt werden könnte. Es wären auch Mikrocomputer denkbar, oder Strukturen, die auf Mikroebene ähnliche Ereignisfelder mit ihren Game-of-Life-Mustern überziehen.

Oder denken Sie an den sogenannten Quantencomputer. Wird es gelingen, eine Vielzahl von Quanten tatsächlich untereinander zu konzertieren? Ich kenne wenig Aufregenderes als solch eine Minitechnologie, und ich meine aufregend im wahren Wortsinn: Denn womöglich ließen sich dann damit auch subatomare Kettenreaktionen programmieren, die sich nicht mehr stoppen lassen?!

 

Ich werde in diesem Essai immer wieder auf die Roboter zu sprechen kommen und auch auf die Roboterethik, die es in den nächsten Jahren zu begründen gilt. Doch für den Augenblick möchte ich die erste Hälfte dieses Aggregats über Codes mit einer kurzen Quintessenz abschließen: Fokussiert habe ich auf den essaiüblichen labyrinthischen Wegen jene Strukturen, auf denen das biologische Leben und der intellektuelle Geist gründen. Wobei der Labyrinth-Vergleich dem Thema angemessen ist: Denn auch dieses Aggregat selbst hat seinem Inhalt nach eine latent mäandernde Grundstruktur, auch ich habe mich ähnlich bewegt wie eine Langtonsche Ameise.

In dem ersten Drittel dieses Aggregats habe ich mit meinen zick-zack-zirkulativen Skizzen das theoretische Fundament gelegt, nun kann ich darauf die tragenden Wände des Hauses aufbauen: ganz konkret werde ich im Folgenden auf die Codes und ihre Erscheinungsformen eingehen.

 

Eine Spitzfindigkeit vorneweg (die es im Folgenden zu erläutern gilt):

Genau genommen ist alles Code.

 

Per definitionem
ist Code eine Mittlersprache zwischen verschiedenen Systemen. Ein Code gilt als Vorschrift, wie Nachrichten oder Befehle zur Übertragung oder Weiterverarbeitung für ein Zielsystem umgewandelt werden. Man denke an den Morsecode: Er dient ein Transmitter zwischen Buchstaben/Sprache und Tonsignalen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter einem Code hingegen häufig einen geheimgehaltenen Code, der zur Verschlüsselung von Botschaften verwendet wird oder zum Schutz von Privateigentum, von Geheimnissen, der dann bei Banksafes etc. eingesetzt wird.

Ein Code kann aus Daten, Ziffern, Zeichen, Buchstaben oder anderen Informationsträgern bestehen, also zum Beispiel auch aus D-N-A-Strängen.

Dem Code haftet in der Regel etwas Schwerverständliches an; wer ihn lesen will, muss in der Regel erst einmal das codespezifische Alphabet erlernen. Und je kryptischer eine informative Struktur ist, auf die man (beispielsweise in der Forschung) stößt, desto eher bezeichnet man sie als Code: Etwa die D-N-A, die eine Information trägt, deren Sinn nicht sofort in der ganzen Bedeutung erschließbar war – sie wurde flugs zum genetischen Code erklärt.

Andere Codes sind sehr spezielle kommunikative Formen, etwa das Flaggenalphabet (Chiffren für Seemanöver oder Ähnliches) oder das Winkleralphabet (Buchstabenchiffre via Flaggenhaltung), die nur von wenigen Experten verstanden werden.

Man erinnere sich auch an die Enigma-Codes der Nationalsozialisten, die Alan Turings Team in Bletchley Park entschlüsselte. In letzterem Fall ging es in erster Linie um die höchstmögliche Geschwindigkeit in Sachen Nachrichtenübermittlung bzw. Nachrichtentechnik.

Selbstverständlich hatten die Indianer, sofern der Rauchzeichencode nicht nur ein Mythos der weißen Eroberer ist, eine ähnliche Funktion, oder aber die Flaggencodes in der mediterranen Schifffahrt, die in den griechischen Mythen erwähnt werden und die bis in die Sagen von Tristan und Isolde hineinragen.

Man könnte diese einfachen Codes auch als verlängerte Gesten betrachten. Aus der Gestensprache (die im Tierreich weithin verbreitet ist) hat sich die Sprechsprache entwickelt, beziehungsweise diese zu großen Teilen ersetzt, ausgenommen die Sprechbehinderten, die sie unter Zuhilfenahme eines eigenen Gestencodes verwenden.

Auf weite Entfernung oder in schwierigen geografischen Terrains ist die Tonübermittlung (von Sprache bis zu Fanfaren im Krieg) jedoch schwierig oder aber langsamer als die visuelle Übermittlung, weshalb sich hierfür visuelle Codes wie etwa der Flaggencode als sinnvoll erwiesen haben.

 

Wenn ungleichartige Systeme miteinander kommunizieren wollen, die lediglich eine schmale Berührungsfläche aufweisen, spricht man mitunter vom Interface oder der Schnittstelle. So haben beispielsweise Mensch und Maschine eine Schnittstelle, über die sie mit dem ASCII-Code eine kommunikative Brücke herstellen können: Hier die Tastatur, dort der Bildschirm.

ASCII steht hierbei für American Standard Code for Information Interchange, alternativ auch US-ASCII. Dieser Code ist eine 7-Bit-Zeichenkodierung und bildet die US-Variante von ISO 646 sowie die Grundlage für spätere mehrbittige Zeichensätze und -kodierungen. ASCII wurde 1967 erstmals als Standard veröffentlicht und 1986 zuletzt aktualisiert. Die Zeichenkodierung definiert 128 Zeichen, davon 33 nichtdruckbare sowie folgende 95 druckbare. Sie lauten, beginnend mit dem Leerzeichen:

 

!"#$%&'()*+,-./0123456789:;?

@ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ[]^_

`abcdefghijklmnopqrstuvwxyz{|}~

 

Noch problematischer wird die Schnittstelle im Fall des sogenannten Gencodes. Hier stieß man auf eine Struktur, die besonders schwer zu deuten erschien. Die D-N-A ähnelte einem Buch, dem man bestimmte relevante Zitate entnehmen und reproduzieren konnte. Wenn man nun tatsächlich von einem Gen-Code sprechen will, muss man sich überlegen, wie hier eigentlich kommuniziert wird und worüber.

Also: Wo ist hier eigentlich die Schnittstelle?

Betreibt der Gentechniker, der Genabschnitte in die D-N-A einschleust, eine Art der Kommunikation mit der Zelle? Oder ist es schon ein Kommunikationsangebot, wenn die Zelle ihre D-N-A dem Menschen präsentiert, auf dass er sie analysieren und interpretieren kann? Also in diesem Fall durch ihre pure Existenz und die Existenz von Analysemethoden im Labor eines Genetikers?

Der Zelle zumindest kann man nur schwerlich unterstellen, sie verfolge das hehre Ziel, mit dem Menschen zu sprechen, und dass sie auch wenig Interesse daran hat, ihrerseits dem Menschen bei dessen Menschenpalaver zuzuhören, etwa davon träumt, auch endlich Goethes Faust in voller sprachlicher Schönheit genießen zu können, die man ihr via Virus mit Goethe-R-N-A in das Zellinnere injizieren könnte.

Hier kann offenbar tatsächlich nur der Mensch mit der Zelle angemessen kommunizieren, indem er ihr eine Sequenz von spannenden Genfolgen erzählt – und sie das dann in reale Sachverhalte (z. B. Proteinbiosynthese) umsetzt.

 

Wer aber liest innerhalb der Zelle die D-N-A?

Man könnte an dieser Stelle jene Zellorganelle oder Zellstrukturen anführen, die beispielsweise die Proteinbiosynthese organisieren. Die D-N-A im Zellkern stellt ihnen hierfür die benötigte Information bereit, so dass zwischen beiden Strukturen eine Interaktion stattfinden kann – und eine Interaktion ist ohne eine kommunizierte Information kaum vorstellbar.

 

Es lohnt sich, einmal tiefer in diese Strukturen zu zoomen und die Proteinbiosynthese in ihrer funktionalen Abfolge zu segmentieren.

Der erste Schritt hierfür ist die Transkription. Die Wikipedia-Schreiber versuchen jenen Vorgang wie folgt für den Laien herunterzubrechen:

 

Bei diesem ersten Schritt der Proteinbiosynthese wird ein Gen auf der DNA abgelesen und in ein mRNA-Molekül transkribiert. Bei diesem Vorgang werden die Nukleinbasen der DNA (A,T,G,C) in die Nukleinbasen der RNA (A,U,C,G) umgeschrieben. Anstelle des Thymins kommt Uracil und anstelle der Desoxyribose kommt Ribose in der RNA vor.

Die Transkription des Gens wird durch das Enzym RNA-Polymerase (und mehrere andere Proteine) bewerkstelligt, das als Substrat DNA und die Ribonukleotidphosphate ATP, UTP, CTP und GTP benötigt. Daraus wird komplementär zu einem DNA-Strang eine fortlaufende RNA-Kette (mRNA) unter Abspaltung der jeweiligen beiden Phosphatreste der Triphosphate hergestellt.

 

Nach der Transkription erfolgt die Translation:

 

Unter Translation versteht man die Übersetzung der Basensequenz der mRNA in die Aminosäuresequenz des Proteins, die an den Ribosomen geschieht. Im codierten Bereich der mRNA bilden drei aufeinander folgende Basen ein Codon (Basentriplett), welches für eine Aminosäure codiert wird. Die Aminosäuren werden entsprechend der Abfolge der Codons sequentiell translatiert.

Da es keine strukturelle Verwandtschaft zwischen Codon und der dazugehörigen Aminosäure gibt, wird ein Zwischenstück benötigt, das einerseits die Aminosäure bindet und andererseits das zugehörige Codon auf der mRNA erkennt. Für diesen Vorgang sind als Aminosäuren-"Transporter" die tRNA notwendig. Die tRNA erkennt mit einer Struktur, die Anticodon genannt wird, das Codon auf der mRNA und bindet spezifisch daran.

Zur Ausbildung einer Peptidbindung zwischen zwei Aminosäuren müssen sie in räumliche Nähe zueinander gebracht werden. Da ein oder mehrere Enzyme alleine dazu nicht in der Lage sind, wird die Oberfläche einer großen supramolekularen Struktur benötigt. Diese Aufgabe erfüllen die Ribosomen.

Bei Erreichen eines Stoppcodons, welches für keine Aminosäure codiert, wird die Translation abgebrochen.

 

Die Begriffe Transkription und Translation gehören wiederum zu jenem sprachlichen Vergleich, in dem die D-N-A mit einem Buch gleichsetzt wird. Obschon auch andere Deutungen möglich wären. Die Steuermechanismen innerhalb der Zelle sind beispielsweise weniger mit einem Buch zu vergleichen. Welcher Technik etwa bedienen sich die Zellen in großen Organismen eigentlich, um grundlegend verschiedene Zelltypen auszudifferenzieren? (An dieser Stelle setzt die Stammzellenforschung an.) Wie ist es möglich, dass jede einzelne Körperzelle auf das gleiche D-N-A-Buch zurückgreift, und doch sehr verschiedene funktionelle Varianten wie Muskel-, Leber- oder Hautzellen ausgebildet werden? Wie wählt die einzelne Zelle hierfür das passende D-N-A-Programm aus?

Es liegt nahe, dass es mindestens einen zweiten Code bzw. einen artifiziellen Steuermechanismus geben muss. Ein Beispiel: Wissenschaftler der Arbeitsgruppe von Prof. Gernot Längst an der Universität Regensburg haben unlängst einen Mechanismus entschlüsselt, in dem sogenannte Chromatin-Remodeling-Komplexe die D-N-A-Sequenz auslesen, um Nukleosomen gezielt positionieren zu können.

Nukleosomen werden als eine Histonkomplex-Einheit mit spiralig gewundener D-N-A-Kette beschrieben, sie wirken bei der Bildung von Heterochromatin mit, beim sogenannten Gene Silencing (das Inaktivwerden von Genen via Hyper-D-N-A-Regulationsmechanismen) sowie bei der Entspiralisierung der D-N-A vor der Mitose.

 

Dem genetischen Code übergeordnet, welcher die DNA-Sequenz mit der Proteinsequenz verknüpft, scheint es einen weiteren Code zu geben, der die DNA-Sequenz mit der Position der Nukleosomen verbindet. Da eine menschliche Zelle hunderte verschiedene Chromatin Remodeling Komplexe enthält, und jede dieser Maschinen den vorliegenden Code unterschiedlich interpretiert, könnten diese ein regulatorisches Netzwerk bilden. Innerhalb dieses Netzwerks, bestimmen die lokalen Maschinen die Positionen der Verpackungsproteine und somit die Muster des zellulären Gen-Programms. Diese Befunde erklären, warum die Chromatin Remodeling Komplexe für DNA-abhängige Prozesse essentiell sind und Mutationen dieser Maschinen häufig mit der Entartung von Zellen assoziiert sind.

 

Für die Steuerung dieser Nukleosomen vermutet man also mindestens einen weiteren Code, der der D-N-A über- oder nebengeordnet ist. Aber wie nenne ich einen solchen?

Einen D-N-A-Buch-Benutzungs-Code? Eine Leseanweisung? Oder eine Interpretation?

Je aufmerksamer man die komplexen Funktionen innerhalb der Zelle prüft, umso brisanter wird die Frage, ob der Vergleich der D-N-A mit einem Buch tatsächlich plausibel ist. Zwar ist augenfällig, dass die D-N-A eine Art Buchstaben-Technik der vier Basen (A,C,G,T) verwendet, Textabschnitte werden kopiert und im Anschluss zum Bau von Zellbausteinen oder Eiweißen benutzt. Aber das in der D-N-A gespeicherte Gen ist eigentlich eher Gussform für eine Skulptur (das Eiweiß) und nicht nur bloße Informationseinheit. Vielmehr drängt sich das Bild einer Fabrik auf, in der an Fließbändern bestimmte Waren hergestellt werden: Folglich entscheidet immer die Vorlage, was gerade produziert wird.

Wobei – und das ist eine hübsche Raffinesse des zellulären Lebens – diese kleine Biozellfabrik sich selbst beständig konstruiert und rekonstruiert und, wenn die Zeit gekommen ist, autoreplikativ durch ein nicht minder raffiniertes Selbstklonierungsverfahren reproduziert.

 

Nähme man den D-N-A-Buch-Vergleich ernst und vergliche den D-N-A-Code mit dem Code der menschlichen Sprache, hätte man auf der einen Seite ein Zeichen (oder eine Buchstabengruppe) und auf der anderen ein Bezeichnetes, für das dieses Symbol oder die Symbolfolge steht. Wobei ein Schriftzeichen nur in Ausnahmefällen das ist, was es beschreibt. Mir fällt hier auf Anhieb nur das Wort WORT ein, das sich tatsächlich schlüssig 1:1 selbst beschreibt, also bei dem Zeichen und Bezeichnetes tatsächlich identisch sind.

Sobald ich hingegen BIENE schreibe, ist aus dem Wort höchstens eine gedachte Biene zu konstruieren, die sich im Geist zur Vorstellung bzw. zum Abbild einer Biene figuriert. Eine echte Biene ist mit diesem Wort nicht herzustellen: Die D-N-A hingegen gewährleistet dies, dort ist die Textpassage zugleich Konstrukt bzw. Gussform des Konstrukts (ein Negativ der Information also, um es in der Sprache der Fotografie auszudrücken).

Sie werden es bemerkt haben, ich will auf folgende Unterscheidung hinaus: Dass das Wort BIENE als ein Symbol für die eigentliche Biene gelten kann, während der Genabschnitt in der D-N-A kein Symbol ist, sondern eine Vorlage, die abgepaust wird.

Es wäre verwegen, anzunehmen, dass sich eine Struktur in der Zelle ein Stück mRNA anschaut und sagt oder denkt: Oh, ein wirklich hübsches Symbol für das Eiweiß XYZ …

 

Es könnte sich als hilfreich erweisen, wenn ich hier eine präzisere Definition von Code einführe. Im Allgemeinen gilt ein Code als Vereinbarung über eine Menge von Symbolen, um Information austauschen zu können. Wobei Information nicht in reiner Form existiert; sie ist immer auf irgendeine Weise formuliert. Ein Code stellt demnach eine Formulierung von Information dar.

Was wiederum folgende Elemente voraussetzt:

 

·      


eine informationsformulierende Instanz (Aufzeichner/ Sender)

·      


eine informationsempfangende Instanz (Lesender/Empfänger) – diese kann unter Umständen auch identisch sein mit dem Sender

·      


ein zu übermittelnder, abstrakter Inhalt, die Information

·      


eine Vereinbarung zum Zweck der Informationsformulierung und gegebenenfalls der Informationsüber-mittlung. Diese enthält einen Satz von Bedeutungsträgern oder Symbolen, der beiden Instanzen (1) und (2) bekannt ist, und gegenbenenfalls Regeln zur Verwendung der Symbole

 

Bei einer biologischen Zelle fällt eine Zuordnung nicht leicht. Ist die D-N-A nicht lediglich ein Resultat aus den vorangegangenen Mutterzellen? Wird sie sich nicht in identische Tochterzellen aufteilen? Somit ist die D-N-A lediglich informationsreproduzierend.

Auch von einer Vereinbarung auf diesen speziellen Code lässt sich nur schwerlich sprechen. Wer hat ihn mit wem vereinbart? Das zelluläre Leben mit sich selbst?

(Dieses Problem taucht allerdings auch bei der menschlichen Sprache auf: Wieso heißt das Wort Wasser eigentlich Wasser, und warum bedeutet es das, was es bedeutet?)

Eine explizite Formulierung von Information findet folglich bei der D-N-A nicht statt – lediglich eine Wiederholung, also die Replikation einer bereits vorhandenen Information. Wenn es zu Mutationen kommt, dann offenbar ohne Absicht; entweder aus der Not heraus, weil in der Zelle bestimmte Bausteine fehlen, oder aus einer Art Missgeschick.

 

Oder täuscht man sich?

Hier tangiert man eine aufregende Frage: Die einer etwaigen Vitalisierung der Natur. Gibt es vielleicht doch den in esoterischen Schriften so leidenschaftlich beschworenen Geist in der Materie? Sind Quantenprozesse vielleicht verkappte geistige Phänomene? Oder wie wäre es mit dieser hübschen Anschlussfrage: Gibt es einen Geist der D-N-A, verfolgt sie irgendwelche höherphilosophischen Absichten?

Die per common sense als ernstzunehmend ausgewiesenen Wissenschaftskoryphäen unserer Tage verneinen dies sehr deutlich. Sie reagieren oft sehr amüsiert, sobald man sie mit dieser Frage konfrontiert, wiewohl ihre gequälten Gesichter eher wirken, als seien sie Opfer von durchbrechenden Magengeschwüren. Manche betreiben einen pittoresken Exorzismus, der anno 2.008 enorm wunderlich anmutet. Letztendlich haben sie nur ein einziges schlagendes Argument: Dass sich bisher keine Beweise für einen Quantengeist finden ließen, was bedeutet, dass die vitale Quantennatur eine Hypothese bleiben muss.

Bei der Frage nach einem D-N-A-Geist fiele das Urteil vermutlich vorsichtiger aus, man billigt der D-N-A eine gewisse abstrakte bzw. strukturelle Intelligenz zu, würde diese aber im Vergleich zu der sprachlichen Intelligenz als minder komplex bewerten. Zwar kann die D-N-A Anpassungen genetischer Art an etwaige neue Lebensbedingungen der Organismen vornehmen, aber die Zeiträume hierzu sind mit der Schnelligkeit, in der der menschliche Geist neue Schemen und Schablonen entwickeln kann, nicht zu vergleichen, der etwaige Geist der D-N-A bewegt sich noch tausendmal langsamer als eine Schnecke …

 

Ebenso wichtig wie das Kriterium der Geschwindigkeit ist das der Komplexität. Ein sinnvoller Code besticht durch seine hohe Effektivität und Kürze, eine plausible einfache Darstellbarkeit sowie eine hohe Diversifizierbarkeit der einzelnen Zeichen (Symbole).

Auch unter diesem Aspekt betrachtet würde man die genetische Kommunikation schlichter als die intellektuell-sprachliche Kommunikation des Menschen einstufen müssen – wie jedoch geht man um mit den Quantenphänomenen, die ständig neue Rätsel aufwerfen? Ist das offenkundig Rätselhafte vielleicht deshalb so rätselhaft, weil die Quantenwelt nicht chaotisch, sondern hochkomplex ist – komplexer noch als die menschliche Sprache? Sind hier vielleicht Informationen codiert, die wir nur noch nicht entschlüsseln konnten? Wer will ausschließen, dass die Quanten auf eine Weise miteinander kommunizieren, die noch viel komplexer, raffinierter und spezialisierter ist als die menschliche Kommunikation?

Oder herrscht hier wirklich nur das Spiel des wilden Zufalls, wie viele Quantenphysiker vermuten? Jener mikroskopische Zufall, der im Makroskopischen zu berechenbaren Gesetzen geronnen ist? Baut das Universum auf dem Fundament des totalen Zufalls, sprich Chaos seine evidenten Gesetzmäßigkeiten auf? Ist es vorstellbar, dass die Elemente der Quantenwelt tatsächlich einer stochastischen Wahrscheinlichkeitsverteilung gehorchen, in der Einzelereignisse, isoliert betrachtet, nicht kalkulierbar sind, aber sich durch eine immense Vielzahl von Quantenereignissen feste Wahrscheinlichkeitsquoten ergeben, auf deren Fundament sich über mehrere Konkretisierungsstufen schließlich unsere Naturgesetze formulieren lassen, die ja in physikalischen Versuchen annähernd exakte Ergebnisse zeitigen?

 

Man könnte mit der Evolutionstheorie wie folgt argumentieren: Im Laufe der Zeit haben sich immer komplexere Strukturen entwickelt. Der Mensch etwa integriert in seinem Körper viele Subsysteme, er trägt gleichsm die gesamte Evolution in sich (so, wie in der D-N-A die Information der Lebens-Evolution abgespeichert ist und jeder Säugling im Mutterleib ontogenetisch die Phylogenese nachvollzieht).

Genau genommen besteht er aus Quanten, aber ebenso aus Atomen, wie er sich selbstverständlich auch aus Molekülen zusammensetzt, aus Makromolekülen, Zellen, Organen – ganz offensichtlich sind hier viele Subsysteme hierarchisch zu einem großen Organismus kombiniert.

Jantsch würde an dieser Stelle vermutlich erklären: Im Menschen treffen sich Makrokosmos und Mikrokosmos, verschmelzen miteinander. Ein Mensch beinhaltet somit die gesamte (epische) Geschichte des Kosmos, und das mag dann wohl auch bedeuten, dass er komplexer konstruiert sein muss als die Einzelstrukturen, aus denen er zusammengesetzt ist. Die Quanten, die sich in seinem Körper befinden, sind in eine Form gefasst bzw. gezwungen worden, unterliegen offenbar einem regelnden Prinzip oder gar einer Gesetzmäßigkeit: Sonst könnte, um es einmal krass zu illustrieren, der Mensch unvermittelt wie Staub in sich zusammenstürzen oder explodieren, die Quanten könnten ihn in einer konzertierten Quantenaktion in der Mitte entzweitrennen oder in spannende Würfel- oder Kugelstrukturen zergliedern, wie Salvador Dali es auf vielen seiner Bilder gezeigt hat.

 

Was in folgender Hinterfragung noch einmal eine Zuspitzung erfährt: Ob die Quantenwelt innerhalb ihrer Systemebene eine komplexere Struktur aufweisen könnte als der menschliche Geist in seiner? Ob die Evolution im Laufe der Geschichte des Universums immer komplexer konfigurierte Systeme hervorbringt oder ob sie in ihrer Organisationsstruktur immer einfacher werden (um mir einmal die Dreistigkeit zu gestatten, die Evolution zu personalisieren). Eine dritte Möglichkeit wäre das Alternieren: Einmal wird es komplexer, ein andermal einfacher.

 

Womit wir nun en passant die Definition von Naturgesetzen gestreift haben. Viele Naturgesetze beschreiben ein Verhalten von konkreten speziellen Systemen unter konkreten speziellen Versuchsanordnungen, und formuliert werden sie anschließend in der Regel in mathematischen Formeln (wiewohl diese Formelsprache auch nur eine schnelle und effektive Schreibweise ist, eine Spezialsprache, in der Bezüglichkeiten ihren Ausdruck finden).

Ein mathematisch definiertes Naturgesetz enthält mindestens zwei Codestrukturen: Zum einen basiert es auf übereinstimmenden Informationen aus Messungen von Systemen und deren Verhalten (ein Beispiel wäre der Elektromagnetismus), zum anderen auf einer Codierung in mathematischer Sprache zwecks Erläuterung und Kommunikation dieser Gesetzmäßigkeit.

Der zweite Code – die Formulierung für den menschlichen Geist – ist wohl ad hoc schlüssiger als der erste: Den, den das Phänomen selbst darstellt. Denn die messbaren Ereignisse, die den letztendlichen Beweis der Formel ermöglichen, sind Informationen.

Messungen ermöglichen es, Informationen zu bündeln, mit Berechnungen und Analysen lässt sich anschließend eine schlüssige Interpretation anstellen – und sofern die Allgemeingültigkeit gesichert ist, entsteht als Quintessenz ein Gesetz. Die Interpretation der Informationen entspricht somit, vereinfacht gesagt, dem Code, den die Natur hier sich selbst auferlegt hat bzw. entwickelt hat, wie es bei der D-N-A der Fall gewesen ist.

Naturwissenschaft zu betreiben heißt somit automatisch: Zu versuchen, die Natur zu dekodieren. Wissensgewinn bzw. Erkenntnisgewinn ist immer ein Zugewinn an Wissen über die Informationen aus der Natur.

Wobei die Naturwissenschaftler versuchen, diese Informationen unabhängig vom Menschen zu beschreiben, so weit es ihnen möglich ist. Denn um das Gemeinste aller anthropomorphen Riffe können sie nicht herumschiffen: Der Mensch muss sich zumindest seines menschlichen Intellekts bedienen, um die Natur beforschen zu können.

 

Wie bereits angedeutet, scheint sich ein Paradigmenwechsel in der Philosophie anzudeuten: Man verlässt das streng materielle Weltbild des 19. und 20. Jahrhunderts. Das neue Paradigma im 21. Jahrhundert erscheint weniger materiell denn ideel orientiert, die Informationstheorien gewinnen merklich an Bedeutung und Einfluss. Man könnte allerdings auch behaupten, dass hier die Geistes- und Naturwissenschaften miteinander immer leidenschaftlicher ringen: Erstere geht nach wie vor von den Ideen und Worten aus (Sprache und Codierungssystem), zweitere von der Materie und dem Material.

Der Konflikt ist schnell zu umreißen: Wenn ich die Quantenwelt untersuche, habe ich dabei tatsächlich die gute alte Materie vor mir, oder ist es nicht vielmehr Information, die ich mit meinen Messgeräten gewissermaßen auffange? Ist es, um einmal fröhlich zu heisenbergen, ein primär kommunikativer Vorgang, wenn ich eine Messung vornehme, weil ich doch ganz offensichtlich mit dieser Struktur interagiere und sie auf die Fragen, die ich ihr versuchsweise stelle, auf ihre individuelle Weise reagiert?

Man könnte folglich behaupten, dass unsere Naturwissenschaften der Natur beständig neue Fragen stellen – und die Antworten der Natur anschließend auswerten und daraus Gesetzmäßigkeiten abzuleiten versuchen.

 

Dennoch bleiben grundlegende Fragen:

Aus was besteht die Welt?

Aus Information? Aus Materie?

 

Oder kann man beide Begriffe miteinander verschmelzen?

 

Nehmen wir einen Goldbarren. Information gewinnen wir in erster Linie aus dem, was der Goldbarren uns verrät, wenn wir ihn untersuchen. Wir bringen ihn hierbei also in eine Werden-Situation, es findet ein Messvorgang statt bzw. eine Interaktion, die eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt und anschließend auch eine gewisse Zeit der Analyse bedarf. Wir verfügen am Ende über Messergebnisse, die wir als Informationen verwerten können, die wir mit anderen Ergebnissen aus anderen Experimenten vergleichen können. Womit wir also Datenmaterial gewonnen haben, das irgendwo in einem bestimmten Format (mit Hilfe von Code) gespeichert wird. Eine primitive Variante der Untersuchung ist bereits das Betrachten des Objekts mit unserem Auge, oder aber das Wiegen seines Gewichts in unserer Hand: Auch damit gewinnen wir bereits eine primitive Form von Information.

Die Materie des Goldbarrens hingegen ist anders geartet. Sie ist seine pure Präsenz, sein Körper, seine Körperlichkeit, man könnte sagen, sie ist dessen Sein. Die Materie verwendet eine Struktur, in der die Atome angeordnet sind, ohne diese Struktur zu sein. Sie ist der Raum, den der Barren einnimmt. Sie ist das, was gerade besteht. Man muss gewissermaßen die Zeit einfrieren, um die Materie in ihrer reinen Form erhalten zu können. Was bleibt, ist die definitive Gestalt.

Selbst eine Fotografie, die durch die Abbildung von Wirklichkeit gewissermaßen die Zeit anzuhalten versteht, würde hier nicht die Materie abbilden und abspeichern können. Die Fotografie als Dokument wäre nur ihre eigene Materie, der Stoff, aus dem sie besteht. Sie könnte folglich nur eine Information über die Struktur und Größe des Goldbarrens zum Zeitpunkt der Fotoaufnahme abgeben, was ihren Informationsgehalt im Vergleich zum Original merklich herabmindert.

 

Denkt man diesen Konflikt nun um eine Ecke weiter, stellt sich die Frage: Wo hört das eine auf und wo beginnt das andere?

Sein und Werden
lassen sich nicht voneinander trennen. Das Sein wäre nur in absoluter Zeitlosigkeit absolut, das Werden wiederum setzt sich zusammen aus den einzelnen Momenten des Seins.

Wenn man dieses Schema nun auf Information und Materie übertrüge, erhielte man diesen Satz:

 

Information ist verzeitlichte Materie.

 

Und:

 

Information benötigt das Werden und die Zeitlichkeit, um ihre Wirkkraft und Bedeutung zu entfalten, sie ist ohne Bewegung steril, Materie besteht aus purem Sein.

 

Womit man auch das berühmte Paradoxon des Zenon streift: Vom Pfeil, der nie sein Ziel erreicht oder vom Läufer Achilles, der die Schildkröte nie überholen kann. Analog hierzu könnte man folglich Materie in ihrer Reinform niemals erfassen. Alles, was ein auf Zeitlichkeit das eigene Denken (und damit auch den Intellekt) aufbauendes Wesen wie der Mensch erhält, sind Informationen über die Dinge; ja genau genommen nicht einmal über die Dinge, sondern die erkennbaren Strukturen dessen, was Ding sein kann.

Und somit: sind nur Annäherungen möglich …

 

Was ist Information? Ein Datensatz. Der über einen Sachverhalt eine Aussage fixiert oder eine Beschreibung vornimmt. Die isolierte Information ist allerdings ihrerseits eine Erscheinung. Es kann Informationen über Informationen geben: Etwa das Foto einer Straße, das ein Verkehrsschild mit Geschwindigkeitsbeschränkung zeigt. Das Foto zeigt einen Ort, an dem wir uns während des Fotoansehens (höchstwahrscheinlich) nicht aufhalten und der jetzt anders aussehen kann. Das Bild zeigt ein Schild, dessen Bedeutung für uns keine direkte Relevanz hat, weil wir nicht als Verkehrsteilnehmer an jenem Ort sind. Wenn wir dieses Verkehrsschild betrachten und uns über dieses Schild Gedanken machen, informieren wir uns über eine Information: Das Schild wird zur Metainformation.

Was aufzeigt, dass Informationen sich immer wechselseitig aufeinander beziehen können, dass mehrere Ebenen oder Tiefen oder Abstraktionsstufen von Information möglich sind.

 

Zudem ist offensichtlich, dass Informationen immer nur über das Vergangene Auskunft geben können. Man könnte nun allerdings einwenden: Wenn ich auf einer Autobahn fahre und ein Verkehrsschild sehe, gibt es auch Auskunft über die Gegenwart: Nämlich was hier just in diesem Moment erlaubt ist oder verboten – und somit hätte das Schild auch Gegenwart. Einer penetrant-genauen Betrachtung jedoch hält diese Hypothese nicht stand. In genau diesem Moment des Schildanschauens könnte beispielsweise der Staat in seiner gesetzgebenden Funktion zusammengebrochen sein, oder denken Sie sich einfach eine Zukunft, in der kaum noch Menschen leben, einzig dieses Verkehrsschild überdauert hat und somit nur noch ein Ornament einer vergangenen Kultur ist …

Die mögen kuriose Beispiele sein, die konstruiert wirken; ihre Aufgabe besteht lediglich darin zu illustrieren, dass diese Information abhängig ist von dem kulturellen und informationscodierenden Raum – sie ist abhängig vom gesamten Kontext, der allerdings wegen seiner Komplexität nicht hinreichend überschaubar ist: Die Information, die auf den ersten Blick sinnvoll aussieht, kann falsch oder wertlos sein.

 

Wenn wir das Schild selbst näher betrachten, stellen wir Folgendes fest: Es ist aus einem Material gefertigt. Man kann also mit Fug und Recht darauf verweisen, dass auch eine Information Materie sein kann bzw. materielle Struktur hat – und Materie enthielte somit auch immer irgendeine Information.

Potentiell ja!

Aber sofern man meiner These folgt, dass Materie nur in der Zeitlosigkeit erhalten werden kann, stößt man auf folgende Crux: Bei einem permanenten Stillstand der Zeit wäre es völlig egal, ob in der Materie auch (noch) Information enthalten ist. Die Information kann sich nämlich nur dann entfalten, wenn Bewegung ins Spiel kommt, vulgo: Zeit.

Wenn die Zeit stillsteht, ist die Information gleichsam wie eingefroren, ein toter Körper im ewigen Eis.

 

(Einstein postulierte sein E=mc², die aktuell berühmteste Formel der Welt. Womit er Energie und Masse in einer Gleichung verband, man spricht hierbei auch von der Äquivalenz von Masse und Energie. Also: Jeder Masse entspricht, abhängig von ihrer Geschwindigkeit, eine Energiemenge. Was nicht bedeutet, dass Masse und Energie identische physikalische Größen sind – aber sie stehen in Relation zueinander.)

 

Stellen Sie sich doch bitte einmal eine Welt vor, in der die Zeit angehalten wird – und nur Sie allein könnten in dieser Welt wie ein Geist oder ein Gott umhergehen. Sie hätten das Privileg, die Materie in ihrem Reinzustand betrachten und zugleich aus ihr Informationen gewinnen zu können: Denn das täten sie automatisch, indem sie etwas wahrnehmen, weil wahrnehmen immer auch messen und dekodieren heißt. Nur: Um diese Information tatsächlich als solche zu gewinnen, muss ihr Gehirn arbeiten, und ihr Gehirn funktioniert nur mit Hilfe von Abfolgen, und die Abfolgen wiederum benötigen Zeit. Ohne Zeit könnten sie keine Information erkennen und kategorisieren.

 

Unser Gehirn ist ein Ort, an dem Informationen gesammelt und bearbeitet werden. Zugleich ist er aber auch Materie-Ort, ist er selbst Struktur – und, wenn man das Gehirn von außen betrachtet, ist es selbst ein Informationsspender für andere Menschen oder andere Codeinterpreter.

Also, explizit formuliert: Der Mensch ist durch die Dinge, die er in der Zeit tut, auch seinerseits für seine Umgebung lesbar wie eine Art Code, und sein Charakter konstituiert sich demnach als eine Zuschreibung von Eigenschaften oder, wenn man so will, als ein Material, aus dem Informationen gewonnen werden können.

Wir befinden uns folglich, indem wir leben, automatisch in Interaktionsstrukturen. Wir geben Code und Informationen preis und versuchen gleichzeitig, den Code und die Informationen aus unserer Umgebung zu lesen.

Und mehr noch: Wir versuchen zudem, auch die uns eigenen Informationen zu lesen und zu interpretieren – ich denke hierbei insbesondere an Informationen aus dem Inneren unseres Körpers. Es gibt verschiedene Stufen von Fremdheit oder Vertrautheit: Es mag Teile des Universums geben, mit denen wir nicht in Kontakt treten können, weil sie so fern sind, dass wir nichts über sie in Erfahrung bringen können. Dann gibt es Teile, die wir beobachten können wie beispielsweise den Sternenhimmel, die aber noch immer sehr fern sind. Sie sind ebenfalls fremd, aber mit unseren Wahrnehmungen rudimentär erfassbar, dass wir einen Grad von Vertrautheit zu ihnen gewinnen können. Noch näher ist unser Umfeld, unsere Stadt, unser Viertel, unser Haus, die Menschen, mit denen wir zusammenwohnen, der Partner, den wir umarmen. Schließlich kommt die Dimension des eigenen Körpers – und auch hier gibt es eine Hierarchie: Was ist uns näher, was ferner?

Ich habe die merkwürdige Beobachtung gemacht – und selbiges auch schon anderenorts gelesen – dass mir ein Leiden am Fuß weniger Sorge bereitet als eines am Kopf. Die Behandlung beim Zahnarzt ist schon aus diesem Grund besonders unangenehm: Weil sie noch näher am Ich stattfindet. Obwohl auch das Herz dem Ich nahe ist, kann es doch vorkommen, dass ich selbiges Herz, wenn es sich mit unerwarteten Herzrasen meldet, im Moment seines aufdringlichen Schlagens als fremd und auch als Bedrohung empfinde, ganz automatisch muss ich dann denken: Was macht das Herz denn da gerade für Blödsinn?

Es ist nicht mein Herz, es ist das Herz. Woraus man folgern kann, dass mein Körper mir selbst schon sehr nahe ist, aber noch nicht mit meiner Identität verschmolzen ist.

 

Das heißt: Kommunikation findet nicht nur mit dem Außen statt, sondern ebenso mit dem eigenen Körper, den wir beständig befragen und studieren und dann auch auswerten können. Auch während dieser Introspektive sind wir gewohnt, nach Informationen zu suchen, um das mitunter rätselhafte Verhalten des Körpers zu enträtseln, damit wir anschließend einen angemessenen Nutzungsplan definieren können, womit sich diese Eigenkörperwelt schlussendlich vom kommunikativ-interaktiven Prinzip her nicht qualitativ von unserem Lebensumfeld, unserer Umwelt unterscheidet.

Auch unser Körper sendet seine Signale, die wir nicht immer sofort verstehen – auch darin unterscheidet er sich weniger von der Umwelt als man ad hoc annehmen mag …

 

… ist das ein kurioser Gedanke? Dass es körperbezogen verschiedene Formen von Nähe und Ferne gibt? Dass einem manchmal Dinge außerhalb des Körpers näher sein können als Organe innerhalb? Dass man sichtbare Körperteile eher zu begreifen meint als die unsichtbaren im Inneren?

Und auch das ist nicht zu leugnen: Jeder Schwerkranke kennt dieses Gefühl, zum Beispiel im Fall einer Krebserkrankung. Der Patient wird durch den Tumor im eigenen Körper eine Befremdung verspüren, ja eine Bedrohung, die durchaus zu vergleichen ist mit einem Gegner, der mit dem Messer in der Hand einem gegenüber steht. Nur dass hier der Feind sich irgendwo im Inneren verschanzt hält, und das irritiert.

Die Frage der Identität ist aus diesem Blickwinkel heraus noch schwieriger zu beantworten. Weil man eigentlich davon ausgeht, dass man als belebtes Wesen (oder Lebewesen) eine Membran oder Haut um sich hat, die einen von der Außenwelt abgrenzt?

Schön und gut – aber was machen Sie mit den zwei Kilogramm Bakterien in ihrem Darm? Gehören die zu Ihnen dazu, oder wäre Ihnen das unangenehm? Und alle weiteren Mikroorganismen? Und was ist mit den Haaren, das ist doch längst toter Stoff? Gehört der zu Ihnen? Die Fingernägel, gehören die zu Ihnen, sind die nicht längst Stoff einer Leiche? Ihrer Leiche? Und wenn sie die Fingernägel künstlich verlängern – wo beginnt dann eigentlich die Fremdheit, das Künstliche?

Insbesondere die Schönheitschirurgie verändert die Körpervorstellung enorm. Aber auch die Prothesenkunst schreitet fort, manche Behinderte sind mit ihren Prothesen gegenüber nichtbehinderten Sportlern bereits bevorteilt. Was verleiht dem Körper also das Identische? Die identische D-N-A in jeder einzelnen Körperzelle? Aber sind nicht zwei eineiige Zwillinge ebenfalls Körperklone? Dennoch haben beide eine unverkennbar eigene Identität!

Außerdem haben wir auch Elemente in uns, die nicht aus menschlichen Zellen zusammengesetzt sind, in unserem Inneren tragen wir beispielsweise Mineralstoffe herum, in manchen sogenannten Schlacken haben sich weitere Stoffe eingelagert, die wir nicht zum Leben benötigen. Gehören diese dennoch zu uns, sind wir diese? Je genauer man hinschaut, umso schwerer fällt es zu definieren, was wirklich zu uns gehört. Heute schließt man an das Nervensystem von Affen bei Tierversuchen bereits neuronale Prothesen an, die die Versuchstiere wie einen dritten Arm steuern lernen, als gehörte dieser zum Körper dazu – was beim Menschen ähnlich funktionieren würde. Und erste Vorreiter beginnen, diese Erkenntnisse für die neuesten Prothesentechniken zu nutzen …

Und dann denken Sie bitte auch einmal an die Vögel, deren Flügel zum Großteil aus inzwischen totem Material bestehen. Oder an Schildkrötenpanzer, an Schneckenhäuser. Der Mensch wird sich, wenn er die entsprechenden Techniken ähnlich zügig weiterentwickelt und sich auch nicht aus moralischen Gründen Grenzen setzt, ohne Probleme flugtaugliche Flügel züchten können: Das müsste noch im 21. Jahrhundert zu bewerkstelligen sein. Eventuell Flügel, die man an- und ablegen kann. Die man, ähnlich einem Ladegerät für das Handy, nach der Benutzung an eine Bio-Ladestation anschließt, wo sie mit Energie versorgt werden, sofern sie nicht zu hundert Prozent aus toter Materie bestehen …

Ebenso wird man gewiss eines Tages eine künstliche Haut entwickeln, die man dann des Nachts als Zudecke verwenden kann, wenn man möchte. Und noch vieles mehr, seien Sie gespannt …

 

Es ist nicht anthropozentrisch-vermessen zu behaupten, dass der Mensch in der Entwicklung und Steuerung von technischen Systemen ein beeindruckendes Geschick entfaltet hat. Er verdankt es seinem Geist, seiner Intelligenz, die ihn von den anderen Lebens- oder Daseinsformen merklich unterscheidet. Sein Verständnis der Welt ist unter den vitalen Lebensformen in dem uns bekannten Teil des Universums das differenzierteste, elaborierteste. Inwieweit er sich mit der etwaigen Intelligenz von Subsystemen oder Makrosystemen messen kann, ist allerdings von menschlicher Seite nicht objektiv einschätzbar, es muss bei mehr oder minder spektakulären Hypothesen oder Fantasien bleiben, weil man noch immer wenig über die Organisation der subatomaren Strukturen weiß, und makrokosmische Systeme wie etwa ein Sonnensystem lassen sich schwerlich auf ihre Gesamtintelligenz untersuchen.

Im Übrigen lässt sich auch hier das Phänomen beobachten, dass sich eigentlich jeder (auch jeder einzelne Mensch) den anderen (Menschen oder Lebensformen oder Systemen) gegenüber für hyperschlau und überlegen hält (und falls nicht geistig oder körperlich, dann zumindest moralisch). Auch der naive Affe im Busch könnte durchaus der Überzeugung sein, dass er ein besseres Leben führt als etwa sein firmer Nachbar, der Mensch, der arbeiten muss, der seine Triebe viel stärker kontrollieren und unterdrücken muss. Und die Katze könnte glauben, dass sie im Menschen ihren Dosenöffner gefunden hat, und dass eigentlich sie der Chef ist, da schon ein Miau genügt, dass einer dieser Menschen als Page herbeispringt und ihr die Tür öffnet …

Intelligenz ist folglich schwer zu vergleichen, weil jede Intelligenzform nur ihren eigenen Horizont kennt und kennen kann.

Die menschliche Intelligenz allerdings unterscheidet sich markant von der tierischen. Menschen besitzen die elaborierte Befähigung, mehr oder minder komplexe Codes richtig zu deuten und aus den vorliegenden Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen – und anschließend in der Interaktion mit der sogenannten Außenwelt erfolgreiche symbiotische Verhältnisse zu etablieren.

In der Psychologie gilt Intelligenz als ein Sammelbegriff für kognitive Fähigkeiten, das heißt für das Talent, Sachverhalte zu erkennen und zu verstehen, zu abstrahieren und Probleme zu lösen, Wissen anzuwenden und Sprache zur Kommunikation zu benutzen. Aber auch ein anderer Intelligenzbegriff gewinnt merklich an Einfluss. Am Anfang des 21. Jahrhunderts erarbeitet sich der Intelligenzbegriff der Informationspsychologie ebenfalls große Akzeptanz: Der IQ wird durch das Konzept des Arbeitsspeichers ersetzt. Der Arbeitsspeicher bestimmt die Informations-Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie die Gegenwartsdauer (also die Gedächtnisspanne), die Messeinheiten sind die verarbeiteten Bits pro Zeiteinheit.

 

Statt nun zu versuchen, strenge kognitive Informationstheorie auf roboterwissenschaftlich-algorithmischen Terrain zu betreiben (was meinen augenblicklichen kybernetischen Fachhorizont allerdings vor enorme Schwierigkeiten stellen würde), werde ich mich im Folgenden bescheiden, auf die Kognition, die Wahrnehmung und Bewertung von Codes einzugehen und die Dechiffrierkünste des menschlichen Verstands näher ins Auge fassen. Und dann auch auf die Sprache selbst rekurrieren – sowie ihre Funktion als Koordinatensystem einer virtuellen Realität, ja womöglich als prinzipielles=grundlegendes organisatorisches vulgo intelligenzdesignendes System des Geists.

Wir hatten eine Frage schon angeschnitten: Will uns die D-N-A etwas sagen?

Eine Antwort wäre diese: Sie sagt uns bereits etwas durch ihre pure Existenz, ihre bloße Struktur, die wir entschlüsseln bzw. lesen. Genauso, wie uns auch die Quanten Informationen geben. Die Crux daran: Wie präzise können wir sie deuten? Insbesondere bei den atomaren und subatomaren Teilchen ist es unmöglich zu beurteilen, ob hier nicht auch eine Art Gedächtnisspeicher zu vermuten ist, eine Informationen abspeichernde Intelligenz also, die wir noch nicht als Struktur erkannt haben – und die wir vielleicht gerade aufgrund ihrer Komplexität für chaotisch oder zufällig halten.

Ob diese Strukturen also etwas Hochintellektuelles kommunizieren wollen, kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, zu klären ist diese Frage für den Menschen gegenwärtig allerdings nicht. Dass diese Strukturen irgendetwas mitteilen (bzw. als Antwort preisgeben), ist indes nicht zu bestreiten. Es kommt nur auf die Frage an, die man ihnen stellt: irgendeine Antwort geben sie immer!

Naturwissenschaftliche Forschung funktioniert per se via Befragen oder Ausprobieren. Man arrangiert eine Versuchsanordnung und prüft anschließend die Resultate. Sind die Daten übereinstimmend, hat man ein (momentan) verlässliches Gesetz gefunden. Ein Naturgesetz kann immer so lange als tatsächlich zuverlässiges Gesetz angesehen werden, bis es widerlegt ist. Ein Naturgesetz ist in Wahrheit immer nur eine momentan unwiderlegte Hypothese.

Lassen Sie sich bitte einmal auf folgendes Gedankenspiel ein: Nehmen wir an, Sie seien ein Außerirdischer. Sie spielen mal kurz Scientology und nehmen den Körper eines Menschen an und gehen mit diesem durch Deutschland. Sie fragen die Passanten, die ihnen begegnen, in welchem Land Sie sich gerade aufhalten. Man wird Sie vermutlich irritiert ansehen, so als kämen Sie von einem anderen Stern oder seien nicht ganz bei Trost … aber welches Ergebnis würden Sie wohl ermitteln? Abgesehen von der Quote der Idioten, die in ihrer göttlichen Einfalt die richtige Antwort tatsächlich nicht kennen, und den Provokateuren, die Ihnen mit Absicht eine falsche Antwort geben, werden sie wohl von mindestens 95 Prozent der Leute erfahren, dass Sie sich in Deutschland befinden. Das heißt, auf solch eine Frage erhalten sie eine verlässliche Antwort, aus der Sie eine Art primitives Gesetz definieren können. Sobald sie nun die Landesgrenze überschreiten und gehäuft andere Antworten erhalten, wissen Sie, dass hier in etwa die Landesgrenze verläuft nur aufgrund der Antworten, die Ihnen die Menschen geben. (Selbstverständlich ist in diesem Beispiel auch die Sprache selbst ein Indikator; in Polen würden viele Leute Sie gar nicht verstehen, wenn Sie Deutsch redeten …)

Dieser extrem plump anmutenden Vorgehensweise nicht unähnlich forschen auch Wissenschaftler in jenen Bereichen, die es nötig machen, Codes zu knacken. Der menschliche Intellekt ist beständig bestrebt, neue Rätsel zu dekodieren, die er in seiner Umwelt (der Natur, aber auch der Kultur) vorfindet, ja er möchte sie demaskieren. Warum? Weil es ihm in den meisten Fällen Vorteile bringt, denn auf diese Weise kann er sich noch besser und komfortabler in selbiger Umwelt bewegen. Alles Wahrnehmbare ist hierbei als Information nutzbar (und, obwohl es paradox klingt: Selbst Nullinformation ist in diesem Kontext eine Information).

Und mit allen diesen informationshaltigen Erscheinungen, die er beobachtet, versucht er anschließend seinerseits so sinnvoll wie möglich zu kommunizieren – bzw. zu interagieren, sofern das erfolgversprechend ist.

Das schließt selbstverständlich auch die eigenen Artgenossen ein. Weshalb man folgende pretty These formulieren kann:

 

Auch der Mensch artikuliert sich als komplexer Code.

 

Die Soziologie befasst sich seit jeher mit den von Menschen arktikulierten Codes. Auch der Mensch lässt sich von seiner Umgebung lesen – sofern die Umgebung intelligent genug ist und die Codes versteht. Und in der künstlichen Intelligenz und Roboter- und Automatenentwicklung spielt eben dies eine immer wichtigere Rolle: Man konstruiert künstliche Intelligenzen, die menschliche Codes lesen lernen, darunter auch auch jene Codes, die nicht nur sprachlicher Natur sind; so versuchen die Apparate etwa den Gesichtsausdruck des Users zu bewerten etc.., mit dem Ziel, Automaten herzustellen, die ideal auf Emotionen reagieren können. Ein anderes Beispiel wäre eine Cyberwohnung, die ein permanentes Interface anbietet, um dem Bewohner beständig beim Leben zu assistieren, ihn zu verwöhnen, ihm seine Wünsche von den Augen abzulesen.

Gegenwärtig müssen wir allerdings noch allzu oft den umgekehrten Weg wählen: Der Mensch versucht, die Sprachen der Natur zu entschlüsseln, und manchmal auch die seltsame Sprache der Technik (die immer kryptischeren Gebrauchsanweisungen für technische Geräte werden immer schwerer zu dechiffrieren).

Aber bleiben wir einmal kurz im Reich von Mutter Natur: Es gibt erstaunliche Codes in der Fauna, deren hohe Komplexität verwundert, wenn man die vergleichsweise geringe Größe des Gehirns der codebenutzenden Tiere betrachtet. Der sogenannte Bienentanz ist einer von ihnen – mitunter spricht man von einer Tanzsprache. Es hat lange gedauert, bis man die ersten Arten von Informationen, die die Honigbienen bei diesem Tanz weitergeben, dechiffriert hatte. Folgende hat man bereits entschlüsselt:

Erstens die Anwesenheit einer ergiebigen Nahrungsquelle, zweitens der Geruch der Nahrung und drittens die Lokalität der Nahrungsquelle. Und auch beim Schwärmen spielt das Vortanzen zum Finden und Auswählen eines geeigneten neuen Nistplatzes eine entscheidende Rolle.

Ob es noch weitere codierte Informationen gibt, die man noch entschlüsseln könnte? Gut möglich. Zum Beispiel meint man, der Sonnenstand sei inzwischen auch in den Bienentanz einbezogen. In früheren Zeiten hätten die Bienen ihren Tanz nicht in den Waben, sondern außen getanzt – womit die Richtung besser anzugeben gewesen sein musste. Heute, so glauben Bienenforscher, sei auch der Sonnenstand in den Tanz eincodiert, was jedoch die Frage aufwirft, was die Bienen machen, wenn die Sonne nicht am Himmel steht – wie orientieren sie sich dann?

 

Ebenfalls enorm komplex und noch nicht hinreichend entschlüsselt ist der Vogelgesang. Insbesondere der Gesang der Nachtigall ist kryptisch zu nennen. Sie hat in ihrem Repertoire Geräusche wie das Knarren trockener Äste oder leises Grillenzirpen. Typisch ist das Crescendo aufeinanderfolgender Pfiffe, die man insbesondere in den Nachtstunden zu hören bekommt: Poetische Gemüter beschreiben diese Pfiffe gern als Schluchzen. Das ebenso auffällige Silbenstakkato hingegen nennt man Schlagen. Diese Lautäußerung verwenden Nachtigallen insbesondere dann, wenn sie eine mutwillige Missachtung ihrer Reviergrenzen erkannt haben und dem Eindringling Konsequenzen androhen.

Verhaltensbiologisch betrachtet stellt der Vogelgesang die Forscher noch immer vor Rätsel. Wenn uns die Kinder fragen: Warum singen Vögel?, fällt es uns schwer, eine sinnige Antwort zu geben. Es mag stimmen, dass der Gesang unter anderem beim Anlocken von Partnern hilfreich ist sowie zur Abgrenzung des Reviers verwendet werden kann. Und die strikt evolutionsbiologisch denkende Fraktion unter den Biologen wird zudem unterstreichen, dass die Weibchen auf diese Weise Informationen über die Fitness eines Bewerbers gewinnen kann.

Möglich ist aber auch, dass es zu großen Teilen ein direkter und wenig gefilterter Ausdruck von Emotion ist und die Vögel eben emotional mitteilsame Tiere sind – warum eigentlich nicht? Denn auch artikulierte Emotionen sind selbstverständlich eine Botschaft …

 

Wenn man die Struktur des Vogelgesangs näher analysiert, stellt man fest, dass sie in der Regel in Strophen singen und diese häufig sehr variantenreich einsetzen. Selbst der Haussperling oder die Mehlschwalbe verfügen über mehr als einen Strophentyp. Und im Vergleich zu den anderen Vogelarten können die Singvögel ihren Gesang trainieren, man hat bei ihnen lediglich eine Prädisposition für arteigenen Gesang festgestellt: Sie müssen lediglich einen Artgenossen singen hören, um sich dessen Singtechnik selbst anzueignen. Für das Erlernen des Vogelgesangs gibt es artspezifische Lernphasen, in denen eine Prägung stattfindet.

(Isoliert aufwachsende männliche Singvögel singen ebenfalls, jedoch oft mit deutlich veränderten Mustern.)

Neuere Forschungen wie etwa die der Wissenschaftlerin Irene Pepperberg zeigen, dass Papageien nicht nur nachplappern, sondern auch bedeutungsbezogen sprechen können. Am Begabtesten, heißt es, seien die Amazonen, die Aras aus Südamerika, die australischen Kakadus und der Graupapagei: Pepperberg hält sie für annähernd so intelligent wie Affen.

Die Forscherin trainierte ihren Graupapagei Alex, indem sie ihm Worte für bestimmte Farben, Formen und Materialien von Gegenständen vorsagte. Nach einiger Zeit brachte der Papagei die Wörter mit den jeweiligen Gegenständen in Verbindung. (Was zudem bedeuten würde, dass der Vogel eine ähnliche Aufspaltung der Farben im Sehspektrum hat wie der Mensch.)

Die Anzahl von Dingen konnte Alex bis zu einer Zahl von sechs meist problemlos wiedergeben. Wenn er gefragt wurde, welche Merkmale verschiedene Gegenstände gemeinsam hatten, antwortete er oft richtig, indem er Farben und Materialeigenschaften bezeichnete: Er konnte folglich Gruppen bilden und Farben zuordnen.

Die Filmaufnahmen zeigen aber auch, dass Alex oft auf gezieltes Raten zurückgreifen musste und nicht immer sicher Zuordnen konnte. Dennoch wird die tierische Intelligenz nach wie vor unterschätzt. Das größte Problem ist offenbar das Interface.

Ich selbst bin auf einer Reise durch Neuseeland ebenfalls einem extrem klugen Kea-Papagei begegnet. Die grünschillernden Vögel gelten als
überdurchschnittlich intelligent, und in Neuseeland werden viele Legenden über sie verbreitet. Farmer haben immer wieder behauptet, dass die Vögel in Gruppen über Schafe herfallen, ihnen die Haut aufreißen und Fett aus der Nierengegend fressen, was ihnen schnell den Ruf von Schafsmördern einbrachte.

Der Kea gilt als besonders neugierig und verspielt. Das Untersuchen von Gegenständen, die von Touristen mitgebracht und unbewacht liegen gelassen werden, gipfelt oft in Beschädigungen. Beliebte Ziele sind geparkte Autos, deren Dichtungsgummis an Türen und Fenstern sowie der Lack durch Bearbeitung mit den kräftigen Schnäbeln beschädigt werden. Vor allem die Jungtiere, heißt es, betreiben diesen Sport mit großer Hingabe.

Keas benutzen mitunter auch Werkzeuge und haben ein sehr gutes technisches Verständnis. Das Öffnen von versperrten Mülltonnen beispielsweise gelingt ihnen problemlos.

Meine Begegnung mit dem Kea fand während einer Bergwanderung statt. Wir rasteten auf der Passhöhe. Einer meiner Begleiter wollte einen der Vögel, die auf einem Holzgatter saßen, mit seiner Kamera aufnehmen. Er versuchte das Tier auf die Wiese zu locken. Als er merkte, dass sich der Vogel für seine Fototasche interessierte, legte er diese vor sich ins Gras. Der Kea ließ sich nicht lange bitten. In einem Satz war er bei der Tasche, zog mit dem Schnabel den Reißverschluss vorn an der Fototasche auf. Und in Sekundenschnelle hatte er dort den Müsliriegel herausstibitzt, machte ein paar Sätze zur Seite, zupfte noch während seiner Flucht die Verpackung auf, holte den Riegel aus dem Plastik und flog mit ihm davon. Mein Begleiter staunte darüber so sehr, dass er das Fotografieren vergaß …

 

Auf das Mensch-Tier-Schnittstellen-Schema übertragen sind noch weitere Codes erwähnenswert, die etwa bei Dressuren verwendet werden. Viele Legenden wie die vom rechnenden Pferd mögen auf einem dem Zuschauer nicht bekannten Code basieren, ähnlich den Codes der Zauberkünstler, die bei der Telepathie-Demonstration in die Fragen an das Medium die Antwort gleich mithineinformulieren.

Aber andererseits: Was ist so abwegig daran, dass ein Papagei oder ein Pferd bis sechs zählen kann? Das Problem ist lediglich der Kanal der Kommunikation. Tiere verwenden untereinander oft Mimik und Gebärde als Codes für ihre Emotionen. Mitunter nutzen sie aber auch eine Art Sprache. Bei freilebenden Affen hat man schon häufig codierte Schreie beobachtet: Jeder Warnschrei steht für eine spezielle Bedrohung. Während der eine mit: Achtung, Schlange! wiederzugeben wäre, bedeutet der andere: Achtung, Raubvogel! Beziehungsweise, wenn man es anders interpretieren möchte: Gefahr am Boden! oder Gefahr am Himmel!

Auf diese Weise entsteht ein Signalcode.

 

Was wiederum mitten in die Musiktheorie hineinführt. Was ist Musik? John Cage fragte, ob man Musik überhaupt als spezielle Disziplin begreifen solle, oder ob die Musik nicht in allen Dingen sei. Eine Frage, die nicht klar zu beantworten ist. Das Ohr hat nicht nur die Aufgabe, die Schönheit der Klänge aufzufangen, es ist vor allen Dingen ein Organ mit der Aufgabe, die Orientierung zu erleichtern und Gefahren zu vermeiden.

Zu laute Geräusche etwa drängen den Organismus zum Verlassen eines lauten Orts – aus Selbstschutzgründen, weil übermäßiger Lärm auch ein Indiz dafür ist, dass in der Nähe Vibrationen herrschen, die unsere Gesundheit gefährden können. Verfügte der Mensch über keinen Gehörsinn und würde auch die Vibrationen nicht spüren können, würde er von den zu starken Erschütterungen getötet werden. Man könnte also, pervers formuliert, einen Feingeist und Mozartliebhaber mit überlautem Mozart zu Tode foltern …

 

Genau genommen ist jede Sprache ebenfalls Musik (und nicht nur die italienische): Sie enthält Signale, codiert in verschiedenen Frequenzfolgen. Man erhält, selbst wenn man völlig fremde Sprachen hört, Aufschluss über den Gemütszustand des Sprechenden. Hinzu kommen die international verstandenen akustischen Signale: Etwa ein Hüsteln, das immer auch etwas über den Hüstelnden erzählt.

Alles, was lebt, verursacht Geräusche, wie auch das Unbelebte Geräusche hervorruft. Während Sprache also die Erzeugung einer Musik bedeutet oder aber eines Geräuschs (wie es John Cage seinerzeit schlüssig auf den Punkt gebracht hat) – dann ist auch der Donner am Himmel ein Musikgeräusch. Zudem ist er ein Signal für ein nahendes Gewitter.

Wäre man mutig, würde man sich an dieser Stelle des Textes zur Behauptung aufschwingen, dass ein aufziehendes Gewitter durch seine gesendeten Signale auf eine Menschenmenge kommunikativ Einfluss nimmt und sie zu einer bestimmten Handlungsweise bewegt. Wiewohl das Gewitter (höchstwahrscheinlich) keine Absicht verfolgt und keine Antwort erwartet; auch, weil es (höchstwahrscheinlich) keine Identität und keinen Geist besitzt.

Die Kommunikation mit einem Gewitter läuft wahrscheinlich auf bloße Naturbeobachtungen hinaus. Mit Messgeräten können Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Temperatur usw. gemessen und mit dem sich daraufhin ereignenden Unwetter in Verbindung gesetzt werden. Die Kommunikation ist hierbei folglich eine Analyse, eine Interaktion.

Wiewohl man immer wieder von angeblichen Versuchen etwa der KPDSU liest, die sich als Wolkenschieber oder Wettermacher versucht haben sollen – mittels aus Flugzeugen gesprühten Substanzen, die Wolken zum sofortigen Abregnen zwängen. Viele dieser Gerüchte mochten Science Fiction gewesen sein – aber in nicht zu ferner Zukunft sollten auch hier, etwa im Fall von Wirbelstürmen und Hurricanes, konkrete menschliche Einflussmöglichkeiten auf die Wetterphänomene erprobt werden.

Mit einem Tier ist die Kommunikation einfacher, es können beispielsweise sehr gut die aktuellen Emotionen (Befindlichkeiten) ausgetauscht werden. Aber auf welcher Ebene kann das allein via Klang und Lautsprache geschehen und nicht via Beobachtung?

 

Am Besten starten wir an dieser Stelle ein weiteres schräges Gedankenexperiment: Sie sind ein stummer Mensch, der allein in einem fensterlosen Raum eingesperrt ist. Sie wissen nicht, wie Sie in den Raum kamen. Ihre Mahlzeiten bekommen Sie durch eine Türklappe geschoben. Das einzige, was sich in ihrer Zelle befindet, ist ein Klavier.

Angenommen, Sie können Klavier nach Noten spielen – oder es befindet sich wenigstens ein Klaviernotenbuch mit im Raum, mit dem Sie sich das Spielen nach Noten selbst beibringen können – Sie spielen oder üben nun also fleißig Klavier, um sich die Langeweile zu vertreiben. Irgendwann hören Sie in einer Klavierpause von irgendwoher Klaviertöne.

Sie schlussfolgern messerscharf: Mag dort auch ein Eingesperrter wie Sie an einem Klavier spielen? Sie würden es gerne herausfinden – nur wie? Da haben Sie den verwegenen Einfall: Vielleicht können Sie mit ihm über die Musik kommunizieren?

Sie können versuchen, ein Gespräch via Töne in Gang zu bringen. Je nach der Antwort werden Sie wieder eine Antwort formulieren. Aber was wäre die zweckmäßigste musikalische Sprache?

Es ist nicht einmal gesagt, dass dort ein Mensch Klavier spielt! Bzw., dass die gespielte Musik tatsächlich live erzeugt wird. Was, wenn es sich beispielsweise nur um einen Tonträger handelt, der abgespielt wird? Was, wenn sich irgendjemand Klaviermusik anhört? Was, wenn es perfiderweise nur ein Echo ist, da man ihr eigenes Spiel mitgeschnitten hat und ihnen nun zeitversetzt ihre Klavierspielkünste unterjubeln möchte? Was, wenn man es Ihnen nun eine Woche zeitversetzt einspielt?

Im letzteren Fall würden Sie es vermutlich relativ schnell erahnen. (Wiewohl es natürlich prinzipiell auch sinnvoll wäre, wenn man den anderen Klavierspieler mit einem Echo des soeben Gehörten antwortet – um ihm zu zeigen, dass man ihn hört und wahrnimmt.)

Wenn der andere Klavierspieler nur ein Affe ist, werden Sie vermutlich sehr bald merken, dass die Töne nicht im üblichen Klavierkonzertschema gespielt werden. Allerdings könnten Sie als Laie diese Musik ebensogut für moderne bzw. supermoderne Klavierkunst halten.

Schon anhand dieser wenigen Überlegungen kann man erkennen, wie schwierig sich eine Kommunikation allein über Musik gestaltet. Sofern aber zwei intelligente Menschen auf diese Möglichkeit angewiesen wären, könnten Sie womöglich eine Art Musiksprache entwickeln, die ihnen die Sprechsprache ersetzt. Sie könnten mit den Tönen beginnen, die in Buchstaben codiert sind. Schon J. S. Bach hatte in vielen seiner Kompositionen die Tonfolge B-A-C-H eingearbeitet (und auch andere Worte auf diese Weise chiffriert). Es dürfte allerdings schwierig sein, interessante Sätze mit diesem Teilalphabet zu bilden. Außerdem setzte es voraus, dass beide Spieler die gleiche Sprache sprechen oder zumindest verstehen können. Dieser Weg ist folglich kein leichter Weg.

Am einfachsten lernt man eine andere Sprache, wenn man auf eine Sache zeigt und dazu einen individuellen Begriffs-Code spricht. Ich habe leider vom Robinson Crusoe nicht mehr viel im Gedächtnis, aber soweit ich weiß, hat Crusoe seinem Edelsklaven Freitag die englische Sprache gelehrt, und das vermutlich auf eine Weise, die bei Erstkontakten zwischen fremden Kulturen, aber auch in der Kindererziehung eine Rolle spielt: Durch das Daraufdeuten mit gleichzeitigem Aussprechen des Begriffs wird eine abstrakte Verbindung hergestellt, eine Wortwelt erschaffen. Wo immer man also eine reale Welt, eine gemeinsame Umgebung hat, kann man recht einfach eine dazugehörige Sprache erschaffen – etwas, das auch zum Beispiel unter Wolfskindern immer wieder passiert bzw. passieren soll.

Was für eine gemeinsame Welt aber haben die beiden Klavierspieler? Nehmen wir an, beide verfügen über eine Uhr. So kann der eine etwa um Schlag 8 Uhr achtmal eine tiefe Pianotaste anschlagen. Und um 9 Uhr neunmal – so als handele es sich um eine Kirchturmglocke. Wenn nun sein Gegenüber dasselbe zu tun beginnt, kann er daraus schließen, dass ihn der andere prinzipiell verstanden hat. Und so haben sie schon eine abstraktere Variante der Kommunikation: Eine über die bloße Musik hinausgehende Metaebene.

Sie können als nächstes beginnen, die Zeit mit Musik zu füllen. 8:30 könnte zum Beispiel eine kleine Melodie sein … oder, wenn um 9:30 das Frühstück serviert wird, könnte eine Frühstücksmelodie gespielt werden. Und vielleicht könnte in dem Klavierspiel dann auch die momentane Emotion artikuliert werden …

Des Weiteren dem musikalischen Repertoire der beiden eine große Bedeutung zu. Am einfachsten wäre es, wenn beide das gleiche Klavierlehrbuch in ihrem Zimmer hätten, denn dann könnten sie ein Lied spielen und damit sozusagen den zu den Noten gehörenden Liedtext hinzukommunizieren. Wenn sie nun immer das gleiche Stück spielen, können Sie irgendwann die darin vorhandenen Tonfolgen neu kombinieren – weil nun die Noten Chiffren für die Textworte geworden sind. Sie können somit ein schlichtes Vokabular aufbauen, sofern ihr Gegenüber sie vielleicht verstehen kann. Doch auch diese schöne Methode stößt leider schnell an Grenzen.

Und was, wenn solch ein Liedbuch nicht vorhanden ist? Jetzt müssten die Klavierspieler auf bekannte Songs oder Werbemelodien zurückgreifen, wiewohl es schwierig wäre, darauf aufbauend eine Sprache zu entwickeln. Sie könnten lediglich Songs spielen, die einen bestimmten Text verwenden und den sich der andere, sofern er den Text kennt, dann selbst hinzudenken kann. You must remember this, a kiss is just a kiss … wird nur dann im Kopf des anderen aufscheinen, wenn er diesen Song und den dazugehörigen Kontext kennt. Aber was mag der andere Klavierspieler mit diesem Zitat mitteilen wollen? Es bleibt noch immer unklar, worauf sich das Mitgeteilte bezieht.

 

Um dieses Problem zu lösen, benötigt man eine komplexere Chiffre wie zum Beispiel diese: Der eine Spieler spielt die Tonfolge A-B-B-A 10mal. Möglich, dass der andere mit derselben Tonfolge antwortet. Dann spielt er einen Song von ABBA, den der Gegenüber kennen könnte und dann seinerseits mit einem anderen Song von Abba antwortet.

Womit beide sicher sein können, dass die Notenschrift und das Alphabet hier in eins gesetzt werden. Der eine kann nun die Tonfolge gemäß dem Alphabet durchdeklinieren:

Er spielt ein A und weist diesem eine Tonfolge zu wie etwa ein AA. Aus dem B wird ein BB, aus C ein CC … und aus dem Ton H ein HH. Der Buchstabe I nun wird vielleicht AB heißen, der Buchstabe J hingegen AC etc.. Auf diesem Weg können beide dann, wenn Sie tatsächlich die gleiche Sprechsprache beherrschen, mit dem Klavier recht schnell – ähnlich einem Morsenden, nur flotter – vollständige Sätze kommunizieren.

Jetzt wäre es möglich, nicht nur die gegenwärtigen Emotionen zu kommunizieren, wie es über die Musik selbst möglich ist. Dank des Noten-Buchstaben-Codes können nun auch, sofern man über die gleiche Muttersprache verfügt, tiefsinnige Gespräche geführt werden.

 

 

In den meisten tierischen Signalsystemen hat jeder Laut offenbar nur eine festgelegte Bedeutung, die Sprache des Menschen hingegen integriert mehrere Abstufungen von Abstraktion und erfordert beim Erlernen ein äußerst intensives und zeitraubendes Training unter hohem Aufwand an Konzentration. Menschen können aus mehreren alleinstehend nur bedeutungsleeren Lauten als Kette bedeutungsvolle Einheiten (Morpheme, Wortformen) bilden. Aus diesen Wortformen wiederum werden dann Wortgruppen (Phrasen) und mit Hilfe der Grammatik Sätze aufgebaut. Sofern ein Tier in der Lage ist, zwanzig Laute zu bilden, kann es damit zwanzig Signale ausdrücken – alles andere muss es über sein Verhalten direkt kommunizieren. In der Sprache des Menschen hingegen gibt es eine
schier unbegrenzte Kombinationsmöglichkeit mit begrenzten Mitteln
, um Wilhelm von Humboldt zu zitieren. Der Mensch ist in der Lage zu verstehen oder zu artikulieren, was er zuvor nie gehört hat.

Ein Tier mag wie der Mensch Erinnerungen abspeichern können und dann wieder abrufen. Sein Verhalten lässt auch vermuten: Es iteriert ständig seine Bewegungsmuster. Insbesondere die Dressur verläuft nach diesem Erinnerungs-Belohnungs-Schema.

Das Tier mag auch in der Lage sein, die Zeit an sich zu verstehen. Es mag begreifen, dass es, wenn es draußen dunkel ist, vermutlich Nacht ist und in der Nacht andere Dinge möglich sind als tagsüber, und sein Verhalten darauf ausrichten. Es mag auch ein Morgen annehmen können mit neuerlich Licht und sich womöglich über die abstrakte Vergänglichkeit der Existenz Gedanken machen können, mag sich vielleicht auch Fragen stellen, wo es eigentlich ist, wenn es träumt und schläft. Was es aber allem nach Anschein nicht kann: Sich über diese Gedanken mit Artgenossen austauschen. Es kann sich genausowenig an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit mit jemanden verabreden, es muss hoffen, dass der Artgenosse ebenfalls an dem speziellen Ort auftauchen wird – nicht anders als Generationen von menschlichen Teenager auf eine Party oder ein Fest gingen und hofften, dass der Angebetete sich auch dort sehen lässt; mit dem Unterschied, dass das Tier zu der Party geht, ohne wissen zu können, ob überhaupt eine Party stattfinden wird … es folgt lediglich einer Ahnung, die auf seiner Erinnerung basiert und somit dessen Pläne bzw. Erwartungen konstituiert.

Diese Erwartungshaltung beschränkt sich jedoch auf Hoffnungen, Absichten lassen sich nicht untereinander bekunden, Verabredungen sind unmöglich. Und hierin liegt einer der größten Vorteile des menschlichen Sprachcodes, der vielleicht der Primärschlüssel zur menschlichen Kultur ist: Der Geist ermöglicht Planungen über die nächste Zukunft hinaus. Der Sprachcode ermöglicht, die Pläne offen zu kommunizieren und mit den Plänen der Mitmenschen zu konzertieren – womit Sprache einen reibungsloseren und auch einen effektiveren Ablauf von sozialen Interaktionen ermöglicht.

Sprache hilft zudem, über Abwesendes zu sprechen und Abstraktes mitzuteilen, mit ihr lassen sich sowohl Eventualitäten als auch Hypothesen debattieren. Im Tierreich kann zur
Entscheidungsfindung in einer konkreten Situation zumeist nur die Physis eingesetzt werden: Das jeweilige Tier stellt sich dann in die Richtung, in die sich die Herde seiner Meinung nach bewegen soll. Warum und wieso diese Richtung favorisiert werden sollte, kann in einer Tierherde nicht in die Tiefe argumentiert und kollektiv reflektiert werden, die Handlung und die Argumentation bilden somit – anders als beim Menschen – eine Einheit. Es ist folglich im Fall einer Gruppenentscheidung vordergründig eine Abstimmung mit dem Körper, bzw. die Entscheidung des Körpers des jeweiligen Leittiers (welches jedoch auch deshalb Leittier geworden ist, weil es seine Wahrnehmung darin geschärft hat, die Grundgestimmtheit der Gruppe immer im Blick zu haben und bedacht ist, die Interessen der Mehrheit zu wahren).

 

Sprachlichen Gesellschaften bieten sich differenziertere Möglichkeiten – wiewohl die in höheren Kulturen etablierte Debattenkultur auch Handlungsblockaden und Reformstau auslösen können. Doch die positiven Effekte des Debattierens haben sich den negativen gegenüber als weit überlegen erwiesen. Der zentrale Aspekt dieses Themenkomplexes ist der eines artifiziellen Codes, der eine virtuelle Realität ermöglicht. Die Sprache erlaubt das, und letztendlich ist sie es, die mir ermöglicht, dass ich folgende mir wichtige These aufstellen kann:

 

Sprache ist eine Virtuelle Realität.

 

Ich präzisiere: Sobald Sprache (bzw. Sprachfähigkeit) im Geist verankert wird und vom Geist zur Kommunikation genutzt wird, wird eine virtuelle Realität erzeugt.

Dieser umfassende Essai titels Private Investigations ist weniger handlungsorientiert im geschichtenerzählenden Sinn, weshalb sich Ihnen vermutlich nicht gerade der Gedanke aufdrängt, Sie wanderten geradeeben durch eine Traumwelt, wie Sie es beim Lesen von Romanen haben können. Dort ist, wie beim Träumen, eine innere Vorstellungswelt aktiviert. Am Romanlesen lässt sich gut illustrieren, wie virtuell unsere Sprachwelt sein kann: Wir bewegen uns durch einen Raum, der einzig durch die Worte konstruiert wird, die wir lesen. Wenn ich Ihnen hier von einem Raum erzähle, der sieben Meter tief und fünf Meter breit, drei Meter hoch ist, dann werden Sie diesen Raum rekonstruieren, und schon während des Rekonstruierens ein erstes Gefühl dazu haben. Ja, Sie schaffen ihn: Aber ist er real? Es kann ein Raum sein, von dem ich behaupte, er existiere nirgends.

Was machen Sie nun?

Gut, der Raum existiert nirgends, werden Sie vermutlich zugeben – aber dann einwenden: Immerhin existiert er in meiner Vorstellung. Und dieser Text hier, der diese Metermaße vorgegeben hat, hat den Raum definiert: Für Sie, für andere Leser. Man könnte ihn, wenn man möchte, sogar nachbauen, also: realisieren. Somit existiert er potentiell in Form von Sprache – wiewohl er (menschlichen) Geist benötigt, der diese Sprache entschlüsselt (=liest) und dann in die eigene Virtuelle Realität umsetzt.

Immer unter dem Vorbehalt, dass die Worte justamente noch das bedeuten, was sie bedeuteten, als der Schreibende diese Worte notiert hat. Denn das ist ein überaus heikler Punkt: Die Bedeutung der Worte variiert ständig. Sie werden schon jetzt, wenn Sie diese Worte lesen, selbige anders aufschlüsseln als ich, und in einigen Jahren werden bestimmte Begriffe fürchterlich oldfashioned klingen, weil man diese eben anno 2008 so zu benutzen pflegte. Oder schlimmer noch, die Worte könnten in ihrer Bedeutung invertiert worden sein!

Als Stilkünstler könnte man darüber verzweifeln …

 

Der Semiotiker Umberto Eco greift in seinem Buch Die Suche nach der vollkommenen Sprache dieses schöne und äußerst ergiebige Thema auf, seine Reflexionen über die vollkommene Sprache lassen ihn die Buchstabenmystik z. B. der Kabbala deklinieren oder die Entdeckung der Volkssprache durch Dante, die streng nach philosophischen bzw. erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten entwickelten Plansprachen des 16. und 17. Jahrhunderts, die Suche nach der Ur-Muttersprache der Menschheit unter den zeitgenössischen Volkssprachen und den Wettstreit, der sich aus dieser Suche ergab ("Sprachen Adam und Eva im Paradies vielleicht dänisch?"), den furor etymologicus, die Wechselwirkung zwischen linguistischen Thesen und Enzyklopädien v. a. im 18. Jahrhundert, die Rekonstruierung des Indogermanischen, schließlich die modernen Plansprachen wie Esperanto.

 

Wie ist nun eine ideale Sprache zu denken?

Sie bildet zum einen in Worten oder Info-Bits Gruppen oder Gegenstände ab, beschreibt das Verhalten dieser Gruppen zueinander, definiert die Bewegungen zwischen ihnen, kann sie zudem auch auf einem Zeitstrahl fixieren und damit chronologisch sortieren.

Ideal wird sie nur dann sein, wenn sie auch von ihren Signalen her betrachtet allen unnötigen Bombast vermeidet. Lange Worte und Wortketten, komplexe Grammatiken mögen gewiss eine Kunstsprache schaffen, die dann gerne als Philosophensprache bezeichnet wird (wie etwa die Deutsche), aber derlei hypertrophe Overdesigns sorgen zumindest unter der Masse der Sprachbenutzer nicht für mehr Verständlichkeit, im Gegenteil: Sofern die ideale Sprache für so viele Sprechende wie möglich ideal sein soll, ist die ideale Sprache einfach strukturiert.

Esperanto gilt als ein groß angelegter Versuch, eine einfache, präzise, moderne Sprache zu schaffen. Computersprachen sind ebenfalls neue und mitunter sehr straffe Sprachen, die überdies sehr kurze und präzise Signale verwenden, und auch das moderne Indonesisch (eigentlich eine Kunstsprache) wird als ein Projekt einer einfachen Sprache und Grammatik bezeichnet.

Abstrakt betrachtet ermöglicht eine Sprache nichts anderes als eine konzertierte Orientierung in Raum und Zeit. Mehr noch, sie eröffnet auch eine Möglichkeit zur Simulierung von Raum und Zeit, die Darstellung einer imaginären oder virtuellen, vorgestellten Welt. Und damit genau genommen unendlich vieler Welten: Die Vorstellungwelten können beliebig gemorpht werden, jeder fantastische Roman entwirft bereits eine eigene Variantenwelt.

Sprache und Gehirn bilden eine Koppelung, die schlussendlich an einen Weltgeist zu denken erlaubt: Via Sprache lassen sich alle Gehirne der Menschen verbinden.

An dieser Stelle kommt mir der Romantiker Novalis in den Sinn, der seinerzeit den Begriff Symphilosophieren sehr schätzte. Der junge Dichterphilosoph hat nicht nur an die gemeinsame Entwicklung eines Weltgeists geglaubt, er hat sich auch esoterischer Zaubereien bedienen wollen, sein Gedicht ist berühmt und weithin bekannt:

 

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

 

Das geheime Wort lässt aufhorchen. Es streicht heraus, dass in Novalis´ Denken offenbar ein Gegensatz zwischen Wort und Zahl/Figur besteht – wiewohl sich dieser Gegensatz bei näheren Hinsehen als ein scheinbarer entpuppt. Mathematik ist nie etwas anderes gewesen als eine Sprache und wird vermutlich niemals etwas anderes sein. Jede Zahl ist in Wahrheit ein Wort bzw. ein Begriff – oder auch, wenn man sich grafischer Methoden bedient, eine Farbe. Da jede Zahl auch als Farbe dargestellt werden kann und damit Bild wird, kann sich aus ihr, wenn man möchte, ebenfalls eine Struktur oder eine dreidimensionale Figur konstruieren lassen. Zahl und Wort, Struktur und Figur sind folglich keine Gegensätze, sie können auf verschiedene Weise ein- und dasselbe ausdrücken (sofern man sie als Codes verwendet). Womit das berühmte Gedicht von Novalis, gelinde gesagt, als wohlklingender Irrtum entlarvt ist: Jede Zahl ist automatisch Sprache. Jede Zahl ist ein Zeichen, ein Code.

Von Novalis ist es nicht mehr weit zu Rimbaud. Der junge Franzose träumte fünfzig Jahre später einen ähnlich romantischen Traum, sein Denken ähnelt dem des Novalis in vielem, und das liegt nicht nur in der jugendlichen Frühreife der beiden Poeten begründet. Auch Rimbaud beherzigte Ende des 19. Jahrhunderts das Novalis`sche Ist denn das Weltall nicht in uns? und suchte dessen Geheimnis und Zauberwort, um die Welt zu entschlüsseln: Im eigenen Innersten.

Rimbaud versuchte, das Unsichtbare sichtbar und das Unhörbare hörbar zu machen. Die Entdeckungen des Unbekannten forderten seines Erachtens neue Formen, wobei der Poet eine zentrale Rolle spielen könne und auch solle: Rimbaud sah ihn als Dieb des Feuers, der den Versuch unternehmen müsse, die Seele zum Ungeheuer zu weiten, sich zum Seher zu machen, wozu er eine langdauernde, unerhörte und wohlüberlegte Entgrenzung aller Sinne wagen müsse.

 

Er muss, was er erdichtend entdeckt, fühlbar machen, tastbar, hörbar, und wenn das, was er von da unten heraufholt, Form besitzt, gibt er es als Form; ist es formlos, dann gibt er das Formlose. ­Eine Sprache finden – und wenn schließlich jedes Wort ein Gedanke ist, dann kommt auch die Zeit der Universalsprache!

 

Jedes Wort ein Gedanke – man könnte das Rimbaud-Zitat als eine intensive Komprimierung der sprachlichen Inhalte deuten. Jene Universalsprache, wie immer sie auch gestaltet wäre, würde eine merkbare Beschleunigung des Denkens ermöglichen, gewissermaßen eine Kommunikation in Stenoschrift erlauben. Eine faszinierende Vorstellung, dass in der Zukunft einmal alle Menschen diese Sprache neben ihrer Landessprache sprechen könnten.

Und ein nicht ganz absurder, wiewohl heute noch verträumt klingender Aspekt dieser Idee ist folgender: Dass dereinst auch Tiere in der Lage wären, diese Universalsprache bzw. diesen Universalcode zu benutzen, weil sie einfacher strukturiert ist als unsere klangfixierte Sprechsprache.

Denn was ist eigentlich im Geist des Tiers zu finden? Tiere können, wie schon einmal angeschnitten, wie Menschen intellektuelle Leistungen vollbringen, logische und pragmatische Erwägungen anstellen. Wenn das nun nicht über Sprache organisiert ist, wie ist es dann organisiert? Ist die menschliche Sprache nur ein spezielles Codierungsschema? Denken wir vielleicht weniger in Sprache als in dem Code Sprache? Könnte es also auch ein völlig anderer Code sein? Wenn Sprache nur ein komplexer und gut funktionierender Code ist, kann es tatsächlich noch bessere Codes und damit Meta-Sprachen geben. Beziehungsweise könnte man sie generieren.

 

Mimik kann wunderbar Emotionen transportieren, vielleicht besser noch als Sprache – und Gestik kann Wünsche und Handlungsspielräume transparent machen, was man immer wieder im Ausland bemerkt, wenn man mit seinem Gegenüber keine gemeinsame Sprache findet. Wie wäre es dann als alternative und nonverbale Sprache beispielsweise mit der televisuellen Telepathie? Darin werden Informationen durch spezielle Codes übertragen: Bei einem großen Schachturnier trat einmal ein Trickser an, dessen Trainer im Publikum auffällige Verhaltensmuster zeigte: Ständig putzte er die Brille, zupfte sich am Ohrläppchen etc.. Diese auf ersten Blick unverfänglichen Tätigkeiten waren, wie man ihm unterstellte, eine Chiffre, um dem Spieler Empfehlungen für den nächsten Zug zu geben.

Raffiniert, nicht wahr?

Telepathiekünstler agieren mit ähnlichen Chiffren.

Und als fast schon komödiantischer Aspekt dieser Überlegung: Die weniger intelligenten Vertreter unter den Verschwörungstheoretikern deuten gerne eigentümliche Mimiken oder Gestiken von prominenten Politikern als Geheimsprache innerhalb einer Elite.

 

Was also ist Geist wirklich? Er ist fähig, Codes zu erlernen und zu dechiffrieren – eine Leistung, aus der sich schlussendlich auch das nächstfolgende Verhalten des geistbegabten Geschöpfs generiert. Sprache ist demnach nur eine von vielen (kodierbaren) Möglichkeiten, um den jedem Wesen innewohnenden Geist mit anderen Geist-Gehirnen auszutauschen.

Beziehungsweise, wenn man es von der anderen Seite aus betrachtet, wäre Sprache nicht selbst eine Spielart von Geist, sondern lediglich eine effektive Ausdrucksmöglichkeit des Geists. Notierte Worte wie diese werden demnach erst dann geistvoll, wenn ein lebendiger vulgo aktiver Geist sie aufliest (ins Geistsystem bzw. den Intellekt einspeist) und ihre Bedeutung dann zu generieren bzw. zu rekonstruieren versucht.

 

Einer der größten und begnadetsten Exegeten der Sprachwissenschaften war meines Erachtens der Eigentlich-nicht-Sprachwissenschaftler Ludwig Wittgenstein. Er prägte den charmierenden Satz, der mich nachhaltig beeindruckt, ja assoluto begeistert, weshalb ich ihn hier unverzüglich wiedergeben möchte:

 

Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.

 

Nur … stimmt das wirklich?

Ist sie nicht eher seine Definition im Lexikon? möchte ich nachhaken. Im Zeitalter von Wikipedia, der sich in jeder Sekunde modifizierenden Plattform des gemeinen Menschenverstands, ändern sich alle Definitionen ständig. Was allerdings gut zu Wittgensteins Denke passt, wie ich finde. Der Österreicher hat die Sprache einmal mit einer Stadt verglichen:

 

Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten: und dies umgeben von einer Menge Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.

 

Ich möchte ihm zurufen: Stimmt genau! Wenn ich die Stadt meiner Jugend besuche, die ich über Jahre hinweg nicht mehr gesehen habe, staune ich immer wieder, dass die Stadt von damals nicht mehr existiert, und selbst in meiner Erinnerungen ist sie nicht mehr im Detail zu erkennen. Sie ist mutiert, variiert, ist eine Neue geworden, hat hier Patina bekommen und dort einen neuen Anstrich.

Was auf die Sprache trefflich übertragen werden kann: So, wie wir uns mit unserem Körper in unserer Stadt bewegen, ohne dass wir diese im Ganzen voll erfassen können (weil sie zu komplex ist), bewegt sich auch unser wortfixiertes Denken in der Stadt der Sprache. Und weil sich die reale Stadt in jedem Moment verändert wie die Sprache, ist man und bleibt man an diesen Orten immer ein bisschen fremd.

 

Der Vergleich mit der Stadt, die sich in der Zeit verändert, spannt die Dimensionen auf, die im Folgenden wichtig werden: Raum und Zeit. Die Stadt ist räumlich gedehnt, und zeitlich betrachtet erfährt sie ihrer Struktur nach eine stete Modifikation. Wir haben folglich mindestens ein vierdimensionales Koordinatensystem vor uns.

Sprache ist also auch (mit ein wenig Fantasie) im Wittgensteinschen Sinne als virtuelle Realität zu begreifen. Denn auch die virtuelle Realität weist ihrerseits diese räumlichen und zeitlichen Dimensionen auf.

 

Das Virtuelle der Virtuellen Realität hat Anfang der 1980er Jahre für viel Verwirrung und Irritation gesorgt: Man meinte seinerzeit wohl reflexhaft, das Wort müsse auf etwas Irrationales verweisen, vielleicht assoziierte man auch kollektiv jene physikalischen Phänomene, in denen virtuelle Teilchen eine Rolle spiel(t)en, und erkannte erst einmal etwas Geisterhaftes.

Was selbstredend Unfug ist, eine Virtuelle Realität ist nicht weniger existent als unsere Reale Realität. Es ist amüsant zu verfolgen, wie in Online-Foren die User auch anno 2.008 immer und immer wieder behaupten, dass es einen virtuellen und einen reelen Raum gäbe, und beide offenbar streng voneinander geschieden seien. Doch nichts, was in einem Computer geschieht, ist jenseits von unserer diesseitigen Realität und könnte jemals jenseits der Realität sein. Nichts, was ein Computerspieler in einer virtuellen Spielewelt erlebt, kann jemals jenseits von Realität sein. In vielen Fällen kann man von einer Realitäts-Simulierung oder Modellierung sprechen, sofern man das Computerspiel bzw. den Computerspielinhalt als Abbild der Realität begreift. Letztendlich aber ist sie kaum anders zu begreifen als eine Theaterbühne.

Ein User, dem in einem Computerspiel mit seine Spielefigur stirbt, stirbt selbstverständlich nicht automatisch in der Realität: Aber seine Figur ist in der Realität des Videospiels tatsächlich irreversibel gestorben, sofern es sich um ein Onlinespiel handelt (die Zwischenspeicherung eines privat-separaten Spiels könnte ihm einen Neustart ermöglichen).

Worauf ich hinauswill: Die Virtuelle Realität via Computer ist menschengeschaffen. Sie ist kunstvoll, eine Kunstwirklichkeit, die ohne die technischen Geräte nicht in dieser Weise herzustellen möglich wäre – aber nichtsdestotrotz ist es eine Wirklichkeit, die auf einer klar nachweisbaren materiellen Grundlage basiert. Wie gleichfalls der Traum nichts Irreales ist. Die Traumwirklichkeit ist auch die Wirklichkeit, denn alles ereignet sich innerhalb der großen und gesamten Wirklichkeit, auch den Trauminhalten liegen Neuroneninformationen zugrunde.

Weshalb selbst eine Halluzination wirklich ist, denn in dem Geist des Halluzinierenden ist diese Unwirklichkeit wirklich, ein Faktum und keine Fiktion. Man kann eine Halluzination deswegen höchstens als einen fürs menschliche Zusammenleben und auch fürs Überleben heiklen Grad von Fehlwahrnehmung bezeichnen. Wenn Sie durch einen Park spazieren und ein Mann kommt zu Ihnen und fragt Sie: Sehen Sie diesen blauen Baum dort hinten?, dann blicken Sie vermutlich interessiert in die Richtung, in die der Mann zeigt, aber sehen dort keinen blauen Baum … wer hat hier eine Fehlwahrnehmung? Sie? Oder der Mann, der Sie fragt? Hat der Mann eine Sehschwäche? Oder Sie? Oder hat er das falsche Wort benutzt? Oder haben Sie ein falsches Wort verstanden?

Die Codes zweier Menschen passen partout nicht zu der Situation, in der sie sich befinden. Was folgert man daraus? Entweder sind die Codes verkehrt, oder die Sinneseindrücke – oder beides.

 

Womit einmal mehr ein Randgebiet erreicht ist: Das der wissenschaftlich-kritischen Paranoia, um einmal – ironisch und aus gesicherter Entfernung – auf den mad artist Salvador Dalí anzuspielen. Dessen Methode möchte ich in einem späteren Aggregat ausführlicher besprechen: Ich möchte zudem erläutern, in welche bezaubernden Denknöte ein Radikaler Konstruktivist hineinrauschen muss bzw. ein Hardcore-Solipsist, sobald er den Mut aufbringt, seine eigene Haltung kritisch zu hinterfragen.

Also: Auch das Falsche hat seine Realität (im Falschsein), auch der Irrtum und sogar die Illusion sind erst einmal real. Es handelt sich in solchen Fällen des Irrens um einen kognitiven Sachverhalt im Gehirn eines Menschen, den Illusionen in die Irre leiten – weshalb man folglich sagen müsste: Einer, der eine Halluzination hat und die Halluzination für allgemein verbindliche Realität hält, ist mit Leben und Wesen untrennbar in die Wirklichkeit des Seins und des Werdens verwurzelt, auch seine Illusionen und Irrtümer sind Teil dieser übergeordneten Wirklichkeit, kurzum: Die Wirklichkeit ist folglich so strukturiert, dass sie auch Wesen beherbergt, die Halluzinationen haben und somit diese Wirklichkeit nicht zuverlässig wahrzunehmen in der Lage sind.

Ein unter häufigen Halluzinationen leidender Mensch wird sich immer wieder vor Probleme gestellt sehen, er ist gewissermaßen wirklichkeitsfehlsichtig bzw. weniger talentiert, die Wirklichkeit so zu dechiffrieren, wie seine Mitmenschen, weshalb er im wahrsten Sinne des Wortes oft anecken wird. Aber in vielen Fällen kann er selbst mit diesem Fehler lange Zeit am Rand der Gesellschaft überleben. Erst, wenn seine Fehlsichtigkeit zu dominant wird, bringt dieser Mensch sich in Gefahr, weil er Risiken nicht mehr sinnvoll einschätzt und deshalb z. B. leichter Opfer eines Unfalls wird; eine Neigung zu Halluzinationen reduziert die Lebenswartung.

Was man selbstverständlich darwinistisch-evolutionistisch als Selektionsnachteil interpretieren darf: Lebewesen, die eine zu fehlerhafte Wahrnehmung haben, bleiben schnell auf der Strecke, sterben aus.

Dasselbe dürfte auch für Kulturen gelten, die im Kollektiv einer Fehlwahrnehmung aufsitzen – oder ein Fehlverhalten praktizieren, etwa einer notorischen Neugier erliegen, die sie Risiken falsch einschätzen lässt.

 

(Aber auch noch ein anderer, umgekehrter Fall ist denkbar: Der Mensch mit den angeblichen Halluzinationen sieht Dinge, die andere Menschen nicht sehen, weil er tatsächlich genauer als diese sehen kann! Er kann dann, wenn er sich geschickt anstellt, innerhalb dieser Gesellschaft eventuell in den Rang eines Zauberers, Genies oder Visionärs aufsteigen – sofern er nicht an seiner Gabe verzweifelt, weil diese ihn Dinge sehen lässt, die für andere Menschen nicht da sind oder aber, sofern er seine besondere Gabe in der Öffentlichkeit anwendet, unter seinen Mitmenschen große Angst auslöst, da er Dinge kann oder weiß, die ein normaler Mensch nicht können oder wissen kann, so dass seine Mitmenschen unter Umständen versuchen werden, ihn zu exorzieren oder bei solch einem Korrekturversuch gar töten: Einmal mehr denke ich an Giordano Bruno. Das penetrante Beharren auf der vermeintlich gefundenen Wahrheit mag vom heutigen Standpunkt aus dem hehren Ideal des wackeren Wahrheitsforschers entsprechen, welches die Nachwelt mit Huld und Nachruhm zu bedenken pflegt – zu Lebzeiten hingegen mag der Preis einer nach außen artikulierten Wahrheit unverhältnismäßig hoch sein, ja mitunter dem eigenen Anliegen schaden, weil der Märtyrer als Toter kaum mehr für seine Sache eintreten kann: Intelligenter im Sinne einer pragmatischen Intelligenz ist derjenige, der neben seiner Erkenntnis auch noch abschätzen kann, wie weit die ihn umgebende Kultur bzw. das Milieu, in dem er sich bewegt (das Denkmilieu sozusagen), bereits intellektuell gediehen ist, also wie reif das System für die nächsthöhere Stufe der Erkenntnis ist. Er kann somit als gewiefter Taktiker zur rechten Zeit die passenden Thesen proklamieren, wiewohl auch er sich gefallen lassen muss, wenn ihn daraufhin die Visionären als Opportunisten beschimpfen.)

 

 

Mit Hilfe der Sprache lässt sich Wirklichkeit (bzw. Welt, Außenwelt, Außenweltwirklichkeit) wunderbar darstellen und in nucleo simulieren – denn letztendlich handelt es sich dabei immer nur um Abbildungen, um mehr oder weniger genaue Skizzen. Manchmal stenografiert die Sprache aber auch Wirklichkeit, speichert sie auf. Zum Beispiel, wenn Sie das historische Tondokument einer berühmten Rede abhören: Dann können Sie via Sprache versuchen, die Vergangenheit zu simulieren und den Inhalt des Vergangenen noch einmal nachzuempfinden, so als geschehe das Ganze erst jetzt. Meist ist es ein irritierender Gedanke, dass das, was Sie jetzt gerade hören, schon einmal vor langer Zeit Wirklichkeit gewesen ist. Dennoch ist und bleibt auch dieses Abhören der ehemaligen Gegenwart ein Konstrukt, ja ich möchte fast behaupten, eine Virtualität: Denn der Raum, in dem dieses Ereignis stattfand, ist nicht mehr als solcher vorhanden, und die Zeit ist irreversibel vergangen.

Auf die Speichermedien möchte ich in späteren Aggregaten ausführlicher eingehen. Dort werde ich auch eigens die Kunst der Kopie von Wirklichkeit thematisieren mit Schwerpunkt auf die Fotografie. Doch auch Sprache hat eine aufspeichernde Funktion, sie kann uns durch die Fixierung von Information in Form von Schrift zur Wiedererschaffung bzw. Rekonstruktion der Vergangenheit große Dienste leisten. Schriftdokumente können die Gedanken und Philosophien einer Zeit bewahren, eine Entwicklungslinie aufzeigen.

Wie gelingt es nun aber, mit der Sprache diese zerebral-intellektuelle Sprachwelt zu erschaffen? Es scheint, dass der Geist, wenn man ihn von der Außenwelt abtrennen möchte (was ich hier einmal versuchen will), dem berühmten Tautropfen gleicht, in dem sich das Universum widerspiegelt. Nur dass der Geist aus mikroskopisch kleinen neuronalen Netzen besteht, die in einer intelligenten, algorithmischen Funktion zusammengeschlossen sind, was ihn mit den Speichereinheiten eines Computers vergleichbar macht.

Innerhalb dieser Netze spiegelt sich auch die Außenwelt als codierte Information wieder. Es mag hilfreich sein, an dieser Stelle kurz auf die Leibnizsche Monadologie zu sprechen zu kommen. Nach Leibniz besteht die Welt aus Aggregraten von vielen Monaden, die alle voneinander verschieden und jedoch insofern autonom operieren. Sie haben nicht nur das Verlangen, Perzeption zu betreiben, sondern auch die Befähigung: Sie bilden in sich folglich die Außenwelt nach.

 

Jede Pflanze, jede Mineralie, ja jeglicher Materiepartikel (bis ins unendlich Kleinste, die Monade selbst) ist ein Körper mit (kontingent) dazugehöriger Monade mit je unterschiedlichen Graden unbewusster Vorstellungen (der Maßstab, nach dem alle Monaden voneinander verschieden sind); Monaden als Tierseelen haben Empfindung und Gedächtnis. Die menschliche Seele (Geist) ist ebenfalls eine Monade, und unterscheidet sich nur insofern von den Tieren, als sie vernunftbegabt ist.

 

Auch unsere Sprache macht es möglich, die Außenwelt abzubilden. Und nicht nur das, sie bietet zudem die Chance, unsere Innenwelt selbst zu betrachten. Es ist verblüffend: Dass wir mit unserem Gehirn auch ohne Probleme ein Modell unseres eigenen Gehirns imaginieren können sowie Gedanken zu dessen Funktion (und Algorithmen) anstellen können.

Man könnte hier eine Iteration hineindeuten: Geist denkt über Geist nach. Und in der nächsten Ebene: Geist denkt über Geist nach, der über Geist nachdenkt … undsoweiter, wie eine Endlosspiegelung unseres Schädels, wenn wir zwischen zwei Spiegeln stehen und meinen, in die Unendlichkeit zu blicken.

Es ist faszinierend: In dem Innenraum des Schädel finden wir also unsere Innenwelt, unser eigentlich Privates (Erinnerungen, die typisch sind für uns etc.), und zugleich auch die Außenwelt in mehr oder minder genauen Beschreibungen vor. Beide sind offenbar in ähnlichen informationsbewahrenden und informationserzeugenden Strukturen beheimatet.

Es gibt demnach verschiedene Sphären innerhalb unseres Geists: Eine, die auf eine Außenwelt rekurriert, eine andere, die auf unsere Innenwelt Bezug nimmt. Hinzu kommen noch die Sphären von Traumwelten, von Zukunftswelten, von Erinnerungswelten, die jeweils eine eigene Klasse bilden.

Wenn wir nun wahrnehmen, was in und außer uns geschieht, ereignet sich diese Perzeption innerhalb dieser eigenen Welt in unserem Geist in der abbildenden intelligenten Gestalt von schwingenden neuronalen Netzen. Wir verfügen innerhalb unseres Kraniums gewissermaßen über unser privates Miniversum; ja ich bin geneigt, es sogar unser privates Universum zu nennen.

 

Was folgende Zwischenfrage provoziert:

Was bedeutet es eigentlich, wenn Systeme im Inneren eines durch Membranen abgegrenzten Wesens („Lebe-Wesens“) eine Entsprechung eines Äußeren in sich tragen, und sei es nur informationeller Natur?

Eines scheint evident: Derartige Systeme lassen sich sehr gut mit Leibnizschen Monaden vergleichen. Inwieweit solche kurios ineinander verzahnten Systeme auch in nichtbelebten Formen oder beispielsweise in den Atomen existieren, ist derzeit nicht überprüfbar. Manche zeitgenössischen Physiker behaupten, dass auch Atome (um es einmal vermenschlicht-trivialisiert auszudrücken) ihrerseits Messungen durchführen, um Raum und Zeit zu taxieren bzw. sich in selbigen Dimensionen orientieren zu können bzw. orientiert zu sein.

Und ich wäre dankbar, wenn Sie mir die folgende Frage beantworten könnten: Hat die biologische Zelle ebenfalls solch eine reflexive Struktur?

Ich würde sagen, sie ähnelt zumindest in einem dem Menschen und seinem Geist, welcher als Hauptquartier und Zentralsteuerung auf dessen Schultern sitzt: Der menschliche Kopf entspricht dem zellulären Zellkern, der Körper des Menschen der Zelle. Um die Analogie aber detailierter debattieren zu können, muss die Frage erlaubt sein, ob der Zellkern tatsächlich Strukturen enthält, mit denen er Informationen aus dem Zellinneren aufschlüsselt, die Prozesse dort mit einer Art Sensorik (vergleichbar dem menschlichen Nervensystem) taxiert und dann auch steuert, so wie Module des menschlichen Geists den Körper zu steuern vermögen!? Zukünftige Forschungen werden auch hier neues Licht in das Dunkel bringen. Instinktiv tendiere ich aktuell dazu, der Zelle reflexive Strukturen abzusprechen.

(Falls ich mich irre, dann arbeiten die Zellen zumindest in enorm großen Zeiträumen, also nach menschlichem Empfinden wie in Zeitlupe. Die Reflexionen, die ein Gehirn binnen Sekunden anstellen kann, benötigen in der Zelle Tage …)

 

Philosophisch wirft das Phänomen des Abbildens der Außenwelt im Inneren – etwa dem Inneren eines Gehirns – viele reizvolle Fragen auf. Wenn man annähme, dass die Evolution im Laufe der Zeit immer komplexer organisierte Formen hervorbringt, dann lässt sich imaginieren, dass der Mensch keinesfalls das Ende der Entwicklung darstellt. Sollte mit der wachsenden Komplexität der Formen ein immer besseres Beschreiben der Außenwelt möglich werden und damit auch ein besseres Existieren oder sich-Entwickeln des jeweiligen Organismus, dann sollten die Wesen, die den Menschen übertreffen, ein noch größeres Talent im Spiegeln des Universums entwickeln.

Und sollte die These vom Supercyborg zutreffen, dann vergrößern sich diese Systeme auch im Laufe der Zeit. Sollte der Supercyborg eine Identität entwickeln und damit ein Innen und Außen unterscheiden können, würde er seine Außenwelt (das Universum) noch luzider und tiefsinniger in sich integriert haben als es ein Mensch je luzide und tiefsinnig sein kann, wenn er über das Universum nachdenkt.

Hier stoßen wir auf die nächste spannende Frage: Wenn das Universum sich tatsächlich in Richtung immer größerer, zusammenhängender intelligenter Strukturen entwickelt, werden diese irgendwann das gesamte Universum ausfüllen?! Das Universum hätte dann, wenn es sich schließlich allen Supercyborgs oder Supersupercyborgs des Kosmos zusammensetzte – eine Gesamtidentität („sich selbst“) und zugleich viele Substrukturen, in denen sich erneut leibnizische Monaden befinden wie Supercyborgs, Menschen, Zellen und Atome.

Ich möchte den hypothetischen Charakter dieser philosophischen Fantasie betonen, die sich recht unverblümt der Ideen Douglas Rushkoffs und Erich Jantschs bedient – und will es vorerst mit diesen pseudoreligiösen Imaginationen belassen.

Was keinesfalls heißen soll, dass das monadenhafte Spiegelprinzip nur als billige Esoterik abzukanzeln wäre. Ich vermute hier sogar einen Schlüssel. Beantworten Sie mir doch bitte die folgenden Fragen:

 

Warum spiegeln wir die Außenwelt in unserem Inneren?

Geht es nicht auch ohne?

 

Sie könnten einwenden: Wenn man keine Informationen über das Äußere in sich aufnimmt, kann man sich nicht in seiner Umgebung orientieren und wird, wenn man Stoffwechsel betreiben muss und dafür ein geeignetes Milieu aufsuchen muss, auch nicht lange existieren können. Aber denken Sie sich bitte einmal einen Einzeller: Er wird in seinem Lebensmilieu herumgeschwemmt, ist Spielball der Wasserströmungen – doch dem Einzeller kann das egal sein, sofern er sich nur weiterhin in seinem feuchten Milieu aufhält; sein einziges Risiko besteht darin, zu stranden.

Was wäre, wenn wir Menschen in folgendem Milieu leben würden: Wir fliegen in einer künstlichen Welt durch den Weltraum. Das Innere unseres Raumschiffs weist exakt 37 Grad Temperatur auf und die Schwerkraft ist aufgehoben – wir schweben also in der Luft. Das Raumschiff versorgt uns mit den nötigen Nahrungsstoffen, die uns intravenös verabreicht werden. Wir müssten nichts tun, um zu überleben, wären gewissermaßen forever Säuglinge.

Was, wenn wir nun keine Sinnesorgane hätten bzw. diese depriviert wären? Sie hören nichts, sehen nichts, spüren nichts (weil immer exakt das gleiche zu spüren ist). Müssten wir uns dann noch Gedanken machen, wie das Universum aufgebaut ist? Benötigen wir die Außenwelt in unserem Denken? Oder wären wir uns selbst genug? Könnten uns mit uns selbst beschäftigen? Gewiss, wir hätten kaum eine andere Wahl, denn Kommunikation wäre nicht möglich und auch Sexualität mit einem Partner schwer denkbar – obschon die Sexualität in diesem Gedankenmodell nicht lebensnotwendig ist.

Wenn das Überleben gesichert ist, muss der Organismus keine Abbildung der Außenwelt in sich erschaffen, es genügt eine Abbildung des Körpers sowie die des eigenen Denkens, des eigenen Geists (was spräche dagegen, dass das Denken eines deprivierten Raumfahrers auch ein Selbstbewusstsein aufweist?).

Was den Umkehrschluss nahelegt: Die Erschaffung der Außenwelt als Spiegelbild in unserem Inneren war eine sinnvolle Integration oder Implementierung innerhalb des Organismus, weil sie diesem half, das Überleben zu sichern – der Organismus musste ein schwieriges Terrain quasi erobern, es drohten viele Gefahren von außerhalb.

Wäre das Terrain auf unserer Erde weniger anspruchsvoll gewesen, wäre die Notwendigkeit eines Weltspiegels weniger wichtig gewesen, und diese Implementierungen wären gewissermaßen ein Luxus gewesen.

 

First Summary:

Wir bilden in unserem Geist die Welt nach. Aber nicht nur das, wir bilden auch uns selbst nach. In unserem Gehirn haben wir zudem eine Abbildung bzw. ein Modell unseres Gehirns, ebenso von unserer Identität. Und würden wir jetzt in dieses Abbild hineinzoomen, fänden wir dort wieder ein Abbild dessen, es wäre gewiss noch kleiner und reduzierter. Wir sind somit selbst russische Puppen. Wir sind aus dieser Perspektive betrachtet auch eine Variation mathematischer Fraktale, in denen sich Selbstbezüglichkeit und Selbstähnlichkeit nachweisen lässt.

Und sobald wir einem anderen Menschen gegenüberstehen, bei dem wir das ähnliche Konzept voraussetzen können, blicken sich genau genommen zwei Spiegel gegenseitig an: Eine Endlosspiegelung ist die Folge.

(Vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb der direkte Blick ins Auge so unangenehm oder aber als enorm tiefgehend empfunden wird, weshalb ihn am ehesten romantisch Verliebte aushalten – die damit in Wahrheit den Grad ihrer Vertrautheit testen.)

 

Wenn ich dem Universum einen griffigen modernen Mythos zuzuordnen müsste, wählte ich nicht die Nussschale, wie Hawking es tut.

Ich wählte das Fraktal.

 

In Fraktalen gibt es verschiedene Ebenen. Die Puppe in der russischen Puppe sieht ähnlich aus wie die Puppenschale über ihr, kann aber niemals identisch sein, sie ist nur eine Variante.

Ebenso funktioniert unser Geist. Im Geist ist nicht ein weiterer Geist enthalten, sondern eine symbolische Darstellung des Geists.

Innerhalb einer Monade muss eine Vereinfachung der Außenwelt vorgenommen werden (wenn man also die fünfte Puppe seines Geistes lokalisieren möchte, findet man nicht mehr viel, die Struktur löst sich auf – womöglich ein Grund dafür, dass man, je tiefer man sich in sich selbst versenkt, das Gefühl bekommt, sich im Nichts zu verlieren, denn in der Tat nähert man sich dem Beliebigen an).

Die Formel ist einfach und vielfach zitiert: Die Zeichen sind nicht die Dinge, die Karte ist niemals das Territorium. Aber dank dieser Abstraktionen und Vereinfachungen erhält man die Möglichkeit einer besseren Orientierung (sofern man nicht versucht, zu viele fraktale Ebenen gleichzeitig zu betrachten; denn das könnte eine große Verwirrung zur Folge haben).

 

Um ihre inneren Weltbilder oder Abbildungswelten kommunizieren zu können, verwenden Menschen unter anderem Sprache. In der Sprache lässt sich Welt konstruieren. Man kann die Realität nachbilden, die Vergangenheit rekonstruieren, die Zukunft entwerfen. Kann auch fantasieren und an-sich-Unmögliches kommunizieren.

Die spannende Frage ist, wie die Sprache das eigentlich bewerkstelligt. Oder anders gefragt: Wie funktioniert die Sprache als virtuelle Realität? Wenn man eine befriedigende Antwort erhalten möchte, muss man die grammatikalischen Strukturen näher betrachten:

Subjekt, Prädikat, Objekt – die zentralen Satzbestandteile geben ein Ding an, das mit anderen Dingen in Bezug steht und über ein Prädikat ein Verhältnis mit selbigem (oder selbigen) pflegt. Entweder zeichnet sich eine Bewegung zwischen Subjekt und Objekt ab, oder ein Besitzverhältnis bzw. ein Abhängigkeitsverhältnis wird ausgedrückt. Weitere Angaben zum Raum, in dem das Gesagte stattfindet, und zur Zeit dieses Ereignisses sind über Hinzufügungen treffbar.

Die Integration der Zeitformen ermöglicht es, eine sprachliche Raumzeit zu eröffnen. Weitere Features wie Prä- oder Postpositionen verfeinern dieses der Sprache zu Grunde liegende Grundschema. Es ist folglich ähnlich einfach aufgebaut wie die virtuelle Realität in einem Computerspiel.

Da Menschen in der Raumzeit leben und auch in Raumzeitigkeiten denken, können sie in ihrer Sprache eben selbige Raumzeit ausdrücken. Sie können auf diese Weise auch gänzlich imaginäre Orte eröffnen. Wenn der Schriftsteller Tolkien ein Buch schreibt, in dem er eine virtuelle Welt eröffnet (die auf Sprache basiert), ist ein Vergleich mit einem Computerspiel durchaus zulässig – wiewohl in dem Computerspiel der Held per Joystick oder Tastatur gesteuert werden kann und somit (in mehr oder minder großen Maß) individualisiert wird. Während beim Computerspiel die animierte Welt selbst für alle Spieler gleich ist, aber der Weg durch das Spiel verschieden ausfällt, ist bei der virtuellen Realität Fantasyroman die zu animierende Welt, also das Dekor von besonderer und individueller Ausprägung, bei der Ausgestaltung vollbringt er die eigentliche kreative Leistung. Was hingegen geschieht, ist beim Roman zumeist vorgegeben (sofern es sich nicht um einen Hypertext handelt wie etwa bei George Perecs Das Leben Gebrauchsanweisung).

 

Sprache spannt also Raum und Zeit auf. Sie gibt damit die Erfahrungswelt des menschlichen Geists wieder. Bleibt etwas ingenuin Geistiges unberücksichtigt? Gibt es eigentlich Unkommunizierbarkeiten? Wie sieht es aus mit Gefühlen – kann nicht jeder noch so differenzierte Gefühlszustand mit einer gewissen Zahl an Worten beschrieben werden, und sei es, wenn man dazu ein Gedicht verfassen muss?

Die Sprache scheint den Geist in seiner Arbeitsweise und Erlebnis-Art sehr gut wiederspiegeln zu können – nur dass sie manchmal nicht schnell genug vorgebracht werden kann, weil der Geist schneller arbeitet als die Zunge sprechen oder die Finger die Gedanken notieren können.

 

Gelegentlich gibt es Probleme mit den verschiedenen Ebenen, die uns die Sprache eröffnet. Wittgenstein hat dies erneut sehr schön illustriert, einige seine Ansichten lassen sich wie folgt zusammenfassen:

 

Die Ähnlichkeit der Sätze „Ich habe einen Stuhl“, „Ich habe einen Eindruck“, „Ich habe Zahnschmerzen“ verführt zur Auffassung, man „habe“ Eindrücke oder Empfindungen in gleicher Weise wie „Stühle“ (raumeinnehmende Gegenstände, deren Besitz man durch Verkauf oder Einäscherung verlieren kann). Wodurch sich das Bild aufdrängt, Wörter wie „Eindruck“, „Empfindung“ oder auch „Gedanke“, „Zahl“ müssten wie „Stuhl“ für irgendwie Raumeinnehmendes – wenn nicht Sichtbares, dann Unsichtbares – stehen: etwa für „Ideen“ oder das, was man durch „Nachschauen“ in seinem „Innersten erblicken“ könne. Wittgenstein zielt darauf ab, solche unwillkürlichen Bilder (die hier etwa einen „inneren Raum“ mit „unsichtbaren Gegenständen“ suggerieren) zu überwinden, indem er z.B. ihre Entstehung ins Bewusstsein hebt. Sein Philosophieren hat, wie er sagt, mit der „Entdeckung“ (und dadurch Entschärfung) „schlichten Unsinns“ zu tun, infolge dessen sich der Verstand „Beulen“ – „beim Anrennen an die Grenzen der Sprache“ – geholt habe.

 

Dieses Problem wäre beispielsweise lösbar mit einer Modifikation des Verbs, das je nach Subjekt-Klasse anders lauten könnte und somit schon (in der deutschen Sprache) vor-anzeigt, zu welcher Subjekte-Kategorie das Subjekt gehört („Stuhl“, „Zahnschmerzen“, „Eindruck“ etc..). Oder man könnte sich mit einem dem Subjekt angehängten Klassenbezeichner behelfen. Der Vorteil: Die Welten wären deutlicher voneinander abgegrenzt. Der Nachteil: Die Komplexität der Sprache würde wachsen und ihre Verwendung erschweren. Bleibt man bei dem gegenwärtigen Modell, ist es sinnvoll, sich über dieses Problem einmal Gedanken zu machen und sein Bewusstsein zu schärfen, in welchen Ebenen sich das Denken abspielt, welche Räume bzw. virtuelle Welten es öffnet.

 

Grammatik und Syntaktik, die die erste und elementarste Struktur der Sprache bilden, werden überwölbt von zwei weiteren Ebenen: Semantik und Pragmatik bauen auf ihnen auf. Alle drei verschiedenen Ebenen konstituieren im Team den semiotischen Vorgang in einer Kommunikation, der realisiert wird, wenn eine kodierte Nachricht von einem Sender zu einem Empfänger geschickt wird, der dieses Input klassifiziert und interpretiert. Und schließlich die Möglichkeit hat, mit dem Sender in Interaktion zu treten.

Die Syntaktik selbst beschreibt ein Zeichen noch als pures Zeichen. Sie ist der Träger der Information, der Transporter.

Die nächsthöhere Ebene bildet die Semantik. Ein kleiner Exkurs in die Zeichentheorie sei an dieser Stelle unternommen: Nehmen wir noch einmal das Wort WORT. Zeichen und Bezeichnetes ist hier illustrerweise eines. Bzw. fast. Denn das Wort Hollywood, das in gigantischen weißen Lettern über der Stadt angebracht worden ist, würde, wenn die Menschen vom Planeten verschwunden wäre, von keinem Tier beim Ansehen als Wort empfunden werden, die Tiere sähen darin nur eine Struktur, deren Herkunft bzw. Genese ihnen unbekannt bliebe. Das Tier benötigte hierfür nicht nur einen Geist, der diese Symbolfolge entschlüsseln kann, es benötigte auch noch die dazugehörige Chiffre, das Alphabet. Erst wenn dieses Wesen die Buchstaben entschlüsselt, bekommt für ihn das Wort Hollywood tatsächlich Wort-Charakter.

Überdies ist das Wort WORT auch nur dann ein Sammelbegriff für Wörter, wenn ein Geist diesen abstrakten Begriff entschlüsselt hat! Es sind also viele Voraussetzungen nötig, um ein Wort zu dechiffrieren.

Die Zeichen müssen also nicht nur wie die Hollywood-Buchstaben als solche notiert oder aufgestellt sein, sie müssen auch semantisch in ihrer Bedeutung erfasst werden können.

Und spätestens hier betritt man das Minenfeld. Die Semantik gewährleistet keine Eindeutigkeit mehr. Ein Wort kann notiert und buchstabiert werden, eine Eindeutigkeit kann per Schrift gewährleistet werden: Die Interpretation aber ist nur durch Exegese zu dechiffrieren und somit immer individuell, what means mehrdeutig.

Die Semantik versucht den Worten eine Bedeutung zuzuweisen, lässt aber Spielraum für reichlich Interpretation. Es mag Inhalte geben, die nur wenig Spielraum erlauben: Mathematische (Formel-)Sprachen weisen oft einen weitaus einfacher zu entschlüsselnden Charakter auf. Sprache hingegen glänzt oft durch Schmuckwert oder Überabstraktion. Schon Wittgenstein zeigte, dass die Ebenen oder virtuellen Realitäten, in denen sich der sprachliche Inhalt ereignet, oft nicht klar zu trennen sind oder sogar absichtsvoll verwirrend angelegt wurden (Kunst; Kunst-Sprache; Literatur).

 

Was sich an den rhetorischen Figuren gut aufzeigen lässt. Ich möchte eine erste Abstraktionsebene mit Hilfe einer relativ leicht zu durchschauenden rhetorischen Figur aufbauen: Dem Vergleich. Der Vergleich wird in der Regel durch ein wie angekündigt, weshalb er sehr leicht zu erkennen ist. Wenn ich folglich auf einen wie-Vergleich stoße, erkenne ich, dass hier nur eine Illustration eines schon vorhanderen Inhalts angefügt wird. Wenn ich nun also notiere, alt wie ein Baum möchte ich werden, dann habe ich einen Vergleich artikuliert. (Und zugleich eine Anspielung auf einen alten Pudhis-Song!) Dieser Vergleich hat eine beinahe mathematische Eindeutigkeit, das WIE lässt sich hier ersetzen durch das mathematische Istgleich-Zeichen (=).

Schwieriger wird es, wenn Metaphern ins Spiel kommen, hier eröffnet sich eine weitere Abstraktionsebene. Was mache ich, wenn ich zum ersten Mal einen Begriff höre wie Wüstenschiff? Ich kenne die Wüste, ich kenne das Schiff – aber was bitte ist ein Wüstenschiff? Ich werde vermutlich noch weitere Hinweise bzw. weiteres Allgemeinwissen benötigen, um zu verstehen, dass es sich um ein Kamel handelt.

Oder wie knacke ich eine beliebte metaphorische Wendung wie Die Nadel im Heuhaufen suchen? Derartige Wendungen verlangen das Verständnis von komplexeren Bedeutungszusammenhängen, ein simples Istgleichzeichen reicht hier nicht mehr aus.

Noch schwieriger wird es, wenn Allegorien oder Symbole verwendet werden. Sie eröffnen eine weitere Ebene der Interpretation durch ihre Über-Abstraktion. Das Problem hierbei: Alles kann/könnte Symbol sein.

Selbst das Symbol kann Symbol sein.

Sogar ein Mensch kann Symbol sein. (Der Papst, die Monroe, Gandhi.)

Um Symbole zu entschlüsseln, ist Abstraktionsvermögen vonnöten. Wer auf dieses verzichten muss, wird weniger verstehen. Wenn es etwa heißt, Der Papst ist unfehlbar, wird ein Mensch mit wenig Abstraktionsvermögen glauben, der jetzige Papst sei unfehlbar …– Sie merken den Unterschied.

Um Allegorien entschlüsseln zu können, benötigt man Übung sowie Bildung. Und selbst dann entziehen sich abstrakte Texte oder poetische Texte einer klaren Deutung – nicht immer ist zu sagen, was Allegorie ist und was ein realer Bezug. Autoren, die viele Allegorien verwendet haben, gelten heute nicht zufällig als kryptisch und geheimnisvoll: Ich denke insbesondere an Franz Kafka, James Joyce, Marcel Proust, Thomas Pynchon oder José Lezama Lima.

Je artifizieller die Sprache, desto mehr Abstraktionsfähigkeit wird verlangt, um ihren Inhalt zumindest annähernd korrekt dechiffrieren zu können. Oftmals sorgt diese Überabstraktion zu einer (vermeintlichen) Zerstörung jedweder Verständlichkeit, Joyce hat diese Methode so weit getrieben, dass er in Finnegans Wake eine eigene Kunstsprache erschuf, die mitunter mehr einem Joyce-Esperanto denn Joycens Muttersprache: Vermutlich mit der Intention, sich mit dem Mythos des Unverständlichen schmücken zu können, vielleicht aber auch, weil er die Illusion von verständlicher zwischenmenschlicher Kommunikation mit Hilfe von Sprache demonstrativ entblößen wollte. Während die meisten Literaten bemüht sind, Sinn zu konstruieren und Botschaften zu transportieren, versuchte der späte Joyce wie die Dadaisten den Sinn zu dekonstruieren.

(Einschränkender Hinweis: Dies ist meine Hypothese; denkbar wäre auch, dass Joyce zeigen wollte, wie unglaublich elaboriert seine persönliche Sprache sein kann, die Motivation wäre dann eine Spielart des rhetorischen Imponiergehabes gewesen.)

 

Sprache konstituiert folglich mehrere Ebenen der Komplexität, in denen sich überdies verschiedene Dimensionen der Realität integrieren lassen. Eine Sprache kann sehr hohe Komplexität aufweisen, dem Abstraktionsgrad scheinen nach oben hin kaum Grenzen gesetzt. Aber sie ist nicht nur ein intellektueller, von der Welt der Dinge abgehobener Selbstzweck der Hochgeistigkeit und Metareflexion, sie ist zudem in der Regel auch handlungs-, ja effekt- und wirkorientiert. Was sich auch in der obersten sprachliche Ebene artikuliert: Die Pragmatik vervollständigt die Hierarchie innerhalb der Sprache. Mit ihr wird ein konkreter Zusammenhang zwischen dem Empfänger einer Information / einem kommunikativen Inhalt und der Situation hergestellt, in der sich beide befinden. Wie verhält sich der Angesprochene? Hat er eine Anweisung erhalten? Soll er eine Bitte erfüllen, ein Verbot einhalten? Soll er eine Antwort formulieren?

Woraus ersichtlich wird, dass Sprache und Handlung in der Regel ineinander übergehen. Der beliebte Volksspruch Taten statt Worte ist eine deutliche Verkürzung kommunikativer Interaktion. Denn eines muss klar sein: Auch Worte sind Taten.

(Genauso, wie die virtuelle Realität reale Realität ist.)

Die Worte sind nicht nur Taten, wenn zum Beispiel ein Stück Papier abgezeichnet wird und dann als Todesurteil Verwendung findet. Wodurch sich Sprache in Handlung und Aktion, in Taten verwandelt: Worte sind Taten, Worte sind auch Täter. Auch ein Adolf Hitler, der während seiner Regentschaft über das Dritte Reich womöglich keinen einzigen Menschen von eigener Hand getötet hat und sich, sofern dies wirklich der Fall war, nicht als Mörder hätte fühlen müssen – hat mit seinen Worten und Direktiven millionenfach gemordet.

Jedes Wort ist eine Tat, jedes hier notierte Wort wird, wenn Sie es lesen, in ihrem Kopf zu einem Vorgang, einer Aktion. Meine Sprache hier bewirkt nicht nur in ihrem Kopf eine Neustrukturierung ihrer neuronalen Strukturen, sie mag zudem auch ihr künftiges Verhalten beeinflussen. Wenn Sie etwa auf meine unterschwellig suggestive Philosophie einschwenken, nach der ihr Leben determiniert ist, können Sie eventuell etwas gelassener werden – und diese Gelassenheit wurde dann durch die Lektüre bzw. das Input von Sprache befördert, mit der Folge, dass auch ihre Umwelt ein verändertes Verhalten ihrerseits konstatierten kann. So dass meine Worte dann bei Ihnen und in ihrem Umfeld zu einer Tat geworden sind.

 

Das heißt:

Gedanken sind immer Taten.

 

 

Zen-Buddhisten praktizieren mitunter eine schwierige Meditation: Sie versuchen, nicht mehr in Worten zu denken. Was im ersten Moment als sehr einfach erscheint, erweist sich in der Praxis als ungemein schwierig, sofern man nicht gerade in seinem japanischen Kirschgarten sitzt oder eingeschlossen im stillen Kämmerlein: Machen Sie einmal einen Spaziergang und versuchen Sie, nicht in Sprache zu denken. Als ich selbiges probierte, erkannte ich mit Erstaunen, wie unmöglich dies war. Ein Baum, der vom Wind bewegt wurde, blieb immer auch ein sprachlich benannter Baum, immer waren Worte, die mir etwas erzählten, die Geschichte vom kommenden Sturm etwa – um mich zu warnen. Ohne die Worte schien mir auch die Warnung zu entgleiten, und der Straßenverkehr war nur noch ein Phänomen, das nichts mit mir zu tun hatte. Und deshalb auch nicht gefährlich zu sein schien. Kurzum, sobald ich ernsthaft versuchte, beim Spazierengehen die Sprache auszustellen, stellten sich auch zentrale Instanzen meines Gehirns auf Standby und mit ihnen die immanenten Warnfunktionen. Weshalb man doch besser im japanischen Kirschgarten sitzen sollte, wenn man diese Übung praktiziert …

Meine Gefühle währenddessen waren indes sehr ungewöhnlich, ich möchte sie mit den Gefühlen während eines Drogenrauschs vergleichen. Ich erlebte ein unheimliches Moment von Befreiung und Bezauberung, zugleich aber auch ein debiles Herumtappen in einer sehr gefährlichen Welt – gerade weil ich die Gefahren nicht mehr definieren konnte.

Kann es Geist geben ohne die Sprache?

Wo sind die Grenzen der Sprache?

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Tiere beim Denken eine Symbolsprache verwenden, aber nur schweigen müssen, weil sie die Symbole nicht in Worte umwandeln und stimmlich artikulieren können. Dennoch können sie im Straßenverkehr Achtsamkeit erlernen; sie werden hierbei verstärkt mit der Bildsprache arbeiten, die Dinge, die sie sehen, heißen nicht etwas, sondern sehen aus wie ein bestimmtes in ihrem Geist abgespeichertes Symbol.

Unser Geist hingegen ist es gewohnt, mit Worten zu arbeiten. Ich denke allerdings, als Profi-Zen-Buddhist mit sehr viel Erfahrung wäre mir auch ein Spaziergang möglich, ohne dabei in Worten zu denken, ich könnte ihn pur genießen können wie ein Drogensüchtiger seinen Trip – und müsste trotzdem nicht befürchten, in Lebensgefahr zu geraten, weil ich ein Auto nicht mehr als Auto erkenne. Ich würde das Auto dann als Auto erkennen, aber nicht mehr im Geist als Auto benennen.

Ich würde, wenn man so will, mit dem (vom Sprachbewusstsein verschütteten) tierischen Geist die Situation wahrnehmen.

 

Auch Wittgenstein hat viele Gedanken über den Grenzbereich der Sprache angestellt. In seinem Traktatus erklärte er:

 

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

 

Woraus ich schlussfolgern könnte, dass Wittgenstein der Auffassung war, sein Denken und Vorstellungsvermögen sei ausschließlich über die Sprache organisiert. Dort, wo die Sprache und das in Worte Ausdrückbare endet, endet auch das Vorstellungsvermögen.

Aber was mache ich dann im LSD-Rausch, wenn ich nur noch bunte Bilder wirbeln sehe und keine Kraft und Konzentration und auch keinen Willen habe, darüber nachzudenken? Was, wenn ich nur noch Zuschauer bin, der quasi hypnotisiert ist?

Bin ich dann wieder in dem Säuglingsgehirn angelangt, in dem ich einst steckte? Ist es vielleicht genau das, was wir an den Drogenerfahrungen so schätzen? Weil wir durch sie wieder weit in unsere Kindheit zurückgeworfen werden, zu den Quellen unserer Individualentwicklung zurückkehren, auch in die Anfänge der Entwicklung unserer Persönlichkeit zurückkommen?

Ich möchte Wittgenstein (ausnahmsweise) widersprechen, es erscheint mir falsch zu glauben, die Sprache sei die Grenze meiner Denkwelt. Die Sprache ist vielmehr ein sinnvolles und praktisches Mittel, um Gedanken zu formen. Es wäre jedoch auch eine andere Art von Sprache denkbar, beispielsweise eine Sprache jenseits der Akustik – so, wie sie vielleicht ein taub geborener Mensch erlernt.

Wenn ich denke, habe ich meistens das Gefühl, ich hörte mir selbst beim stillen, heimlich flüsternden Reden zu. Meine Worte, die ich für mich formuliere (bzw. mein Geist für mich formuliert), sind Klang.

Wie muss ein taub geborener Mensch denken? Er wird die Worte kaum hören – aber wenn er gelernt hat, Sprache zu dechiffrieren und Vokabeln Gegenständen zuzuordnen, wird er ebenfalls einen Stream of Conciousness haben wie ich. Nur wird dieser anders strukturiert sein als in meinem Gehirn.

Und vielleicht auch anders als in ihrem Gehirn? Inwieweit unterscheiden sich Gehirne in ihrer Art zu arbeiten?

Mitunter kann einem die Sprache auch unheimlich anmuten. Einmal mehr möchte ich Wittgenstein zitieren, und diesmal füge ich eines seiner bekanntesten Zitate in den Essai ein:

 

Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Sprache.

 

Dass ein eingefleischter Pragmatiker wie Ludwig Wittgenstein von Verhexung spricht, macht mich nachdenklich. Vermutlich meinte er die Unschärfe, die der üblichen Sprechsprache innewohnt. Die mathematische Sprache hingegen hat eine andere Qualität. Sie ist, wenn man es einmal latent elitär formulieren will, die Kunstsprache schlechthin unter den bisher entwickelten Gehirnsprachen. Sie ist reduziert und optimiert, sie ist in den meisten Fällen konkret, mitunter schon so raffiniert (eingedampft), dass viele Worte der üblichen und banalen Sprechsprache nötig sind, um eine einfache Formel verständlich zu erklären.

 

Die mathematische Sprache ist meines Erachtens derzeit die modernste Sprache, ja ich bin geneigt, in ihr eine Hypersprache zu erkennen, denn im Gegensatz zur Sprechsprache ist ihr nicht zwingend eine Pragmatik eingeschrieben, sie ist vielmehr eine Sondersprache, die nur für sich existieren kann als ein Extrakt von Logik.

Es ist sinnvoll, in einer Variation dieser Übersprache mit Computern in Kommunikation zu treten. Wenn man versuchte, KIs die menschliche Sprache beizubringen (was gewiss eines Tages möglich sein wird), nimmt man ihnen dabei zum einen ihre Präzision (man vermenschlicht sie) und beraubt sich der Chance, für sich selbst eine neue Sprache zu entwickeln: Warum soll die Menschheit nicht anstelle des Englischen als Weltsprache eine noch effektivere Sprache entwickeln, mit der man auch mit Maschinen effektiv kommunizieren kann?

 

Je mehr ich mich mit dem menschlichen Geist befasse, desto überzeugter bin ich davon, dass er auf einem komplexen Algorithmus basiert – womit er kaum wunderlicher oder magischer in seiner Leistung ist als ein Elektronenrechner; selbst wenn wir Menschen uns oftmals selbst zu umschmeicheln versuchen und in unserem Gehirn etwas Magisches zu erkennen glauben. Die menschliche Sprech- und Schriftsprache bedient sich Modulen, die dieser Algorithmus ermöglicht. Sie nutzt ihn, aber sie füllt ihn nicht aus – so, wie die Augen an das Gehirn angeschlossen sind und dem Gehirn zusätzliche Informationen einspeisen, auf die ein Blinder verzichten muss, ohne jedoch deshalb auf seinen Geist verzichten zu müssen.

Was zu folgender These führt:

Der Geist kann auch ohne Sprache artifizielle intellektuelle Prozesse bewältigen. (Was sich bei instinktiven, spontanen Verhalten in Reflexsituationen zeigt.)

Das heißt: Die menschliche Sprache ist eine Programmiersprache des menschlichen Geists, eine Oberfläche, die als Organisationsebene über den eigentlichen Hardwarestrukturen eingerichtet worden ist, sie fungiert als Metasprache. (Verglichen mit dem Computer könnte man diese Oberfläche des Sprachstream-of-conciousness am trefflichsten dem Screen gleichsetzen.)

In den unteren Ebenen werden andere Codes und Speichereinheiten verwendet, womöglich identische algorithmische Schwingkreise, die sich ihrer Funktion nach mit den Byte-Strukturen im Elektronenrechner gleichsetzen lassen (also z. B. auf einem Binärcode basieren). Dieses Schema wäre wenig überraschend, weil auch Programmiersprachen, mittels derer man Elektrorechnern Anweisungen erteilt, in der Regel anschließend in Compilersprache übertragen werden, weshalb man bezüglich Computern nicht nur von einer elektronischen Sprachebene sprechen kann, sondern mehrere Metaebenen verwendet (und womöglich zwingend verwenden muss).

 

Anno 2.008 wird viel geschrieben über Forscher, die neuronale Netze in Elektronenrechnern simulieren. Es ist heute schon möglich, den Rechnern in der Grundschule des logischen Denkens die wichtigsten Basics zu lehren, die Brainarchitekten haben unlängst in den Kunstgehirnen nicht nur ein Wahrnehmungs- und Denkvermögen aufgebaut, sondern sie auch schon antizipieren lassen, was andere Protagonisten in einem bestimmten Setting (z. B. einer virtuellen Realität wie Second Life) wissen können und was nicht. Will heißen, die Rechnerintelligenz vermag es, bestimmten Protagonisten, die sich in einem Raum (und damit innerhalb eines Wahrnehmungshorizonts) befinden oder nicht befinden, bestimmte Wissensstände betreffs des jüngst Geschehenen zuzuordnen. Inwieweit nun der Rechner dies tatsächlich weiß, oder empfindet, oder nur einer sehr komplexen Programmierung folgt, ist nachrangig: Selbst wenn er es simuliert, simuliert er es trefflich=erfolgreich.

 

(Und wer will schon mit definitiver Sicherheit sagen, dass wir Menschen jemals etwas wirklich wissen – und nicht nur in unserem Gehirn simulieren; bzw. dass wir und unsere Gedanken nicht letztendlich „nur“ simuliert werden?)

 

 

Eine weitere Frage erscheint mir in diesem Kontext sehr reizvoll: Werden Künstliche Rechnergehirne jemals menschliche Sprache nutzen können, um sich mit uns zu unterhalten? An dieser Stelle sehe ich mich mit der Frage konfrontiert, wie der Spracherwerb beim Menschen vonstatten geht. Wer ein kleines Kind in dessen Sprachprägephase beobachtet, muss fasziniert sein von der geradezu schwammhaft neue Worte aufsaugenden Neugier dessen kleinen Gehirns. Das Kind lernt die Worte im Kontext zu bestimmten Situationen – und stellt eine Verbindung her. Wenn man Mama sagt und auf die Mama deutet und dies ständig wiederholt, wird das Kind in der Erinnerungsstruktur mit dem Wort die eigene Mutter in Verbindung bringen. Es heißt, ein Kind muss ein Wort 500 Mal gehört haben, um es sinnvoll verwenden zu können.

Man könnte diesen Vorgang nun verbildlichen und erklären: Da werden Wörter in seinen Kopf hineingeworfen, sowie Kontexte angelegt, in denen die Worte benutzt werden. Wenn ausreichend Bezüge vorhanden sind, versteht das Kind die Worte. Das Wort Mama wird offenbar besonders gerne dann benutzt, wenn Mama in Sichtweite ist, also muss hier ein Zusammenhang bestehen. Und wenn man es selbst ausspricht, reagiert Mama, also entsteht neuerlich ein Zusammenhang. Das Wort wird folglich mit einem Erfahrungshorizont gleichgesetzt, wird an Erinnerungen gekoppelt.

Wittgenstein erklärt: Worte bedeuten das, was man mit ihnen bezeichnet, ihr Gebrauch definiert sie, gewissermaßen werden sie in jeder Sekunde neu festegelegt, so wie die Wikipedia sich in jedem Augenblick aktualisiert; kein Lexikon darf statisch sein, denn Sprache ist im permanenten Wandel, und ebenso verhält es sich mit der Grammatik.

Wenn das Kind einmal das Schema Wort Bedeutung erkannt hat, kann es auf Gegenstände deuten und nach den Worten fragen, die wir dafür verwenden. Jetzt kann es sich Vokabeln auch ohne komplizierte Rahmengeschichte einprägen.

Wobei mitunter auch höchst bemerkenswerte Fehleinprägungen zustandekommen. Ein eigentlich banales Erlebnis in der 12. Klasse im Deutschunterricht ist mir unvergesslich geblieben: Der Lehrer fragte uns nach der Bedeutung des Wortes subtil. Gymnasium in Bayern, in der Oberstufe! Doch niemand in der Klasse wusste die Antwort … eigentlich beschämend, oder? Ich bin mir zwar sicher, dass jeder von uns Schülern das Wort in seinem Leben bestimmt schon ein Dutzendmal gehört oder gelesen hatte, doch keiner wagte es, auch nur eine Vermutung zu äußern.

Ich hatte zumindest eine Ahnung. Der Lehrer merkte das und rief mich auf, obwohl ich mich nicht gemeldet hatte. Ich gab ihm als Antwort: einfach!?! Er musste lachen, so wie hoffentlich jetzt auch Sie lachen.

Ja, es war schon seltsam, aber wie hatte ich genau den Antagonisten erwischen können? Da fühlte ich mich auf einmal doppelt dumm, denn ich hatte nicht nur etwas Falsches gesagt, sondern das diametral Falscheste, was man überhaupt sagen konnte. Eigentlich hätte ich es verdient gehabt, dass sich die ganze Klasse über meine Antwort in Lachen ausgoss und mich verspottete, was mir allerdings erspart blieb …

Als ich später konkreter über diese zerebrale Fehlzündung sinnierte, erkannte ich, dass ich trotz alledem ein Eck weiter gewesen bin als diejenigen, die beim Aufrufen hätten gänzlich willkürlich raten müssen: Ich hatte das Wort zumindest schon im richtigen Aktenschrank einsortiert, auch wenn das Schubfach noch das falsche war.

 

Der menschliche Geist prägt sich Worte in der Regel vollautomatisch ein, quasi im Vorbeigehen, man erlebt immer wieder, dass man irgendwo eine Phrase aufschnappt und nicht mehr loswird – darin verhält sich der erwachsene Geist nach wie vor kleinkindlich. Ist das Gehirn wirklich ein Schwamm? Was, wenn Worte ihre Bedeutung im Laufe der Zeit verändern? Auch hier kommt es schlussendlich zu Überlagerungen: Die neue Bedeutung überdeckt allmählich die alte, welche in Vergessenheit gerät; aber im Zweifelsfall wieder aktiviert werden kann.

Spannend, dass das Abspeichern der Worte nicht nur in einzelnen Regionen des Gehirns stattfindet, ich gehe jede Wette ein, dass ein wichtiges Wort wie Sonne nicht nur in einer ganz bestimmten lokalen Region des Gehirns lokalisiert ist, sondern an vielen verschiedenen Orten des Gehirns: Man kann also nicht (meine These!) einfach das Wort Sonne aus ihrem Kopf herausoperieren.

Beim Speichern von Worten, Wortwendungen und Teilsätzen wird gleichzeitig noch viel mehr mit abgespeichert. Ein Beispiel aus meinem Leben: Ich höre beim Sport meistens spanische oder italienische Sprachlektionen. Sobald ich nun einmal Sport treibe, ohne Sprachlektionen zu hören, beginne ich automatisch, spanische oder italienische Wendungen im Kopf zu wägen. Wie es scheint, haben sich hier motorisch basierte Neuronennetze mit sprachlich basierten Neuronennetzen verkoppelt.

Oder ein zweites schönes Beispiel für die Erinnerungsfunktion meines Gehirns: Als ich eine Datenverarbeitungsroutine bei der Beforschung von Zufallsfolgen durchführte, sah ich mir gleichzeitig einen (recht mäßigen) Spielfilm an, bei dem Jeremy Irons die Rolle des Franz Kafka spielt. Als ich dann einer Woche später die gleiche simple Routine der Datenverarbeitung neuerlich aufnehme (ein einfacher Algorithmus, der binnen weniger Sekunden die gleiche Mustererkennung verlangt und hundertemal stupide wiederholt werden muss), muss ich beim Dateneingeben wie zwanghaft an diesen miesen Film denken, den ich mir beim letzten Datenanalysieren angesehen habe. Eine ganze Stunde begleitet mich diese Erinnerung, ist offenbar fest mit dem mathematischen Algorithmus verwachsen. In meinem Gehirn haben sich folglich die Erinnerung an den Film und die Methode des Analysierens verschmolzen – wie zwei Netze, die sich ineinander verschlungen haben.

Umgekehrt würde ich auch an die Zahlenanalyse denken müssen, wenn ich den Fehler beginge, den öden Film noch einmal anzusehen. Vergeht hingegen eine längere Zeit als im ersteren Fall, ist der eigentlich Kontext gewiss vergessen und kann nicht rekonstruiert werden (weil das Gehirn wie erwähnt große Probleme mit derlei Zeitsynchronizitäten hat), und ich mag dann staunen über diese plötzliche, fast zwanghaft sich aufdrängende Assoziation, ja womöglich bekomme ich sogar große Lust, wieder mit diesen Algorithmen zu arbeiten.

Das heißt: Das Gehirn arbeitet assoziativ, es speichert in seinen Netzen viele Informationen, und Wortzusammenhänge werden selbst mit Bewegungsabläufen kombiniert.

 

Jüngste Forschungen belegen dies: Bei Vögeln habe sich der Teil des Gehirns, der die Singsprache steuert, aus einem Teil des Gehirns weiterentwickelt, der die Bewegung steuert – vermutlich war es der Ort, wo die Bewegung des Stimmapparats gesteuert wurde.

 

 

Aber ich bin ein wenig abgeschweift und möchte wieder auf die dem Essai übergeordnete Grundfrage zurückkommen: Sind wir determiniert oder frei? Wenn wir determiniert sind, reagieren wir auf sprachliche Reize vollautomatisch.

Wenn ich jetzt schreibe (oder aus dem Hintergrund rufe):

 

WALDMENSCH!,

 

dann können Sie nicht anders, Sie müssen an einen Waldmenschen denken, ja vielleicht sehen Sie ihn sogar vor ihrem inneren Auge. Eine Hütte in einem Wald, einen Mann mit bauchnabellangem Bart …

Es ist wie mit dem beliebten Paradoxon:

 

Bitte denken Sie nicht an ein rosa Kaninchen!

 

Der Geist kann nicht anders, ruft jemand laut Waldmensch oder rosa Kaninchen, schon stellen Sie sich dieses in ihrem Geist vor, haben eine Empfindung dazu, vielleicht sogar eine olfaktorische und visuelle Empfindung.

Unser Geist funktioniert, das ist meine These, behaviouristisch, er ist kondizionierbar bzw. wird ständig weiterkonditioniert. Willentlich oder unwillentlich, manchmal auch über kuriose Wege wie etwa die Hypnose.

Weshalb wir das, was die Gruppe glaubt, gerne selbst für glaubhaft halten. Nicht immer nur aus Bequemlichkeit, oft kapitulieren wir vor der Gruppenmeinung wider unser (instinktiv) besseres Wissen. Wir hatten zu oft gehört, dass grüner Salat besonders gesund und vitaminreich ist, dass wir es uns selbst wie ein Mantra einredeten, wenn wir auf den papierartigen, gaumenunfreundlich bitteren Blättern herumkauten und sie herunterwürgten mit dem Trost, dass dieser Qualfraß zumindest gesund sei, dass dem Gott der Gesundheit hin und wieder ein Opfer gebracht werden müsse. Heute polemisieren Ernährungswissenschaftler, man könne genausogut Papier verzehren, nachdem man es mit Öl ein wenig gleitfähiger gemacht habe. Wer weiß, was man morgen über den Salat sagen wird: Vielleicht ist er dann bereits giftig – und übermorgen wieder ein Lebenselixier?!

Worauf ich hinauswill: Unser Geist passt sich allzu gerne der Gruppenmeinung an. Auch der Geist folgt dem Herdentrieb, will nicht zu weit vom offiziellen Geist der Herde abweichen, weil man den Outsidern zumeist misstraut und mitunter gar mit Hass begegnet: Der Alleindenker wird zum Außenseiter und womöglich in Krisenzeiten zum Hassobjekt – weil man ihn nicht mehr versteht und in hysterischen Zeiten alles Fremdartige noch ein wenig bedrohlicher wirkt als sonst.

Zudem ist es weniger anstrengend, sich von den Wiederholungen programmieren zu lassen, als ständig intellektuellen Widerstand zu leisten: Das bleibt nur wenigen starken (oder penetranten) Denkern vorbehalten.

 

Worauf ich hinauswill: Selbst wenn wir selbständig denken könnten und nicht nur reflexhaft reagieren, fehlt uns häufig die Zeit zur Reflexion. Selbst wenn wir tatsächlich Gedankenfreiheit besäßen: In der Praxis würden wir sie nur selten nutzen. Weit häufiger lassen wir uns von der Meinung der Gruppe anstecken, die ihrerseits ihre Meinung von den anderen bezieht oder von geschätzten Autoritäten, die auch nicht immer nur Wahrheiten von sich geben (selbst Albert Einstein oder Mahatma Gandhi haben sich mitunter kapital geirrt).

 

Das größte Problem unseres komplexen Gehirns ist das Management einer noch viel komplexeren Lebenswelt. Jedes Gehirn, wenn man es isoliert betrachtet, ist für sich komplex und somit bereits eine immense Herausforderung für uns selbst, wenn wir Nabelschau halten – und alle diese Menschengehirne zusammen schaffen eine intellektuell hochkomplexe Welt, die verwirrend sein muss; im Zeitalter von Internet, Google und Wikipedia wird uns diese gewaltige Komplexität erst in ihrer vollen Schönheit offenbar.

Wir versuchen zwar beständig, die Wirklichkeit so korrekt wie möglich abzubilden, müssen sie aber permanent reduzieren, herunterbrechen, wie heute die Akademiker so gerne sagen. Oft bleiben nur Slogans, Sprüche, Volksweisheiten über. Nehmen Sie ein konkretes Beispiel: Ein Gespräch mit einem Freund bei einer Grillparty. Nicht nur, dass Ihnen das Gespräch selbst Konzentration abverlangt, hinzu kommt noch die Umgebungswirklichkeit, ein Geschehen in der Natur (vielleicht ein aufziehender Sturm?), sowie die Aktivitäten der Menschen, die sich für gewöhnlich bei solch einem Treffen unkalkulierbar durcheinanderbewegen. Diese äußeren Eindrücke betreffen eine andere Weltebene als jene, die sie sprachlich im Dialog mit ihrem Freund geschaffen haben, hier handelt es sich um eine virtuelle Sprachwelt. Hinzu kommen noch die Gespräche der anderen Leute, die von Ihnen unbewusst mitgehört werden, Sie dürfen nichts verpassen, es könnte wichtig sein, was man dort raunt, könnte auch Sie betreffen. Und dann gibt es natürlich auch noch diejenigen Leute, die man im Blick behält, weil man vielleicht gleich zu ihnen gehen möchte um mit ihnen zu sprechen etc.., oder, im Gegenteil, weil man sich vor ihnen fürchtet.

Das Gehirn versucht, alldem Aufmerksamkeit zu schenken, bemüht sich, gleichzeitig mehrere sich überlagende Welten zu taxieren – und zu kontrollieren. Es bildet dabei in sich parallel prozessierend viele verschiedenen Welten bzw. Wirklichkeitsebenen ab.

Die Sprache ist bei diesem Kontrollvorgang ein Teil, oft gewiss auch ein dominanter – aber letztendlich bei unserem Erleben der Wirklichkeit immer nur ein Teil, ein Segment, eine Facette.

Und manchmal bewirkt die Sprache sogar Verwirrungen, die ohne sie weniger deutlich zutage treten würden. Wie oft erleben wir es, dass wir jemanden etwas zu erklären versuchen und auch beim dritten Anlauf noch immer nicht die passenden Worte gefunden haben. Weil der andere es partout nicht verstehen will? Weil er nicht konzentriert ist? Weil die Worte prinzipiell unscharf sind?

Wittgenstein sah die Sprache grundsätzlich als fehlerbehaftet an, es war ihm ein Anliegen, den in der Sprachverwirrung gefangenen Menschen wieder zu befreien:

 

Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.

 

Und wusste doch um die Schwierigkeit dieses Unterfangens. Auch Robert Musil hat dieses Problem immer wieder thematisiert. Er brachte es in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften auf folgende Formel:

 

Die Welt des Schreibens und Schreibenmüssens ist voll von großen Worten und Begriffen, die ihre Gegenstände verloren haben.

 

Musils Sprache hatte sich also abgelöst, vom eigentlichen Inhalt transzendiert.

Und Musil ging noch weiter, er wies dem Geist etwas Lebensfeindliches zu:

 

Die wahre Wahrheit zwischen zwei Menschen kann nicht ausgesprochen werden. Sobald wir sprechen, schließen sich Türen; das Wort dient mehr den unwirklichen Mitteilungen, man spricht in den Stunden, wo man nicht lebt.

 

Und dieser Aspekt des Nichtlebens beim Sprechen ist faszinierend, weil Musil hier luzide beobachtet hat. Sein Gedanke passt bestens zu der Grillparty: Tatsächlich erleben wir es, dass wir während eines guten Gesprächs nur sehr wenig Konzentration haben für die Außenwelt, ja selbst der eigene Körper wird nur noch sehr niederschwellig wahrgenommen.

Im Gegensatz dazu spüren wir etwa in Momenten des Tanzes, wenn wir auf die Worte verzichten, eine Lebendigkeit, die gerade durch das Schweigen hervorgerufen wird. Beim Tanz bedienen wir uns anderer kommunikativer Ausdrucksweisen. Auch Tanz ist (Körper-)Sprache, und ich vermute, dass die Körpersprache bei Tieren die intensivste Form des Austauschs darstellt.

Oder die Sexualität: Reden verändert sie markant. Wer hat sich nicht gewundert, wenn er die Texte von Marquis de Sade las, wo die Protagonisten sich während des Gruppensex-Beischlafs oft angeregt über die eigenartigsten (und wahrlich nicht immer sexuell abartigen) Themen unterhielten?

Äußerst amüsant war unlängst eine Passage in einem Pornoclip: Da wurden die beiden Akteure während des Geschlechtsverkehrs gezeigt, sie waren schweigsam oder grunzten wie üblich, doch plötzlich kamen sie ins Gespräch und stellten sich schließlich mit Namen vor, als seien sie auf einer Cocktailparty – und gaben sich dann auch noch die Hand.

Warum ist das so komisch? Wenn wir denken und auch wenn wir reden, dämpfen wir die Welt um uns, dimmen sie auf Rudimente herunter. Unsere Konzentration ist beschränkt, wir müssen wählen, worauf wir den Fokus lenken.

Was also ist Wirklichkeit? Was, wenn unser Geist in der Lage ist, die Außenwelt durch Konzentration zu dämpfen – nehmen wir dann noch die Wirklichkeit wahr? Oder sind wir dann näher an der inneren Wirklichkeit, dafür aber ferner der äußeren Wirklichkeit?

Also: Sind wir verdammt zu einem Fokus auf Segmente?

 

 

Diesen schönen Fragen werde ich an dieser Stelle nicht in deren feineren Verästelungen folgen, um nicht minder formschöne Antworten zu finden – denn ich habe dieses inzwischen sehr umfangreiche Aggregat mit dem Versprechen begonnen, ausgiebig Zeichentheorie zu betreiben und den sogenannt heiligen Code ergründen zu wollen, und noch immer habe ich lediglich an der Oberfläche des Themas gekratzt.

Es wird Zeit, zur Zeichentheorie zurückzukehren, und erneut wird mir hierbei Robert Musil den Weg weisen:

 

Der wirkliche Zustand des Menschen ist der, wo alles Zeichen ist!

 

So steht es im Mann ohne Eigenschaften zu lesen. Aber vorausgesetzt, diese eigentümliche These wäre richtig, was wäre daraus zu folgern? Wenn alles Zeichen ist, ist dann nicht auch nichts ein Zeichen und alles immer nur es-selbst? Wie redundant ist diese Äußerung?

Psychotikern und Paranoikern neigen dazu, alles Sicht- und Erfahrbare ins Absurde zu überinterpretieren und auch dort Zeichen zu erahnen, wo in Wahrheit gar keine sind: Sie halluzinieren noch ins weiße Blatt Papier ein weißes Kaninchen, das im Schnee kauert.

Gewiss, es könnte dort tatsächlich eines sitzen, aber wie will man das beweisen? Das eigentlich Verrückte ist nicht die Erkenntnis solch einer Kaninchen-Möglichkeit, sondern das Beharren auf der absoluten Gültigkeit dieser unbeweisbaren Möglichkeit.

Oder wissen diese vermeintlich Verrückten sogar mehr als die anderen, haben Sie Gaben, auf die die dummen Normalmenschen verzichten müssen? Versucht man, das Phänomen von außen zu betrachten, könnte man schlussfolgern, dass die sogenannt Paranoiden Strukturen erkennen, die ihre sogenannt Normalen Zeitgenossen nicht erkennen, und vielleicht tun sie das nicht aus Irrsinn, sondern aus einer verborgenen Begabung heraus, kurzum, weil sie in Wahrheit Genies sind?

Sind die anderen nur ein wenig blinder?

Was macht ein Musil-Mensch, der alles als Zeichen erkennt, und sein Gefährte erkennt nur das Profane? Wie wollen die beiden übereinkommen, müssen Sie nicht ständig verschiedener Meinung sein?

Bei Musil gipfelte dieses Anderssein oder Individuellsein in einer fast manischen literarischen Beschäftigung mit der romantischen Vereinigung zweier Geister, er schrieb jahrelang an einer Kapitelgruppe seines Mann ohne Eigenschaften, die fortwährend um ein Thema zirkulierte: Ob und wie es möglich sei, dass zwei Menschen (zwei Liebende, zwei Geschwister …) exakt dasselbe wahrnehmen und in der Wahrnehmung auch empfinden – da schon, selbst wenn sie Seite an Seite stünden und über identische Gehirne verfügten, durch die geringfügig verschobene Perspektive eine Abweichung erzeugt würde, die eine Individualität zur Folge hätte, ein Individuiertsein – jener winzige Unterschied würde bereits den romantischen Traum von der Einheit und Übereinstimmung irreversibel zerstören.

 

An dieser Stelle noch eine abschweifende Notiz zu dem Psychotiker mit dem weißen Blatt, auf dem er ein weißes Kaninchen im Schnee erkennt: Es ist nicht möglich, ihn zu widerlegen, auch wenn der sogenannt Normale behauptet, es sei nichts darauf zu erkennen – auch die Provokation mit dem Hinweis, es sei in Wahrheit ein weißer Elefant vor einer weißen Hausmauer, wird keinen Erfolg haben, denn der Psychotiker wird auf seiner Überzeugung beharren, er nimmt es so wahr, warum sollte er an sich zweifeln?

(Weshalb auch der Religiöse psychotische Züge aufweist.)

Ein kluger Psychotiker allerdings wird erkennen und berücksichtigen, dass seine Mitmenschen abweichende Wahrnehmungen haben, woraufhin er nicht länger darauf beharren wird, Recht zu haben, wenn die anderen eine seiner Wahrnehmungen nicht teilen möchten. Er wird in solch einem Fall einlenken, obwohl er nach wie vor anderer Meinung ist. Und dieser Augenblick ist ein besonderer Moment: Nun nämlich beginnt der Psychotiker mit der bewussten Verstellung, der Lüge – und wird raffiniert; und eben diese Intelligenz- und Abstraktionsleistung macht ihn zum klugen Psychotiker, während der einfältige Psychotiker gleichsam notorisch immer nur das vorbringen kann, was er wahrzunehmen gezwungen ist; der einfältige Psychotiker ist authentisch in seinem Beharren auf seiner irrtümlichen Wahrnehmung, er ist ganz und gar nicht der Lügner, für den man ihn hält, offenbar ist er viel aufrichtiger als seine als gesund geltenden Zeitgenossen, gibt er doch seine innere Überzeugung ungefiltert weiter. Der kluge Psychotiker hingegen kann die Welt doppelt sehen: Er kann sie sich so modellieren, wie die meisten Menschen sie sehen, und sieht sie zugleich auch so, wie er sie selbst sieht.

Was eine gewisse Abgeklärtheit verlangt. Nur, wenn er zu dieser permanenten Abstraktionsleistung fähig ist und ständig switchen kann, ohne von den Doppelbildern verwirrt zu werden – nur, wenn er nicht glaubt, seine Wahrnehmung als eigentlich richtige Wahrnehmung beweisen zu müssen, was bedeutet, Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, Missionar zu werden oder gar Märtyrer für eine höhere Wahrheit – nur dann kann er diese Position auf Dauer durchhalten und unauffällig in den Augen seiner Mitmenschen leben, eine Alternative, deren positiven Aspekte er mit einem Leben in der inneren Emigration bezahlen muss.

Wenn ihm jedoch nicht gelingt, diese Konflikte zu managen, wird er geradezu gejagt werden von den immerneuen Zeichen, die er beständig in den Dingen sieht, jenen hysterischen Fehlwahrnehmungen, denen er automatisch Bedeutungen zuweisen will, die ihn zu Taten zwingen, welche seinen absonderlichen Geist verraten.

 

Wollen Sie einmal versuchsweise in einen Geist eintauchen, in dem übermäßig viele Zeichen und viele Bedeutungen wuchern? Dann lesen Sie Finnegans Wake! Lesen Sie Paradiso! Lesen Sie Die Enden der Parabel! Lesen Sie den dritten und vierten Teil von Also sprach Zarathustra! Und lesen Sie The Naked Lunch! Ich verspreche Ihnen, Sie werden um ihre logische Ordnung kämpfen müssen, sofern Sie ernstlich versuchen, den Text zu verstehen. Sie werden um das Textverständnis kämpfen und auch um ihren eigenen Verstand!

(Insbesondere Nietzsches Zarathustra ist ein wunderbares Dokument, das aufzeigt, wie sich in einen raffiniert-brillanten Text allmählich der Wahnsinn einschleicht. Je weiter man das Manuskript liest, je sonderlicher und zeichenüberladener wird das Buch.)

Wenn es also den wirklichen Zustand des Menschen gibt (um Musils Wunsch neuerlich zu zitieren) und diese Schriftsteller uns jenen wirklichen Zustand in ihren Büchern aufzeigen, dann handelt es sich um einen überaus anstrengenden Zustand.

Der zudem ein hybrider Zustand ist.

In einer mit Zeichen überfüllten Welt bekommen Sie schnell das Gefühl von Fremdheit und Dummheit: Sie sind überfordert, fühlen sich verloren, ihre Befremdung ist grenzenlos. Denn wenn wirklich alles Zeichen oder Code sein kann, kann auch ein simples Quadrat ein Geheimcode sein, den jemand an eine Ubahnwand gekritzelt hat, um mit Gesinnungsgenossen zu kommunizieren. Thomas Pynchon hat solch eine Zeichenparanoia überzeugend in Literatur gegossen: In Die Versteigerung von Nr. 49 hat er sehr intensiv mit Zeichentheorien gearbeitet. Während der Lektüre dieses Buchs werden Sie durch den Geist eines Psychotikers irren, oder aber durch eine Welt, die ihrerseits als psychotische Struktur funktioniert.

Pynchon legt in seinen Romanen die Schrulle eines menschlichen Geists offen, der in allen Strukturen ein Schema ausmachen möchte. Und dieser Grundansatz ist völlig richtig: Die Sucht nach Mustern führt dazu, dass man in Gesteinsformationen auf dem Mars Gesichter oder Körper entdecken will oder in da Vincis Gemälden und Johann Sebastian Bachs Kompositionen nach geheimbündlerischen oder hyperreligiösen Verweisen fahndet, teilweise unter Zuhilfenahme der Geomantik, die einen Code vorgibt (Kabbala), der eigentlich immer irgendwelche Resultate bringen muss.

Was lässt sich daraus folgern? Dass die ohnehin komplexe Welt durch ihre Überinterpretierung immer noch ein Stück komplexer wird!

Die meisten der Auffälligkeiten sind Zufälle, Koinzidenzen, die in irgendeiner Form auftreten müssen: Eine Welt ohne derlei Koinzidenzen wäre unwahrscheinlich und sogar absurd. Um das konkrete Beispiel neuerlich aufzunehmen: Die Marsoberfläche ist so groß, dass es unwahrscheinlich wäre, wenn dort nicht irgendwo eine Felsformation auftauchte, die dem Gesicht eines Menschen ähnelt.

 

Ich gebe zu, manchmal fühle auch ich mich von der notorisch-automatischen Zeichensucherei meines Gehirns belästigt, und ich kann mich oft nur mit Polemik gegen ihre befremdlichen Angriffe auf meine Ratio zur Wehr setzen. Ich habe zu ihrem und meinem Amüsement ein paar besonders schräge Codes zusammengetragen:

Warum staune ich, wenn das Geräusch der aus meiner Thermoskanne entweichenden Luft verblüffend ähnlich klingt wie das Geräusch meines CD-Lesegeräts, dass die CD immer wieder abzuspielen versucht und doch immer wieder abbricht und von Neuem beginnt?

So sehr ich mich gegen einen Zusammenhang wehre, der verblüffend ähnliche Klang zwingt mich in eben dem Moment des Hörens, in dem ich die Ähnlichkeit feststelle, zu einem Gedanken bzw. zu einer Frage, einer Hinterfragung: Ist es möglich, dass zwischen diesen beiden Geräten ein Zusammenhang besteht, den ich noch nicht erfasst habe?

Es würde genügen, wenn mein Gehirn feststellte: Oh, die Thermoskanne klingt wie der CD-Spieler, das ist lustig. Aber damit bescheidet sich mein Gehirn nicht. Es geht einen Schritt weiter und fragt als nächstes, ob es möglich sein könnte, dass hier ein Zusammenhang besteht, den es zu ergründen womöglich lohnen könnte.

Worin man eine latente Neigung zur Zeichenüberinterpretation erkennen könnte – allerdings ist für jegliche wissenschaftliche und kreative Arbeit unabdingbar, dass derartige Überinterpretationen durchgespielt werden. Und wenn in der Regel auch 99 von ihnen ins Leere führen, mag doch eine dabei sein, die tatsächlich als sinnvolle Entdeckung eingestuft werden kann, und auf diese wird man nur stoßen, wenn man derlei Überinterpretationen zulässt, also: ein schöpferisches Denken pflegt.

Das heißt: Nicht die Überinterpretation der Zeichen ist das Problem, sondern die eventuell fehlende Fähigkeit, die Fehlerhaftigkeit oder Absurdität oder Unbrauchbarkeit einer Überinterpretation schnell zu erfassen, das Sinnvolle vom Unbrauchbaren zu scheiden.

 

Ein anderes illustres Beispiel, erneut mit der in meinem Leben offenbar eine Hauptrolle spielenden Thermoskanne: Sofern man ihren Verschluss eine Weile nicht öffnet und den stetig anwachsenden Druck ausgleicht, bekommt man ein Geräusch zu hören, das sich ganz eindeutig einem heftigen menschlichen Furz zuordnen lässt. Furzt die Thermoskanne?

Der Wahnsinnige (oder der sehr Einsame) mag darin vielleicht sogar einen Appell erkennen, nun selbst zu furzen oder aber eine Provokation ausmachen, eine Attacke auf sein kultürliches Empfinden, was vermuten lässt, dass er beginnt, die Thermoskanne zu personifizieren, vom simplen und an sich berechenbaren Objekt zu einem kommunikativen Gegenüber zu verklären.

Ja, ich polemisiere noch einmal: Was will uns die Thermoskanne damit sagen? Es mag in der Tat viele Zeichen und Verweise geben, die mühselig gefiltert werden müssten, wollte man auf weitere relevante Zusammenhänge stoßen.

Und hier möchte ich Musil klar und deutlich widersprechen: Für ein geistbegabtes Wesen ist die Welt immer eine Welt voller Zeichen. Das an die Wand gekritzelte Quadrat im Ubahnschacht kann Symbol sein für nahezu alles (obwohl es in Wirklichkeit womöglich gar nichts bedeutet, einer spontanen Laune eines Passanten zu verdanken ist).

Mit ein bisschen Geschick wird aus dem Quadrat sogar ein Kreis: Zum Beispiel durch die beliebte Wortwendung Die Quadratur des Kreises.

Was sagen Sie nun? Warum soll dieses Quadrat nicht ein perfides Symbol für diesen quadrierten Kreis sein? Klar, das klingt ziemlich schräg – aber ich will nur aufzeigen, dass sich mit dieser schrulligen Methode des wilden Assoziierens schier unendliche Räume und fantastische Zusammenhänge eröffnen. Besonders assoziationsfreudige Menschen können unter Umständen in einer Welt leben, in der auch das Unwesentlichste ein wichtiges Zeichen oder Symbol für eine höhere Ordnung ist.

Und unser Gehirn neigt diesem Verfahren zu: Es arbeitet sehr häufig assoziativ, worin es sich von der Methode der klar sequenzierten Abläufe, die man Computern einprogrammiert, markant unterscheidet.

Noch
unterscheidet, sollte man herausstreichen. Denn längst wird versucht, Computer die Kunst des Assoziierens zu lehren. Inzwischen lässt man auch die Rechner oft nach Wahrscheinlichkeitsprinzip vorgehen, sie erstellen Prognosen und verhalten sich dann demgemäß – was mitunter auch bei Börsenspekulationsprogrammen zum Einsatz kommt.

Ich sollte das noch einmal präzisieren: Die Wahrscheinlichkeit wird dadurch realisiert, dass das Programm ein bestimmtes Muster deutet, indem es beispielsweise das obige Quadrat mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in einem Kontext einem Haus zuordnet, in einem anderen Kontext hingegen ist es lediglich ein Quadrat … je mehr Kontexte einbezogen werden, desto unpräziser werden die Ergebnisse, und der Rechner wird selbst von außen besehen in seinem Verhalten undurchschaubar (wie die Schachcomputer).

Sobald diese Programme eine Komplexität erreichen, die ein Nachvollziehen von außen unmöglich macht, beginnt sowohl die Zeit der Mystifizierung als auch die der Missverständnisse. Ein Programm, das weniger erfolgreich läuft wie ein anderes, wird dann schnell als schlechtes Programm bezeichnet werden, ein erfolgreiches wird Applaus erhalten und auch eine gewisse Huldigung erfahren.

(So, wie der Rechner, der den Schachweltmeister besiegte, Huldigung erfuhr.)

Wiewohl es immer auch eine Frage des Milieus ist, in dem sich ein Programm bewegt. So programmierte man in der Frühphase der Informatik zum Spaß Virenprogramme, die in einem Contest gegeneinander antraten mit dem Ziel, Speicherplatz zu besetzen. Welches war der erfolgreichste Virus?

Doch keiner dieser Contests konnte je objektiv sein – denn entscheidend war immer auch das Gesamtmilieu, das sich als Übersumme aller verfügbaren Programme konstituierte. Wie bei sportiven Wettkämpfen hätte bei einer anderen Milieuzusammensetzung (aufgrund anderer Teilnehmer) ein anderes Programm erfolgreicher abgeschnitten. Weshalb jedwede Ergebnisse niemals objektive Urteile erlauben, sondern nur die Urteile über die Bewährung eines Programms in einem bestimmten, womöglich einmaligen und damit rein situativen Milieu. Ein Computerschachprogramm, das gegen alle Konkurrenz-Programme gewinnt, ist nicht nur das Sieger-Programm, es ist auch ein Sieger im Milieucontest (wobei natürlich auch das Verfahren zur Ermittlung des Siegers von Belang ist, also: Spielen alle Programme einmal gegeneinander oder gibt es eine dem Tennis entlehnte Duell-Turnier-Struktur? Denn beim Duell-Wettkampf würde unter einer anderen Tableauanordnung am Anfang ein anderer Spieler das Turnier gewinnen können …).

Kurzum, es ist verführerisch, von einem besten Programm zu sprechen, aber letztendlich ist das Resultat auch immer milieuabhängig und muss folglich am Milieu sowie an dem Modus, in dem der Contest durchgeführt wird, gemessen werden.

 

Um ein erfolgversprechendes Programm zu schreiben, das sich beispielsweise an der Börse bewährt, indem es eigenständig Aktien kauft oder verkauft je nach Marktlage, ist eine Kombination eines algorithmischen Verfahrens mit Deutungen oder mit Abgleichen der Gegenwart, des augenblicklichen Milieus, vonnöten. Das Programm darf nicht nur aus eindimensionalem „Wenn-sich-A-ereignet,-tue-B“ bestehen (gemäß der IF/ELSE-Abfrage beim Programmieren), es muss diese IF-ELSEs in komplexer Weise und auf mehreren Ebenen zueinander dirigieren. Es gibt ein Werteinput, die Eingaben werden analysiert, es werden Schlussfolgerungen gezogen, die Handlungen auslösen. Im besten Fall vermag solch ein Programm sich selbst zu modifizieren. Man muss ihm dann, damit es den etwaigen Erfolg seiner Modifikation (seines Experiments) einschätzen kann, einen Speicher einbauen (ein Gedächtnis), aus dem es immer wieder die Ergebnisse abrufen und auf ihren Erfolg hin vergleichen kann.

Solch ein sich eigenständig modifizierendes Programm erinnert an intellektuelle Prozesse beim Menschen. Es basiert allerdings nach wie vor auf einer komplexen Verschränkung von IF-ELSEs. Weshalb zwei verschiedene Rechner das exakt gleiche Ergebnis ermitteln sollten, möchte man meinen – einzig die dafür verwendete Zeit könnte variieren.

Aber diese Übereinstimmung wäre nicht der Fall, wenn das Programm auf von außen eingehende Daten reagieren muss. Ein schnellerer Rechner kann mehr Analyse betreiben und bessere Ergebnisse ermitteln! Das heißt jetzt: Verschiedene Rechner führen in solch einem Versuch das gleiche Programm aus, aber das Resultat ist dennoch ein anderes; ähnlich, wie Sie, wenn Sie an einem Retro-Rechner und Steinzeit-Modem ein Onlinegame spielen, bei dem schnelle Reaktionen gefordert sind, selbst dann keine Chance haben werden, wenn sie gegen einen alten Tattergreis am neuesten Rechner antreten …

Das bedeutet: Ein Programm, das sich selbst permanent modifiziert und auf Daten von außen permanent reagiert, ist nur im Moment des Starts mit anderen Programmen identisch. Es wird sich individuell weiterentwickeln, ja womöglich auch eine Art Charakter bekommen für diejenigen, die seine Arbeit beobachten. Dennoch bleibt hier eine Tatsache gewahrt: In diesem Spiel der IF-ELSEs regiert die perfekte, ideale Determin-tion: Das Programm hat seine Freiheiten der Modifikation, die aber im letzten Sinn keine Freiheiten sind, weil das Börsenprogramm nicht die Freiheit hat, sich komplett umzumodeln und etwas anderes zu werden als es ist, etwa ein Grafikdesignprogramm oder ein Videospiel. Es verhält sich im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Und obwohl es einen eigenen Charakter entwickelt, der es von anderen Bruder- oder Schwesterprogrammen unterscheidet (die anfangs identische Klone waren), es arbeitet nur das ab, was ihm die IF-ELSE-Grundverschaltung vorgibt. Sie werden ahnen, was ich hier unterschwellig suggerieren möchte: Dass auch der Mensch, wiewohl er überaus komplex in seinen Entscheidungsfindungen etc. erscheint, letztendlich in seiner Steuersoftware auf einem (sehr komplexen) IF-ELSE-Programm basiert. Er hat keine Alternativen, meint aber doch beständig, welche zu haben – letztendlich führt er nur Abstimmungen durch, statische Auswertungen von Daten, wie das Börsenprogramm, das bei einer Quote von 52:48 die „52“-Seite wählen wird – nur dass der Mensch dies nicht in Zahlen ausdrückt und ein ungutes Gefühl dabei hat, weil die Entscheidung ihm knapp und damit unsicher erscheint …

 

Aber wie auch immer der Mensch letztlich konstruiert ist, dieses Beispiel von dem intelligenten Programm zeigt auch etwas auf, das zu der erwähnten Zeichentheorie passt: Das Programm dechiffriert seinerseits Zeichen oder Werte, die sowohl von außen (externe Daten) als auch von innen (interne Auswertungen) eintreffen. Je mehr Spielraum er zum Interpretieren und zum Vergleichen der Daten erhält, desto stärker mutiert er zum Zeichendeuter.

Derzeit versucht man, auch den Personal-Computer zu optimieren, indem der Rechner seinerseits beobachtet, wofür der Nutzer das Gerät im Laufe eines Tages verwendet – um sich auf Phasen von Inaktivität etc. besser einstellen zu können, in denen er dann beispielsweise Routinearbeiten ableisten kann. Er kann Augenblicke wählen, die gerade günstig sind für bestimmte Tätigkeiten usw.

Kurzum, der Rechner beginnt, Sie als Benutzer zu beobachten und ein Nutzerprofil für Sie anzulegen, in dem ihre Gewohnheiten erfasst werden. Er braucht dafür auch eine Art Gedächtnis oder Speicher, der jedoch, ähnlich dem menschlichen Speicher, auch flexibel sein muss und sich schnell modifizieren kann, um an neue Gegebenheiten (ein neues Milieu etwa) anpassungsfähig zu sein.

 

 

Die Kommunikation (=Interaktion) mit Elektronenrechnern funktioniert ihrer Grundstruktur nach in etwa so:

 

IF this input, than that ECHO.

 

Also: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Das gilt zumindest so lange, wie das Programm stereotype Antwortroutinen verwendet. Je komplexer und damit artifizieller es wird, desto individueller wird das Programm antworten. Worin man eine gewisse Intelligenz erkennen könnte … aber das Prinzip bleibt sich nach wie vor gleich: das Programm benötigt ein IF-Input, um ein ECHO auf den Bildschirm zu screenen. Es braucht eine Prozedur, die Verhaltenskodizes durcharbeitet, um dann ein Resultat zu präsentieren.

 

(Anmerkung: Dieses Input kann auch ein Nichtinput sein – etwa, indem man das Programm eine Zeitabfrage durchführen lässt. Stellt es fest, dass eine bestimmte Zeit lang kein externes Input kam, kann das Programm mit einem IF-ELSE reagieren und im Falle des Nicht-Inputs ein ECHO erzeugen, das dann lauten könnte: Is there anybody out there? Aber auch für dieses Beispiel gilt die IF-ELSE-Struktur.)

 

Das gegenwärtig gravierendste Problem bei der Entwicklung der Maschinensprache zu einer menschenähnlicheren Sprache ist das Wortverständnis. Nehmen wir ein kleines Beispiel. Ich schreibe an Sie, und Sie sind das Programm:

 

ICH: Er ist rot.

 

Was für eine Antwort geben Sie mir?

Als Mensch würden Sie vermutlich zurückfragen:

 

LESER: Wer ist rot?

ICH: Der Ball ist rot.

 

Das setzt aber voraus, dass Sie wissen, was ER, IST und ROT bedeutet. Denn kennen Sie etwa ER nicht, müssten Sie fragen:

 

LESER: Was ist ein Er?

 

Und wenn Sie gar nichts wissen:

 

LESER: Was ist Er? Was ist ist? Was ist rot?

 

Wenngleich Sie das natürlich nur denken können (sofern Sie ein Denkorgan haben), nicht aber explizit formulieren, weil Ihnen die Worte dazu fehlen.

Es gäbe noch ein paar Möglichkeiten, ihre Unkenntnis zu überspielen. Das eine wäre die griechische Nymphe Echo:

 

ICH: Er ist rot.

LESER: Er ist rot.

 

Oder:

 

ICH: Er ist rot.

LESER: Ja.

 

Nur würden weitere Fragen meinerseits ihr Nichtverstehen bloßlegen, weshalb dieser Täuschungsversuch nicht von Dauer erfolgversprechend wäre.

Wie aber lehrt man einem Computer das Verstehen von Worten wie ER, IST oder ROT?

 

Im Falle von ROT ist es relativ einfach: Man kann dem Rechner die zugehörigen digitalisierten Farbwerte geben, so dass ein Rechner beispielsweise auf ein Bild, das Sie ihm zeigen, die Antwort geben kann:

 

Bild: zu 80 % rot.

 

Das Wort IST stellt auch kein allzu großes Problem dar. Es gibt in der Programmiersprache das codierte Zeichen = für ISTGLEICH, wenn man beispielsweise Variablen Werte oder Inhalte zuweisen möchte.

Aber was ist das ER?

Spätestens hier sieht man sich großen Problemen gegenüber.

Ich möchte das Schema dieses einfachen Satzes noch einmal aufdröseln, wir haben hier:

 

SUBJEKT (ER)

ZUORDNUNG/GLEICHSETZUNG (IST)

EIGENSCHAFT/WERT (ROT)

 

ER hat keine Identität, kann durch neue Zuweisungen immer wieder überschrieben werden, im Gegensatz zu unverwechselbaren Eigennamen (oder der Paßnummer in ihrem Personalausweis).

Um ihm wenigstens vorübergehend mehrere fixe Eigenschaften zuweisen zu können, wäre es denkbar, beispielsweise eine Datenbank zu benutzen, der man dann den Namen ER zuweist – ER ist dann vorläufig keine Variable mehr, sondern ein Charakter, eine Beschreibung der Identität einer Einheit.

So dass das Programm etwa fragen könnte, um mehr Informationen zu gewinnen:

 

ER ist nicht blau?

 

Usw.

 

Das gegenwärtig wohl größte Hindernis, einen Chatbot mit elaboriertem Wortverständnis zu erschaffen, ist die noch immer geringe Zahl der Kontexte, die diese Maschine selbständig ver- und wieder entknüpfen kann. Programme können gegenwärtig sehr gut Anweisungen verstehen und fehlerlos ausführen (beispielsweise, wenn sie einer grafischen Oberfläche eine Farbe zuweisen sollen). Aber sie sind in der Regel auf Eindeutigkeit optimiert, das heißt, ROT ist ganz genau definiert – während Menschen mit ROT mehrere verschiedene Assoziationen verbinden können, etwa im ER-IST-ROT-Beispiel: Man könnte damit auch einen Menschen meinen, der rot im Gesicht geworden ist, weil er auf einer Bühne steht, oder einen, der der politischen Partei mit dem roten Parteiensymbol zugehört.

In der Regel entscheiden wir kontextuell, was gemeint ist. Der alleinstehende Satz „Er ist rot“ ermöglicht auch uns Menschen nicht, den Sachverhalt zu verstehen, wir beginnen dann zu vermuten, wählen aus den Hypothesen die uns am wahrscheinlichstes erscheinende Hypothese aus. Erst, wenn wir den Satz in einer Reihung mit anderen Sätzen lesen, können wir präzisere Hypothesen aufstellen.

Die maschinelle Intelligenz hingegen verfügt derzeit über sehr wenige dieser schleifenähnlichen Assoziationskreise, was primär darauf zurückzuführen sein mag, dass diese schwer zu programmieren sind. Die künstliche Intelligenz deutet das Input nicht auf der Basis ermittelter Wahrscheinlichkeiten, sondern sucht Eindeutigkeiten und arbeitet mit diesem Input Befehle oder Regelkreise ab. Somit ist sie primär ein reagierendes und ausführendes Organ, sie reflektiert oder interpretiert nur wenig: Mit der angenehmen Folge, dass sie keine Fehler machen kann und ihr Verhalten insgesamt überschaubar bleibt – wenn man einmal von Hardwarefehlern oder fehlerhaft geschriebenen Programmen absieht.

Es scheint bislang nicht besonders reizvoll zu sein, eine Maschine mit wahrscheinlichkeitsbasierten Verhalten zu erschaffen – weil es dann auch Überraschungen gibt.

(Wiewohl bei der Entwicklung von beispielsweise visueller Erkennungssoftware durchaus Wahrscheinlichkeiten Verwendung finden, die Software muss ein bestimmtes Input deuten und Ähnlichkeiten suchen, was nur mit einem Ranking von Wahrscheinlichkeiten funktionieren kann, kurzum: Je anspruchsvoller eine Aufgabe wird, desto wichtiger wird es, mit Wahrscheinlichkeiten zu arbeiten.)

Die meisten Programmierer hingegen verfahren anders bei ihrer Arbeit: Sie haben eine konkrete Frage oder Aufgabe, und die Maschine soll diese eindeutig lösen. Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ihre Software auf einen ihrer Befehle hin einmal dies, ein andermal aber das macht – weil das Programm denkt, dass es so besser wäre? Sie wären verwirrt …

(Wiewohl diese Richtung in Zukunft häufiger eingeschlagen werden wird, beispielsweise wird man benutzeranpassungsfähige Software programmieren, was gewisse Arbeitsroutinen am Rechner vereinfacht, weil die Maschine erahnt bzw. hochrechnet, welche Aktionen als nächstes anstehen; wenn Sie dann in einem Ordner mit 50 Dateien vier nach einem bestimmten Schema umbenannt haben, wird das Programm anbieten, die restlichen Dateien im Verzeichnis genau gemäß dem Schema umzubenennen.)

 

 

Welche sprachlichen Fähigkeiten müsste die Maschine nun beherrschen, um den menschlichen Geist noch besser nachbilden zu können?

Ich habe hierzu schon einiges in dem Abschnitt zur Syntax/Semiotik/Pragmatik angesprochen. In den meisten Programmiersprachen wird die Sprache benutzt, um der Maschine Anweisungen zu erteilen. Die Maschine erkennt diesen Befehl (wie ein Signal) und arbeitet ihn präzise ab, aber sie versteht nur die Anweisung selbst und befolgt sie, hat kein Begreifen der Sprache an sich. Sie reagiert ähnlich wie Eisenspäne, die man in ein Magnetfeld streut: Sie richten sich automatisch aus, aber von dem Magnetfeld selbst können sie nichts verstehen, ja sie ahnen nicht einmal dessen Existenz.

Weshalb ein falscher Buchstabe in einem seitenlangen Programm genügen kann, um die Maschine ins Stocken zu bringen: Sie versteht noch nicht, wie Sprache funktioniert, ihr fehlt das menschliche Sprachverständnis, die Abstraktionsebene (und auch die Selbstbezogenheit der Sprache auf sich selbst).

 

Wenn man nun das Ziel verfolgen würde, das menschliche Sprachverständnis mit (bzw. in) einer Computersprache zu remodellieren, könnte man sich folgender Methodik bedienen: Mit Hilfe von Variablen lassen sich sowohl einem (ich nenne es der Einfachheit halber) Subjekt als auch verschiedenen Objekten spezifische Eigenschaften zuschreiben oder Werte zuweisen. Verwenden kann man hierfür Datenbanken. Die zugeordneten Eigenschaften können dann permanent (also auch im Textfluss der lesenden Maschine) modifiziert werden: So kann in einem Text das handelnde Subjekt erst wach sein, dann einschlafen und anschließend wieder wach sein.

Mit modifizierbaren Datenbanken ist somit ein komplexeres Textverständnis erzeugbar, eines, das jenseits von purer Eisenspan-Reflexautomatik agiert (und nicht nur reagiert). Über gekoppelte IF-ELSE-Programmroutinen lassen sich überdies reflexionsähnliche Handlungen auslösen, die beispielsweise im Falle einer neuen Variablenzuweisung andere Variablen überprüft und gegebenenfalls mitverändert. Auf diese Weise kann dem Subjekt, wenn es schläft, in einer anderen Variablen die Variablenzuweisung Augen geschlossen gegeben werden, die wiederum in einem anderen Kontext von Bedeutung sein könnte.

Kurzum, wenn die Maschine nicht weiterhin ausschließlich das bloße Erkennen von Buchstaben exerzieren soll, sondern das Stadium der vorhersehbaren Reflexe verlassen soll, muss man den Mechanismus anweisen, Kontexte zu Subjekten, Objekten und, wenn man es genau nimmt, auch zu jedem einzelnen Wort anzulegen (eine Art Assoziations-Datenbank, in der Wortverbindungen bzw. Wortnachbarschaften ihrer Wahrscheinlichkeit gemäß notiert werden, vergleichbar dem SONNE-GELB-Modell).

Ich werde nun nicht im Detail ausführen, wie man bewerkstelligen könnte, dass die Maschine die Unterschiede von Subjekt, Prädikat, Objekt usw. erkennt. Wichtig ist allerdings zum einen ein abstraktes Textverständnis, mit dessen Hilfe die grammatikalischen Basics mit Subjekt, Prädikat und Objekt(en) erkannt werden, wenn die Maschine in der Lage ist, Eigennamen zu erkennen und diesen Subjekten dann (z. B. mit Hilfe einer Datenbank, die auch als eine Art Kurzzeitgedächtnis konstruiert sein könnte) Eigenschaften zuweisen – und zum anderen Worte in Verbindung mit anderen Worten von ihrer kontextuellen Bedeutung spezifizieren lernt.

 

Das Idealziel wäre eine künstliche Intelligenzmaschine, die selbständig lesen kann und sich dann beispielsweise im Internet beständig-eigenständig weiterbildet, zum Beispiel via Wikipedia-Lektüre. Und erneut kommt hier der Supercyborg ins Spiel: Die gesamte Internetwelt wäre nun die Sphäre eines gigantischen Geists, der sich allmählich seiner selbst bewusst wird.

 

 

Und wie könnte man sich dann selbständiges maschinelles Denken vorstellen? Vielleicht so: Wenn die Maschine Schleifen anlegen oder löschen kann, also ihren eigenen Programmcode variieren kann. Wiewohl auch hier immer ein Modus vorgegeben ist, der den Rahmen absteckt. Vielleicht mag sich der Programmierer, wenn er solch ein artizifielles Programm startet, nicht sicher sein, wohin es führt, welches Ergebnis er erzielt, weil es zu komplex ist … aber das, was abläuft, ist streng determiniert.

Es ist so lange determiniert, wie keine weiteren Reize (=Inputs) von außen eingespeist werden. Verarbeitet das Programm hingegen aktuelle Wetterdaten, wird es sich womöglich individuell verändern. Aber selbst dann ist noch immer nichts Obskures am Werk: Es passiert genau das, was gerade passieren kann nach den vorgegebenen Parametern.

 

(Der Vergleich zum Menschen liegt auf der Hand – und ist auch schwer von selbiger Hand zu weisen: Nur, weil die Programmierung des Menschen sehr komplex ist, nimmt man an, sie sei etwas Zauberhaftes oder Wundersames. Was sie aber keineswegs sein muss. Wir spulen komplexe Programme ab, deren Komplexität wir nur nachbetrachtend bestaunen können. Wir können den Prozess des Denkens nicht während des Denkens selbst mitstenografieren und damit entschlüsseln, das wäre zu komplex, wir benötigen die Vereinfachung, um handlungs- und entscheidungsfähig zu bleiben. Und weil das so ist, glauben wir, dass etwas Mysteriöses in uns wirkt, wir sind nicht fähig, das Ganze zu überschauen und suchen das Wunder darin. So, wie wir auch der Maschine unterstellen, sie arbeite nur geistlos Prozeduren ab und präsentiere dann plump und blödsinnig, ja nichtsahnend der eigentlichen Rechenvorgänge ihr Ergebnis, so ähnlich verhalten auch wir uns beim Denken!

Lustig, nicht wahr? Doch während wir die Maschine einfältig nennen, wähnen wir uns selbst ingeniös und inspiriert! Wir wissen nicht genau, woher diese tolle neue Idee stammt, die uns bewegt, beim Fönen die Haarsträhne einmal in die andere Richtung zu fönen … und wenn das Ergebnis gefällt, halten wir uns für kreativ. Dagegen die Maschine? Sie präsentiert ihr Ergebnis und wir sagen: Sie hat es nur automatisch errechnet, da ist nichts dabei. Aber haben wir nicht diese Kreativität unserer Idee auch nur errechnet? Haben wir denn Ideen auf Knopfdruck? Die Idee scheint plötzlich in unserem Gehirn auf, ist präsent – wir wissen oft gar nicht genau, wo sie soeben plötzlich herkam, sie sprang uns von der Seite an … erklären wir das nicht andauernd: Dass wir nicht in der Lage seien, auf Knopfdruck kreativ werden zu können?!

Warum nur?

Weil das Kreative nicht in unserer Macht liegt, weil einige Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, um die Eventualität ihres Erscheinens möglich zu machen …)

 

 

Heute stellt sich die Frage nach der idealen, absolut präzisen und somit unmissverständlichen Sprache vorwiegend beim Entwerfen einer idealen Maschinensprache, aber auch schon zu früheren Zeiten hat man intensiv darüber gegrübelt, wie sie strukturiert sein müsste. Ist sie vielleicht nur ein schöner Traum – vergleichbar mit dem Traum vom Schlaraffenland? Oder kann man sie tatsächlich schöpfen? Sollte man sie vielleicht gemeinsam mit den Maschinen zu entwickeln versuchen, die womöglich die Kindstatt des Menschen antreten und uns Vielzellersäugetiere, wenn wir gestorben bzw. ausgestorben sein werden, beerben werden?

Umberto Eco diskutiert dieses Thema ausgiebig in seinem Buch Auf der Suche nach der vollkommenen Sprache. Er reflektiert die Fragen, ob die ersten Menschen diese Sprache gesprochen haben, oder sogar Gott selbst. Ob diese Sprache leicht erlernbar sein sollte für viele oder alle Menschen, und ob ihr Wortschatz einer philosophisch begründbaren Ordnung gehorcht.

Doch das Argument, dass die Sprache einfach sein soll, um effektiv zu sein, überzeugt mich nicht. Es mag zwar richtig sein, dass ich, wenn ich einfache Sachverhalte ausdrücken will, eine einfache Sprache benutzen kann. Aber wenn ich in dieser einfachen Sprache komplexere Sachverhalte ausschildern will, muss ich mich sehr lange und oft auch umständlich artikulieren – und habe vermutlich noch immer nicht den Eindruck, ich drückte mich trefflich aus.

Um präziser formulieren zu können, definiere ich neue Begriffe, beginne ich eine Metasprache zu erfinden, wie es z. B. die Philosophie immer wieder getan hat und in Maßen noch immer fast jeder Gegenwartsphilosoph zu tun pflegt (mit wenigen berühmten Ausnahmen), denken Sie nur an Nietzsche, Heidegger, Deleuze und heute Sloterdijk und Badiou. Mit der Folge, dass sich die Philosophen untereinander in ihrer Metasprache verständigen können, sofern sie untereinander ihre Gedanken beständig austauschen und auch reflektieren; ansonsten wird ihnen die Sprache der anderen ebenfalls rätselhaft erscheinen müssen – ebenso rätselhaft, wie sie dem sogenannt gemeinen Volk erscheint, das außenvor bleiben muss, weil das Vokabular derart fachspezifisch abstrakt verwendet wird, dass schon ein einziger Begriff dutzende Buchseiten Erläuterung (Wissenshintergrund) bedarf: Auf diese Weise entsteht eine Eliten-Sprache, in diesem Fall ist die Elite die Kaste der Philosophen (die der Sprache der Juristen in nichts nachsteht …).

Auch ich habe hier im Laufe des Essais ummerklich und unwillentlich begonnen, eine eigene Sprache zu entwickeln. Zwar habe ich mich bemüht, dies soweit wie möglich zu vermeiden, um mich hier nicht an meiner etwaigen Eloquenz aufzugeilen, aber es ist auch kein Sündenfall, dass ich, wenn ich in einem Absatz einen Zusammenhang erklärt habe und diesen mit einem Kennwort gewissermaßen gemarkert (oder markiert) habe, dieses Kennwort dann bei Gelegenheit später wieder verwende, weil ich nun meine, diesen Begriff voraussetzen zu können, weil Sie nach der Lektüre jenes Absatzes wissen, wovon ich spreche. Was bedeutet, dass meine Sprache im Laufe dieses Essais immer effizienter und damit auch kürzer werden kann, weil ich voraussetzen kann, dass Sie verstehen können, was ich Ihnen mitteilen kann; weil ich eine eigene Fachsprache entwickelt habe, die an interner Komplexität allmählich, aber stetig zunimmt.

Mit anderen Worten: Je länger ich hier an meinem Essai schreibe, umso komprimierter wird der Text werden. Wenn ich am Anfang für einen Gedankenwert von 10 Philo-Einheiten noch 50 Zeilen brauchte, so brauche ich jetzt nach 250 Seiten nur noch 45. Und das ganz ohne Fachvokabular – allein die Tatsache, dass Sie sich nach und nach durch ihre Lektüre mit meiner Art zu denken vertraut machen, in mein Denken einfühlen – ist es mir möglich, mehr Komplexität mit weniger Worten textuell formulieren zu können.

Wenn man das Ganze auf die Spitze triebe, hieße das sogar: Je länger ich schreibe, desto kürzer kann ich mich fassen, ich müsste demnach tatsächlich irgendwann, vielleicht nach 10 Jahren permanenten Philosophierens, zum Ende kommen in einem Aphorismus oder gar einem Wort: Ich muss an das OM der Buddhisten denken oder an 42 von Douglas Adams.

 

Als argwöhnische Natur vermute ich jedoch, dass 10 Jahre nicht hinreichten …

 

Dumm nur, dass derjenige, der dann verstehen möchte, was der Aphorismus bedeutet, seinerseits eine monatelange Glaukos-Lektüre als Vorkenntnis benötigt (sofern er nicht über ein viel schnelleres Denkorgan verfügt, wie es eines Tages eine Maschine haben könnte).

Wem diese Kenntnis hingegen fehlt, wird an dem definitiven Satz vermutlich nichts Besonderes finden können. Vielleicht findet er ihn sogar banal?! Ironisch? Kraftlos? Das ist die Crux, man hat die Wahl als Denker: Eine große Weisheit in kurzer Form auszudrücken und zu riskieren, dass es heißt, dieser Satz sei schon einmal so gesagt worden oder aber verspottet zu werden von denen, die etwas komplexer denken können, aber noch nicht ganz so komplex, dass sie schon wieder Einfachheiten verstehen können … oder aber, als weitere Möglichkeit, ein eigenes, spezielles Vokabular zu verwenden, das noch keiner so genau kennt, ein paar selbst kreierte Fachbegriffe zwischen die Sätze streuen, und schon wird man zumindest respektiert von denen, die etwas elaborierter denken können, wiewohl nun diejenigen, die von Philosophie wenig Ahnung haben, nur noch staunen können, entweder nicken sie apathisch-demütig über die vermeintliche Klugheit des Verfassers, oder sie reagieren aggressiv auf die Klugscheißereien, weil sie Betrug wittern … auch wenn sie diese Witterung nicht erklären können.

Tragisch, eigentlich.

(Und im Tragischen schon wieder entsetzlich heiter; ist nicht jede Tragödie, von hinten betrachtet, eine Komödie?)

 

Vermutlich notiere ich das, weil ich die Philosophen entschuldigen möchte, sofern sie dazu neigen, ihr eigenes Vokabular und oft auch ihre eigene Fachsprache zu erfinden. Nicht immer ist das nur auf Arroganz zurückzuführen, es ist auch ein Stückweit Notwendigkeit. Denn nur mit diesem speziellen Jargon können sie die Komplexität des Wissbaren auf engen sprachlichen Raum (also effektiv) einfangen.

Diese Abstraktion hat gewaltige Folgen: Um tatsächlich die perfekte Sprache zu schaffen, müsste man zuerst alles wissbare Wissen wissen und dann eine einfache Sprache erfinden, die dieses gigantische Konvolut an Wissen reduziert und präzisiert, die einzelnen Details zu Fußnoten umdeklariert und nicht mehr zu tragenden Säulen. Am Schluss stünde dann eventuell tatsächlich eine Weltformel des Wissens, in der alles ideal eingedampft wäre.

Aber – das wäre dann nur für diejenigen verständlich, die alles Wissen in sich aufgenommen haben, und wer kann das schon von sich behaupten? Die anderen wären befremdet, ausgeschlossen … eine vollkommene Sprache setzt somit auch einen vollkommenen Sprecher voraus – den es aber nicht geben kann, oder falls doch, bestenfalls im Singular. Vielleicht als Inkarnation des Weltgeists … oder tatsächlich als Sprache Gottes, des Supersupercyborgs, doch hier wird es zwangsläufig ein wenig spekulativ.

 

Es ist schon vertrackt, aber die verständliche Sprache ist nicht immer die präziseste und auch nicht effektivste, oft ist genau das Gegenteil der Fall. Die präziseste Fachsprache der Gegenwart verwendet viele speziellen Worte und Begriffe – und ist deshalb oftmals nicht sehr leicht zu erlernen (und breitenwirksam kann sie ihrer Unverständlichkeit wegen erst recht nicht werden). Ich meine die Juristensprache: Sie bemüht sich – neben der medizinischen Sprache – unter den nicht-Formel-Sprachen um die größtmögliche Präzision, will sich wasserdicht gegen Fehldeutungen absichern. Aber wie viele können diese Sprache überhaupt verstehen?

Oder nehmen Sie die puren Formel-Sprachen, die beispielsweise in der Mathematik und Physik verwendet werden: Auch die Formel der Einsteinschen Relativitätstheorie basiert selbstverständlich auf unserer Sprache. Wie jede mathematische Formel ist auch sie problemlos transkripierbar in Sprechsprache, Formeln sind somit eingedampfte Sprache, die Sachverhalte in Symbole verwandelt hat, E ist Energie, M ist die Masse und C die Geschwindigkeit – um diese Chiffren der berühmten Einstein-Formel aber zu erklären (zu definieren), bedarf es einer ausladenden Erklärung, die Formel bildet somit die Spitze einer Erkenntnis, die nur demjenigen sinnig erscheinen kann, der sich mit den physikalischen Basics befasst hat: Für die anderen bleiben diese Buchstaben lediglich Buchstaben, vergleichbar den HOLLYWOOD-Buchstaben in den Bergen Hollywoods für Legastheniker.

 

Und ich habe noch ein Argument parat, das gegen die Realisierung einer vollkommenen Sprache spricht: Worte werden von Individuen, die sie benutzen, immer wieder neu kodiert, in jedem Moment (Wittgenstein). Worte haben eine variable Bedeutung. Solange es Zeit gibt und in der Zeit auch eine (geistige) Entwicklung, wird sich auch die Sprache weiterentwickeln.

Es sei denn, die Sprachintelligenz kommt irgendwann (gewaltsam?) zu ihrem Ende, ist nicht mehr weiter progressiv und kreativ.

Aber ist das wahrscheinlich?

Und selbst dann gibt es Probleme. Würde ich heute ein Buch in der idealen Sprache des Universums schreiben, würde es vielleicht noch niemand verstehen können?

Wäre es dann also nur ideal für die Wesen, die diese Sprache irgendwann entwickeln und dechiffrieren können? Dann wäre die ideale Sprache eine ideale Sprache für bestimmte Wesen.

Oder nehmen Sie das ideale Bild, gebannt auf eine Größe von sagen wir 40x60 cm. Wie sieht es aus, was bildet es ab?

Selbst wenn man eine Umfrage unter allen lebenden Menschen machen würde, würde die Menschheit schon in 20 Jahren eine ganz andere Rankingliste wählen.

Das Ideal ist folglich zeit- und milieuabhängig.

 

Anders verhält es sich mit der idealen Schachpartie: Sie ist unabhängig von der Zeit. Es gibt ein klar definierbares Regelwerk, in jeder Stellung gibt es eine endliche (und überschaubare) Zahl an Zügen. Wenn man es schafft, mit einer Maschine alle Möglichkeiten korrekt zu bewerten, kann sie die ideale Partie ermitteln.

 

Sie könnten einwenden: Aber eine Schachpartie ist auch notierbar wie in einem Roman, die Schachpartie hat auch eine beschreibbare Handlung. Wenn man jeden Zug auch in Prosa überträgt, kann man also eines Tages das Schachbuch der idealen Schachpartie verfassen.

Richtig; aber die ideale Sprache hierfür ist noch nicht gefunden. Die idealste, da kürzeste, ist wohl die gängige Notation von

 

1.    


e4 c5

2.    


d3 b6

3.    



 

Egal, welche der Schriftsprachen Sie für eine Prosanotation der Schachpartie verwenden, sie wird mehr Raum einnehmen.

Nun mögen Sie noch einwenden, dass man in einer schönen Sprache auch ein Schachspielgedicht verfassen könnte, und dass in dieser Schönheit und Melodie des Klangs ein Wert zu finden sei, den Sie als idealer bezeichnen – idealer als die übliche Schachnotation in Zahlen und Buchstaben.

Selbstverständlich ist Kürze nicht das einzige Kriterium für die ideale Sprache, aber sie ist ein sehr wichtiges.

 

Das Kunstvolle und Schöne ist nicht 1:1 mit dem Idealen gleichzusetzen. Die Mona Lisa mag seit einigen Jahrhunderten als ideales Portraitbild gelten, aber letztendlich wäre es vermessen, von diesem Gemälde objektiv als von dem idealen Portrait zu sprechen. Sobald die Ästhetik mit ins Spiel kommt, ist das Ideal nicht mehr zu halten.

Wenn Sie sich in einem Labyrinth aufhalten, gibt es einen kürzesten Weg aus selbigen. Sie müssen ihn nur finden … er ist objektiv vorhanden, die Frage ist lediglich, ob Sie ihn tatsächlich finden können.

Was die Malerei angeht, kann ein da Vinci nur das bestmögliche, also gewissermaßen ideale Bild seines Augenblicks in seiner Kultur (seinem Milieu) malen. Er kann nicht das ideale Bild aller Zeiten malen, will sagen: Er kann sich die größte Mühe geben und alle seine Energie und sein Genie in das Bild investieren, so dass es ideal ist in Bezug auf seine Möglichkeiten. Dennoch bleibt der Zeitbezug, das kulturelle Milieu.

Eine Schachpartie oder ein Labyrinth wird in seiner Struktur als unveränderbar angenommen. Die Schachregeln sind definitiv, die Mauern des Labyrinths ebenso festgefügt – Regelwerk wie Mauerwerk bilden ein fixes Milieu ab, so dass eine Messung vorgenommen werden kann. Bei dem Bild hingegen ist das Milieu ständig im Wandel. Denken Sie sich also ein Schachspiel, bei dem jedes Jahr die Regeln verändert werden, oder ein Labyrinth, das mit einem Zufallsgenerator kreiert wird und hier Mauern aus dem Boden fährt und dort wieder versenkt – es wäre dann unmöglich, eine ideale Superlösung zu finden. Es gäbe auch dann nur den momentan-situativ schnellsten Weg oder die momentan bestmögliche Schachlösung.

 

Aber selbst wenn wir annähmen, ein menschliches künstlerisches Werk könnte tatsächlich ideal sein, wie etwa Beethovens 9te: Beethovens Sinfonie mag eine der meistgespielten Sinfonien in Europas Konzerthäusern sein. Aber ist sie eigentlich jemals so gespielt worden, wie Beethoven sie notiert hat?

Und ich wüsste gerne: Hätte Beethoven als Dirigent sie ideal dirigieren können?

 

Jede Interpretation ist fehlerbehaftet. Die Interpretation des Dirigents verfälscht den Code der Niederschrift, jede Interpretation der Musiker verfälscht, und die Fehler an den Instrumenten der Musiker verfälschen erneut.

 

Was eine spannende Frage evoziert: Wie könnte man nun die notentreueste Aufführung realisieren?

Vielleicht mit einem Computer? Mit Musikrobotern?

Der Computer mag eventuell die Instrumente nicht ideal vom Klang wiedergeben können (schon deshalb, weil es für kein Instrument einen idealen Klang gibt), aber den Rhythmus könnte er so ideal umsetzen, dass das menschliche Ohr keine Abweichung mehr wahrnehmen kann.

Wie würde diese ideale notentreue Computerfassung klingen? Vielleicht würden die Zuhörer sie keineswegs als ideal im Sinne eines künstlerischen Ideals empfinden? Vielleicht empfänden sie die Komposition sogar unschön, hybrid, charakterlos im Vergleich zu menschlichen Interpretationen?

 

Und was würde Beethoven selbst zu diesem idealen Konzert sagen? Wäre er glücklich und zufrieden, oder wenigstens einverstanden? Wäre es auch für ihn die bestmögliche Interpretation? Oder wäre er enttäuscht? Hatte er seinerseits eine menschliche und von daher von seiner eigenen Vorstellung abweichende Interpretation vorausgesetzt? Sind seine Notationen tatsächlich so gemeint gewesen, wie er sie niederschrieb? Oder waren sie auch von seiner Seite als Annäherungen gedacht? Würde es ihn freuen, wenn seine Interpreten etwaige kleine Ungenauigkeiten ausmerzen, sein Werk noch vermeintlich verbessern? Glaubt er an dieses Genialische im menschlichen Geist, das selbständig variiert – ja vielleicht auch nur deshalb variiert, weil es dem eigenen Empfinden entgegenkommt?

 

Vielleicht haben Sie jetzt den gleichen Gedanken wie ich. Bei der Niederschrift dieser Gedanken des letzten Absatzes nähere ich mich nämlich gedanklich den Heiligen Büchern oder Heiligen Schriften an, ein Thema, das bislang unbesprochen blieb, aber nicht minder interessant ist. Viele religiöse Menschen gehen davon aus, dass eine Gottheit diese Heiligen Bücher notiert hat, und nun müssen die Sterblichen sie interpretieren und auslegen, eine Tätigkeit, für die sich bald die Kaste der Schriftgelehrten entwickelte, die sich mit den perfidesten Fragen in Sachen Schriftauslegung auseinandersetzte – etwas, das man noch heute ganz deutlich im Umgang der Gläubigen mit dem Koran beobachten kann.

Was geschieht hier im Laufe der Jahrhunderte? Der Text bleibt in der Regel in gleicher Form bestehen, wird höchstens hier und da dem aktuellen Vokabular angepasst. Der Inhalt hingegen wird immer wieder neu ausgelegt – wie lange wird das möglich sein? Wird die Innovation nicht die Schrift über kurz oder lang völlig irrelevant machen?

An dieser Stelle habe ich Lust zur Polemik: Wenn man also von einem idealen Buch oder einer idealen Religion (vermittelt durch ein Heiliges Buch) ausgeht – dann muss man doch auch fragen dürfen, für wen es eigentlich ideal ist oder für was?

Ein Bücherwurm wird das Buch ideal finden zum Verzehr. Oder ein Neandertaler mag das Buch mit Freude dazu verwenden, um sein abendliches Lagerfeuer anzuzünden, die Blätter eignen sich für diesen Zweck ideal.

Womit wir beim Betrachten des Idealen auf die nächste Frage stoßen: Den Kontext. Dieses (bislang noch digitale) Buch mag aus intellektueller Perspektive betrachtet ein sehr nützliches und vielleicht für reflexionsfreudige, kreative und fantasiebegabte Menschen wie Sie nahezu ideal geeignet sein, aber in anderen Kontexten wird das Buch versagen. Sobald man seine Bytes als Bildmuster zu drucken versucht, wird man eine eintönige Pixelwüste erhalten. Wenn ich dieses Buch als Lichtcode chiffriert ins Universum hinaussende, um andere intelligenzbegabte Zivilisationen des Universums damit zu beglücken – was geschieht wohl, wenn diese die Information ausschließlich visuell aufnehmen? Sie registrieren ein Flackerlicht … oder erhalten ein verflimmertes Bild wie von einem Fernsehbildschirm, der keinen Kanal finden kann. Kurzum: Wer die Chiffren nicht kennt, kann das Ideale auch nicht würdigen.

Er wird nur den Nutzen daraus ziehen können, der zu seiner eigenen Weltaufschlüsselung passt. Er wird darin womöglich eine eigene Ästhetik erkennen, aber die Bedeutung? Wer weiß, wie viele interessante Botschaften via SETI schon aufgefangen und analysiert wurden – doch wenn die Chiffren zur Entschlüsselung fehlen, verhallen diese, lösen sich auf in gestaltlosem Rauschen.

Wodurch das Ideale schnell relativ wird.

Ein Buch wie dieses wird transportiert mit einem Code, der nur so lange als Code relevant ist, solange professionelle Dekodierer existieren. Sobald der Code unverständlich wird, ist der Inhalt unbrauchbar geworden.

 

Was also ist das Ideale?

Wenn Sie einer Pflanze Mozart vorspielen, wird sie eventuell mit ihren Ranken eher die Richtung des Lautsprechers einschlagen, als wenn sie Beethoven hört.

Was ist dann ideal?

Mozart? Oder doch Beethoven, weil Kanarienvögel lieber Beethoven hören?

Und sind Sie wirklich sicher, dass die DNA eines Eichhörnchens nicht als idealste Codierung für ein Lebewesen anzusehen ist, sondern die des Menschen?

Kurzum, wir Menschen sollten einsehen, dass wir kein objektives Urteilsvermögen bezüglich der Frage besitzen können, was ideal ist. Wir können lediglich beurteilen, was für uns selbst ideal nutzbar oder von uns ideal verstehbar ist.

Und selbst das variiert mit der Zeit …

 

Ich möchte noch einmal kurz zur idealen Schachpartie zurückkommen. Selbst wenn es eine ideale Partie geben muss, auch bei ihr stoßen wir neuerlich auf ein Problem: Gewiss mag es bei dieser Schachpartie in jeder Stellung einen idealen Zug aus einer Auswahl von vielleicht aktuell 40 möglichen Zugvarianten geben – aber wer sagt, dass dieser an sich objektiv beste Zug tatsächlich der ideale Zug ist?

Er ist ja nur deshalb ideal, weil er gemäß den Spielregeln des Schachspiels die Siegchancen maximiert. Aber was, wenn man die Schachregeln kurzerhand änderte? Dann wäre die ideale Schachpartie nicht mehr ideal.

Will sagen: hier ist das Ideale absolut abhängig von dem Regelwerk.

Und das ist weniger banal, als es scheinen mag: Wenn nun nämlich das Universum beispielsweise durch Naturgesetze in seiner Struktur definiert wird (oder sich zumindest in ihnen eine strukturierende Kraftwirkung ausdrückt), welche dann letztlich auch unser Leben determinieren, könnte es sein, dass diese Naturgesetze ein solches Regelwerk bilden – und wir als Spielende können in dem Regelwerk im Rahmen von Möglichkeiten unsere Züge tätigen. Wir können auf dieser Regelbasis aufbauend versuchen, stets so optimal zu ziehen, wie es uns aktuell möglich ist.

Dies wäre die Variante einer zumindest partiell gewährleisteten Freiheit oder Wahlfreiheit. In einer volldeterminierten Welt hingegen wäre alles festgelegt – und damit wäre alles, was in diesem Universum geschieht, automatisch das Optimale, weil es auch das Einzigmögliche wäre, dieses Universum wäre perfekt und gleichzeitig absolut unkreativ.

Ein anders strukturiertes drittes Universum hingegen könnte seine Naturgesetze ständig ändern. Was heute gilt, ist morgen längst überholt, und über übermorgen brauchen wir schon gar nicht reden, da kann wieder alles anders sein. Das heißt: Solch ein Universum ist organisiert wie eine Schachpartie, bei der sich – mitunter schon während des Spiels, ja während der Schachspieler die Figur in die Hand nimmt, um zu ziehen – die Spielregeln ändern.

 

Wir können folglich nur eines sagen, ohne Gefahr zu laufen, uns zu widersprechen oder aber nur zu mutmaßen: Dass wir Menschen mittels Sprache, Codes und komplexen Verweissystemen nach dem (basis-algorithmischen?) Schema DIES-IST-DAS intelligente Strukturen konstruieren können, innerhalb derer weder die Frage von Freiheit oder Determination noch die des Idealen an sich definitiv beantwortbar wäre.

Ein sehr bescheidenes und vielleicht auch frustrierendes Zwischenergebnis, zumindest auf den ersten Blick.

Allerdings könnte man den Verdacht äußern, dass sich im Laufe der Zeit (ich meine die universale Koordinate Zeit) und damit im Laufe der Evolution immer komplexere Verweissysteme herausgebildet haben, die immer intelligentere, reflexionsfähige Geiststrukturen hervorbringen konnten.

Auf niederer (komplexitätsärmerer) Stufe kann man von Indizien sprechen, von Anzeichen. Ein Tier etwa mag sein Verhalten weniger anhand von elaborierten Codesystemen ausrichten, doch versteht es sich oft meisterhaft in der Deutung von Indizien oder Spuren – was hin und wieder auch komödiantische Auswüchse zeitigt, wie der Behaviorismus bewiesen hat. Die Methode ist simpel: Das Tier verbindet mit der aktuellen Situation ein anderes Erlebnis und stellt somit via Analogieschluss eine Hypothese auf. Was sich selbstredend bereits als intelligente Leistung bezeichnen lässt, wiewohl ein Codesystem, das auch noch über Raum und Zeit hinweg Kommunikation zulässt, ein weiterer eminenter, ja revolutionärer Fortschritt ist, mit dem es dem Menschen gelang, den Planeten und mit ihm die natürlichen Ressourcen auf selbigen weitestgehend unter seine Kontrolle zu bringen.

Ich will hier eines betonen: Nicht nur der vielgerühmte Werkzeuggebrauch hat den Menschen all die neuen Räume erschließen und eine sozusagen künstliche Umwelt erschaffen lassen, weit wichtiger war die Fähigkeit zur Erfindung und praktischen Nutzung eines artifiziellen Kodierungssystems, das ihn vom prähistorischen Waldläufer, der Tierspuren oder Wolken als Zeichen oder Indizien auswertete, deutlich unterschied.

Man kann folglich zeichentheoretisch von verschiedenen Stufen oder Qualitäten der Zeichen sprechen:

 

1.     


Die unabsichtlichen Zeichen, die von Betrachtern als solche interpretiert und dann auch (im eigenen Interesse) genutzt werden. Darunter fallen Spuren oder Indizien.

2.     


Die absichtlichen Zeichen, worunter absichtlich gesetzte Wegmarken oder Revierbegrenzungen fallen.

3.     


Eine Sonderform der absichtlichen Zeichen sind die in Sprache kodierten Zeichen, die ermöglichen, über Raum und Zeit hinweg zu kommunizieren.

 

Dieses für intelligente Lebensformen charakteristische Dekodierspiel mit den Zeichen wird vermutlich nie zu einem Ende kommen, ja womöglich muss es sich zwangsläufig irgendwann im Kreis drehen.

Ich muss an eine der hymnischen Dichtungen Mevlana Celaleddin Rumis denken, der mir vermutlich widersprochen hätte, zum Beispiel mit diesem hochinteressanten Gedanken:

 

O du Sinnlicher, die Zeichen sind im Herzen; außen sind nur die Zeichen der Zeichen.

 

Allerdings muss ich Rumis NUR widersprechen. Außen ist das gesamte Verweissystem, innen (im Herzen oder im Hirn) hingegen befindet sich ein verkleinertes Abbild des Verweissystems. Kein Individuum wird – vermute ich – artifizieller sein können als das gesamte Verweissystem, so wie kein singulärer Geist klüger sein wird als der oftmals Weltgeist genannte kollektive Geist.

Aber genau das lese ich aus Rumis Aphorismus. Es gibt nicht nur ein Herz, es gibt Milliarden Menschenherzen – und jedes Herz ist für den anderen bereits neuerlich ein Zeichen, in jedem Menschen begegnen wir einem eigenen Verweissystem.

Unter Zeichen der Zeichen verstehe ich eine Überabstraktion, eine Metaebene. Wenn ich nun die Menschen weglassen würde und nur das fokussierte, was übrigbliebe, wenn ich beispielsweise als Außerirdischer mit einer Superwaffe alle Menschen auslöschte – dann hätte ich vielleicht ein Zeichensystem mit internen Verweisen, die unabhängig sind von den Gehirnen, aus denen sie erzeugt wurden. Aber um diese Zeichensysteme dechiffrieren zu können, benötigt man seinerseits Geist, oder, um mit Rumi zu sprechen, ein Herz.

 

 

 

 

 

 

Conclusio:

 

Ich habe viel über das ideale Schachspiel, die ideale Sprache oder das ideale Zeichensystem räsoniert. In letzter Konsequenz führen diese Überlegungen zu der Frage nach dem idealen Leben.

Gibt es das: Ein ideales Leben?

 

Was denken Sie?

Ist es das programmierte, vorausangelegte, fixe? Also jenes Leben, in dem man nichts falsch (und damit auch nichts richtig) machen kann, weshalb es im logischen Folgeschluss auch ideal sein muss, weil es qua definitionem immer, in jeder Sekunde, das Bestmögliche und Effektivste unternimmt?

Oder führen wir jenes Leben, dessen Ideal wir uns erst mit Mühe erarbeiten müssen und doch bestenfalls höchstens grenzwertig erreichen? Die christliche Religion hat diese Auffassung von Anfang an gleichsam notorisch zu etablieren versucht, basierend auf der mosaiischen Philosophie der Erbsünde. Der Mensch, von Geburt an unvollkommen, hat die irdische Aufgabe, sich zu optimieren.

Auch andere Religionen verlangen dieses Streben nach höheren intellektuellen, spirituellen und moralischen Weihen, die Reinkarnationslehre des ansonsten oft unreligiös erscheinenden Buddhismus schlägt hier in die gleiche Kerbe. Wie es scheint, folgen insbesondere Religionen der langsamen und mühevollen Vervollkommnung des Menschen dieser Annahme; dass der Mensch schon perfekt sein könnte, dürfen sie offenbar nicht annehmen.

Und selbst die islamische Religion, die in zentralen Lehren dem fröhlichen Fatalismus frönt, sieht die Welt und den Weltlauf keineswegs als ideal an. Kein islamischer Gelehrter käme auf die Idee, die Erde einen Ort zu nennen, der ideal wäre, wenngleich der Koran durchaus das pantheistische Weltbild befördert – aus dem die Sufis als islaminterne, koraninterpretative Strömung ihre Gott-ist-in-allen-Dingen-Philosophie entwickelt haben. Wenn Allah in allen Dingen ist, sind eigentlich auch alle Dinge perfekt. Selbst das Böse ist dann Allah, könnte man mit dieser Logik behaupten – auch das Böse hätte dann Teil an der Perfektion der Welt.

Doch diese Schlussfolgerung wollen selbst die Sufis nur sehr ungern zulassen, ganz abgesehen von den Mainstream-Korangelehrten. Die Widersprüche der Lehre werden deshalb mit einem Übermaß Emotion glattgebügelt: Obwohl Allah in allen Dingen ist und das Leben dem Schicksal unterliegt, gänzlich machtlos zum Gestalten und Ändern des eigenen Wesens und der Gesellschaft wollen sich auch die Islamgläubigen nicht ansehen. Sie wollen keine Roboter sein.

Ebensowenig die aufgeklärten, gebildeten, meist atheistischen oder agnostischen Eliten der westlichen Welt: Sie zirkulieren ununterbrochen um ihr neuestes Idol, die Freiheit, und reiten darauf herum, ohne zu merken, wie hohl der Begriff gerade durch seine Übernutzung wird: Was ist eine Freiheit wert, wenn sie längst zum Dogma geworden ist? Wie ist eine Welt zu bewerten, die unbedingt frei sein soll? Dort, wo die Freiheit zur obersten Pflicht wird, kann sie keine echte Freiheit mehr sein.

Insbesondere die westliche Welt wird derzeit von der zweiten und dritten Welt verspottet wegen ihren Dogmen von Freiheit und Demokratie, weil gerade in der westlichen Welt durch die neuen Technologien neue Controlling-Strukturen evolvieren, die weit von der ehemals so vergötzten Freiheit wegführen. Man hat längst erkannt, dass hier eine Doppelmoral immer monströsere Auswüchse zeigt – was die Bevölkerungen in diesen Ländern allerdings bislang kaum wahrnehmen können oder wahrnehmen mögen.

Der Freiheitsbegriff kann sich nur dann voll entfalten, wenn es wirklich den vielbeschworenen freien Willen gibt, alles andere bliebe Rhetorik.

Es gibt einige Feinsinnige, die erklären, dass es doch seltsam wäre, wenn ein Universum existierte, in dem die Insassen eine Illusion von Freiheit/Willensfreiheit für real halten, ohne sie tatsächlich zu haben. Wofür könnte diese Täuschung gut sein?

Die Darwinisten würden womöglich darauf antworten, dass sich dies als sinnig erwiesen hatte zwecks Erhaltung der Art, dass sich womöglich der rasche Fortschritt der Menschheit auch in technischen Fragen aus dieser Willensfreiheit oder auch Handlungsfreiheit speist, weil sie, im Gegensatz zu der als apathisch bezeichneten Geisteshaltung des Fatalismus, die Initiativkraft der Individuen stärkt: Sie wagen es, mit dem Gewohnten zu brechen und neue Wege zu gehen, sie wagen die kreative Interpretation ihrer Rolle.

 

 

Wenn man die Frage nach dem idealen Leben stellt, stellt man auch automatisch die Frage nach dem idealen Kosmos. Wenn man hierauf das obige Schema der religiösen Anschauungen überträgt, wäre das Universum, der Kosmos etc. entlang des Zeitstrahls in einem Entwicklungsprozess begriffen, der entweder

 

1.      


zu dessen Perfektionierung führt via fortwährender evolutionärer Erfindung neuer Strukturen und Codierungsebenen

 

oder aber, im fatalistischen Sinn,

 

2.      


bereits perfekt ist und sich in immer neuen, perfekten Inkarnationen (und die Menschheit wäre eine von ihnen) darstellt.

 

Und es gäbe noch eine weitere Variante, die des Zufalls:

 

3.      


Hier wäre nichts wirklich perfekt, weil sich alles willkürlich aneinanderreiht. Dass uns die Welt dennoch geordnet erscheint (zumindest in wesentlichen Abfolgen), ist nur Illusion oder Zufall. Schon morgen kann alles sich wieder geändert haben.

 

Nur hätte der ideale Zufall selbst wieder einen Charakter, der einem Ideal entspräche – eben dem Zufallsideal. Was auf eine Unterscheidungsfrage hinausläuft:

 

Variiert sich der Kosmos beständig, oder optimiert er sich?

 

Doch selbst im Falle des Optimierens könnte man die Dynamik so interpretieren, dass der Kosmos in jedem Moment (aufgrund ihm innewohnenden diesbezüglichen Gesetzen) bestrebt ist, sich zu optimieren – und er optimiert sich in einer idealen Weise. Obgleich er dann heute weniger optimiert ist als morgen und stärker optimiert als gestern, ist er für den aktuellen Moment dennoch ideal und könnte nicht besser sein oder schlechter.

Und im Falle des Variierens sind auch erneut mehrere Interpretationen möglich. Es kann ideale Variationen geben. Oder aber Variationen, die völlig willkürlich sind – und in ihrer Willkür erneut eine Gesetzmäßigkeit erfüllen, die dem Charakter von einer idealen Willkür entsprechen.

 

Sie merken wie ich, diese Unterscheidung ist noch nicht die definitive, weshalb ich noch einmal eine Zuspitzung versuchen möchte:

Wenn der Kosmos auf einem Metagesetz beruht oder meinetwegen einer Weltformel, dann kann man diese Formel als ideal begreifen bzw. sogar als ein Ideal, das dann das Universum generiert.

Mit einer Weltformel ist das Universum perfekt und ideal.

 

Was nun aber, wenn das Universum ohne Weltformel auskommt? Wenn es seine Formeln austauschen kann oder renovieren, wenn es also kreativ sein kann oder meinetwegen emergent, wenn es solche gewissermaßen willkürlichen Sprünge im kosmischen Gesamtsystem gibt?

Wäre solch ein mit Zufällen agierendes System automatisch unideal? Weil sich in bestimmten (ich möchte fast schreiben: mysteriösen) Momenten eine Entscheidung ereignet, die ein nicht vorhersagbares Ergebnis zeitigt – was man dann als Bifurkation bezeichnen kann?!

An dieser Bifurkation spaltet sich die Welt gewissermaßen in alternative Weltmöglichkeiten, und gäbe es eine objektive Instanz, die diesen Bifurkationswürfelwurf zusehen kann und ebenfalls die Gabe besäße, die alternativen Zukünfte der anderen Bifurkationszweige zu verfolgen, könnte sie die verschiedenen Resultate miteinander vergleichen. Also, um es einfacher zu machen: Wenn man eine Würfelsituation hat, bifurkiert die Welt in sechs Zwischenergebnisse, 1,2,3,4,5,6 … und jede dieser bifurkierten Welten nimmt danach einen eigenen, individuellen Lauf. Nach einiger Zeit könnte dann diese objektive Instanz beurteilen, welcher der eingeschlagenen Wege der beste gewesen ist.

 

Aber – könnte sie das wirklich? Der beste Weg bedeutet ja immer: Bezogen auf was ist er eigentlich der beste Weg? Was, wenn es das Beste wäre, wenn dieser Kosmos so früh wie möglich wieder in sich zusammenfällt, weil er eine Struktur aufweist, die unmöglich ein erfolgreiches Langziel erreichen kann?

Wieder ersteht die Sinnfrage auf.

Nur, wenn man weiß, wohin der Kosmos sich entwickeln soll, was sein Ziel ist, nur dann kann man bewerten, wie ideal die Zwischenschritte sind auf dem Weg zum Ziel, also ob man die richtige Richtung einschlägt oder in die verkehrte Richtung läuft.

 

Wo leben wir nun: In der besten aller möglichen Welten, wie Gottfried Wilhelm Leibniz einst behauptete? Oder aber in der schlechtesten aller denkbaren Welten, wie Schopenhauer später spottete? Wie wäre die beste Welt beschaffen, wie die schlechteste?

Doch an dieser Stelle muss ich Sie (und damit auch mich) leider noch einmal vertrösten: Erst in einem der späteren Aggregate werde ich mich intensiv mit dieser Frage befassen können. Das nächste Kapitel jedoch wird sich mit Frage beschäftigen, ob es einen idealen Zufall geben kann.

 

 

 





Aggregat 07

Komplexität und Koordinaten.

Auf Jantschs (systemtheoretischen) Spuren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin im letzten Aggregat die Auflösung des Gottes-Körper-Gedanken schuldig geblieben. Dieser Gedanke rekurriert auf folgende Frage: Wenn Gottes Körper das Universum wäre, hätte dann auch Gott dasselbe Problem wie wir Menschen, könnte er seinen Körper bis ins letzte Detail verstehen oder stünde er wie wir vor einem Rätsel, das er nach und nach zu knacken versucht?

Müsste man annehmen, dass auch er nur seinen Fokus auf wenige konkrete Vorgänge innerhalb dieses Körpers richten kann, aber wäre er überfordert, bewusst und auch willentlich, also intentional handelnd diese Innenprozesse zu steuern?

Wäre er in der Lage, alle Vorgänge innerhalb seines Körpers auf Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen und zu verstehen? Könnte er allein durch Gedankentätigkeit auf seinen Körper einwirken, ihn kontrollieren oder sogar umgestalten?

 

Die Parallele liegt auf der Hand, auch die Menschheit sieht sich vor einem ähnlichen Problem: Nämlich, ob sie jemals als Bewohner dieses Universums selbigen Kosmos mit all seinen Phänomenen eines Tages bis ins letzte Detail wird verstehen können.

Im Wissenschaftsfeuilleton ist in diesem Konnex oft von der Weltformel die Rede. Vielleicht wird es eines Tages tatsächlich möglich sein, eine neue vereinigende Formel zu definieren, eine griffige Formel im Stil von Einsteins berühmter Relativitäts-Formel. E=mc² ist vordergründig ebenfalls sehr einfach und, zumindest bis zum heutigen Tag, auch experimentell oft bestätigt worden – nur dass wir sie leider nicht auf alle Phänomene im Universum anwenden können und sie somit nicht als Formel aller Formeln gelten kann.

Doch es wäre auch vermessen, das schon jetzt beurteilen zu wollen. Wie sollten wir Menschen bei dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand die Allgemeingültigkeit einer physikalischen Formel feststellen können, während wir noch nicht einmal die kleinsten Teilchen im Universum gefunden haben, die Ur-Bausteine – sofern es solche Ur-Bausteine überhaupt gibt!?

Aber einmal angenommen, es gäbe diese kleinsten Teilchen, und sie wären tatsächlich unteilbar und alle ähnlich strukturiert, und angenommen, man könne ihr Verhalten untereinander mit einer Super-Formel fehlerfrei beschreiben; angenommen, man könne auch die makrokosmischen Grenzen des Universums ermitteln und hätte somit auch die Dimension des Makrokosmos abgesteckt (was im übrigen als Schlussfolgerung nach sich zieht, dass das Universum seiner Größe nach endlich ist, im Mikrokosmos wie im Makrokosmos), dann hätte man von innen heraus, also als Insasse dieses Universums eine stringente Erklärung über die Funktionsweise des Universums gefunden, die potentiell alles erklärbar macht, was sich in dem Universum ereignet.

Aber selbst wenn diese herkuläische Aufgabe gelingen sollte, hieße das noch lange nicht, dass man mit dieser Herkules-Formel tatsächlich auch zuverlässige Prognosen abliefern könnte über das zukünftige Geschehen! Ja nicht einmal, wenn uns ein freundlicher Souffleur-Gott die Formel einflüsterte, die uns determiniert, könnten wir verlässliche Prognosen stellen, selbst dann blieb uns die Zukunft unberechenbar, wir müssten uns auch weiterhin überraschen lassen.

 

Warum? Was hinderte uns?

Die Komplexität. Mit Hilfe dieser Weltformel wäre zwar prinzipiell alles in diesem Universum geschehende vorausberechenbar, aber praktisch ergeben sich Probleme, weil der Aufwand der Berechnung immens wäre: Um dieses gigantische Universum, in dem wir leben, zu berechnen, müsste der Rechenautomat selbst um viele Male größer sein als dieses Universum: Denn das Universum iteriert sich in jedem Moment neu – zumindest wenn man der Determinismus-Theorie mit Weltformeldesign folgt. Unser Universum ist in jedem Augenblick damit beschäftigt, die nächsten Momente der Zukunft auszurechnen, dass es dabei unmöglich Zeit finden kann, Prognosen von gleicher Komplexität zu stellen.

Zudem bekommt man ein Rekursionsproblem, bzw. ein ungewünschtes Feedback der Systemebenen: Wenn ich in diesem Universum einen Rechner konstruiere, der die Zukunft des Universums vorausberechnet, dann berechnet sich auch in diesem Rechner (in seinem Material, seiner Software, kurzum, seinem Körper und seinem Geist-Algorithmen) das Universum selbst.

Denkbar hingegen wäre, dass der Rechner etwas von ihm selbst Unabhängiges berechnet, beispielsweise das Verhalten einer Flüssigkeit in einem Glas, wenn dieses erhitzt wird – es ist aber nicht auch noch in der Lage, zugleich die eigenen Rechenstrukturen während der Berechnung zu reflektieren bzw. auszurechnen, und ebendies müsste er tun, wenn er das ganze Universum berechnen sollte. Wollte er nämlich auch noch sein eigenes Rechnen prognostizieren, während er rechnet, müsste er dabei das Münchhausen-Dilemma lösen, doch auch ein noch so kluger Rechner kann sich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen wie der berühmte Graf.

Oder?

Eine (zugegeben verwegene) Lösung könnte es geben, nämlich diese: Wenn er die Zeit anhalten könnte! Dieser Rechner müsste dann vielleicht hundert- oder tausendmal so viel Zeit haben, um in diesen Pausen, während die Welt stillsteht, seine komplexen Berechnungen prognostizistisch durchzuführen, und müsste dieses erarbeitete Wissen dann auf zauberhafte Weise mitnehmen in den Moment, an dem die Zeit angehalten worden ist. Das Dumme ist nur: Wenn die Zeit wieder weitertickt, darf in ihr nichts anders sein als zuvor, kein winzigstes Elementarteilchen darf an einem anderen Ort verschoben worden sein, oder die Ordnung der Welt ist in Frage gestellt, und ihr Algorithmus müsste kollabieren. Aber wie bzw. wo soll dann die beim Berechnen gewonnene Information abgespeichert werden? Wie soll dann ein Wissen über das Zukünftige festgehalten werden?

Da uns das Zeitanhalten also nicht weiterbringen kann, weil es gegen die logischen Axiome verstößt, kann man sich wirklich nur noch mit esoterischer Wundergläubigkeit behelfen. Denn in einer Wunderwelt kann auf wundersame Weise die Zeit wieder zurückgedreht werden und – schwupps!, plötzlich ist ein Vorherwissen da (und die Welt ist anders, als sie im gleichen Moment noch war, weil Information erzeugt wurde, die eigentlich gar nicht da sein kann – was noch ein weiteres Wunder wäre, weil die Welt dann gleichzeitig so wäre und auch anders).

 

Ich werde gewiss noch intensiver über diese Wundermöglichkeit meditieren, werde versuchen, noch überzeugendere Gegenargumente zu finden, denn mit einem plump-dogmatischen Positionsbeziehen auf der Seite der abendländischen Wissenschaft ist kein Wissensprogress zu erzielen.

Wiewohl sich an dieser Stelle auch einige intuitive, nicht streng analytisch erzeugte Weltvorstellungen in mein Denken einschleichen, sobald ich versuche, jene Wunderwelt aus sich heraus zu verstehen: Es erscheint mir absurd, dass die Welt justamente in diesem Moment so ist und gleichzeitig anders – in solch einer Welt fehlt mir die Orientierung.

 

Wenn man vom mechanistischen Weltbild ausgeht, kann man Prognosen nur in sehr kleinem Rahmen stellen, man kann sich auf ein klar abgegrenztes Experiment konzentrieren (wie es die Naturwissenschaften auch in der Regel tun).

Man berechnet dann das Verhalten eines Glases mit Flüssigkeit, das erhitzt wird, und kann Prognosen stellen, die sich dann in etwa bestätigen. Aber während man diesen Vorgang kalkuliert, benötigt man a) Zeit und b) Energie. Zudem benötigt man ein Medium, in dem man die gefundene Prognose speichert.

Je genauer man das Verhalten vorhersagen möchte, umso mehr Details muss man aufnehmen, und umso komplexer werden die Berechnungen. Nehmen Sie als Beispiel eine Kegelbahn. Wenn Sie ihre Kugel werfen, haben Sie bereits ein komplexes System vor sich, denn vermutlich kennen Sie die Kugel nicht ganz genau, vermutlich stehen die Kegel nicht absolut präzise etc.., das heißt, dass Sie nach dem Abwurf noch immer nicht genau sagen können, wie viele Kegel wohl fallen werden.

Mit viel Aufwand könnte man womöglich die ideale Linie und den idealen Dreh für diese Kegelbahn berechnen. Durch Training werden Sie ihre Ergebnisse verbessern, und das heißt, dass Sie dieser Ideallinie näherkommen, auch wenn Sie selbige nicht immer erreichen.

Was aber tun Sie, wenn Sie dann das Experiment noch ein wenig komplexer machen und fünf Bahnen zu einer zusammenlegen, die fünffache Zahl an Kegeln aufstellen und dann auch noch mit vier weiteren Keglern gleichzeitig ihre Kugel werfen? Was, wenn jeder dahin werfen kann, wo er will? Wäre dieses Experiment dann fünfmal so komplex? Nein, es wäre hundertemal so komplex! Sie müssten sich nun mit ihren Teamkameraden absprechen, dass sich nicht schon die Wege der Kugeln kreuzen …

 

Oder nehmen Sie einen Würfel mit sechs Flächen. Wenn Sie ihn dreimal werfen, haben Sie potentiell 216 Abfolge-Möglichkeiten.

Wie verhält es sich aber mit einem siebenflächigen Würfel? Hier haben Sie schon 343 Möglichkeiten. Bereits eine weitere Fläche erhöht die Zahl der Abfolgemöglichkeiten um mehr als die Hälfte!

Und ein 12seitiger Würfel wäre schon bei 1728 Möglichkeiten: Sie verdoppeln die Seitenzahl und verachtfachen dabei die Komplexität!

 

… und jetzt denken Sie sich statt der Würfel einmal subatomare Teilchen mit Drehimpulsen, die miteinander wechselwirken: Je mehr Einzelheiten Sie in ihre Berechnung einbeziehen wollen, umso komplizierter muss ihr Rechenvorgang werden.

Sie haben lediglich die Möglichkeit, Mikromodelle zu bilden und zu simulieren – und dann mit den Makro-Phänomenen zu vergleichen.

 

Nun haben die Systemtheoretiker mit Recht darauf verwiesen, dass sich oft auch Makro-Phänomene beobachten lassen, weil sich tausende kleine Einheiten zu einem großen Kollektiv zusammenschließen und dann gemeinsam einem Gesetz folgen, das sie zu einer bestimmten Anordnung geradezu zwingt, sie müssen eine vorgegebene Form bilden, die wiederum einfacher, strukturierter und damit leichter kalkulierbar ist. Auf diese Weise lässt sich Komplexität tatsächlich reduzieren, so wie man Menschen in Uniformen stecken und dann als Armee in eine Aufstellung zwingen und nach vorgegebenen Regeln marschieren lassen kann. Aber dann muss man sich mit dem Makro-Phänomen zufriedengeben – und kann nichts Detailiertes über die Mikrostrukturen und deren Verhalten sagen, und deswegen, aus eben dieser Unkenntnis heraus, muss man zugeben, dass man nur über reduziertes Wissen verfügt. Man kann somit auf das funktionierende Makro-System zurückgreifen, aber man versteht es nicht bis ins letzte Detail.

Ähnlich verhält es sich mit dem Körper. Jeder Mensch benutzt ihn, aber bis heute beschäftigen sich Anatomen und Somatiker mit den Fragen, wie er konfiguriert ist, noch heute gibt es viele Rätselfragen, ja man kann behaupten, dass mit jeder gelösten Frage gleich mehrere neue, noch kompliziertere Fragen aufgeworfen werden. Doch diese immense Körperunkenntnis hat noch keinen Menschen davon abhalten können, seinen Körper zu benutzen. Fast jeder Erdenmensch hatte Talent im Gebrauch seines Körpers, das detailierte Verstehen des selbigen war zum Leben und zum Erreichen von bestimmten Zielen nicht notwendig.

Wiewohl es sich dennoch als sehr hilfreich erweist. Dass der Mensch in den westlichen Ländern seine durchschnittliche Lebenserwartung verlängert hat, hängt auch mit dem besseren Verständnis des Körpers und seiner Funktionalität zusammen. So besehen ist er in der Lage, sein Wissen zu mehren, zu optimieren. Seine Modelle jedoch werden immer simplifizierend bleiben müssen.

 

Unlängst stolperte ich im Feuilleton über ein schönes Beispiel. Dort hieß es, dass Physiker heute bei einem einzigen Teilchenbeschleuniger-Experiment mehr Information gewönnen als seinerzeit in Ägypten von vielen Generationen an Schriftgelehrten in der Bibliothek von Alexandria zusammengetragen wurde.

Die Gewinnung von Information bzw. von Datenmasse ist also nicht das Problem, Information oder Daten sind immer und überall im Überfluss vorhanden: Die Analyse der Daten ist entscheidend. Computer ermöglichen uns heute, via Iteration und Algorithmen komplexe Phänomene zu simulieren – und dennoch ist es nach wie vor schwierig, eine nur einigermaßen verlässliche Wetterprognose zu stellen. Ausgeklügeltere Algorithmen werden gewiss helfen, die Vorhersagen zu präzisieren, und größere Rechenkapazitäten mögen ebenfalls hilfreich sein. Dennoch wird sich eine grundsätzliche Vagheit nicht überwinden lassen – sofern das Universum nicht doch mit Wundern aufwarten sollte, wie ich eingangs dieses Aggregats bemerkt hatte. Das Kuriose an der oben dargestellten Welt wäre allerdings, dass darin das Wunder dazu benutzt würde, um etwas vorauszuberechnen, das determiniert ist, also kein Wunder wäre. Das heißt: man benötigte ein Wunder, um etwas zu berechnen, in dem das Wunder überhaupt kein Platz hätte. Wunder und Determination stünden somit in einer paradoxen Abhängigkeit … woraufhin man sich fragen muss, ob eine Wunderwelt überhaupt Interesse daran hätte, Gesetzmäßigkeiten zu entwickeln, wenn sie diese jederzeit willkürlich über den Haufen werfen kann.

 

Die wohl markanteste Seltsamkeit dieser konstruierten Welt wäre aber die Folgende: Dass im gleichen Augenblick (an den selben Koordinaten der Raumzeit) mehrere Gegenwarten parallel zueinander möglich wären – was eine konfuse und meines Erachtens auch instabile Welt erzeugen müsste. Wenngleich eine Wunderwelt diese Instabilität selbstverständlich nicht fürchten müsste, sie muss nicht stabil sein, eine mad world muss sich nicht mit vermeintlichen Instabilitäten herumärgern – sobald sie instabil wird, kollabiert sie eben.

Und basta
, möchte man hinzufügen. Sie macht, wozu sie lustig ist, und niemand kann sie daran hindern …

Wenn wir nun aber wirklich in solch einer Basta-Welt lebten, stellte sich allerdings die berechtigte Frage, wieso wir überhaupt irgendetwas Sinniges festhalten können. Ständig würde uns etwas Absurdes, Undenkbares widerfahren, das unser logisches Denken und Schlussfolgern in Frage stellte. Ab einer gewissen Überraschungsquote wären wir dermaßen verwirrt, dass wir nicht mehr lebensfähig wären, weil wir in einer totalen Wunderwelt, die ständig nur